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Alfred Kubin und der Blaue Reiter Düstere Visionen im Umfeld der Münchner Expressionisten

Alfred Kubin, Eindringlinge, 1914 (Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, © VG Bild-Kunst, Bonn 2017, Foto: Lenbachhaus)

Alfred Kubin, Eindringlinge, 1914 (Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, © VG Bild-Kunst, Bonn 2017, Foto: Lenbachhaus)

Kubin und der Blaue Reiter? Geht denn das?? Häufig wird der österreichische Zeichner Alfred Kubin (1877–1959) als ein Gründungsmitglied des Blauen Reiter genannt, seine konkreten Beziehungen zu diesem Künstlerkreis sind jedoch so gut wie unbekannt. Das Lenbachhaus zeichnet in dieser Kabinettausstellung erstmals mit einer Fülle von Werken, Dokumenten und Fotografien die komplexen persönlichen und künstlerischen Verflechtungen überzeugend nach.

Alfred Kubin in München

Der 1877 im böhmischen Leitmeritz als Sohn eines k. u. k. Landvermessers geborene Alfred Kubin studierte ab 1898 in München Kunst. Kubin hatte nach schwieriger Kindheit und nicht abgeschlossener Fotografenausbildung 1898 ein Kunststudium in München begonnen, das er ebenfalls bald abbrach. Das Erweckungserlebnis war daher nicht der akademischen Ausbildung geschuldet, sondern im Sommer 1898 dem Zusammentreffen von Max Klingers Radierzyklus „Paraphrase über den Fund eines Handschuhs“ und einem Varietè-Besuch. In seiner Autobiografie schildert Alfred Kubin die auf ihn einstürzenden Bilder so:

„Und da überkam mich auf einmal ein ganzer Sturz von Visionen schwarz-weißer Bilder – es ist gar nicht zu schildern, was für einen tausendfältigen Reichtum mir meine Einbildungskraft vorspiegelte. Ich verließ rasch das Theater, denn die Musik und die vielen Lichter störten mich jetzt, und irrte ziellos in den dunklen Straßen, dabei fortwährend überwältigt, förmlich genotzüchtigt von einer dunklen Kraft, die seltsame Tiere, Häuser, Landschaften, groteske und furchtbare Situationen vor meinen Geist hinzauberte“1 (Alfred Kubin, Aus meinem Leben, 1911)

 

Kubin sah einen „Sturz von Visionen schwarz-weißer Bilder“ und fand seine ihm eigene Ausdruckskraft. Bis circa 1903 hielt dieser Schaffensrausch an, während dessen Alfred Kubin sein phantastisch-albtraumhaftes Frühwerk produzierte. Dies ist geprägt von der im Jahr 1900 entwickelten Technik der schwarz-weißen Tuschfederzeichnung mit Lavierungen in Kombination mit Spritztechnik, die an die dunklen Aquatinta-Radierungen von Francisco de Goya, Félicien Rops oder Max Klinger erinnert.

Bei einer ersten Einzelausstellung in der renommierten Galerie Paul Cassirer in Berlin präsentierte sich Alfred Kubin als ein Meister des Skurrilen und Albtraumhaften (Ende Dezember 1901–Januar 1902). Mit der folgenden Weber-Mappe in München (1903) und der Teilnahme an der Frühjahrsausstellung der Wiener Secession war er in die Riege der Avantgarde aufgenommen worden. Bis circa 1903 hielt ein wahrer Schaffensrausch an, während dessen Alfred Kubin sein phantastisch-albtraumhaftes Frühwerk produzierte.

Wichtig für das gesamte Werk von Kubin wurden aber auch seine Kontakte zur, Bohéme, zu Literaten und Publizisten, die er in den Münchner Kaffeehäusern Café Stefanie und Café Elite kennenlernte. Dazu zählten u. a. Eduard von Keyserling, Frank Wedekind, Fritz von Herzmanovsky, Hans von Weber. Letzterer gab Kubins erste Grafikmappe, die nach ihm benannte „Hans von Weber-Mappe“ mit Lichtdrucken von 15 Zeichnungen, heraus und förderte ihn maßgeblich.

 

 

Inspiration aus Wien und Paris: Kleisterfarbenbilder und Temperamalerei

Im Frühjahr 1905 erlernte Alfred Kubin während eines Aufenthalts in Wien vom Secessionisten Koloman "Kolo" Moser die Technik der Kleisterfarbenmalerei. Begeistert widmete er sich sofort den neuen Audrucksmöglichkeiten und präsentierte die ersten Kleisterfarbenbilder im Juni 1905 im Kunstsalon Krause in München aus. Ein Jahr später hatte er sich während einer Paris-Reise der Temperamalerei zugewandt – unter Einfluss von Odilon Redon. „Verpuppte Welt“ (1906) aus der Sammlung des Lenbachhauses gehört zu den „unterseeischen Landschaften“, in denen Kubin Chimären zwischen Flora und Fauna auferstehen lässt.

„In Wien hat mir Kolo Moser eine Technik gezeigt, bei der man mit Kleister vermischte Aquarellfarben zu eigentümlichen, sehr schönen farbigen Wirkungen verwenden konnte. Ich beschäftigte mich eingehend mit dem neuen Verfahren, und es gelang mir eine ganze Reihe in allen Farben schillernder und funkelnder Bilder.“2 (Alfred Kubin)

 

 

Der inhaltliche Kontrast mit den Gouachen von Wassily Kandinsky könnte nicht größer sein: der eine beschreibt noch nie gesehene Wesen, verwandelt ein Gewitter in eine Chimäre, der andere wendet sich der märchenhaften Welt alter russischer Märchen zu. Beiden gemein ist das Arbeiten fernab des Gesehenen. Kubin zieht es auch in der dieser bunten Phase in die Gefilde des übertrieben Exotischen. Wer hätte gedacht, dass der Grafiker aus Zwickled nur eine Reise nach Südfrankreich brauchte, um sich dort zu Urwald- und Tropenbildern anregen zu lassen? Drei Jahre und die Auseinandersetzung mit dem Synthetismus später warf Kubin „alles so schön Aufgebaute um und geriet in einen moralischen Katzenjammer, dem leider auch ein physischer folgte […].“3 Gemeinsam mit Fritz von Herzmanovsky-Orlando reiste er im Herbst 1907 nach Bosnien und Dalmatien und im Herbst 1908 nach Oberitalien, um „Hypochondrien zu entgehen“.

 

Kubins Beziehung zu Phalanx und NKVM

Es ist fast völlig in Vergessenheit geraten, dass Kubins erste Ausstellung in München und sein berühmtes, aufsehenerregendes Frühwerk, die Einblicke „in die Dunkelkammer der modernen Seele“ erlaubten, 1904 von Wassily Kandinsky in der Künstlervereinigung Phalanx präsentiert wurde. Fünf Jahre später – Kubin hatte eine Phase der künstlerischen Neuorientierung hinter sich, seinen Roman „Die andere Seite“ geschrieben und war nach Zwickledt in Oberösterreich umgezogen – wurde er 1909 zur Neuen Künstlervereinigung München (NKVM) um Kandinsky, Münter, Jawlensky und Werfekin eingeladen. Seit 1910 Mitglied vermittelte er seinen neuen, jungen Freund Paul Klee zur NKVM.

Nachdem Kubin Neuorientierung mit Kleiderbildern und anschließender Schaffenskrise überwunden hatte, sah er sich einmal mehr als reiner Grafiker, der sich mit der Linie ausdrückte. Im Gegensatz zum Frühwerk, in dem er Halbtöne und Linien aufeinandertreffen ließ, sind die Zeichnungen der folgenden Jahre von einem flüssigen Strich geprägt. Damit illustrierte er nicht nur seinen berühmten Roman „Die andere Seite“, sondern arbeitete in den folgenden Jahrzehnten an Buchprojekten und Mappenwerken. Nach der „Weber“-Mappe (1903) gab er 1911 die 40-teilige „Sansara – Ein Cyklus ohne Ende“-Mappe heraus. Sansara ist ein Begriff aus der indischen Philosophie und beschreibt den Lebenskreislauf, das Werden und Vergehen. Den angstgeschwängerten und albtraumhaften Bildern der Frühzeit, in denen Weiblichkeit, Krankheit und Tod verhandelt werden, folgen Bilder aus feinsten Strichlagen zu unterschiedlichsten Themenkreisen: „Ballsaal“ wirft einen Blick auf eine nächtliche Veranstaltung, „Arche Noah. Die Landung“ schildert das Entladen des Schiffes mit monumentalen Kadavern im Vordergrund.

 

Kubin und der Blaue Reiter

Nachdem sich der Blaue Reiter 1911 von der NVKM abgespalten hatte, überbrachte Gabriele Münter die Nachricht per Brief und forderte Alfred Kubin auf mitzumachen (→ Der Blaue Reiter). Die nunmehr „kalligrafisch flüssigen Tuschfederzeichnungen“ faszinierten seine Künstlerfreunde so sehr, dass sie sie auf der 2. Ausstellung, der sogenannten Schwarz-Weiß-Ausstellung, präsentierten.

Die Zeichnungen zu „Orgelmann“ und „Schlangen in der Stadt“ präsentierten Kubin und der Blaue Reiter auf der zweiten Ausstellung im Frühjahr 1912. Damit beschrieb Alfred Kubin die geistige Dimension, der sich etwa auch Wassily KandinskyFranz Marc oder Paul Klee in ihren Werken verbunden fühlten, wie das Lenbachhaus erklärt. Kandinsky äußerte sich begeistert über die Bildideen des Österreichers und bildete drei kleine Zeichnungen im Almanach ab: „Der Kobold“, „Der Fischer“ und „Der Eremit“. Seine Aquarelle stehen – wie auch das Blatt „Rotes und blaues Pferd“ (1912) von Franz Marc – in koloristischer wie formaler Hinsicht in denkbar größtem Gegensatz zu Kubins Zeichenkunst.

Damit definierten die beiden Begründer der Ausstellungskooperative den Blauen Reiter nicht als homogenes Gebilde, sondern als offene Plattform für interessante Künstler. Gemeinsamer Nenner war, wie im Katalog überzeugend betont wird, „die Darstellungsmöglichkeit des Übersinnlichen, der Dimension eines Geistigen in der Kunst“4. Der Hl. Georg als Symbolfigur des „Blauen Reiter“ überwindet das Materielle, das Faktische und Haptische zugunsten einer Weltsicht, die Gefühlen und Empfindungen breiten Raum lässt. Beide Ausstellungen des Blauen Reiter zeigen, auf welch unterschiedliche Art Kandinsky, Klee, Marc, Macke und ihre favorisierten Zeitgenossen sich von der akademischen Realitätswiedergabe bzw. -konstruktion verabschiedet hatten. Auch dem schönen Schein des Jugendstils galt es Paroli zu bieten. Mit einem auf dem Symbolismus aufbauenden, dystopischen Zugang verschaffte sich Alfred Kubin Gehör und verdiente sich hohen Respekt bei seinen Kollegen.

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs verhinderte so manches geplante Projekt, darunter die gemeinsame Illustration der Bibel. Einzig Alfred Kubin stellte die Illustrationen zum Buch Daniel noch vor Kriegsbeginn fertig und stellte aus zwölf düsteren Federzeichnungen 1918 die Publikation „Der Prophet Daniel“ zusammen.

 

Literatur

Der Blaue Reiter. Ein Tanz in Farben. Aquarelle, Zeichnungen und Druckgrafik aus dem Lenbachhaus (Ausst.-Kat. Lenbachhaus, München 19.6.–26.9.201, Albertina, Wien 4.2.–15.5.2011), München 2010.

 

Alfred Kubin und der Blaue Reiter: Bilder

  • Alfred Kubin, Eindringlinge, 1914 (Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München)
  • Alfred Kubin, Die Dame auf dem Pferd, 1903 (Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München)
  • Alfred Kubin, Verpuppte Welt, 1905 (Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München)

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  1. Zitiert nach Annegret Hoberg, Alfred Kubin, in: Der Blaue Reiter. Ein Tanz in Farben. Aquarelle, Zeichnungen und Druckgrafik aus dem Lenbachhaus (Ausst.-Kat. Lenbachhaus, München 19.6.–26.9.201, Albertina, Wien 4.2.–15.5.2011), München 2010, S. 183.
  2. Ebenda, S. 183
  3. Zit. n. Ausst.-Kat. S. 99.
  4. Ebenda, S. 149.
Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.