0

Amsterdam | Van Gogh Museum: Jean-François Millet. Die Saat der Modernen Kunst Wie inspirierte Millet van Gogh, Monet, Munch und Dalí?

Vincent van Gogh, Der Sämann, Detail, um 25. November 1888, Öl auf Leinwand, 32 x 40 cm (Van Gogh Museum, Amsterdam (Vincent van Gogh Stiftung)

Vincent van Gogh, Der Sämann, Detail, um 25. November 1888, Öl auf Leinwand, 32 x 40 cm (Van Gogh Museum, Amsterdam (Vincent van Gogh Stiftung)

Was haben Künstler wie Vincent van Gogh, Claude Monet, Edvard Munch und Salvador Dalí gemeinsam? Sie alle wurden vom französischen Künstler Jean-François Millet (1814–1875) inspiriert. Mit seiner radikalen Maltechnik, seinem modernen Stil und seiner inspirierenden Darstellung des bäuerlichen Lebens hat Millet zweifellos die Saat der modernen Kunst gelegt. Die Herbstausstellung des Van Gogh Museums Amsterdam führt ein in Millets Schaffen und stellt ihm die Werke der vielen Künstler gegenüber, die er inspiriert hat.

Wofür steht die Kunst von Millet?

Die Ausstellung „Jean-François Millet: Die Saat der modernen Kunst“ zeigt, wie fortschrittlich das Werk von Jean-François Millet für seine Zeit war. Trotz seiner klassischen Kunstausbildung in Paris waren sein Stil und seine Technik alles andere als traditionell.

Stil

Jean-François Millet malte mit groben Pinselstrichen und brachte seine Motive durch vereinfachte Formen und starke Linien wieder zu ihrer Essenz zurück. Er führte radikal neue Kompositionen in seine Landschaften ein, mit einem hohen Horizont oder weiten leeren Ebenen.

„Anti-moderne“ Themen

Millets Modernität spiegelt sich auch in seinen Themen wider. Anstatt sich der zunehmenden Bedeutung von Fabriken oder Großstädten als Zeichen der Modernität zu widmen, konzentrierte er sich auf das unerbittliche bäuerliche Leben. Zu seiner Zeit widersprach Millets tiefes Verständnis und seine Darstellung dieses bäuerlichen Lebens der Norm, weshalb er als Querkopf angesehen wurde.

Posthumer Nationalheld

Millet hatte eine lebhafte und erfolgreiche Karriere. Während seines Lebens wurden seine Gemälde oft kritisiert, aufgrund seiner radikalen Maltechnik und der Sozialkritik, die sich in seiner Darstellung des Bauernlebens manifestierte. Kurz nach seinem Tod erhob die französische Regierung Millet zum Nationalhelden, der das ländliche Frankreich in seiner ganzen Fülle erobert hatte.

 

Vincent van Gogh und Jean-François Millet

Als sich Vincent van Gogh um 1880 entschloss, Maler zu werden, orientierte sich der Autodidakt an den Werken von Millet, die er aus Reproduktionen kannte. Mit Büchern wie Armand-Théophile Cassagne’s „Guide de l’alphabet du dessin“ (1880) half er sich über die ersten Anfangsschwierigkeiten wie der Perspektive hinweg. Charles Bargue’s „Exercices au fusain“ nutzte er wie Millets Zeichnungen, um nach ihnen zu zeichnen bzw. sie zu kopieren.

 

 

Das Frühwerk von Vincent van Gogh, das zwischen 1881 und 1885 in den Niederlanden entstand, ist geprägt von seiner Hinwendung zum einfachen Leben von Bauern und Arbeiterinnen (→ Vincent van Gogh. Von Paris nach Arles). Im April 1881 zog er wieder bei seinen Eltern in Etten (Nordbrabant) ein, wo er auf Millets Spuren wandelte und arbeitende Bauern zeichnete. Von Dezember 1881 bis September 1883 lebte er in Den Haag. Hier fertigte er Zeichnungen von Minenarbeiterinnen und -arbeitern sowie Minenpferden an.

Im November 1885 zog Vincent van Gogh nach Antwerpen und im Februar 1886 weiter nach Paris. Für zwei Jahre, bis Februar 1888, verschwanden die einfachen Bauernhäuser und Hütten von seinen Leinwänden. Stattdessen kopierte und reinterpretierte Van Gogh berühmte Zeitgenossen und Vorläufer, darunter zwei Kopien nach dem „Sämann“ von Jean-François Millet. Damit kristallieren sich neben den Leitmotiven auch Arbeitsmethoden in Van Goghs Werk heraus, die mit seinem Aufenthalt im Borinage verbunden werden können.

Allein von Van Gogh besitzt das Museum zehn Werke, die direkte Kopien nach dem verehrten Meister sind. Dazu kommt noch das Gemälde „Der Sämann“ (Arles, November 1888), der vor dem untergehenden Sonnenball seine Saat ausbringt. Zeit seines Lebens interessierte sich van Gogh für die Aussaat, was sich an mehr als 30 Zeichnungen und Gemälden zu diesem Thema niederschlug. Während er gemeinsam mit Paul Gauguin im „Atelier des Südens“ zusammenarbeitete, schlug ihm dieser vor, mehr von der Natur zu abstrahieren (→ Vincent van Gogh : Paul Gauguin in Arles). Motivisch bezog sich Van Gogh in diesem Bild auf Millet, koloristisch erlaubte er sich größere Naturferne als sein Vorbild. Die Farben sollten seine Gefühle ausdrücken, weshalb Van Gogh zu Grüngelb für den Himmel und Purpur für das Feld griff. Die untergehende Sonne hinter dem Sämann verwandelt ihn in einen Heiligen.

 

 

Jean-François Millet: Die Saat der modernen Kunst in Amsterdam

Das Van Gogh Museum untersucht erstmals in dieser Ausstellung, wie Millets Gemälde, Zeichnungen und Pastelle die Werke zahlreicher internationaler Künstler des 19. und frühen 20. Jahrhunderts inspirierten, darunter Vincent van Gogh, Camille Pissarro, Georges Seurat (→ Georges Seurat, Erfinder des Pointillismus), Claude Monet, Giovanni Segantini und Winslow Homer, Paula Modersohn-BeckerEdvard Munch und Salvador Dalí.

Die Ausstellung ist das Ergebnis einer Zusammenarbeit zwischen dem Saint Louis Art Museum und dem Van Gogh Museum.

 

Jean-François Millet und die Haager Schule

Die Ausstellung findet fast zeitgleich mit der Ausstellung „Jean-François Millet und die Haager Schule“ in der Mesdag-Sammlung in Den Haag (13. September 2019 bis 5. Januar 2020) statt, in der Millets Einfluss auf die Künstler der Haager Schule untersucht wird.

 

Van Gogh Museum. Jean-François Millet: Die Saat der Modernen Kunst: Bilder

  • Jean-François Millet, Der Sämann, 1850, Öl/Lw, 100 x 80 cm (Yamanashi Prefectural Museum of Art, Japan)
  • Jean-François Millet, Rastende Bauern (Ruth und Boaz), 1850–1853 (Museum of Fine Arts, Boston (Nachlass von Mrs. Martin Brimmer)
  • Jean-François Millet, Die Schafschur, 1852/53, Öl/Lw (Museum of Fine Arts, Boston, Gift of Quincy Adams Shaw through Quincy Adams Shaw, Jr., and Mrs. Marian Shaw Haughton)
  • Jean-François Millet, Die Kornsammlerinnen, 1857 (Musée d'Orsay, Paris (donation subject to usufruct of Mrs. Pommery)
  • Jean-François Millet, Das Angelus, 1857–1859 (Musée d'Orsay, Paris (bequest of Alfred Chauchard, 1910)
  • Jean-François Millet, Mann mit einer Hacke, 1860–1862 (J. Paul Getty Museum, Los Angeles)
  • Jean-François Millet, Die Klippen von Gréville', 1867, Pastell (Ohara Museum, Kurashiki, Japan)
  • Winslow Homer, Die helle Seite, 1865, Öl/Lw, 32 x 43 cm (Fine Arts Museums of San Francisco, Gift of Mr. and Mrs. John D. Rockefeller 3rd)
  • Paul Sérusier, Der Seetang-Sammler, um 1890 (Indianapolis Museum of Art, Newfields (Samuel Josefowitz Collection of the School of Pont-Aven, through the generosity of Lilly Endowment Inc., the Josefowitz Family, Mr. and Mrs. James M. Cornelius, Mr. and Mrs. Leonard J. Betley, Lori and Dan Efroymson, and other Friends of the Museum)
  • Angelo Morbelli, In den Reisfeldern, 1901 (Privatsammlung)
  • Vincent van Gogh, Die Schafschur (nach Jean-François Millet), Saint-Rémy-de-Provence, September 1889, Öl/Lw, 43.6 cm x 29.5 cm (Van Gogh Museum, Amsterdam (Vincent van Gogh Foundation)
  • Vincent van Gogh, Abend (nach Jean-François Millet), 1889, Öl/Lw, 74,2 x 93 cm, Van Gogh Museum, Amsterdam (Vincent van Gogh Foundation), inv. s174V/1962 © Van Gogh Museum, Amsterdam (Vincent van Gogh Foundation)
  • Vincent van Gogh, Der Holzfäller (nach Jean-François Millet), Saint-Rémy-de-Provence, September 1889, Öl/Lw, 44 x 26.2 cm (Van Gogh Museum, Amsterdam (Vincent van Gogh Foundation)
  • Vincent van Gogh, Drescher (nach Jean-François Millet), Saint-Rémy-de-Provence, September 1889, Öl/Lw, 42 x 28 cm (Van Gogh Museum, Amsterdam (Vincent van Gogh Foundation)
  • Vincent van Gogh, Der Garbenbinder (nach Jean-François Millet), Saint-Rémy-de-Provence, September 1889, Öl/Lw, 44.5 x 33.1 cm (Van Gogh Museum, Amsterdam (Vincent van Gogh Foundation)
  • Vincent van Gogh, Der Sämann (nach Jean-François Millet), Etten, April 1881, pencil, pen and brush and ink, watercolour, on paper, 48.1 x 36.7 cm (Van Gogh Museum, Amsterdam (Vincent van Gogh Foundation)
  • Vincent van Gogh, Der Schnitter (nach Jean-François Millet), 1889, Öl auf Leinwand, 44 x 33 cm, Van Gogh Museum, Amsterdam (Vincent van Gogh Foundation, Amsterdam, Inv. s 198V/1962)
  • Vincent van Gogh, Der Sämann, ca. 25. November 1888, Öl auf Leinwand, 32 x 40 cm (Van Gogh Museum, Amsterdam (Vincent van Gogh Stiftung))
  • Vincent van Gogh, Der Sämann, Detail, um 25. November 1888, Öl auf Leinwand, 32 x 40 cm (Van Gogh Museum, Amsterdam (Vincent van Gogh Stiftung)
  • Vincent van Gogh, Die Schafscherer (nach Jean-François Millet), Saint-Rémy-de-Provence, September 1889, Öl/Lw, 43,6 x 29,5 cm (Van Gogh Museum, Amsterdam (Vincent van Gogh Foundation)
  • Vincent van Gogh, Bäuerin zerstampft Flachs (nach Jean-François Millet), Saint-Rémy-de-Provence, September 1889, Öl/Lw, 40 x 26 cm (Van Gogh Museum, Amsterdam (Vincent van Gogh Foundation)
  • Vincent van Gogh, Bäuerin bindet Getreidegarben (nach Jean-François Millet), Saint-Rémy-de-Provence, September 1889, Öl/Lw/Karton, 43.2 cm x 33.2 cm (Van Gogh Museum, Amsterdam (Vincent van Gogh Foundation)
  • Vincent van Gogh, Die Siesta (nach Jean- François Millet), 1889-1890 (Musée d'Orsay, Paris (gift of Mrs. Fernand Halphen, née Koenigswarter, 1952)
  • Vincent van Gogh, Schneebedecktes Feld mit einer Egge (nach Jean-François Millet), Saint-Rémy-de-Provence, Januar 1890, Öl/Lw, 72.1 x 92.0 cm (Van Gogh Museum, Amsterdam (Vincent van Gogh Foundation
  • Edvard Munch, Fruchtbarkeit, 1899–1900 (Canica Art Collection, Oslo)
  • Kazimir Malewitsch, Der Holzfäller, 1912 (Stedelijk Museum Amsterdam)
  • Salvador Dalí, Archäologische Reminiszenz an Millet's Angelus, 1933–1935, Öl/Holz (© Salvador Dali, Fundacion Gala-Salvador Dali, c/o Pictoright Amsterdam 2019)

Beiträge zu Vincent van Gogh

16. Dezember 2019
Paul Signac, Konstantinopel: Yeni Djami, Detail, 1909, Öl auf Leinwand (Dauerleihgabe, Stiftung Kunst im Landesbesitz, Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln)

Köln | Wallraf-Richartz-Museum: Paul Signac „Eine impressionistische Reise durch die eigene Sammlung“

Im Herbst/Winter 2020/21 steht Signacs pointilistisches Hafengemälde „Konstantinopel: Yeni Djami“ (1909) in Köln im Mittelpunkt der Sonderausstellung „Bon Voyage, Signac!“. Rund 60 Gemälde französischer Impressionisten und Postimpressionisten laden zur Reise durch Frankreich (Normandie, Bregtagne, Südfrankreich) - und darübr hinaus - ein.
5. Dezember 2019
Vincent van Gogh, Sämann bei Sonnenuntergang, Detail, 1888, Öl/Lw, 73,5 x 93 cm (© Sammlung Emil Bührle, Zürich, Foto: SIK-ISEA, Zürich (J.-P. Kuhn)

Wien | Leopold Museum: Sammlung Emil Bührle Monet, Van Gogh, Cézanne, Gauguin

Sammlung Emil Bührle in Wien: Das bedeutet Räume voller Bilder von Monet, Gauguin, Cézanne, van Gogh im Leopold Museum (Herbst 2020). Die wichtigsten Bilder findet du vorab hier!
25. Oktober 2019
Vincent van Gogh, Stillleben mit Zwiebel, Detail, 1889, Öl/Lw (Kröller-Müller Museum, Otterlo)

Museum Barberini: Van Gogh. Stillleben Reflexionen über den Alltag: Schuhe, Blumen und Theos Briefe

Von seinem ersten Gemälde bis zu den farbstarken Blumenbildern der späten Jahre hat Vincent van Gogh (1853–1890) immer wieder Stillleben gemalt. In diesem Genre konnte er malerische Mittel und Möglichkeiten erproben: von der Erfassung des Raums mit Licht und Schatten bis zum Experimentieren mit Farbe. Die erste Ausstellung zu diesem Thema analysiert anhand von über 20 Gemälden die entscheidenden Etappen im Werk und Leben van Goghs.

Aktuelle Ausstellungen

10. Januar 2020
Joshua Reynolds, The Hon. Miss Monckton, Detail, 1777/78, Öl/Lw, 240 x 147,3 cm (Tate Britain, London)

Von Reynolds bis Turner. Das Goldene Zeitalter der englischen Malerei Hauptwerke der Tate Britain im Musée du Luxembourg

Die 1760er Jahre sind ein Wendepunkt für die britische Kunst. Kurz nach Mitte des 18. Jahrhunderts begann der Siegeszug von Joshua Reynolds (1723–1792) und Thomas Gainsborough (1727–1788). Das Musée du Luxembourg in Paris zeigt ab Herbst 2019 Hauptwerke aus der Tate Britain.
2. Dezember 2019
Sofonisba Anguissola, Porträt von Königin Anne von Österreich, Detail, 1573, Öl/Lw, 86 x 67,5 cm (Madrid, Museo Nacional del Prado)

Madrid | Prado: Sofonisba Anguissola und Lavinia Fontana Renaissance-Malerinnen aus Cremona und Bologna

Sofonisba Anguissola (um 1535–1625) und Lavinia Fontana (1552–1614) sind zwei der herausragendsten Malerinnen der Renaissance. Mit insgesamt 60 Werken präsentiert der Prado erstmals die wichtigsten Gemälde der beiden Spezialistinnen für Porträt und Historienmalerei.
14. November 2019
Max Pechstein, Tänzerin in einer Bar, 1923/31, Detail, Öl auf Leinwand, 90 x 90,5 cm (Privatbesitz © 2019 Pechstein – Hamburg/Tökendorf)

Tübingen | Kunsthalle Tübingen: Max Pechstein. Tanz! Bühne, Parkett und Manege im Werk Pechsteins

Tanz, Varieté und Zirkusdarstellungen im Werk von Max Pechstein werden erstmals auf ihre stilistische und inhaltliche Funktion untersucht: ausgehend von expressionistischen Tanzdarstellungen, über exotische rituelle Tänze aus Palau, Darstellungen von Gesellschaftstänzen der Goldenen 1920er Jahre, die Pechstein in Berlin erlebte, bis zu den Erinnerungen an Palau in seinem Spätwerk.