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Anna Boghiguian: Postkoloniale Erzählräume zwischen Poesie und Politik Künstlerbücher und Installationen der ägyptisch-kanadischen Künstlerin

Anna Boghiguian, Un toute petite histoire de Nîmes, Detail, 2016, Ausstellungsansicht Castello di Rivoli Museo d’Arte Contemporanea, Rivoli-Turin, 2017, Courtesy die Künstlerin, Foto: Renato Ghiaz

Anna Boghiguian, Un toute petite histoire de Nîmes, Detail, 2016, Ausstellungsansicht Castello di Rivoli Museo d’Arte Contemporanea, Rivoli-Turin, 2017, Courtesy die Künstlerin, Foto: Renato Ghiaz

Anna Boghiguian (* 1946) – ägyptisch-kanadische Künstlerin mit armenischen Wurzeln, die aktuell in Kairo lebt – wird mit einer großangelegten Retrospektive geehrt. Erstmals vereint die Ausstellung Notizbücher, Gemälde, Fotografien, Skulpturen und bühnenbildhafte Installationen. Das grafische Werk von Anna Boghiguian tritt in einen direkten und emotionalen Dialog mit dem Publikum – und ist doch im postkolonialen Diskurs zu verorten. Im Rupertinum Atrium wird eine von der Künstlerin für diese Ausstellung geschaffene, monumentale Installation bis in den Juli 2019 zu sehen sein.

Die Künstlerin ist heute international bekannt für ihre unzähligen Künstlerbücher, an denen sie seit dem Beginn der 1980er Jahre arbeitet. Vom gebundenen und damit geschlossenen Buch der Serie „ZYX–XYZ“ (1981–1986) an begann Zeichnungen und Collagen sich zunehmend der Öffentlichkeit zuzuwenden. Zuerst taten sie in Form von Leporellos und dann wie Filmscreens in Erscheinung, nach 2010 setze sie Anna Boghiguian in dreidiemensionalen Settings, bühnenbildartig in Szene.

Anna Boghiguian

Italien / Turin: Castello di Rivoli
19.9.2017 – 7.1.2018

Vereinigte Arabische Emirate / Sharjah: Sharjah Art Foundation
16.3. – 16.6.2018

Österreich / Salzburg: Rupertinum [1] & [2]
26.7. – 11.11.2018

Österreich / Salzburg: Rupertinum Atrium
26. Juli 2018 – 22. Juli 2019

Großbritannien / St. Ives: Tate St. Ives
19.1. – 6.5.2019

Bücher werden Raum

Die Jahre 2011 und 2012 markierten wichtige Einschnitte in Anna Boghiguians Werk: Auf der Biennale von Sharjah und nachfolgend der dOCUMENTA(13) in Kassel erweiterte Anna Boghiguian ihre Notiz- und Skizzenbücher um architektonische Strukturen zu raumgreifenden Installationen (→ ). Es handelt sich gleichsam um gigantische Bücher als „Pop-up“. Der Raum wird als kontinuierlich zwischen den Seiten und Knicken fließend gedacht. Die großen Installationen „Unvollendete Sinfonie“ (2011/12) und „Salzhändler“ (2015) können als aufgeschlagene Bücher interpretiert werden, als Räume für das Denken, als Erzählräume, welche das Publikum auf direkte und körperliche Weise ansprechen. Damit setzt sich Anna Boghiguian deutlich vom digitalen Zeitalter ab, denn ein Ausstellungsbesuch erfordert das Blättern und Lesen auf den Seiten. Indem Boghiguian die Herausbildung antiker Handelswege, beispielsweise jener für Salz, nachzeichnet, verdeutlicht sie bis heute vorhandene Spuren von Kolonialismus und Sklaverei. Die Impulse für ihre Kunst, die einer expressionistischen und gegenständlichen Sprache verpflichtet ist, gewinnt die Künstlerin aus ihrer Beobachtung des menschlichen Seins in einer globalisierten Welt.

 

 

Anna Boghiguian im Rupertinum Salzburg

Für Sabine Breitwieser, Kuratorin der Schau in Salzburg und Direktorin des Museum der Moderne Salzburg, ist wichtig, dass „Anna Boghiguian mit ihren Arbeiten einen wichtigen Beitrag zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der Moderne [liefert]“. Diese stünde „im Mittelpunkt meiner Programmierung des Museum der Moderne Salzburg“, so Breitwieser in einer Aussendung des Museums. Postkolonialer Diskurs und Erstpräsentation der ägyptisch-kanadischen Künstlerin in Salzburg treffen auf eine poetische Bildsprache.

Zu den wichtigsten Werken der Schau „Anna Boghiguian“ zählt die Installation „The Salt Traders [Die Salzhändler]“ (2015), ein raumfüllendes Arrangement mit Segeln, Collagen, Salzsteinen und Sand, die anlässlich der 15. Istanbul Binneale (2015) entstanden ist. In „A Play to Play [Ein Stück spielen]“ (2013) zeigt sich Boghiguians ausgeprägtes Interesse an Literatur, Poesie und Philosophie, im Besonderen ihr Interesse am indischen Künstler und Literatur-Nobelpreisträger Rabindranath Tagore (1861–1941) und dem griechischen Lyriker Constantine Cavafy (1863–1933). Zu sehen ist auch „Promenade dans l’inconscient [Ein Spaziergang in das Unbewusste]“ (2016), eine Prozession von Figuren aus Papierschnitten. Darin geht die Künstlerin der Gründung der französischen Stadt Nîmes als Kolonie des römischen Reichs nach; die Prozession weist Referenzen zu den Arbeiten von Max Beckmann und dessen Kritik an der Weimarer Republik auf.

 

 

Als weiteren Höhepunkt werden Anna Boghiguians Künstlerbücher und ihre jüngste Serie von Collagen „An Incident in the Life of a Philosopher [Ein Ereignis im Leben eines Philosophen]“ (2017) gezeigt, in der die Künstlerin eine historische Begebenheit im Leben von Friedrich Nietzsche in Turin thematisiert. Eine von Anna Boghiguian eigens für das Rupertinum-Atrium geschaffene Installation aus einem riesigen Segel ergänzt die Schau um ein originär Salzburger Werk; dieses wird für ein ganzes Jahr im Rupertinum Atrium zu sehen sein.

 

 

Kuratiert von Sabine Breitwieser, Direktorin, mit Marijana Schneider, Kuratorische Assistentin, Museum der Moderne Salzburg

Die Ausstellung ist eine neu arrangierte Adaption einer vom Castello di Rivoli Museo d’Arte Contemporanea, Rivoli-Turin, organisierten Ausstellung, kuratiert von Carolyn Christov-Bakargiev und Marianna Vecellio, in Zusammenarbeit mit dem Museum der Moderne Salzburg.

Quelle: Pressetexte Castello di Rivoli, Rupertinum Salzburg

 

 

Anna Boghiguian – postkoloniale Erzählräume mit viel Poesie: Bilder

  • Anna Boghiguian, Alexandria, 2003
  • Anna Boghiguian, Bücher, Ausstellungsansicht Castello di Rivoli Museo d’Arte Contemporanea, Rivoli-Turin, 2017
  • Anna Boghiguian, A Play to Play, 2013, Farbe, Stift, Papier, Stoff und Holz
  • Anna Boghiguian, The Salt Traders [Die Salzhändler], 2015
  • Anna Boghiguian, Un toute petite histoire de Nîmes [Eine winzig kleine Geschichte von Nîmes], 2016
  • Anna Boghiguian, Untitled (Tagore’s Post Office), 2013
  • Anna Boghiguian, An Incident in the Life of a Philosopher, 2017, Collage, Wasserfarbe und Bleistift auf Papier
  • Anna Boghiguian, The Studio, 2017

Ausstellungen zur Zeitgenössischen Kunst | Gegenwartskunst

10. Mai 2019
Cindy Sherman, Untitled Film Still #56, 1980, Silbergelatinedruck, 16,2 x 24 cm (The Museum of Modern Art, New York. Acquired through the generosity of Jo Carole and Ronald S. Lauder in memory of Mrs. John D. Rockefeller 3rd © Cindy Sherman, courtesy the artist and Metro Pictures, New York)

Wien | Bank Austria Kunstforum: The Cindy Sherman Effect Identität und Transformation in der zeitgenössischen Kunst

Cindy Shermans Werk, beginnend mit ihren ikonischen „Untitled Film Stills“ (1977–1980), inspirierte nachfolgende Künstlergenerationen dazu, die Thematik Identität und Transformation in diversen Medien zu erkunden. Die Kamera wird als Spiegel oder Bühne für Inszenierungen des Selbst verwendet.
7. Mai 2019
Ai Weiwei, Illumination, 2009, Handyfoto (c) Ai Weiwei, Courtesy Ai Weiwei Studio

Düsseldorf K20 / K21: Ai Weiwei Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen zeigt größten Ausstellung in Europa

„Alles ist Kunst, alles ist Politik“ ist auch Leitmotiv seiner bisher größten Ausstellung in Europa, die die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen gleichzeitig im K20 und im K21 zeigt.
27. April 2019
Hermann Nitsch, Schüttbild, Detail, 2011, Acryl auf Jute © Hermann Nitsch

Hermann Nitsch in der Albertina Ausstellung „Räume aus Farbe“ zeigt Nitschs Schüttbilder von den 1960ern bis heute

Hermann Nitsch (* 1938) zählt zu den umstrittensten Künstlern Österreichs und den wichtigen Wiener Aktionisten. Die Albertina zeigt erstmals einen Überblick über Nitsch's Schüttbilder seit den 60ern.
Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.