Anthonis van Dyck

Wer war Anthonis van Dyck?

Anthonis van Dyck (flämisch Antoon van Dyck, 1599–1641) war ein flämischer Maler des Barock, der besonders als Porträtist am Londoner Hof reüssierte. Zudem schuf er Grafiken und publizierte 1640 seine Porträtsammlung unter dem Titel „Ikonographie“. Der hochbegabte Schüler von Hendrick van Balen arbeitete als freier Mitarbeiter von Peter Paul Rubens, der ihn vermutlich als seinen wichtigsten Schüler lobte. Zeitgenossen und Nachfolger schätzten vor allem die Palette Van Dycks, die Farbigkeit, die Feintonigkeit, die Souveränität der Nuancen. Da nur wenige schriftliche Zeugnissen überliefert sind, sind Van Dycks Bilder die wichtigsten Quellen.

Nach einer ersten Phase der Orientierung an Rubens hielt sich Anthonis van Syck von 1621 bis 1627 in Italien auf, wo er vor allem in Venedig und Mantua Werke von Tizian, Tintoretto und Vernoses studierte. Auf Basis der venezianischen Hochrenaissance-Malerei beschritt er einen neuen Weg. Diese Neuorientierung betraf nicht nur Van Dycks Stil, sondern auch seine Themenwahl: Zunehmend etablierte sich der flämische Barockmaler als Porträtist. Dem großen Erfolg auf diesem Gebiet trug er mit dem Aufbau einer Werkstatt Rechnung.

 

Kindheit und Ausbildung

Anthonis van Dyck wurde am 22. März 1599 als Sohn von Frans van Dyck d. Ä. in Antwerpen geboren. Sein Vater war im Tuch- und Seidenhandel tätig; die Familie war offenbar vermögend, wie der Erwerb mehrerer Häuser im März 1607 bezeugt.

Ab 1609/10 ging Anthonis van Dyck bei Hendrik van Balen in die Lehre. Da Van Dycks Lehrmeister auf kleinformatige, auf Kupfer gemalte Historienszenen spezialisiert war, hinterließ er kaum künstlerische Spuren im Werk seines Schülers. Das erste datierte Bild Van Dycks, ein Männerporträt, stammt aus dem Jahr 1613.

 

Rubens „bester Schüler“

Bereits mit 19 Jahren wurde Anthonis van Dyck 1618 als unabhängiger Meister in die Antwerpener Malergilde aufgenommen und arbeitete gleichzeitig im Atelier von Peter Paul Rubens. In der Zeit zwischen 1616 und 1620, als Van Dyck nachweislich in Rubens’ Umfeld tätig war, arbeitete er an einigen seiner wichtigsten Bildern: „Raub der Töchter des Leukippos“, die „Amazonenschlacht“, das „Große Jüngste Gericht“, die „Blumenkranzmadonna“ (in Zusammenarbeit mit Jan Brueghel d. Ä.), die „Jagd auf Nilpferd und Krokodil“, die „Landschaft mit einer Kuhherde“ und die „Niederlage des Sanherib“. Van Dyck setzte sich mit Rubens' „Trunkenem Silen“ (Dresden) direkt auseinander, indem er das Bild kopierte und dabei paraphrasierte. Er übernahm das eng begrenzte Bildfeld, die Anzahl der Figuren und die dichte Drängung der Motive. Van Dyck unterscheidet sich von Rubens dadurch, dass er die Trunkenheit des Alten ungeschönt in den Vordergrund stellte.

Anthonis van Dyck malte in der Werkstatt des Rubens unter anderem an den Kartons des Decius-Mus-Zyklus wie den Deckengemälden der Antwerpener Jesuitenkirche. Die Auftraggeber Rubens‘, darunter herausragende Kunstkenner Englands wie Thomas Howard, 21. Earl of Arundel, lernten den ambitionierten und talentierten Maler bald kennen und schätzen. Rubens nutzte die steigende Bekanntheit seines Mitarbeiters und führte ihn namentlich in Verträgen an bzw. nannte ihn in einem Brief an Dudley Carlton „[il] meglior mio discepolo [meinen besten Schüler]“1 (28.4.1618). Am 25. November 1620 erwähnte Toby Matthew Van Dyck in einem Schreiben an Sir Dudley Carlton ein weiteres Mal: „Van Dike his famous Allievo is gone into England“2

Anthonis van Dycks Weg zur Historienmalerei war kein einfacher. Dabei war Rubens für ihn unbedingt ein Leitstern, denn
Van Dyck folgte dessen Vorbild bis hin in die Werkstattmethoden – beispielsweise in der Bildung eines Repertoires von Studienköpfen. Zusammen mit anderen jungen Malern arbeitete Van Dyck Ende der 1610er Jahre an einer Apostelfolge, was als Hinweis auf einen eigenen Werkstattbetrieb gedeutet werden kann.

 

Anthonis van Dyck in England

Auf Veranlassung Arundels reiste Anthonis van Dyck im Herbst 1620 erstmals nach England. In London trat er 1621 in die Dienste von James I. (1566–1625), gleichzeitig porträtierte er Persönlichkeiten des Stuart-Hofes. Dabei nutzte er die Gelegenheit, die in deren Sammlungen befindlichen Meisterwerke der italienischen Renaissance zu studieren, die ihn schon in Antwerpen interessiert hatten.

 

Italien

Mit Erlaubnis des Königs reiste Anthonis van Dyck nach Italien, um sich dort fortzubilden. Dazwischen hielt er sich kurz in Antwerpen auf. Van Dyck lebte zwischen 1621 und 1626 in Genua, Rom, Sizilien und Venedig auf und perfektionierte dort seine Porträtkunst. Insgesamt porträtiert er in seinem Leben etwa 280 Personen. Das Studium der italienischen Renaissance-Meister Tizian und Paolo Veronese minderte den Einfluss von Rubens auf das Werk Van Dycks. Am 12. Juli 1624 besuchte Anthonis van Dyck die betagte Sofonisba Anguissola in Sizilien. Er zeichnete ihr Porträt in das „Italienische Skizzenbuch“ und hielt dort auch den Inhalt ihres Gesprächs fest.

 

Hofmaler von Erzherzogin Isabella

1627 kehrte Anthonis van Dyck nach Antwerpen zurück. Hier trat er der Sodalität der Unverheirateten, einer jesuitischen Laienbruderschaft, bei und pflegte freundschaftlichen Umgang mit seinem Lehrer Peter Paul Rubens. Für die Bruderschaft malte Van Dyck „Die Krönung der Hl. Rosalia“ (KHM, Wien) und „Die Vision des seligen Herman-Joseph“ für das Jesuitenkonvent. Weitere Altarbilder entstanden für die Genter Heiligkreuzbruderschaft, die Minoriten in Mechelen, die Liebfrauenschaft in Denderminde.

Ende der 1620er und Anfang der 1630er Jahre reiste Anthonis van Dyck an den Hof in Den Haag, wo er die Porträts von Frederick Hendrick von Oranien und seiner Gattin, Amalia von Solms, malte und Aufträge für den Exilierten Kurfürsten Friedrich V. von der Pfalz ausführte. Im Juni 1628 malte er Nicolas Lanier, „Master of the King’s Music”, der 1632 Charles I. nach London berichtete, dass Van Dyck erneut bereit wäre zu übersiedeln. In einer Vollmacht für den Maler Pieter Snayers nannte sich Anthonis van Dyck selbst „Maler ihrer Hoheit, der Erzherzogin Isabella“ (27. Mai 1630). Für das Amt des Brüsseler Hofmalers erhielt er eine jährliche Pension von 250 Gulden, er blieb aber in Antwerpen wohnhaft. Auch wenn Van Dyck 1632 nach London übersiedelte, ernannte ihn die Antwerpener Lukasgilde zu ihrem Ehrendekan (18.10.1634).

 

Hofmaler von Charles II. in London

Im April 1632 hielt sich Anthonis van Dyck bereits in London auf. Anfangs lebte er bei Edward Norgate, dem Illuminator der königlichen Patente. Ein Monat später zog er in ein Haus in Blackfriars an der Themse. Das Haus lag außerhalb der Zuständigkeit der Londoner Malerzunft (Painters-Stainers Company). Die Miete wurde von der Krone beglichen. Darüber hinaus erhielt Anthonis van Dyck, „der erste Hofmaler“ eine Wohnung im königlichen Sommerpalast von Eltham in Kent (nicht mehr erhalten). Am 5. Juli 1632 schlug ihn Charles I. in St. Jame’s Palace zum Ritter.

Für Charles I. (1600–1649) schuf Anthonis van Dyck unzählige Porträts und kümmerte sich um den in Mantua erworbenen Tizian-Zyklus. Er restaurierte das Bildnis von Gallus und ersetzte Kaiser Vitellius. Damit der König Van Dycks Gemäldesammlung besichtigen konnte, wurde ein Landesteg in dessen Garten errichtet. Als Abraham van der Doort ein Verzeichnis der königlichen Gemäldesammlung in Whitehall Palace erstellte (Dezember 1638–Januar 1639), listete er dreizehn Gemälde von Anthonis van Dyck auf, dazu dessen Vorzeichnungen für „Le Roi à la Chasse“, die der König zusammen mit wertvollen Zeichnungen (Leonardo da Vinci und Michelangelo Buonarroti) in einem besonderen Album verwahrte.

1640 heiratete Anthonis van Dyck und publizierte die erste Ausgabe seiner „Ikonographie“. Sie enthält 80 Kupferstiche von Porträts von Fürsten, Staatsmännern und Philosophen, Künstlern und Kunstliebhabern in Antwerpen. Nach dem Tod von Peter Paul Rubens weigerte sich Van Dyck dessen unvollendet hinterlassenen Gemälde fertigzustellen. Sein Interesse an der Ausstattung der Grand Galerie im Louvre wurde nicht erfüllt - der Auftrag ging an Nicolas Poussin. Kurz vor Anthonis van Dycks Tod wurde seine eheliche Tochter Justiniana geboren (1.12.1641).

 

Tod

Der berühmte flämische Maler starb am 9. Dezember 1641 und wurde in St. Paul’s Cathedral bestattet.

Anthonis van Dyck wurde nie vergessen.

 

Anthonis van Dycks Nachfolger

 

Literatur über Anthonis van Dyck

  • Mirjam Neumeister (Hg.), VAN DYCK (Ausst.-Kat. München, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Alte Pinakothek, 25.10.2019–2.2.2020) München 2019.
  • Anna Maria Bava, Maria Grazia Bernadini (Hg.), Van Dyck. Pittore di Corte (Ausst.-Kat. Turin, Musei Reali, Sale Palatine della Galleria Sabauda) Pisa 2018.
  • Per Rumberg, Desmond Shawe-Taylor, Lucy Chiswell, Niko Munz (Hg.), Charles I. King and Collector (Ausst.-Kat. Royal Academy of Arts, London) London 2018.
  • Ilona van Tuinen (Hg.), Power and Grace. Drawings by Rubens, Van Dyck, and Jordaens, (Ausst. Kat. New York, The Morgan Library & Museum) Verona 2018.
  • Antonio Ernesto Denunzio, Giuseppe Porzio, Renato Ruotolo (Hg.), Rubens, Van Dyck, Ribera. La collezione di un principe (Ausst.-Kat. Neapel, Gallerie d’Italie, Palazzo Zevallos Stigliano) Mailand 2018.
  • Stijn Alsteens, Adam Eaker (Hg.), Van Dyck. The Anatomy of Portraiture (Ausst.-Kat. The Frick Collection, New York) New York 2016.
  • Hans Vlieghe (Hg.), Van Dyck 1599–1999. Conjectures and Refutations, Turnhout 2001.
  • Christopher Brown, Hans Vlieghe (Hg.), Van Dyck 1599–1641, (Ausst.-Kat. Koninklijk Museum voor Schone Kunsten, Antwerpen; Royal Academy of Arts, London) München 1999.

Beiträge zu Anthonis van Dyck

20. Februar 2019
Anthonis van Dyck, Hochzeitsporträt von Prinzessin Maria Henrietta Stuart, Detail, 1641, Öl/Lw, 158,2 × 108,6 cm (Szépművészeti Múzeum, Budapest)

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20. Februar 2019
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22. Februar 2018
Anthonis van Dyck, Endymion Porter und Anthonis van Dyck, Detail, um 1633, Öl/Lw, 119 x 144 cm (© Museo Nacional del Prado)

Anthonis van Dyck: Biografie Leben und Werke des flämischen Barockmalers

Anthonis van Dyck (1599–1641) war ein flämischer Maler, der besonders als Porträtist am Londoner Hof reüssierte. Hier finden Sie alle wichtigen Daten zu seinem Leben, seinen Reisen, Auftraggebern, seiner Familie.
  1. Da Rubens keine Namensnennung mit diesem Lob verband, wurde in der Vergangenheit diese Aussage immer auf Van Dyck bezogen. Jüngst wird diese Annahme jedoch relativiert und als wertsteigerndes Argument gegenüber des Käufers in Betracht gezogen. Siehe: Mirjam Neumeister, Im Schatten von Rubens? Die Gemälde von Anthonis von Dyck in den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen. Eine Einführung in die Ausstellung, in: Mirjam Neumeister (Hg.), Van Dyck (Ausst.-Kat. München, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Alte Pinakothek, 25.10.2019–2.2.2020), München 2019, S-21-49, hier S. 27.
  2. Zitiert nach: Max Rooses und Charles Ruelens, Correspondance de Rubens. Documents épistolaires concernant sa vie et ses oeuvres, Codex Diplomaticus Rubenianus, Antwerpen 1887–1909, Bd. 2, S. 262.