0

Sammler, Mäzene und Kunsthändler in Berlin 1880–1933 Aufbruch in die Moderne

Aufbruch in die Moderne (DUMONT)

Aufbruch in die Moderne (DUMONT)

Der seit Frühjahr 2012 vorliegende Sammelband „Aufbruch in die Moderne“ fächert in 14 Aufsätzen die ergreifenden Schicksale der wichtigsten, zumeist jüdischen Berliner Sammler, Mäzene, Kunsthändler, Verleger aber auch des Künstlers Max Liebermann (1847-1935) auf. Paul Cassirer und Alfred Flechtheim, Walter Feilchenfeldt sowie Heinrich und Justin K. Tannhauser waren sicherlich die schillerndsten Persönlichkeiten des Berliner Kunstlebens, bevor der Erste sich kurz nach seiner Scheidung das Leben nahm und der Zweite von den Nazis vertrieben wurde. Aber auch international wenig bekannte Sammlergrößen ihrer Zeit – wie Bernstein, Arnhold, Oppenheim, Mendelssohn und Mauthner – werden mit ihrem Kampf für die Moderne vorgestellt. Die Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 stellt für sie alle einen gravierenden Einschnitt dar, die meisten versuchten verzweifelt zumindest ihre Sammlungen in die Schweiz zu retten.

Vordenker und Wegbereiter

Erst mit der Reichsgründung 1871 wurde Berlin das künstlerische Zentrum – und verdankte diesen Ruf ihren privaten Kunstsammlern und –händlern (siehe auch den Beitrag über den Bankier Wagener). Die 1898 gegründete Berliner Secession mit ihrem ersten Präsidenten Max Liebermann verdankte ihren Erfolg nicht zuletzt den ansässigen Sammlern, Verlegern und Galeristen aber auch den einflussreichen Direktoren der Nationalgalerie Hugo von Tschudi und Ludwig Justi. Dabei kam dem deutsch-jüdischen Großbürgertum eine besondere Rolle zu, was die Autoren auf die Zedaka, das säkularisierte Gebot für Wohltätigkeit, wie den Wunsch nach Anerkennung durch die Förderung von Kunst und Kultur zurückführen. Dennoch war die Anzahl der Förderer der Avantgarde eine überschaubare Gruppe und nicht selten verwandtschaftlich oder geschäftlich miteinander verbunden.

Den Anfang der Betrachtungen macht „fast wie von selbst“ Max Liebermann, dem „Apostel der Häßlichkeit“ der zum „Pionier der Moderne“ wurde. Monika Tatzkow beschreibt den wichtigsten Vertreter des deutschen Impressionismus als begeisterten Sammler von Edgar Degas, Pissarro, Pierre-Auguste RenoirHenri de Toulouse-Lautrec und besonders Edouard Manet. Die bedeutende Sammlung wurde nach 1933 international ausgestellt, um sie für seine emigrierte Tochter zu bewahren. Mit Hilfe von Walter Feilchenfeldt sen. konnten vierzehn Kunstwerke ins Züricher Kunsthaus gebracht werden.

 

Paul Cassirer

Christian Kennert legt die Biografie Paul Cassirers vor, dem Verleger, Publizisten, Mäzen, Kritiker, Kaufmann und Lobbyisten. Er gründete 1910 die Zeitschrift „Pan“, befand „die Einführung der französischen Kunst in Deutschland für eine kulturelle Tat“ und sah „in Monet, Alfred Sisley, Genies, in Degas einen der grössten Meister, in Paul Cézanne den Träger einer Weltanschauung“ (S. 37). Der moderne Kunsthändler wird so zu „ein Erzieher seines Volkes und ein Revolutionär“, der vom Mäzen begleitet wird, ja sich mit diesem verbündet (S. 41). Das Netzwerk aus einflussreichen Industriellen (= Sammler), Künstlern und Museumsdirektoren, unterstützt von den Galeristen als Kritikern, nahm Einfluss auf die Wahrnehmung von Kunst.

 

Alfred Flechtheim

Der Kunsthändler und Sammler Alfred Flechtheim gehörte zu den schillerndsten Figuren der Weimarer Republik. Seine Berliner Galerie bildete in den 20er Jahren – und vor allem nach dem Selbstmord von Paul Cassirer 1926 – einen gesellschaftlichen und kulturellen Mittelpunkt. Auch Flechtheim versuchte in ab 1933 seine private Kunstsammlung zu retten und in die sichere Schweiz zu entlehnen, denn „keiner seiner Kollegen wurde von der nationalistischen Kunstpropaganda mit so viel Hass und Häme verfolge wie er“ (S. 56). Bereits ein halbes Jahr nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten befand sich ehemals so legendäre Galerist völlig mittellos in Paris; 1937 verstarb in London an einer Blutvergiftung. Henry Hulton, der Erbe der Sammlung, kämpft, wie DER SPIEGEL Ende Juni berichtete (26/2012), noch immer um sein Recht.

 

Heinrich Thannhauser und Vincent van Gogh

Unter dem Titel „Vincent van Gogh und die Leidenschaft für die Moderne“ zeigt Bogomila Welsh-Ovcharov auf, welche Vorreiterrolle die Kunsthändler Heinrich und Justin L. Thannhauser in der Rezeption des holländischen Malers spielten. Nicht nur der Kunsthändler Paul Cassirer und der Kunstkritiker Julius Meier-Graefe erkannten die Bedeutung Van Goghs für die Moderne in Deutschland. Im Jahr 1908 stellte die Münchner „Moderne Galerie“ ihre erste Van-Gogh Ausstellung zusammen. Darüber hinaus förderte Tannhauser Max Liebermann und die Künstler der Neuen Künstlervereinigung München (NKVM), die führenden Vertreter der französischen Moderne wie Pablo Picasso. Gemeinsam mit Cassirer gaben die Tannhausers den Briefwechsel zwischen Vincent und Theo van Gogh heraus (→ Vincent van Gogh : Paul Gauguin in Arles). Nach der Sonderbundausstellung 1912 war der Stellenwert Van Goghs gesichert, und die Preise stiegen sprunghaft an. Wie viele Kollegen mussten auch Justin Tannhauser 1933 Vorsichtsmaßnahmen für ihre berufliche und private Zukunft treffen. 65 Gemälde und 17 Zeichnungen Van Goghs hatten ihren Weg durch die Galerie genommen, einen Teil seiner privaten Kunstsammlung hinterließ er dem Solomon R. Guggenheim Museum (→ Guggenheim Museum: Solomon R. Guggenheim & ungegenständliche Kunst).

 

Die ersten Sammlungen – öffentliches und privates Mäzenatentum

Carl und Felicie Berstein, Eduard Arnhold, Margarete Oppenheim und Margarete Mauthner stehen als Sammlerinnen und Sammler am Beginn der Wertschätzung der Klassischen Moderne in Berlin. Die Bernsteins brachten als erste impressionistische Bilder nach Berlin, obwohl das Sammeln von französischer Kunst als politisch zweifelhaft betrachtet wurde. Ihre familiären Beziehungen nach Paris dürfte diese Entscheidung unterstützt haben, denn der Herausgeber der „Gazette des Beaux-Arts“, Charles Ephrussi, war ein Cousin von Carl Bernstein. 1882 erwarben sie einige impressionistische Gemälde für ihr Musikzimmer. Ein Jahr später sollten diese Werke die Grundlage für eine erste öffentliche Präsentation impressionistischer Kunst in Deutschland werden.

Ab 1892 baute mit Eduard Arnhold einer der reichsten Männer Deutschlands eine beachtliche Kunstsammlung auf, für die er neben holländischen Barockmalern auch französische und deutsche Impressionisten zusammentrug. Vor allem das Schaffen Max Liebermanns sollte in seiner Sammlung möglichst vollständig abgebildet werden. Um die Entwicklungsgeschichte der deutschen und französischen Malerei aufzuzeigen, hingen seine Gemälde in einer durchkomponierten Inszenierung. Oder wie Hugo von Tschudi es beschrieb: einem „Friedensfeste“ der Meister des 19. Jahrhunderts, wo die Seelenkunst eines Böcklin auf die Wirklichkeitsauffassung der Impressionisten traf.

Die Van Gogh-Übersetzerin und –Sammlerin Margarete Mauthner verstand ihre herausragende Sammlung moderner Kunst nicht als Wertanlage, sondern als eine Kollektion von Erinnerungsstücken. Sie arbeitete ab 1906 mehrere Jahre für den Bruno Cassirer Verlag als Übersetzerin, wobei sie sich besonders für die Farben Van Goghs begeistern konnte. Ihr erstes Gemälde des Künstlers bekam Margarete Mauthner 1905 von ihrem Mann zum Geburtstag geschenkt, das zweite zu Weihnachten. Mit mindestens sechs Werken – vier Gemälde und zwei Zeichnungen – Van Goghs gehörte sie zu den wichtigsten frühen Sammlerinnen dieses Künstlers in Deutschland. Trübner, Liebermann, Corinth und Max Slevogt waren ihre bevorzugten deutschen Künstler.

 

Verleger und Kunstkritiker als Förderer

Die enge Verbindung zwischen Sammlern und Museumsdirektoren belegen die Mäzene der Familie Mendelssohn, Jakob Goldschmidt und einiger weiterer Personen. Zirka 40 Unterstützer schenkten der Berliner Nationalgalerie nach 1900 den Grundstock jener Sammlung der Moderne, die das Haus bis heute berühmt macht. Der Museumsdirektor Wilhelm von Bode konnte ein System aufbauen, durch das er potente Sammler mittels Beratung an sich und das Haus band und als eine Art von „Gegenleistung“ auch Werke finanziert bekam. Die Bankiersfamilie Mendelssohn ist hier an erster Stelle zu nennen, schenkten sie doch u.a. Werke von Millet, Daubigny (→ Charles-François Daubigny: Wegbereiter des Impressionismus), Paul Cézanne, Liebermann. Für ihre eigenen Sammlungen kauften sie französische Impressionisten aber auch holländische und flämische Barockmalerei. Dass einige Werke aus verschiedenen Mendelssohn-Sammlungen in der Schweizer Kollektion von Emil G. Bührle erheut zusammengeführt wurden, scheint eine Ironie der Geschichte zu sein, hat aber damit zu tun, dass Bührle ab 1934 systematisch Raubkunst im großen Stil ankaufte.

Fazit: „Aufbruch in die Moderne“ macht vor, wie die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit funktionieren könnte. Den richtungsweisenden Sammlerinnen und Sammler des frühen 20. Jahrhunderts wird hier nicht nur die schon längst überfällige Referenz erwiesen, sondern darüber hinaus ein Bewusstsein geschaffen, dass viele Künstler nur durch deren Unterstützung überleben konnten. Die einzelnen Beiträge sind nicht nur gut recherchiert, sondern machen auch die Dramatik von Verfolgung und Flucht deutlich.

 

Aufbruch in die Moderne

mit Textbeiträgen von
M. Tatzkow, Ch. Kennert, O. Dascher,
B. Welsh-Ovcharov, M. Dorrmann, S. Panwitz,
A.-C. Augustin, M. Jurk, A. Strobl,
J. Hermand, Ch. Feilchenfeldt
304 Seiten,
ca. 20 farbige & 40 einfarbige Abb.
24 cm x 28 cm,
Köln 2012
EUR 29,95 [D] / 40,90 sFr.
ISBN 978-3-8321-9428-4
DUMONT

Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.