Auguste Rodin

Wer war Auguste Rodin?

Auguste Rodin (12.11.1840–1917) ist der bedeutendste Bildhauer Frankreichs im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts und dem frühen 20. Jahrhundert. Rodin führte Bildhauerei und Plastik zu völlig neuen Ausdrucksformen und näherte sich stilistisch mit seinen bewegten Oberflächen dem Impressionismus an. Inhaltlich ist Rodins Werk vom Symbolismus stark beeinflusst, suchte der Pariser Künstler doch menschliche Emotionen und nicht das Erzählerische in den Vordergrund zu stellen. Mit Werken wie „Der Denker“, „Der Kuss“, „Die Bürger von Calais“ (ab 1884) und „Eva“ schuf er Ikonen der Moderne, die bei den Zeitgenossen häufig auf Unverständnis stießen. Dennoch gelang ihm - u.a. mit Hilfe der Fotografie - kurz nach 1900 der internationale Durchbruch. In seinem gesamten Œuvre arbeitete Rodin an der Sichtbarmachung eines Welt- und Menschenbilds, das sich im Zustand ständiger Veränderung befindet. Von seinen Hauptwerken bis hin zu seinen mit zügigen Strichen und wenigen Farblasuren gefertigten Aktzeichnungen, von den wenig bekannten Landschaftsgemälden im Stil der Barbizon-Maler aus den 1870er Jahren bis zu seinen Statuetten von Tänzerinnen und Tänzern suchte der Künstler Bewegungsfiguren einzufangen.

Merkmale und Stil von Rodins Plastiken

Rodin ist legendär für seine ständige Beschäftigung mit Bewegung und sensualistischer Oberfläche. Die Menschen schreiten, fliegen, fallen, stürzen. Über einen der Bürger von Calais, Eustache de Saint-Pierre, meinte er:

„Er steht unbeweglich, aber gleich wird er gehen […] Daran habe ich oft gedacht […]. Ich glaubte lange Zeit, Bewegung sei alles, das Mittel schlechthin. Aber das Werk des Bildhauers bewegt sich nicht. Man muss spüren, dass es sich bewegen kann.“ (Auguste Rodin)

Baudelaire hatte in den Salonbesprechungen von 1846 und 1859 beklagt, dass die Skulptur zur Dienerin der Architektur geworden war.1 Bildhauer wie François Rude (1784–1855) und Jean-Baptiste Carpeaux (1827–1875) wäre davon zwar ausgenommen, aber eben doch nur die Ausnahmen. Bei Rodin gibt es keine vorgefertigten Lösungen, stattdessen sucht er unermüdlich den Ausdruck der Bewegung, Formen für die Darstellung von Lebensenergie und die entsprechenden plastischen Mittel. Die Auswahl der Modelle war demnach von größter Bedeutung, vorgefertigte, konventionelle Posen interessierten ihn nicht. Stattdessen ermutigte Rodin seine Modelle nackt herumzulaufen. In vielen seiner Figuren spielte Auguste Rodin immer wieder mit der Grenze zwischen gestalteten Partien und ungestaltetem Material, bezog sich dabei auf das non-finito von Michelangelo Buonarroti. In der Regel verbarg Rodin die Spuren seiner eigenen Arbeit auf der Werkoberfläche nicht, um das Spiel der Lichtreflexe auf der Oberfläche zu gewährleisten.

Auguste Rodin ging es um die Allansichtigkeit seiner Plastiken. Weiteres Ziel seiner Arbeit war, neue Kompositionen und Techniken zu erfinden, um leidenschaftliche Gefühle, Lebensenergie, Begehren auszudrücken. Anstelle der Allegorie tritt bei ihm der Torso, das Fragment, der Mensch mit all seinen Leidenschaften, die prekäre Balance. Rodins Körper sind von Schwerkraft, Bescheidenheit und Erzählung befreit, haben keinen perfekten Standpunkt, erlauben keine Interpretation durch Werktitel oder Attribute. Rainer Maria Rilke (1875–1926) war zeitweise Rodins Sekretär (1902) und sprach von der Haut, die die Spur des Lebens in sich trägt (anstatt von Oberfläche der Skulpturen). Die Oberfläche von Rodins Werken ist abhängig vom Lichteinfall, von der Kontur und nicht zuletzt von der Sensibilität der Betrachterinnen und Betrachter. Die Figuren scheinen sich zu „verflüssigen“ und „jede Form ihren Anspruch auf Dauerhaftigkeit preiszugeben“ (Leo Seinberg).

Auguste Rodin wird daher verschiedenen ästhetischen Richtungen zugerechnet: der Romantik (Nachfolge von Delacroix), dem Symbolismus (Themen und Wirkungsästhetik), Impressionismus (Skizzenhaftigkeit, non-finito, vibrierende Oberfläche) und Expressionismus (erste Ansätze und zumindest Ideengeber der Expressionisten wie Egon Schiele). Zu seinen Vorbildern zählen das Portal von Reims, Michelangelos „Jüngstes Gericht“, weibliche Akte von Peter Paul Rubens und Rembrandt van Rijn, die stürzenden Leiber von Eugène Delacroix und Théodore Géricault, gepaart mit umfassendem Naturstudium. Der Salon von 1898 muss den Zeitgenossen ein spannungsvolles Bild von Rodins Kunst vermittelt haben, kam es hier doch zur Gegenüberstellung von „Der Kuss“ und der Maquette des „Balzac“. Die Perfektion in der Behandlung des Marmors auf der einen Seite traf auf Grobheit und Absage an den Naturalismus auf der anderen. Dazwischen entwickelte er ein schier unüberschaubares Werk, das von Verwandtschaft zwischen Figuren geprägt ist, da er Formen mehrfach wiederaufnahm.

Kindheit und Ausbildung

Auguste Rodin kam am 12. Novembr 1840 als Sohn des Polizisten und Polizeiinspektors Jean-Baptiste Rodin (1802–1883) in Paris zur Welt. Schon während seiner Schulzeit konnte er sich nur für das Zeichnen begeistern und war daher ein mäßiger Schüler. Ab 1851 nahm er Unterricht bei seinem Onkel in Beauvais, 1854 besuchte Rodin der Petit École (später: Kunstgewerbeschule) in Paris. In der Ausbildungsstätte für Stuckateure wurde er vornehmlich in Zeichnen und Mathematik, dem Studium der antiken Kunst, aus dem Gedächtnis Zeichnen von Horace Lecoq de Boisbaudran (1802–1897) unterrichtet. Lecoq de Boisbaudran empfahl seinen Schülern, die Alten Meister im Louvre zu studieren, um sie später aus der Erinnerung heraus zu reproduzieren. Diese Methode des Zeichnens und Malens aus dem Gedächtnis sollte für Auguste Rodin von großer Bedeutung werden.

Sowohl 1857, 1858 als auch 1859 scheiterte Auguste Rodin an der Aufnahme in die Ecole des Beaux-Arts, obwohl er eine Auszeichnung im Fach Modellieren vorweisen konnte. Deshalb arbeitete er für Stuckateure und Goldschmiede. Nach dem Tod der Schwester Marie 1862 floh Rodin als Novize zu den Vätern des Heiligen Sakraments. Zwei Jahre später begegnete er Rose Beuret (1844–?) und fand eine Anstellung als Assistent von Albert-Ernest Carrier-Belleuse (1824–1887), einem der beliebtesten Bildhauer der Zweiten Republik. In Carrier-Belleuses Atelier eignete er sich den Umgang mit gebrannter Tonerde (Terrakotta) an. Auguste Rodin besuchte Kurse von Barye im Naturkundemuseum und konnte sich in einem unbeheizten Stall sein erstes eigenes Atelier einrichten.

Vom Bauplastiker zum Bildhauer

Während sich Bildhauer aus der Generation von Jean-Baptiste Carpeaux noch auf die Akademie und ihre „qualitätssichernden“ Maßnahmen wie den Rom-Preis verließen und auch darauf bauen konnten, bildete sich Auguste Rodin nach seiner ersten Ausbildung zum Stuckateur an der Ecole gratuite de dessin, auch La Petite Ecole genannt, eigenständig weiter. Um Geld zu verdienen, arbeitete Rodin bis Mitte der 1870er Jahre als Bauplastiker für den äußerst erfolgreichen Albert-Ernest Carrier-Belleuse (1824–1887). Noch im Jahr 1864 studierte er bei dem berühmten Bildhauer heroischer Tierplastiken Antoine Louis Barye (1795–1875) anatomisches Zeichnen.

Nichtsdestotrotz versuchte Auguste Rodin ab 1864 immer wieder seine Skulpturen am Salon zu positionieren und so zu Anerkennung und öffentlichen Aufträgen zu kommen. Erst 1880 konnte sich der kurzsichtige Plastiker dessen sicher sein.

„Zum ersten Mal sah ich Tonerde; mir war, als führe ich in den Himmel auf. Ich modellierte einzelne Teile: Arme, Köpfe oder Füße. Dann nahm ich eine ganze Figur in Angriff […]. Ich war geradezu außer mir vor Begeisterung.“ (Auguste Rodin)

Mann mit der gebrochenen Nase (1864)

Aus den Jahren vor 1870 sind nur wenige Werke erhalten. Die früheste Arbeit ist „Mann mit der gebrochenen Nase“ (auch: „Die Maske des Mannes mit der zerbrochenen Nase“, 1864), dem aufgrund ungünstiger Klimaverhältnisse im Atelier der Hinterkopf fehlt, der winterliche Frost hatte diesen Teil des Kopfes weggesprengt. Rodin versuchte in seinem Modell Bibi trotz Falten, schiefem Gesicht und gebrochener Nase eine tiefer liegende Schönheit zu entdecken.Gleichzeitig löste er sich mit ihr von der glatten Oberflächengestaltung der klassizistischen und romantischen Skulptur, wie sie u. a. bei Carpeaux zu finden ist. Auguste Rodin wollte mit einer bewegten, durchgeknetet wirkenden Oberfäche, in deren Vertiefungen und auf deren Höhen sich das Licht in vielfältiger Weise fangen und brechen sollte, möglichst viel Spannung erzeugen.

Rodin reichte den Gips „Mann mit der gebrochenen Nase“ 1864 zum Salon ein. Die Salon-Jury reagiert ablehnend, zu neuartig war die Auffassung, die hinter dem Werk stand. Die zertrümmerte Nase von Bibi, sein Ausdruck von Leid standen der Plastik viel zu deutlich ins Gesicht geschrieben. Vielleicht schreckte aber auch die mögliche sozialkritische Komponenten dieser Büste eines Proletariers vom Pariser Pferdemarkt ab,2 realisiert von einem Neuling, den kein Akademieprofessor als Mentor unterstützte. Für die folgenden zehn Jahre lehnte Rodin es ab, am Salon auszustellen. Erst 1875 wurde dieser Kopf, jetzt als Bronzeguss, in Paris präsentiert. Die in der Zwischenzeit entstandenen Neorokoko Büsten hübscher Frauen mit manchmal opulenten Hüten stellten sich zwar als Verkaufserfolg heraus, später distanzierte sich der Künstler jedoch von ihnen.

Das Eherne Zeitalter (1875–1877)

Zum Bildhauer der Moderne wurde Auguste Rodin nach einer Italienreise im Jahr 1875/76, auf der er Florenz, Rom und Neapel besichtigte. Hier studierte er nicht nur die Skulpturen Michelangelos, sondern auch Antiken wie den Doryphoros (120–50 v. Chr.), der „Speerträger“, des Polyklet. Zurück in Brüssel, wo Rodin im Auftrag von Carrier-Belleuse an der Fassadengestaltung der Börse arbeitete, begann er sich mit einem einzelnen, lebensgroßen, männlichen Akt zu beschäftigen, dem späteren „Ehernen Zeitalter“. Rodin gewann den 22-jährigen Soldaten Auguste Neyt als Modell. Ursprünglich konzipierte er einen verwundeten Krieger mit Lanze. Nachdem Rodin diese entfernt hat, lässt sich die Skulptur nur schwer thematisch einordnen.3

Während die Impressionisten ab 1874 ihre ersten Ausstellungen organisierten, befand sich Rodin also noch in Ausbildung bzw. in der Folge lebte und arbeitete er hauptsächlich in Brüssel. Aus diesem Grund dürfte Rodin nie eingeladen worden sein, an diesen Präsentationen teilzunehmen. Später betonte Rodin, dass er nicht in Auseinandersetzung mit den Impressionisten seinen bildhauerischen Ansatz entwickelt hätte, sondern die Kunst der Antike von den Ägyptern über die Griechen bis zu den Römern und andererseits längst verstorbene und zum kunsthistorischen Kanon gehörende Meister wie Michelangelo und Rembrandt für ihn wichtig gewesen wären. Edmond Claris veröffentlichte 1902 seine Studie „De l’Impressionnisme en sculpture“, in der er als Vorläufer für Rodins Schaffen noch die französischen Bildhauer Jean-Antoine Houdon, Jean-Baptiste Carpeaux und François Rude in den Diskurs einführte. Der Kunstkritiker Gustave Geffroy sah die künstlerische Wahrheitssuche in den Werken von Rodin und jenen der Impressionisten als vergleichbar an. Dennoch muss betont werden, dass Rodin in der Themenwahl sich deutlich von Werken des Impressionismus mit seiner Hinwendung zum modernen Leben distanzierte: Stattdessen suchte er seine persönliche Sichtweise der Conditio humana anschaulich zu machen. Diese Haltung fand in den überwiegend nackten Figuren Ausdruck.

Im Januar 1877 stellte Rodin sie als „Der Besiegte“ oder auch „Der Verwundete“ im Cercle Artistique in Brüssel aus, später unter den Titeln „Mann, erwachend am Anfang der Zeiten“ und „L’Homme des premiers âges [Der Mensch der ersten Zeiten]“. Den Titel „L’âge d’airain [Das Eherne Zeitalter]“ ersann Rodin für die Präsentation am Frühlingssalon 1877 in Paris. Ein anonymer Rezensent des „Étoile belge“ unterstellte angesichts der im Brüsseler „Cercle artistique et littéraire“ gezeigten Gipsversion, der Künstler hätte für die Herstellung dieses Werks womöglich das Verfahren eines direkten Abgusses vom lebenden Modell angewandt. Der künstlerische Eingriff würde selbstredend fehlen.

„Das Eherne Zeitalter“ irritierte die Jury des Pariser Salons durch seine Einfachheit und Naturtreue. Rodin wollte sich auf höchst unorthodoxe Weise von diesem Vorwurf befreien, indem er den belgischen Soldaten Auguste Neyt, der ihm in Brüssel Modell gestanden hatte nach Paris einlud. Nötigenfalls sollte dieser sogar nackt der Jury eine Vergleichsmöglichkeit gewähren. Doch das belgische Militär erlaubte keine Ausreise nach Frankreich, die Jury reagierte irritiert und kritisierte die Skulptur. Auguste Rodin wandte sich daher an den Unterstaatssekretär der schönen Künste, Edmond Turquet (1836-1914), der eine Untersuchungskommission einsetzte. Prominente Bildhauer wie Carrier-Belleuse und Falguiere unterstützten Rodin, der über Nacht zu einem Skandalkünstler geworden war. Die Rehabilitation des Bildhauers wurde durch den Ankauf der Plastik durch den französischen Staat noch unterstrichen.

Johannes der Täufer (1877/78) und Schreitender Mann

„Schon als ich ihn das erste Mal sah, ergrif mich eine Bewunderung für ihn, diesen groben, haarigen Mann, der in seinem ganzen Verhalten Gewalt ausstrahlte und körperliche Kraft, dabei aber auch eine mystische Aura um sich hatte. Ich dachte direkt an Johannes den Täufer, mit anderen Worten: einen naturverbundenen Mann, einen Visionär, einen Glaubenden, einen Vorläufer, der kommt, um einen anderen, der größer ist als er selbst, anzukündigen. Der Bauer zog sich aus, stieg auf das drehbare Podest als hätte er nie zuvor Modell gestanden, pfanzte sich fest auf seinen beiden Füßen auf, das Haupt erhoben, den Körper in Spannung gebracht, gleichzeitig brachte er das Gewicht auf beide Beine, offen wie die Beine eines Zirkels. Diese Bewegung war so richtig, so vorwärtsdrängend und so wahr, dass ich ausrief: ‚Aber das ist ja ein schreitender Mann‘! Ich entschloss mich sofort, das zu modellieren, was ich gesehen hatte, […] und so kam es dazu, dass ich den „Schreitenden Mann“ und einen Heiligen Johannes den Täufer schuf, einen nach dem anderen. Alles was ich dabei tat, war, das Modell nach zu modellieren, das mir der Zufall geschickt hatte.“4 (Auguste Rodin)

Auguste Rodin spricht in diesem ausführlichen Zitat vom italienischen Bauer aus den Abruzzen, Cesare Pignatelli, der Rodin anbot, für ihn Modell zu stehen. Zuerst erarbeitete Rodin die Figur von dem auf seine Zuhörer zugehenden und dabei predigenden Johannes dem Täufer. Die Terrakottaplastik „Das Haupt Johannes’ des Täufers“ (1877/78, Staatliche Kunsthalle Karlsruhe) ist eine Reduktion der ganzfigurigen Statue. Rodin zeigt hier, dass er nicht mehr zwangsläufig das finale Abschleifen, Reinigen oder Patinieren, sondern immer wieder auch das Belassen des Unfertigen als Ausdruck eines stets veränderlichen Prozesses strebte.

Jahre später griff Rodin auf dieses in der Zwischenzeit bereits angegriffene Tonmodell zurück und schuf „L’homme qui marche [Der Schreitende]" als kopf- und armlose Gestalt. Das Schreiten an sich, der Bewegungsimpuls werden zum Thema des reifen Rodin.

„Er geht. Er geht, als wären alle Weiten der Welt in ihm und als teilte er sie aus mit seinem Gehen. Er geht."5 (Rainer Maria Rilke über den Schreitenden, 1902)

Das Höllentor (1880–1917)

„Ich wollte nicht Dante interpretieren, obwohl ich „Das Inferno“ gerne als Ansatz genommen habe, weil ich etwas mit kleinen Aktfiguren machen wollte. Man hatte mit Naturabgüsse vorgeworfen […]. Um klarzustellen, dass ich genauso gut wie die anderen modellieren konnte, habe ich in meiner Naivität beschlossen, die Skulpturen auf dem Tor kleiner als lebensgroß zu machen.“6

Am 16. August 1880 erhielt Auguste Rodin per Dekret vom Direktorium der Académie des Beaux-Arts den Auftrag für das fünf Meter hohe „Höllentor“, das ein künftiges Kunstgewerbemuseum in Paris (nach Vorbild des Victoria and Albert Museum in London) schmücken sollte. Laut Auftragsbeschreibung sollte das Bas-Relief die „Göttliche Komödie“ von Dante darstellen. Das Thema durfte der umstrittene Plastiker selbst aussuchen. August Rodin wählte aus Dantes Divina Commedia den ersten Teil, die Schilderung der Hölle. Der Bildhauer orientierte sich schon in ersten Zeichnungen an gotischen Bronzeportalen (z. B. Baptisterium von Florenz von Lorenzo Ghiberti, Domtüren), indem er die Türflügel anfangs in acht Felder mit Flachreliefs teilte, Blattranken als Trennung nutzte und den Rahmen mit weiteren Figuren schmückte. Damit er das Werk umsetzen konnte, durfte er lebenslang ein Atelier im Dépôt des Marbres nutzen. Mehr als 200 Figuren beherbergt das Portal, das sechs Meter Höhe und vier Meter Breite misst. Einzig teuflisches Getier wie Schlangen, Hexen oder auch Mischwesen (außer Kentauren) fehlen in der Zusammenstellung. So sucht man auch Verstümmelung, Folter und anderen Schreckensvisionen vergeblich (→ Botticellis Zeichnungen zu Dantes Göttlicher Komödie), Rodin beschäftigte sich mit der gepeinigten Seele.

Mit der Aufgabe der Idee, das Kunstgewerbemuseum zu bauen, starb auch der Auftrag, und Rodin war frei. Die Ausführung des „Höllentors“ zog sich bis zum Lebensende des inzwischen berühmten Plastikers, die heute existierenden Fassungen wurden erst posthum gegossen. Damit avancierte das „Höllentor“ zum Symbol für die Unabschließbarkeit des modernen Kunstwerks, wurde aber auch zum Zeichen unbändiger Kreativität. Das monumentale Werk kann auch als ein Grundstock von Körperhaltungen gesehen werden, aus denen der Künstler später immer wieder andere Skulpturen schuf oder einzelne der Plastiken des Tores zu neuen Werken gleichsam herausnahm.

Heute existieren vom „Höllentor“ zwei Güsse aus den 1920er Jahren (von Rudier: Philadelphia, Rodin Museum; Paris, Musée Rodin), zwei in Tokio und dem Zürcher Kunsthaus (von Rudier) sowie weitere drei in Stanford, Shizuoka und Seoul (Guss mit der verlorenen Form).

Adam und Eva

Zu den ersten Figuren, die Rodin für das „Höllentor“ schuf, gehörten „Adam“ und „Eva“ (ab 1881). „Adam“ wurde erstmals 1881 am Salon präsentiert und trug noch den Titel „Die Schöpfung“. Interpretationen deuten den herabhängenden linken Arm als Hinweis auf den Schöpfungsvorgang und die Unbelebtheit der Figur. „Eva“ schildert Rodin hingegen im Moment der Scham, also nach dem Sündenfall. Wie im Gesamtwerk von Rodin immer feststellbar ist, leidet Eva, leiden die Figuren an seelischen Qualen. Obwohl sich der Bildhauer für Dantes Inferno entschieden hatte, weitete er seine ikonografischen Quellen auf die Bibel und Ovids Metamorphosen aus.

Skizzen aus den frühen 1880er Jahren zeigen, dass der Bildhauer anfangs dachte, die beiden Statuen links und rechts vom „Höllentor“ aufzustellen (vgl. mit Michelangelos „Sklaven“ aus dem Louvre, die für das Portal des Palazzo Stanga gedacht waren). Da sein weibliches Modell schwanger war, wollte es nach einiger Zeit nicht mehr für Rodins Eva stehen. Das bewog den Künstler, die Plastik in die Ecke seines Ateliers zu räumen und nicht zu vollenden. Im Jahr 1899 stellte er sie, so wie sie von ihm aufgegeben worden war, aus. Die Bronzefassungen weisen die Spuren der Gipsgussformen auf, da Rodin sie so als expressiver empfand.

Zwischen 1883 und 1890 ging die Arbeit am „Höllentor“ gut voran. In diesen Jahren erarbeitete sich Auguste Rodin ein Reservoir an Formen und Figuren, auf das er in den folgenden Jahrzehnten immer wieder zurückgriff. Zusammenstellung, Wiederholung und Fragmentierung werden nun zum Prinzip erhoben. Fernab von Naturalismus und Realismus komponiert Rodin Figuren nach lebenden Modellen. Die ersten beiden Präsentationstermine 1883 und 1884 verstrichen. Im Januar 1886 erschien eine Beschreibung in Le Figaro, die erstmals „Die Schatten“ als Bekrönung erwähnt. Einzelne Figuren und Figurengruppen wanderten von einem Türflügel auf den anderen, dazu zählten „Paolo und Francesca“ bzw. „Der Kuss“ oder auch „Ugolino“. Zur Weltausstellung 1889 wollte der Künstler das Mammutwerk vollendet haben.

Die Fertigstellung der „Bürger von Calais“, die Konzeptionen zu den Denkmälern für Victor Hugo (1889) und Honoré de Balzac (1891) gehörten u. a. zu den Gründen, warum nach 1890 Rodin weniger Zeit in die Gestaltung des „Höllentors“ investierte. Zur Weltausstellung 1900 war es demnach noch immer unvollendet und wurde von Rodin ohne ein Großteil der Figuren in seiner Einzelausstellung im Pavillon de l’Alma ausgestellt. Die Kritiker bewunderten dennoch Rahmen und Türflügel ob ihrer Fähigkeit, das Licht zu modellieren. Schon in diesen Jahren wurde klar, dass das Werk „dazu bestimmt war, niemals zu absoluter Vollendung zu gelangen“7, wie der Kritiker Walter Butterworth anmerkte. Erst kurz vor seinem Lebensende – zwischen Juli und August 1917 – gelangte Auguste Rodin zu einem Abschluss seines „Höllentors“. Er positionierte „Die Schatten“, die sich aus dem „Adam“ entwickelt haben, am Gesims und „vollendete“ die unteren Teile der Türflügel.

Der Kuss und Der Denker

Früh hatte Rodin begonnen, einzelne Figuren aus dem „Höllentor“ weiterzuentwickeln. So zeigte er den „Kuss“ und den „Ugolino“ erstmals 1887 in Paris und anschließend in Brüssel. Für die Weltausstellung 1889 sollte Auguste Rodin eine Marmorreplik von „Der Kuss“ anfertigen.
Darüber hinaus schlug auch Claude Monet (1840–1927) vor, eine gemeinsame Ausstellung bei Georges Petit (21.6.1889) zu organisieren. Die beiden Künstler dürften einander vermutlich um 1885 kennengelernt haben. Für diese Galerienausstellung – Rodin wollte Staatsaufträge und keine kommerziellen Ausstellungen (!) – fertigte er kein eigenes Werk, sondern präsentierte insgesamt 36 Skulpturen, darunter Fragmente aus dem „Höllentor“: „Der Kuss“ und „Der Denker“ (vormals „Der Dichter“) wurden in der Folge als Einzelwerke berühmter denn die Torkonzeption. Fünf seiner Skulpturen betitelte er im Katalog als „Études“, womit der Studiencharakter aber auch das Prozesshafte betont ist. Sie waren gemeinsam mit 145 Gemälden Monets ausgestellt, weshalb der Bildhauer im Umfeld des Impressionismus verortet wird. Die Ausstellung bei Petit wurde, trotz des teils erotischen Charakters der Skulpturen, zum Publikumserfolg und Durchbruch Rodins in Paris.

„Der Kuss“ entstand zwischen 1880 und 1882 als eine der ersten Skulpturengruppen des „Höllentors“ und sollte am linken Flügel (gegenüber des „Ugolino“) angebracht werden. Da Rodin dem Werk einen tragischen Charakter verleihen wollte, erwies sich das küssende Paar als wenig förderlich. Es stellt Francesca und Paolo Malatesta dar, die sich, obwohl miteinander verschwägert, beim Lesen von Ritterromanen ineinander verliebten: „…an jenem Tage lasen wir nicht weiter.“ Als sich Francesca und Paolo zum ersten Mal küssten, überraschte sie Ehemann und Bruder Gianciotto und erstach beide. Für die erste Präsentation 1887 in Brüssel erhielt die Gruppe den Titel „Der Kuss“. Während die beiden Figuren im Salon von 1886 noch als anstößig empfunden wurden, feierten sie als vergrößerte Version 1900 auf der Weltausstellung großen Erfolg. Die transluzente Wirkung des weißen Marmors setzte Rodin dabei bevorzugt für die Evokation einer träumerisch-verklärten Atmosphäre ein, wie man an „Der Kuss“ leicht nachvollziehen kann. Die beiden Exemplare in London und Kopenhagen wurden nach dieser vergrößerten Fassung hergestellt. In insgesamt vier verschiedene Größen wurden die Bronzeversionen gegossen.

„Dante saß vor diesem Tor auf einem Felsen und in seinen Gedanken entstand das Gedicht. Hinter ihm waren Ugolino, Francesca, Paolo, alle Personen der Divina Commedia. Aber das ging nicht. So isoliert hätte mein magerer, asketischer Dante in seinem geraden Gewand keine rechte Bedeutung mehr gehabt. Dann hatte ich die Eingebung für einen anderen „Denker“, der nackt auf einem Felsen kauert und die Füße anspannt. Er denkt, eine Fäuste an den Zähnen Langsam entsteht in seinem Gehirn der schöpferische Gedanke. Er ist kein Träumer. Er ist ein Schöpfer.“ (Rodin in „Gil Blas“ am 7. Juli 1904)

„Der Denker“ trägt die Gesichtszüge von Dante Alighieri, Victor Hugo und Charles Baudelaire. Gleichzeitig könnte sich Rodin auch selbst damit porträtieren, wie er über sein Werk nachdenkt. Für die Pose könnte Michelangelos Statue von Lorenz de’Medici in San Lorenzo Modell gestanden haben. „Der Denker“ wurde erstmals 1888 in Kopenhagen der Öffentlichkeit präsentiert. Die Figur war für die Mitte des Typanons gedacht. Zur Jahreswende 1902/03 entstand die vergrößerte Fassung in Gips, wodurch es zu einem der berühmtesten Werke des Bildhauers wurde. Noch zu Lebzeiten Rodins entstanden acht Abgüsse, der erste davon zwischen 1904 und 1906 für die Stadt Paris. Dieses Werk steht heute vor dem Musée Rodin.

Rodin und Camille Claudel

Wann Auguste Rodin zum ersten Mal auf die Bildhauerin Camille Claudel (1864–1943) traf, liegt im Dunkeln. Vermutlich darf diese erste Begegnung in das Jahr 1883 datiert werden, als er intensiv am „Höllentor“ arbeitete, und er Alfred Boucher im Atelier der Rue Notre-Dame-des-Champs vertrat. Bis 1898 verband die beiden eine berufliche Beziehung wie auch eine privat erotische. Da Auguste Rodin keine Schüler aufnahm, wurde die 24 Jahre jüngere Camille Claudel seine Mitarbeiterin und sein Modell. Camille Claudel trennte sich 1892 sogar kurzfristig von Rodin, um als eigenständige Künstlerin wahrgenommen zu werden. Sie litt unter der fehlenden gesellschaftlichen Anerkennung und einer zunehmend schweren psychischen Erkrankung (Paranoia). Zudem wollte sich Rodin nicht bilden. Seine Libido galt als unkontrollierbar (vgl. mit Gustav Klimt und Pablo Picasso), gleichzeitig war der Künstler ehrgeizig und umwarb Kritiker, war schüchtern und bevorzugte einen einfachen Lebensstil.

Als der monumentale „Kuss“ und der „Balzac“ der Öffentlichkeit vorgestellt wurden, bracht die Beziehung nach fünfzehn Jahren. Camille Claudel wandte sich in ihrer Kunst Alltagsthemen zu, hat aber das Ende der Beziehung nie verwunden. Im Jahr 1913 ließ ihre Familie die isoliert lebende Künstlerin in eine Anstalt internieren, wo sie 1943 verstarb.

Die Bürger von Calais (1884–1895)

Am Sonntag, den 3. Juni 1895 wurden auf dem Pace Richelieu in Calais die „Bürger von Calais“ eingeweiht. Elf Jahre zuvor, 1884, hatte die Stadt Calais das Denkmal in Auftrag gegeben. Rodin war in den vergangenen zwanzig Jahren zum wichtigsten lebenden Bildhauer Europas aufgestiegen. Die sechs leicht überlebensgroßen Bronze-Figuren wiegen zusammen 2,2 Tonnen. Die Gruppe stellt einen höchst geschichtsträchtigen Moment dar: die Übergabe der Stadtschlüssel an Eduard III. während des Hundertjährigen Krieges 1347. Der Chronist Jean Froissart (um 1337–1405) berichtete, dass der englische König die Kapitulation der Stadt Calais unter der Bedingung annahm, dass sich die sechs vornehmsten Bürger der Stadt, barfuß nur in einem Hemd bekleidet, den Strick um den Hals und die Schlüssel der Stadt und des Schlosses in der Hand ihm auslieferten: Eustache de Saint-Pierre, der reichste Bürger von Calais, Jean d'Aire, Jacques und Pierre de Wissant, Jean de Fiennes und Andrieus d'Andres traten am 4. August 1347 freiwillig Eduard III. gegenüber. Gerettet wurden sie durch die Fürbitten der schwangeren Philippa de Hainaut, der Königin.

Die erste Marquette vom November 1884 zeigt einen interessanten, weil die Gleichheit der Bürger betonenden Aufbau. Es gibt keinen Anführer im herkömmlichen Sinn, stattdessen wollte er dem „menschlichen Patriotismus, dem Selbstopfer, der Tugend“8 ein Monument errichten. Damit brach Auguste Rodin mit dem Aufbau des traditionellen Denkmals, das zumeist pyramidal konzipiert wurde, und öffnete die Plastik für das sie umgebende Leben. Die Stadtväter von Calais unterstützten diese Idee und erteilten Rodin am 13. Januar 1885 den Auftrag. Erst die zweite Maquette, die Rodin am 26. Juli vorstellte, erregte Unmut. Der Bildhauer hatte sich nun entschieden, die sechs Personen rund um die Figur von Eustache de Saint-Pierre zu arrangieren. Je nach Betrachterstandpunkt ändern sich die Bewegungsmuster der reich bewegten Gruppe. Diese studierte Rodin in unzähligen Fragmenten, Köpfen, Händen, die teils, auf einem Sockel befestigt, zu eigenständigen Arbeiten wurden oder auch in anderen Werken Eingang fanden. Hiermit folgte Rodin seinem Vorläufer Jean-Baptiste Carpeaux (1875) und dessen berühmtesten Skulpturen „Tanz“ und dem Brunnen vor der Sternwarte (1874).

 „Ich habe sie nicht, zu einer triumphalen Apotheose gruppiert: Eine solche Verherrlichung ihres Heldentums hätte nicht den Tatsachen entsprochen. Im Gegenteil, ich habe sie hintereinander gestellt, voneinander abgerückt, denn in der Unentschiedenheit des letzten inneren Kampfes […] ist jeder vor seinem Gewissen isoliert.“9 (Auguste Rodin)

Zwischen 1886 und 1889 arbeitete Rodin an den großen Aktfiguren der Protagonisten. Erst danach begann er, für sie schlichte Gewänder zu entwickeln, die er in Form von gipsgetränkten Stoffen um die Figuren drapierte. So konnte er einen lebensechten Faltenwurf studieren. Nicht nur die gedrückten Körperhaltungen, sondern auch diese ahistorischen Gewänder erregten den Unmut der Auftraggeber. Bis 1889 war die Gruppe abgeschlossen und wurde in diesem Jahr in der Galerie Petit in der Gemeinschaftsausstellung mit Claude Monet dem Publikum präsentiert. Es verstrichen noch einmal sechs Jahre, bevor die Gruppe als Denkmal umgesetzt werden konnte. Bürgermeister Omer Dewavrin, der den Auftrag erteilt hatte, ließ sie 1895 in Bronze gießen. Am 13. Juli 1885 weihte die Stadt Calais die Figurengruppe feierlich ein.

„Die Verschiedenheit in der Verteilung des Heldenmuts auf meine „Bürger“ haben Sie besonders gut bemerkt. Um diese Wirkung noch deutlicher zu machen, äußerte ich den Wunsch, man möchte meine Statuen vor dem Rathause in Calais wie eine lebendige Kette des Leidens und der Opferfreudigkeit dem Pflaster des Platzes einfügen. Es hätte dann scheinen können, als gingen diese Männer aus dem Stadthause nach dem Lager Eduards III.; und die Calaiser von heute würden bei so innigem täglichen Verkehr mit ihren Vorfahren das Gefühl der Zusammengehörigkeit, das sie mit der Gruppe verknüpft, tiefer empfunden haben.“10

Auguste Rodin stellte die Gruppe schicksalsergeben dar. Der langhaarige Eustache de Saint-Pierre ist die zentrale Figur. Jean d'Aire hält die Schlüssel der Stadt in den Händen. Dahinter zeigt Andrieus d'Andres seine ganze Verzweiflung, Jacques de Wissant presst seine Lippen aufeinander, Pierre de Wissant hebt einen rechten Arm. Jean de Fiennes folgt seinen Leidensgenossen nach. In einem Brief hielt Rodin sein Konzept noch einmal fest: In unserer Bildhauerei soll der Sinn für das Nationale, für die der Gothik [sic] eigene Erhabenheit zum Tragen kommen. […] Deswegen habe ich für meine Skulptur den Ausdruck der Zeit Froissarts gewählt.11 Für die Zeitgenossinnen und Zeitgenossen waren die Bürger des 14. Jahrhunderts zu menschlich, zu wenig heldenhaft angelegt. Dem Künstler ging es bei dem Vergleich mit der mittelalterlichen Kunst vor allem um Werke aus der sakralen Sphäre, die seiner Ansicht nach Leid, Opfer und Drama vergegenwärtigen sollten. Daher wählte Rodin als Aufstellungsort eine einfache Bodenplatte. Dass die Stadt auf einer Art Altar samt Gitter vom Stadtarchitekten Decroix bestand, scheint Rodin nicht zu sehr gestört zu haben. Erst 1924 wurde sie am Place d’Armes ohne Sockel aufgestellt. Abgüsse des Originals befinden sich in Brüssel, London, Philadelphia, Tokio, Basel, Washington, Los Angeles etc.

Balzac (1897)

Das letzte Denkmal, an dem Auguste Rodin arbeitete, ist dem Schriftsteller Honoré de Balzac (1799–1850) gewidmet. Auftraggeber war der Berufsverband der Schriftsteller, der Société des Gens des Lettres, unter der Leitung Émile Zolas. Der Kampf um die künstlerische Lösung dieses Denkmals wurde so heftig geführt, dass der Schriftstellerverband das Werk schlussendlich ablehnte. Rodin ließ die Statue daraufhin in seinem Garten in Meudon aufstellen. Einer öffentlichen Präsentation der Skulptur kam die Dreyfus-Affäre dazwischen, da sich Rodin nicht in den politischen Streit hineinziehen lassen wollte. Erst 1939 fand sie am Boulevard Montparnasse einen öffentlichen Präsentationsort.

„Ich nämlich behaupte, dass es nur eine Art gab, meinen Helden zum Leben zu erwecken: Ich musste einen Balzac zeigen, der in seinem Arbeitsraum nach Atem ringt, mit wirrem Haar und gedankenver- lorenem Blick, ein Genie, das in seinem engen Zimmer Stück für Stück das bewegte Bild einer ganzen Gesellschaft erstehen lässt; einen wahrhaft heroischen Balzac […].“12 (Auguste Rodin über den Balzac)

Auguste Rodin begann die Arbeit am Balzac mit Recherchen über dessen Person. Er sichtete Fotografien, reiste in die Touraine, besuchte den ehemaligen Schneider des Dichters, las Balzacs Korrespeondenz. Der erste Entwurf, der Balzac in einer Dominikanerkutte zeigt, begeisterte das Denkmalkomitee im Jänner 1892. Die fehlende Idealisierung, die sich im großen Kopf mit dichtem Haar zeigt, wurde noch einhellig gelobt. Renoir wurde mit der Ausführung in Marmor bis zum 1. Mai 1893 beauftragt. Der Bildhauer selbst meldete Zweifel an seinem Konzept an, entwickelte immer neue Varianten auf die Darstellung, um der Persönlichkeit Balzacs gerecht werden zu können. Schlussendlich stellte er den Dichter als nackten, unförmigen Mann, der sich breitbeinig vor den Betrachtern aufbaut. Als das Denkmalkomitee den Bildhauer 1894 besuchte, fand es die neue Lösung vor - und zeigte sich entsetzt. Einige Mitglieder wollten die bereits entrichteten 10.000 Francs zurückfordern, doch Zola verwandte sich für den Künstler und überredete seine Mitstreiter, Rodin mehr Zeit zu lassen.

Im Zuge der weiteren Arbeit am Denkmal für Balzac trennte sich Rodin von traditionellen Vorstellungen des Porträts. Das Gesicht wurde immer massiger und abstrakter. Für den Körper verband Rodin den Rumpf des Jean d’Aire, eines „Bürgers von Calais“, mit den Beinen des „Balzac“. Die endgültige Lösung zeigt einen sich nach hinten lehnenden Balzac, dessen gigantischer Kopf ein wenig hinter dem noch massiveren Körper zurücktritt. Am Salon von 1898 präsentierte Auguste Rodin nach über sechs Jahren Arbeit den „Honoré de Balzac“  gemeinsam mit dem „Kuss“. Die wüsteste Beschimpfung der Statue kam von Henri Rochefort, einem alter Freund Rodins:

„Noch nie hatte jemand die Idee, das Gehirn eines Menschen zu entnehmen und auf seinem Antlitz anzubringen.“13 (Henri Rochefort, in: „L’Intransigeant“)

Die Fotografen von Edward Steichen prägten die Rezeption der Plastik entscheidend. Steichen lässt auf seiner Fotografe „The Silhouette“ (1908), den „Balzac“ wie eine mystische Vision aus dem Halbdunkel auftauchen. Die Zeit- und Ortsangabe „4 a.m., Meudon“ verstärkt den mythisierenden Charakter dieser Aufnahme, die Rodins Werk nicht einfach dokumentiert, sondern es zu einer Erscheinung mit eigenem Recht verwandelt. Obwohl es sich um eine tonnenschwere Bronceskulptur handelt, wirkt das Denkmal in der Fotografie schwerelos.

Rodin und der Tanz

Erst spät in seinem Werk widmete sich der nunmehr berühmte Bildhauer dem Thema des Tanzes. Im Jahr 1905 lernte er die Tanz-Akrobatin Alda Moreno, Tänzerin an der Opéra Comique, kennen. Erst fünf Jahre später (1910) begann er sich mit Darstellungen von Körpern im modernen Ausdruckstanz zu beschäftigen. Als „Mouvement de danse“ bezeichnete er seine 10, oft kaum 30 cm hohen, Figuren, zu welchen sich auch Pas-de-deux-Figurationen gesellten und die er 1912 um ein Porträt und eine Statuette des Tänzers Nijinsky ergänzte.

Zu den außergewöhnlichsten Motiven im Werk von Rodin zählen die Zeichnungen nach kambodschanischen Tänzerinnen, die der Bildhauer 1906 schuf. Im Rahmen der Exposition coloniale kam König Sisowath von Kambodscha nach Paris - begleitet von seinen Tänzerinnen. Als Rodin den Tanz der Khmer sah, begeisterten ihn die stilisierten Bewegungen so sehr, dass er in weniger als einer Woche ca. 150 Zeichnungen nach den tanzenden Frauen schuf.14 Ein Jahr später (1907) stellte die Galerie Bernheim-jeune die Blätter aus.

„Bei meiner Arbeit lasse ich mich von keiner Regel leiten. Meine einzige Richtschnur ist mein Vergnügen“15 (Auguste Rodin)

Rodin und die Fotografie

Der Bildhauer arbeitete sein ganzes Leben mit Fotografie, nutzte selbst aber nie eine Kamera. Er fotografierte zwar nie selbst, arbeitete jedoch mit teils berühmten Fotografen wie Eugène Druet (1867–1919, bis 1902/03 der Hausfotograf von Rodin), Stephen Haweis (1878–1969) und Henry Coles (1875–?), Edward Steichen (erste Begegnung 1901) zusammen, um seine eigenen Werke ablichten zu lassen und zu verbreiten. Die Methode Rodins, seine Skulpturen als Abwandlungen und Weiterentwicklungen seines Körperrepertoires zu konstruieren, ließ ihn bereits für die zeitgenössischen Kritiker zum Demiurgen werden. Steichens Fotografien, darunter so berühmte Aufnahmen wie „Le Penseur [Der Denker]“ (1902) und „The Silhouette, 4 a.m., Meudon [Die Silhouette]“ (1908), verbindet einerseits Rodin mit seinem nachdenklichen Alter Ego und der Figur des Victor Hugo im Hintergrund und den „Balzac“ wie eine naturwüchsige Landmarke aus dem Halbdunkel auftauchen.

Die Aufnahmen der verschiedenen Fotografen changieren zwischen dokumentarischem, atmosphärischem und piktorialistischem Stil und dienten dazu, die Wahrnehmung seiner Skulpturen zu steuern und deren Rezeption in eine bestimmte Richtung zu lenken:

„Ihre Fotografen werden meinen Balzac dem Publikum verständlich machen.“16 (Rodin an Steichen)

In Rodins Atelier finden sich bis heute unzählige Fotografien, die der Bildhauer als Motivrepertoire seiner Skulpturen nutzte. Er vermachte 1916 dem französischen Staat nicht nur den Inhalt seiner Werkstatt, sondern auch sein Archiv, in dem sich Aktfotografien von Gaudenzio Marconi (um 1841–um 1885), Kinderfotos von Josep Maria Canellas (1856–1902) befinden. Dabei dienten die Abzüge nicht nur als Sammlung, sondern auch als veränderbare Notizen. Auguste Rodin retuschierte sie, notierte sich seine Gedanken darauf und wandelte so seine bereits fixierten Körperhaltungen unentwegt ab.

Zeitgenössische Autoren über die Werke von Auguste Rodin

Gustave Geffroy:

„Sie alle treten uns in diesem Cortège bürgerlicher Christusse entgegen, die um des Gemeinwohls willen in den Tod marschiere, dem äußeren Anschein nach erniedrigt, doch innerlich brennend vom stolzen Bewusstsein ihres Opfers.“

Octave Mirbeau:

„Rodin hat seine Fantasie frei laufen lassen […] Diese gewaltige lyrische Komposition umfasst mehr als 300 Figuren, von denen jede eine andere Haltung oder Empfindung verkörpert, jede in einer gewaltigen Synthese eine Form menschlicher Leidenschaft, Pein oder Verfluchung zum Ausdruck bringt. …[…Diese Desorientierung musste durch ein Portal eingedämmt werden,] das von zwei vorzüglichen Lisenen gerahmt wurde, deren Stil jener unbestimmten faszinierenden Phase angehört, die nicht mehr gotisch ist, aber noch nicht zur Renaissance gehört.“

Rainer Maria Rilke:

„[…] aus der Begierde zwischen Mann und Weib [war] ein Begehren von Mensch zu Mensch [geworden]. […] das Weib ist nicht mehr das überwältigte oder das willige Tier. Sie ist sehnsüchtig und wach wie der Mann […].“

„… von all den in Tüchern eingeschlagenen großen Arbeiten aus feuchtem Ton und den ganzen Abgüssen von Köpfen, Armen, Beinen ging eine feuchte Kühle aus. […] [Das Höllentor] zwei Tafeln, die mit einem Durcheinander, einem Gemisch, einem Gewirr bedeckt waren, so etwas wie verkrustete Schichten von Korallen. Dann nach einigen Sekunden, erkennt das Auge in diesen vermeintliche Korallen Vorsprünge und Hohlräume, die Überhänge und Vertiefungen einer ganzen Welt wunderbarer kleiner Figuren.“

Isadora Duncan, Tänzerin:

„Rodin war untersetzt, vierschrötig, kräftig, mit kurzgeschorenem Kopf und mächtigem Bart […]  Manchmal murmelte er die Namen seiner Skulpturen, aber man spürte, dass ihm die Namen wenig bedeuteten. Er fuhrmit seinen Händen über ihre Oberfäche und liebkoste sie. Ich erinnere mich, wie ich mir vorstellte, dass der Marmor unter seinen Händen wie geschmolzenes Blei zu fießen schien. Schließlich nahm er ein kleines Stückchen Lehm und drückte es zwischen seinen Handfächen zusammen. Dabei atmete er schwer […] In wenigen Augenblicken hatte er die Brust einer Frau geformt […] Dann hielt ich inne, um ihm meine Teorien für einen neuen Tanz zu erklären, aber ich begrif schnell, dass er nicht zuhörte. Er starrte mich unter halbgeschlossenen Lidern an, seine Augen funkelten, und dann kam er mit dem gleichen Gesichtsausdruck, den er auch vor seinen Skulpturen hatte, auf mich zu. Er fuhr mit seinen Händen über meine Hüften, meine bloßen Beine und Füße. Er fng an, meinen ganzen Körper so zu kneten, als ob er aus Lehm wäre, während von ihm eine Hitze ausging, die mich versengte und dahin schmelzen ließ. Ich sehnte mich nur noch danach, ihm mein ganzes Wesen hinzugeben […]“17

Schülerinnen und Mitarbeiter von Auguste Rodin

  • Antoine Bourdelle (1861–1929): Bourdelle begann 1893 als Mitarbeiter von Rodin.
  • Jessie Lipscomb (1861–1952): britische Bildhauerin, die mit Camille Claudel und Auguste Rodin befreundet war. Sie lernte Rodin kennen, als dieser die Vertretung ihres Lehrers übernahm. Gemeinsam mit Claudel nutzte Lipscomb ab Ende 1885 das Atelier Rodins.
  • Camille Claudel (1864–1943): französischer Bildhauerin, die ab 1883 von Rodin unterrichtet wurde. Im November 1885 begann sie für ihn zu arbeiten. Bis 1893 führten Claudel und Rodin eine geheime und vielfach angespannte Beziehung.
  • Anna Golubkina (1861–1927): russische Bildhauerin, die ab 1895 in Paris lebte und bis 1900 seine Assistentin wurde.
  • Gwen John (1876–1939s): walisische Künstlerin der Klassischen Moderne, die relativ isoliert arbeitete. Sie stand Modell für das unvollendete Denkmal für Whistler.
  • Malvina Hoffman (1885–1966): amerikanische Schülerin und Mitarbeiterin Rodins von 1910 bis 1914. Malvina Hoffman berichtete, dass Rodin gelegentlich von Porträtbüsten, an denen er arbeitete, mithilfe einer Gipsstückform eine Tonreplik herstellen liess. Danach arbeitete er experimentierfreudiger an dem neuen Tonmodell weiter. Dieses Verfahren erlaubte es Auguste Rodin, zudem einen Gipsabguss als Referenzpunkt konservieren zu können.
  • Constantin Brancusi (18761957): rumänischer Bildhauer. Arbeitete von 1904 bis 1907 bei Rodin.

Literatur zu Auguste Rodin

  • EN PASSANT. Impressionismus in Skulptur, hg. v. Alexander Eiling und Eva Mongi-Vollmer (Ausst.-Kat. Städel Museum, Frankfurt a. M., 19.3.–28.6.2020), München 2020.
  • Degas – Rodin, hg. v. Gerhard Finckh (Ausst.-Kat. Van der Heydt-Museum, Wuppertal), Wuppertal 2016.
  • Rodin und Wien, hg. v. Agnes Husslein-Arco und Stephan Koja (Ausst.-Kat. Belvedere, Wien, 1.10.2010–6.2.2011), Wien 2010.
  • Rodin (Aust.-Kat. Royal Academy of Arts, London, 23.9.2006-1.1.2007; Kunsthaus Zürich, Zürich, 9.2.–13.5.2007), Ostfildern 2006.
  • Dominique Jarrassé, Rodin. Faszination der Bewegung, Paris 1993.
  • Paul Gsell, Auguste Rodin, in: L’Art (1911), Paris 1986.

Beiträge zu Auguste Rodin

21. April 2021
Auguste Rodin, Der Denker, Studie, Detail, 1881 (Musée Rodin, S.01168)

London | Tate Modern: August Rodin

„The Making of Rodin“ in der Tate Modern zeigt Auguste Rodin als radikalen Plastiker, dessen hochexperimentelle Arbeiten aus Ton und Gips mit jahrhundertealten Traditionen brachen und ein neues Zeitalter der Skulptur einleiteten.
30. Dezember 2020
Auguste Rodin, Der Kuss, Detail, 1886 (Musée Rodin, Paris)

Paris | Musée Rodin: Picasso Rodin

Die Gegenüberstellung der beiden berühmten Künstler Auguste Rodin (1840–1917) und Pablo Picasso (1881–1973) inszeniert bereits bekannte Berührungspunkte, stellt aber auch neue Beobachtungen vor.
17. Dezember 2020
Picasso, Kuss, Detail, 1969 (Musée Picasso, Paris)

Paris | Musée Picasso: Picasso Rodin

„Picasso-Rodin“ wird überraschende Übereinstimmungen in den kreativen Prozessen beider Künstler aufzeigen. Die vom Picasso-Museum Paris und dem Musée Rodin organisierte Ausstellung zu Pablo Picasso und Auguste Rodin bietet eine einzigartige Begegnung zweier außergewöhnlicher Künstler, deren formale Erfindungen einen Wendepunkt in der modernen Kunst markieren.
9. Dezember 2020
Auguste Rodin, Der Denker, Detail, 1881 (Musée Rodin, Paris)

Auguste Rodin: Biografie Leben und Werk des französischen Plastikers und Bildhauers

Auguste Rodin ist der bedeutendste Bildhauer des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Hier findest du eine ausführliche Biografie.
28. September 2020
Guido van der Werve, Nummer acht, everything is going to be alright, 2007, Golf of Bothnia FI, 2007, 16mm to HD Edition of 7 and 2 artist's proofs Duration: 10:10 minutes

Wien | Kunsthistorisches Museum: Beethoven „Beethoven bewegt” als Hommage an den Komponisten

Ludwig van Beethoven prägte Populärkultur, politische Propaganda, Marketing und Bildkünste gleichermaßen. Das KHM widmet ihm im Frühjahr 2020 eine außergewöhnliche Hommage.
21. September 2020
Rodin und Arp in der Fondation Beyeler

Riehen b. Basel | Fondation Beyeler: Rodin/Arp Erneuerer der Skulptur trifft auf Protagonisten der Abstraktion

Erstmals in einer Museumsausstellung trifft im Dialog zwischen Auguste Rodin (1840–1917) und Hans Arp (1886–1966) das bahnbrechende Schaffen des großen Erneuerers der Bildhauerei des späten 19. Jahrhunderts auf das einflussreiche Werk eines Protagonisten der abstrakten Skulptur des 20. Jahrhunderts.
8. Mai 2020
Troubetzkoy und Sargent, Fotomontage ARTinWORDS

Frankfurt | Städel: Impressionismus und Skulptur „En passant“ fragt nach der „Übersetzung“ impressionistischer Malerei in hartes Material

Das Städel Museum in Frankfurt a. M. stellt Malerei des Impressionismus und die in ihrem Umfeld entstandene Skulptur gemeinsam aus. Im Mittelpunkt der Präsentation stehen fünf Künstler: Edgar Degas (1834–1917), Auguste Rodin (1840–1917), Medardo Rosso (1858–1928), Paolo Troubetzkoy (1866–1936) und Rembrandt Bugatti (1884–1916).
22. April 2018
Auguste Rodin, Studie nach den Reitern am südlichen Parthenon Fries, Grafit, Feder und Tinte, vor 1870 (Musée Rodin, Foto Jean de Calan)

Rodins Bewunderung für Phidias „Der Kuss“ und die Parthenon Skulpturen im British Museum

Mit der Konzeption der Parthenon Skulpturen war Phidias in die Geschichte eingegangen – und wurde Jahrtausende später zum künstlerischen Mentor Rodins. Auf der Suche nach Inspiration studierte Auguste Rodin diese berühmten Skulpturen mehrere Male, nachdem er sie 1881 auf seiner ersten London-Reise entdeckt hatte.
22. April 2018
Auguste Rodin, Der Kuss, Detail, 1886, Marmor, dritte Kopie der Skulptur (Ny Carlsberg Glyptotek, Kopenhagen), Foto: Philipp Weissenbacher

10 Dinge, die man über Auguste Rodin wissen sollte Berühmteste Skulpturen, Radikalität, Beziehungen

Auguste Rodin (1840–1917) ist vielleicht der berühmteste Bildhauer der Klassischen Moderne. Die Popularität von Werken wie „Der Kuss” und die Universalität von „Der Denker“ haben ihm weltweit großen Ruhm beschert. Das Wichtigste über Leben und Werk Rodins in zehn Punkten.
28. Januar 2017
Eugène Druet, Auguste Rodin zwischen seinen Werken in seinem Atelier

Auguste Rodin: Werke "Das Höllentor", "Der Denker", "Der Kuss", "Die Bürger von Calais", ... #Rodin100

Es ging Auguste Rodin um die Allansichtigkeit seiner Plastiken. Ziel von Rodins Arbeit war, neue Kompositionen und Techniken zu erfinden, um leidenschaftliche Gefühle auszudrücken. Anstelle der Allegorie tritt bei ihm der Torso, das Fragment, der Mensch mit all seinen Leidenschaften. Die Körper sind von Schwerkraft, Bescheidenheit und Erzählung befreit, haben keinen perfekten Standpunkt, erlauben keine Interpretation durch Werktitel oder Attributen.
29. Dezember 2016
Edgar Degas, Tänzerin in Ruhestellung, um 1882/1885, Bronze, H. 45,5 cm (Von der Heydt-Museum Wuppertal) & Tänzerinnen (im Hintergrund), 1900–1905 (Von der Heydt-Museum Wuppertal Foto: Medienzentrum/Antje Zeis-Loi)

Degas & Rodin Wettlauf der Giganten zur Moderne im Von der Heydt Museum Wuppertal

Edgar Degas (1834–1917) und Auguste Rodin (1840–1917) revolutionierten beide auf ihre Weise die Kunst des späten 19. Jahrhunderts: Der Maler, Druckgrafiker und Plastiker Degas wählte moderne Motive, setzte einen fotografischen Blick ein und dachte über das moderne Großstadtsubjekt nach. Rodin stieg aufgrund seiner Themenwahl, der neuartigen Oberflächengestaltung und seiner revolutionären Auffassung des Denkmals ab 1880 zum Bildhauerfürsten Europas auf. Beide reflektierten den Prozess des Kunstmachens genauso wie ihre unterschiedlichen sozialen Rollen innerhalb des Kunstzirkels; beide verstarben vor genau 100 Jahren.
22. Dezember 2013
Auguste Rodin, Der Denker © Musée Rodin.

Musée Rodin, Paris der Denker, der Kuss, das Eherne Zeitalter im Hôtel Brion

Ein Jahr bevor Auguste Rodin 1917 starb, vermachte er seine Sammlung dem französischen Staat mit der Auflage sein Atelier zu erhalten. Erst in den 1960er Jahren wurde dieses kostbare Erbe erstmals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Das Musée Rodin beherbergt heute noch einige Gips- und Tonmodelle, sog. „maquettes“, des wichtigsten Bildhauers der Jahrhundertwende.
1. Oktober 2010
Auguste Rodin, Entwurf für das Denkmal für Victor Hugo, 1890, Terrakotta, 72 x 68 x 46 cm, Belvedere, Wien © Belvedere, Wien.

Rodin und Wien Durchbruch in der Secession

Auf der IX. Ausstellung der Wiener Secession Anfang des Jahres 1901 stellte Auguste Rodin (1840-1917) gemeinsam mit Max Klinger (1857-1920) zu Ehren des kurz zuvor verstorbenen Italo-Schweizers Giovanni Segantini (1858-1899) aus. 14 Plastiken und acht Grafiken hatte Rodin nach Wien geschickt und beehrte die Kaiserstadt auch mit seiner persönlichen Anwesenheit. Ludwig Hevesi (1843-1910), bedeutendster Kunstkritiker und Unterstützer der Wiener Secession, berichtete von der „erschütternden Gruppe der Bürger von Calais“, dem „wunderbaren Kopf der Balzac-Statue“ sowie „Eva“ und „Dem ehernen Zeitalter“ als stilistische Gegenstücke. Nicht nur er sah in dieser Ausstellung eine der wichtigsten der jüngeren Secessionsgeschichte.
  1. Als dienende Kunst hätte sich die Skulptur der Malerei und der Architektur zu unterwerfen.
  2. Der Salon hatte 1862 mit Jean-Françoise Millets „Der Mann mit der Hacke“ (um 1860-62, Öl auf Leinwand, 80 x 99 cm J. Paul Getty Museum, Los Angeles, USA) ein realistisches Gemälde zugelassen, das als Aufruf zum Aufstand der Entrechteten interpretiert worden war. Victor Hugo hatte im selben Jahr „Les Miserables“ publiziert. Die Arbeiterbewegung schloss sich 1864 zur Ersten Internationalen zusammen.
  3. Diesen Kunstgriff wandte Rodin in der Folge häufig an: „Johannes der Täufer“ (1878) nackt und ohne Kreuz.
  4. Zitiert nach Antoinette Le Normand-Romain  (Hg.), The Bronzes of Rodin, Catalogue of Works in the Musée Rodin, Vol. II, Paris 2007, S. 642.
  5. Zitiert nach Rainer Maria Rilke, Auguste Rodin, Frankfurt/Main 1984, S. 28.
  6. Zitiert nach ebenda, S. 56.
  7. Zitiert nach Ebenda, S. 61.
  8. Brief Rodins vom 20.November 1884, Zitiert nach S. 30.
  9. Zitiert nach Paul Gsell, Chez Rodin, in: L’Art et les Artistes XIX, Nr. 109, Paris 1914, S. 66-67.
  10. L’Art. Entretiens réunis par Paul Gsell, 1911. Zitiert nach S. 30.
  11. Zitiert nach S. 14 und 20.
  12. Zitiert nach Nicole Hartje-Grave, Rodin und Degas – Artistes engagés? Zwei Künstler im Spannungsfeld von Politik  und Gesellschaft, in: Degas - Rodin (Ausst.-Kat. Van der Heydt-Museum, Wupertal, 2016), Wuppertal 2016, S. 73–113, hier S. 88.
  13. Zitiert nach Rose-Marie Stolberg, Ich verachte die Politik. Rodin und die Politik, in: Agnes Husslein-Arco, Stephan Koja (Hg.), Rodin und Wien (Aust.-Kat. Belvedere, Wien), München 2010, S. 41-48, hier S. 46.
  14. Es sind etwa 6.000 Zeichnungen Rodins erhalten, die ab 1880 entstanden und ab 1890, und noch einmal verstärkt ab 1898, in großer Anzahl gefertigt wurden. 4.300 Zeichnungen davon werden im Musée Rodin verwahrt.
  15. Zitiert nach  Raphaël Masson und Véronique Mattiussi, Rodin.  Paris. 2004. S. 7.
  16. Zitiert nach Edward Steichen, A life in photography, New York 1963.
  17. Zitiert nach R. Crone, D. Moos, Eine biographische Erzählung, in: R. Crone, S. Salzmann, Rodin – Eros und Kreativität, München 1992, S. 54f.