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Barcelona | Museu del Disseny: Picasso und die spanische Keramik Picassos Testament | 2023

Pablo Picasso, Sirenenlied, 1957, Terrakotta in Form einer Meerjungfrau mit dickem, gebogenem Griff, verziert mit Engalba und Metalloxiden (Museu del Disseny, Barcelona © Succession Picasso, VEGAP, Madrid, 2023)

Pablo Picasso, Sirenenlied, 1957, Terrakotta in Form einer Meerjungfrau mit dickem, gebogenem Griff, verziert mit Engalba und Metalloxiden (Museu del Disseny, Barcelona © Succession Picasso, VEGAP, Madrid, 2023)

Pablo Picasso besuchte 1957 die Frühjahrsausstellung „La ceràmique espagnole, du XIIIème siècle a nos jours“ im Palais Miramar in Cannes eine Auswahl an Keramiken vom 13. bis zum 19. Jahrhundert. Seine Reaktion war äußerst heftig und emotional, wie sein Ausruf in „La Vanguardia“ dokumentiert:

„Aber ist es möglich, dass sie das vor mir getan haben?“

La voluntat de Picasso.
Les ceràmiques que van inspirar l'artista
[Picassos Testament.
Die Keramik, die den Künstler inspirierte]

Spanien | Barcelona: Museu del Disseny
30.6. – 17.9.2023

Picassos Keramiken

Im August 1947 begann Picasso mit der Keramikkunst. Der Spanier hatte etwas mehr als ein Jahr zuvor bei einem Besuch der Keramik-Werkstatt Madoura in Vallauris den neuen Werkstoff entdeckt (Juli 1946). Das Keramikerpaar Georges und Suzanne Ramié unterrichtete ihn; weiters informierte er sich in Italien bei Agnore Fabbri und Lucio Fontana über den von ihnen genutzten Brennofen und die Farben. Da Picasso den alten „römischen Brennofen“ (Holzofen) mit seiner ungleichmäßigen Brenntemperatur nicht schätzte, wurde schließlich ein elektrischer Brennofen in Madoura installiert.

„Immer wenn Picasso beschließt, sich mit neuen Materialien auseinanderzusetzen, um seinen unstillbaren Wunsch zu befriedigen, die Besonderheiten jedes Mediums zu entdecken, fühlt er sich von jeder Art von Schwerkraft befreit, die seinen Flug behindern könnte. Er scheint eine neue Schärfe in seinem Streben nach gefährlichen Begegnungen mit schädlichen Störungen, die ihn im Verborgenen ärgern, zu entwickeln. Und das erfüllt ihn sofort mit einem unglaublichen Einfallsreichtum praktischer Art.“ (Georges Ramié, aus: Picassos Keramik, 1974)

Für Picasso bedeutete Keramik die Entdeckung eines neuen Materialrepertoires, da er mit den Formen des traditionellen Tons experimentieren konnte. Durch die Integration von Skulptur und Malerei interpretierte der Künstler diese neu und transformierte sie von Gebrauchsgegenständen zu Kunstwerken. Ihn begeisterte sofort die neue Welt von unbegrenzten Formmöglichkeiten; allerdings formte er – außer ein paar Tonfigürchen im Jahr 1947 – nie ein einziges Gefäß selbst. Stattdessen wählte er ungebrannte Teller, Platten und Vasen und verwandelt sie in eigene Kunstwerke. Außerdem freute er sich, Neues zu erlernen und aufregende Resultate zu erzielen. Picasso erfand neue plastische Formen und liebte das Malen und unebener Fläche. In seinen Keramiken griff er Themen wieder auf, die er zuvor behandelt hatte – den Zirkus, den Maler und das Modell, Porträts, Stillleben und Landschaften – und andere, die sich auf die Natur und die Tiere seiner unmittelbaren Umgebung bezogen. Viele der Vasen zeigen Picassos kindliche Freude am Schöpfungsprozess und sind mit einem Augenzwinkern zu verstehen.

Picasso richtete sich in einem Atelier in der Nähe von Madoura einen Arbeitsplatz ein, wo er seine Entwürfe für neue Keramikarbeiten skizzierte. Wenn er damit dann im Töpferatelier ankam, beschäftigte er sich mit den Schwierigkeiten, seine Konzepte zum Leben zu erwecken. Manchmal stieß er auf strukturelle Probleme – beispielsweise wie er dreidimensionale Elemente am besten in die flachen Oberflächen seiner Teller integrieren konnte. Zu anderen Zeiten hatte er Probleme mit der Dekoration seiner Keramik. Verschiedene Glasuren und Oxide, die Picasso zum Bemalen der Oberfläche seiner Töpferwaren verwendete, erschienen beim Auftragen matt oder fast transparent, um dann beim Brennvorgang im Ofen ihre Farben lebendig – und manchmal unvorhersehbar – zum Leben zu erwecken. Picasso konnte nur durch lange, harte Arbeit ein Gefühl dafür entwickeln, wie solche Farben auf seinen Keramikarbeiten erscheinen würden.

„Er [Picasso] entschied, dass neben seinem ursprünglichen persönlichen Werk eine Sammlung von Werken eröffnet werden sollte, die so konzipiert sein sollte, dass jedes einzelne davon in einer noch festzulegenden Anzahl von Kopien wiederholt werden könnte. Ihre Beschaffenheit sollte es ermöglichen, die genaueste Treue zum Stück und eine Garantie für absolute Authentizität zu bescheinigen und den Amateurkunstliebhaber, der eines zu erschwinglichen Konditionen besitzen möchte, von einem treuen und unbestreitbaren Werk zu überzeugen.“ (Georges Ramié)

Zwischen 1947 und 1971 entwarf Pablo Picasso über 3000 Unikate, von denen 633 verschiedene Keramikeditionen gefertigt wurden. Einige Auflagenserien wurden bis zu 500 Exemplaren vervielfältigt. Picasso gefiel die Vorstellung, dass seine Kunst auch bei weniger begüterten Menschen als Alltagsgegenstand Verwendung finden könnte. Deshalb begann er mit der Herstellung einfacher Gebrauchsgegenstände wie Teller und Schüsseln, schuf später jedoch komplexere Formen, darunter Krüge und Vasen – deren Griffe gelegentlich so geformt waren, dass sie Gesichtszüge oder anatomische Teile seiner Tiermotive nachbildeten.

Das keramische Werk von Picasso wird deshalb grob in zwei Gruppen geteilt. Angeregt durch die Vielfalt „mediterraner“ Formen, formte Picasso (bereits vorgefertigte) Kannen zu Figuren oder Menschen; manche Stücke versah er auch mit einem Relief. Die Grenze zwischen gefäßähnlichen Gebilden und Figuren ist genauso fließend wie jene zur Skulptur. Einige seiner Entwürfe arbeitete Picasso später zu Skulpturen weiter aus und ließ sie in Bronze gießen.

Die zweite Gruppe betrifft Picasso als Maler, der die Herausforderung des Malens auf nichtebener Fläche als Herausforderung betrachtete. Picassos Galerist Daniel-Henry Kahnweiler erinnerte sich an ein Gespräch Picassos mit Henri Laurens vom 8. Juli 1948:

„Sie müssen sich mit Keramik beschäftigen. Es ist wunderbar! Ich habe einen Kopf gemacht. Man kann ihn von jeder Seite anschauen, er ist flach. Natürlich ist es die Malerei, die ihn flach erscheinen lässt – er ist nämlich bemalt. Ich habe erreicht, dass er durch die Malerei von jeder Seite flach wirkt. Was sucht man eigentlich in einem Gemälde? Die Tiefe, den größtmöglichen Raum. Bei einer Plastik muss man zu erreichen suchen, dass sie für den Betrachter von allen Seiten flach wirkt.“

In den ersten eineinhalb Jahren schuf Picasso bereits Hunderte von Objekten. Seine ersten Werke präsentierte der Künstler 1948 im Maison de la Pensée in Paris; die renommierte Zeitschrift „Cahiers d’Art“ von 1948 widmete Picasso der Vorstellung von Picassos Werk, davon waren zwei Drittel Keramiken: Auf über 120 Seiten präsentierte der Künstler rund 450 karmische Arbeiten. Von Anfang an genoss Picassos Keramik großen Zuspruch und Wertschätzung. So wurden sie nie als normale Keramik, sondern immer als integraler Teil von Picassos skulpturalem Werk aufgefasst.

Picasso im Museu del Disseny in Barcelona

Picassos Bewunderung und seine Begegnung mit Lluís Maria Llubià führten dazu, dass Picasso 16 Keramiken an die Kunstmuseen von Barcelona schenkte, darunter „Sirene“. Der Krug „Sirene“ ist ein zusammengesetztes Terrakottastück in Form einer Meerjungfrau mit einem dicken, gebogenen Griff aus dem Jahr 1957. Picasso verzierte ihn mit Metalloxiden und Engobe, einer Tonpaste, die ihm eine glatte und eisige Oberfläche verleiht.

Dieses Werk ist Teil der Sammlungen des Museu del Disseny, das Design Museum von Barcelona. Picasso stellte an die Schenkung eine einzige Bedingung: „Sie sollte zusammen mit einer bedeutenden Sammlung dieser Museen ausgestellt werden.“

Anlässlich des Jubiläums „Picasso 1973–2023“ zeigt das Museu del Disseny 16 vom Künstler gestifteten Stücke im Dialog mit der Sammlung historischer Keramik. Ebenso wird die Geschichte der Schenkung an die Kunstmuseen von Barcelona erzählt, ​​die mit der Ausstellung spanischer Keramik in Cannes im Jahr 1957 beginnt. Damit erfüllt das Museum seinen Wunsch, eine Beziehung zwischen seinen Werken und traditioneller Keramik herzustellen.

Kuratiert von Isabel Cendoya und Isabel Fernández del Moral.

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Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.