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Berthe Morisot. Werke und Leben Impressionistin der ersten Stunde malte das moderne Leben der bürgerlichen Frau

Berthe Morisot, Frau in Grau liegend, Detail, 1879, Öl/Lw, 60 x 73 cm (Privatsammlung, Paris)

Berthe Morisot, Frau in Grau liegend, Detail, 1879, Öl/Lw, 60 x 73 cm (Privatsammlung, Paris)

Berthe Morisot (1841–1895) war eine zentrale Persönlichkeit des Impressionismus – und mit dem Bruder von Edouard Manet, Eugène Manet, verheiratet. Morisot nahm mit ihren Bildern an der Ersten Impressionisten-Ausstellung 1874 teil und zählt damit zu den Begründerinnen des Stils. Als Tochter des Bezirkshauptmanns von Cher und Enkelin des berühmten Rokoko-Malers Jean-Honoré Fragonard kam Berthe Morisot aus einer kunstaffinen Familie, die ihre Ambitionen deutlich unterstützte. Zeitlebens stellte Morisot unter ihrem Mädchennamen aus.

Die Figurenmalerin widmete sich verschiedenen Themen des modernen Lebens wie der Intimität des modernen bürgerlichen Lebens und den Freizeitgestaltungen der gehobenen Gesellschaft, die Begeisterung für Dörfer und Gärten, der Bedeutung von Frauenmode und Toilette, der häuslichen Arbeit von Frauen. In ihren Bildern verschwimmen die Grenzen zwischen innen/außen, privat/öffentlich, abgeschlossen/unvollendet.

Berthe Morisot wurde als einer der innovativsten Künstlerinnen der Gruppe anerkannt und bildet neben Mary Cassatt und Marie Braquemond das Dreigestirn der Pariser Avantgarde der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die Ausstellung zeichnet den außergewöhnlichen Werdegang einer Malerin nach, die gegen die Vorstellungen der Gesellschaft ihrer Zeit von den späten 1860er Jahren bis zu ihrem frühen Tod im Jahre 1895 eine wesentliche Figur der Pariser Avantgarde war.

Malerin werden

Die aus einem wohlhabenden Familie in Bourges stammende Berthe Morisot erhielt ihre erste Kunstausbildung von Geoffroy-Alphonse Chocarne und Joseph Guichard. Dem ersten Besuch der Sechzehnjährigen Morisot im Louvre 1857 folgten weitere, in denen sie sich durch das Kopieren von vorbildlich geltenden Werken fortbildete. Im Louvre machte die angehende Künstlerin Bekanntschaft mit weiteren jungen Malern wie Claude Monet und Edgar Degas.

Die 23-jährige Berthe Morisot stellte erstmals 1864 zwei Landschaften im Salon von Paris aus und auch in den folgenden sechs Jahresausstellung der renommierten Académie des beaux-arts zugelassen. Bis 1869 arbeitete Berthe Morisot Seite an Seite neben ihrer Schwester Edme. Als diese den Marienoffizier Adolphe Pontillon heiratete und nach Cherbourg übersiedelte, hatte Edme keine Zeit mehr sich der Malerei zu widmen. In den Jahren vor der Ersten Impressionisten-Ausstellung 1874 widmete sich Berthe Morisot vor allem dem Aquarell.

Nachdem Berthe Morisot 1868 Edouard Manet kennengelernt hatte, übte dieser einen eminenten Einfluss auf die Künstlerin aus. Die enge Verbindung zwischen den beiden führte zum einen zum häufigen Modellstehen Morisots für Manet - zum Beispiel für dessen bekanntes Bild "Am Balkon" - und zum anderen zum Gerücht, Morisot wäre seine Schülerin gewesen. In den späten 1860ern und frühen 1870er Jahren ließ Berthe Morisot die akademische Malweise hinter sich und entwickelte sich zu jener ernstzunehmenden Künstlerin, die den „weiblichen Blick“ des Impressionismus mitprägte. 1872 fand Berthe Morisot im Kunsthändler Paul Durand-Ruel einen frühen Förderer ihrer Kunst, denn Durand-Ruel erwarb 22 ihrer Gemälde.

 

 

Berthe Morisot, die Impressionistin

1874 löste sie sich von der offiziell anerkannten Ausstellungsinstitution, um sich den „zurückgewiesenen“ Impressionisten in ihrer Ausstellung im Atelier des Fotografen Nadar anzuschließen (→ Erste Impressionisten-Ausstellung 1874). Mit zwölf Gemälden, darunter das bekannte Werk „Die Wiege [Le Berceau]“ (1872, Musée d‘Orsay), stellte sie sich als begabte Beobachterin des modernen Lebens vor. Neben Morisot präsentierten sich Paul Cézanne, Edgar Degas, Claude Monet, Camille Pissarro, Pierre-Auguste Renoir und Alfred Sisley, um die heute bekanntesten Maler aufzuzählen. Bis auf die Schau im Jahr 1878, als ihre Tochter geboren wurde, nahm Berthe Morisot an sieben der acht Impressionisten-Ausstellungen teil. Für die letzte und achte Impressionisten-Ausstellung 1886 zeichneten sie und ihr Mann hauptverantwortlich (→ Achte Impressionisten-Ausstellung 1886).

 

 

Figuren im Sonnenlicht

Ab den späten 1860er Jahren fand Berthe Morisot in der Erneuerung des Figurenbildes zur Freilichtmalerei. Sie schuf zahlreiche Gemälde ihrer Familie in den Gärten und Parks von Paris oder am Meer. Darin verband sie die Beobachtung bürgerlicher Freizeitgestaltung mit malerischen Erneuerung, nämlich der Freilichtmalerei.

 

Mode, Weiblichkeit und die Pariserin

Die Bedeutung der Mode für die Konstruktion der modernen bürgerlichen Weiblichkeit nahm eine zentrale Rolle in den Gemälden der Künstlerin der 1870er und 1880er Jahre ein. Dieses Interesse zeigt sich durch Morisots Bilder, in denen sie bedeutende Sujets der männlichen Kollegen adaptierte – wie die elegante Pariserin am Ball oder beim Ankleiden, sowie die Pariserin im Parks und Gärten.

 

 

Frauen bei der Arbeit

Berthe Morisot glaubte, dass die Malerin danach streben sollte, „etwas einzufangen, was geschieht“. Dafür beobachtete sie nicht nur ihre Familienmitglieder, sondern auch die weiblichen Bediensteten. Die Mehrzahl von den gemalten Frauen beschäftigte sie selbst in ihrem Haushalt. Morisots Interesse daran, diese arbeitenden Frauen zu malen, spiegelt ihre eigene Situation wider. Gleichzeitig dokumentiert sie bürgerliche Lebensführung und die Intimität des geteilten Haushalts.

 

Vollendet/Unvollendet

Berthe Morisot ist heute vor allem als Schöpferin von zunehmend „unvollendeten“ Bildern bekannt. Ihre Technik und ihre radikalen Experimente mit dem Konzept des Vollendeten und Unvollendeten in ihrem Werk stellt den Prozess des Malens selbst in den Mittelpunkt. Gleichzeitig stellt die Malerin Fragen nach der Unbestimmbarkeit von Figur und Raum, an der sie seit ihren frühesten Pleinair-Gemälden arbeitete.

 

 

Fenster und Durchreichen

Berthe Morisots Interesse an eingeschränkten Räumen wird an ihren Gemälden von Türen und Fenstern deutlich. In diesen häufig räumlich ambivalenten Umgebungen lässt die Malerin Licht und Atmosphäre walten. Die vergänglichsten ihrer Sujets dienen dazu, die menschliche Figur innerhalb dieser transitorischen Räume zu halten.

 

Ein eigenes Atelier

In den 1890er Jahren malte Berthe Morisot häufig ihre häusliche Umgebung, die ihr sowohl als Atelier wie auch als Motiv diente. In dieser Phase gelangte sie zu einer neuen Expressivität in ihren Gemälden. Morisots Figuren werden zunehmend von ihrer Umgebung umschlossen. Die vibrierende, gesättigte Palette und der geschmeidige Pinselstrich lassen an die Ästhetik des Symbolismus denken, die während der 1890er Jahre bedeutsam wurde.

Moderne Themen und die Geschwindigkeit der Ausführung wurden von den Impressionisten mit der Zeitlichkeit der Darstellung verbunden. Die Künstlerin konfrontiert uns unermüdlich mit dem Vergänglichen und dem Vergehen der Zeit. So laden Morisots späte Werke, die sich durch eine neue Ausdruckskraft und Musikalität auszeichnen, zu einer oft melancholischen Meditation über die Beziehungen zwischen Kunst und Leben ein.

Kuratiert von Sylvie Patry, Chefkuratorin, Direktorin der Sammlung des Musée d'Orsay, Nicole R. Myers im Dallas Museum of Art.

 

 

Berthe Morisot. Werke und Leben: Bilder

  • Berthe Morisot, Die Krippe, 1872, Öl/Lw, 56 x 46 cm (Musée d’Orsay, erworben vom Louvre (1930) RF2849)
  • Berthe Morisot, Lesen, 1873, Öl/Lw, 46 x 71,8 cm (Cleveland Museum of Art, Hanna Fund, 1950.89)
  • Berthe Morisot, Eugene Monet auf der Isle of Wight, 1875, Öl/Lw, 38 x 46 cm (Paris, Musée Marmottan-Monet)
  • Berthe Morisot, Frau in Grau liegend, 1879, Öl/Lw, 60 x 73 cm (Privatsammlung, Paris)
  • Berthe Morisot, À la campagne (Après le déjeuner) [Auf dem Land], 1881, Öl/Lw, 81 x 100 cm (Sammlung Larry Ellison)
  • Berthe Morisot, Selbstporträt, 1885, Öl/Lw, 61 x 50 cm (Musée Marmottan Monet, Fondation Denis et Annie Rouart, photo gracieuseté du Musée Marmottan Monet, Paris / Bridgeman Images)
  • Porträt von Berthe Morisot, Fotografie von Charles Reutlinger, um 1875 (Musée Marmottan Monet, Paris / Bridgeman Images)

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Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.