Fast 70 Meisterwerke bedeutender Künstler:innen im Guggenheim Museum Bilbao präsentieren die Geschichte der Sammlung des Musée d'Art Moderne de Paris (MAM). Die Auswahl gibt gleichzeitig einen Überblick über die künstlerischen Avantgarde-Bewegungen, die während der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts in Paris entstanden sind.
Spanien | Bilbao: Guggenheim
11.2. – 22.5.2022
Das MAM wurde anlässlich der „Exposition Internationale“ (1937) erbaut, um die Sammlungen moderner Kunst der Stadt Paris zu beherbergen. In den folgenden Jahrzehnten wurden sie dank bedeutender Ankäufe von Werken Pariser Kunstschaffender schnell erweitert. Als Museum eröffnete das MAM erst im Jahr 1961. Mäzene waren eine wesentliche Quelle der Unterstützung für dieses Projekt, insbesondere Dr. Maurice Girardin, dessen Museumsnachlass von 1953 zum Kern für die Sammlung moderner Meister wurde, darunter die Künstler:innen des Fauvismus, Kubismus und Vertreter:innen der Schule von Paris.
Fauvismus und Kubismus entwickelten sich ab 1905 in Paris. Bevor sich diese Bewegungen als bedeutende Meilensteine der Kunstgeschichte etablierten, empfanden das Publikum diese Stilrichtungen als zu radikal und skandalös. Die Fauves verwendeten kräftige, nicht naturalistische Farben und spontane Pinselführung, während die Kubisten darauf abzielten, Objekte und Figuren in Ebenen darzustellen, die gleichzeitig unterschiedliche Blickwinkel zeigen. Diese kühne Freiheit galt als Skandal, da sie die traditionelle Darstellung von Porträts, Landschaften und Stillleben in Frage stellte.
Nachdem der Kunstkritiker Louis Vauxcelles 1905 die Werke von Henri Matisse und André Derain im Salon d’Automne in Paris gesehen hatte, bezeichnete er die Künstler als „les fauves“, auf Deutsch „wilde Bestien“ (→ Matisse und die Künstler des Fauvismus). Tatsächlich trieb der Fauvismus die Auflösung von Formen in Farbe weiter und verwendete eine lebendige Palette leuchtender Farben. Das Erbe von Impressionismus und Pointillismus (→ Postimpressionismus | Pointillismus | Divisionismus) resultierte im Bemühen, neue formale Wege zu finden. Um intensive emotionale Reaktionen hervorzurufen, betonten diese Maler das Ausdruckspotential der Farbe und wählten eine radikal neue malerische Herangehensweise: Henri Matisse, Derain, Maurice de Vlaminck und Louis Valtat aus der ersten Generation des Fauvismus beeinflussten u.a. Robert Delaunay.
Um 1908 wurde der Kubismus als revolutionärer Ansatz zur Darstellung der Realität etabliert. Ursprünglich spotteten Kritiker, dass diese Gemälde aus kleinen „Würfeln“ bestehen würden. Henri Matisse, selbst kurz zuvor noch im Zentrum der Kritik, verlieh dem Kubismus seinen Namen und wertete ihn aus seiner Sicht ab. Pablo Picasso und Georges Braque leisteten gemeinsam Pionierarbeit für den kubistischen Stil, basierend auf ihrer Analyse der Gemälde von Paul Cézanne, die von jungen Maler:innen im frühen 20. Jahrhundert sehr geschätzt wurden. Ziel der fragmentierten Kompositionen sowie Skulpturen war, gleichzeitig verschiedene Perspektiven zu verwenden und so die von der Renaissance geerbten Regeln der Raumwiedergabe in Frage zu stellen. Zu den Künstler:innen dieser Bewegung gehörten Picasso und Braque, Albert Gleizes, Natalja Gontscharowa, Juan Gris, Fernand Léger, Andre Lhóte und Jean Metzinger.
In der Zwischenkriegszeit trugen vor allem figurative Maler:innen und Bildhauer:innen aktiv zum Aufblühen einer neuen künstlerischen Szene in Paris bei. Die Auswahl an Werken hebt internationale Künstler:innen hervor, deren Aufenthalt in der französischen Hauptstadt die Schule von Paris hervorbrachte – neben mehreren damals äußerst bekannten französischen Künstler:innen, darunter Henri Matisse, Suzanne Valadon und Marie Laurencin.
Der Begriff „Schule von Paris“ wurde 1925 vom Kritiker André Warnod geprägt. Die Schule von Paris bezieht sich nicht auf eine Bewegung, sondern umfasst eine Generation von Kunstschaffenden unterschiedlichster Nationalitäten, die von der Intensität und Qualität der Pariser Künstlerszene angezogen worden waren. Von 1900 bis zum Ersten Weltkrieg war Montmartre die Wiege dieser Avantgarde-Künstler:innen; dann folgte Montparnasse als neues Zentrum der künstlerischen Bohème in den 1920er und 1930er Jahren; nach dem Zweiten Weltkrieg wählten Kunstschaffende Saint-Germain-des-Prés zum Ort künstlerischer Aktivitäten.
Tatsächlich wurden die Cafés, Workshops, Bälle und Kabaretts dieser drei Bezirke zum neuen Treffpunkt der kosmopolitischen Künstlergemeinschaft und zu Stadtmagneten für ein robustes Pariser Gesellschaftsleben. Zu den emigrierten Künstlern, die diese Aktivitätszentren frequentierten, gehörten Marc Chagall, Chana Orloff, Chaim Soutine und Ossip Zadkine aus dem ehem. Kaiserreich Russland; Jules Pascin aus Bulgarien; Amedeo Modigliani aus Italien; María Blanchard aus Spanien; Kees van Dongen aus den Niederlanden; und Léonard Foujita aus Japan.
Der Surrealismus entstand in den 1920er Jahren in Paris auf Basis der Schriften der Dichter Guillaume Apollinaire, André Breton, Louis Aragon, Philippe Soupault und Paul Éluard. Diese Literaten hatten sich zusammengeschlossen, um Ordnung und Vernunft zu stürzen und die Notwendigkeit zu veranschaulichen, die Welt neu zu verzaubern. Breton, der Theoretiker dieser Gruppe, legte den Grundstein für eine neue ästhetische Aussage, die sich auf neue Inspirationsquellen stützte, darunter Freud‘sche Theorien und Psychoanalyse, Mythen und Symbole, das Unbewusste, Träume und ihre Manifestationen, die Anziehungskraft für das Wunderbare sowie Zufall und Weissagung.
Diese Bewegung war in alle Bereiche des künstlerischen Schaffens integriert und läutete neue künstlerische und technische Erfindungen ein. Künstler wie Man Ray, Breton und Max Ernst haben fruchtbare Wechselwirkungen zwischen Realität und Irrationalität angenommen. Andere surrealistische Künstler wie Victor Brauner und Francis Picabia (→ Francis Picabia: Unser Kopf ist rund) verschmolzen verschiedene Bilder miteinander und entwickelten neue Themen, die zwischen Esoterik und Symbolik schwankten. Das ermöglichte Künstler:innen wie Claude Cahun, Anton Prinner und Brauner, mit Vorstellungen von Androgynie und Geschlechterfluidität zu experimentieren .
Der Surrealismus setzte sich für das Irrationale, das Revolutionäre und die Befreiung des Geistes ein. Die mit der Bewegung verbundenen Ideen wurden über mehrere Jahrzehnte hinweg entwickelt und durch internationale Netzwerke verbreitet, angenommen und neu interpretiert. Künstler:innen wie Wifredo Lam, Véra Pagava und Leonor Fini beispielsweise untersuchten in ihren Werken Aspekte des Totemismus, der Wiederbelebung der Antike und der archaisch gefärbten Symbolik.
Antifaschistische Künstler wie Breton, Ernst, André Masson und Roberto Matta verließen Europa in Richtung New York, wo sie in Peggy Guggenheims Galerie „Art of This Century“ die Auswirkungen des Surrealismus in den Vereinigten Staaten entdeckten – und weiter beförderten. Vor allem Guggenheim ist die Förderung von Künstlerinnen zu verdanken wie Leonor Fini uvm. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war der Surrealismus in Paris immer noch sehr präsent, weshalb sich die Emigant:innen mit der neuen Generation vermischten.
Kuratiert von Fabrice Hergott, Direktor des Musée d´Art Moderne de Paris in Kooperation mit Hélène Leroy, Kuratorin am Musée d´Art Moderne de Paris, und Geaninne Gutiérrez-Guimarães, Kuratorin des Guggenheim Museum Bilbao.