Charlotte Salomon

Wer war Charlotte Salomon?

Charlotte Salomon (Berlin 16.4. 1917–10.10. 1943 Auschwitz) war ein deutsch-jüdische Künstlerin des Expressionismus. Salomon ist heute vor allem für den autobiografischen Zyklus „Leben? oder Theater? Dreifarben Singspiel“ (1941–1942, Jüdisches Historisches Museum, Amsterdam) bekannt, in dem Kunst und Literatur, Film und Musik spielerisch miteinander verwoben werden. Am 24. September 1943 wurde Charlotte Salomon aus Südfrankreich deportiert und kam am 10. Oktober in Auschwitz an. Da die 27-Jährige Charlotte schwanger war, wurde sie sofort vergast. Ihr Werk umfasst 1.325 Gouachen und Texte auf Pauspapierblätter.

Kindheit

Charlotte Salomon wurde am 16. April 1917 in Berlin geboren. Sie stammte aus einer wohlhabenden Berliner Familie; ihr Vater Albert Salomon war Chirurg. Ihre Mutter Franziska Salomon war sensibel und unruhig; sie beging Selbstmord, als Charlotte etwa acht Jahre alt war (1926). Jahrelang ging die Künstlerin davon aus, dass ihre Mutter an Grippe gestorben wäre. 1930 heiratete Charlotte Salomons Vater die Sängerin Paula Lindberg. Ein Jahr vor dem Abitur verließ Charlotte Salomon die Schule (1933).

Ausbildung

Zu einer Zeit, als deutsche Universitäten ihre jüdische Studentenquote auf 1,5% der Studentenschaft beschränkten (vorausgesetzt, ihre Väter hatten im Ersten Weltkrieg an vorderster Front gedient), gelang Salomon 1936 die Aufnahme an die Vereinigten Staatsschulen für Freie und Angewandte Kunst. Charlotte Salomon studierte zwei Jahre lang Malerei, aber im Sommer 1938 bedeutete die antisemitische Politik des Dritten Reiches Hitlers, dass es für sie zu gefährlich war, die Schule weiter zu besuchen, und sie kehrte trotz eines Preises nicht zurück.

1937 lernte Charlotte Salomon Alfred Wolfsohn kennen, der als Korrepetitor für Paula Lindberg arbeitete. Wie ihrer später geschriebenen Autobiografie zu entnehmen ist, war Wolfsohn ihre erste große Liebe. Ob diese erfüllt wurde, ist nicht überliefert.

Verfolgung durch die Nationalsozialisten – Flucht nach Frankreich

Salomons Vater wurde im November 1938 nach der Kristallnacht mehrere Wochen im KZ Sachsenhausen interniert, und die Familie Salomon beschloss, Deutschland zu verlassen. Im Januar 1939 wurde Charlotte nach Südfrankreich geschickt, um bei ihren Großeltern Ludwig und Marianne Grunwald zu leben, die sich bereits in Villefranche-sur-Mer bei Nizza niedergelassen hatten. Sie lebten in einem Cottage auf dem Gelände einer luxuriösen Villa L'Ermitage (jetzt abgerissen), die der wohlhabenden Amerikanerin Ottilie Moore gehörte, die eine Reihe jüdischer Kinder dort beherbergte.

Salomon verließ L'Ermitage 1940 mit ihren Großeltern, um in einer Wohnung in Nizza zu leben, wo ihre Großmutter versuchte, sich im Badezimmer zu erhängen. Ihr Großvater offenbarte Charlotte dann die Wahrheit über den Selbstmord ihrer Mutter sowie die Selbstmorde ihrer Tante Charlotte, ihrer Urgroßmutter, ihres Großonkels und des Neffen ihrer Großmutter. Kurz nach Kriegsausbruch im September 1939 gelang es Charlottes Großmutter, sich das Leben zu nehmen. Ihre Großmutter hatte Veronal und Morphium gelagert, als die deutsche Armee eintraf, aber als ihr der Zugang zu ihren Medikamenten verwehrt wurde, versuchte sie sich stattdessen zu erhängen, bevor sie schließlich aus einem Fenster sprang.

Charlotte und ihr Großvater wurden von den französischen Behörden in einem trostlosen Lager in den Pyrenäen namens Gurs interniert. Es wäre möglich, dass Charlotte von ihrem Großvater sexuell missbraucht wurde.1 Sie wurden wegen der Gebrechlichkeit ihres Großvaters freigelassen. Während der Großvater nach Nizza zurückkehrte, mietete sich Charlotte Salomon ein Hotelzimmer in St. Jean Cap Ferrat, wo sie vor einem Nervenzusammenbruch stand, gekrönt von der Abscheu vor ihrem Großvater. Dr. George Morridis, der örtliche Arzt, riet ihr zu malen. Zwischen 1940 und 1942 arbeitete Charlotte Salomon an ihrem wichtigsten Werk, eine fiktive Autobiografie mit dem Titel „Leben? oder Theater?“.

1942 schloss sich Charlotte Salomon in Nizza ihrem Großvater an. Die junge Verzweifelte vergiftete ihn mit einem selbstgemachten Veronal-Omelette, zeichnete sein Porträt und schrieb einen 35-seitigen Bekennerbrief, den sie an ihren ehemaligen Geliebten Alfred Wolfsohn schickte und der ihn allerdings nie erhielt.

Als die Nazis 1943 ihre Suche nach in Südfrankreich lebenden Jüdinnen und Juden intensivierten, übergab Charlotte Salomon ihr Werk an einen ihr bekannten lokalen Arzt aus Villefranche. Sie widmete das Werk Ottilie Moore, in deren Villa sich Salomon gerade versteckte. Salomon schrieb Moores Namen auf das Frontispiz. Moore, die das Paket an Charlottes verbliebene Familie weitergab, erhielt das Paket erst nach Kriegsende, nachdem sie 1947 nach Europa zurückgekehrt war.

Leben? oder Theater?

Charlotte Salomon mietete ein Zimmer in der Pension La Belle Aurore in Saint-Jean-Cap-Ferrat und begann dort mit der Arbeit an einer Serie von 769 Gemälden – mit dem Titel „Leben? oder Theater?“ – indem sie erklärte, dass sie von „der Frage getrieben wurde, ob sie sich das Leben nehmen oder etwas Wild Ungewöhnliches unternehmen“ sollte. Innerhalb von zwei Jahren malte sie über tausend Gouachen. Jedes der Blätter ist 32,5 x 25 cm groß und mit den Grundfarben Rot, Blau und Gelb bemalt. Salomon wechselt die Perspektiven. Sie überarbeitete die Gemälde, ordnete sie neu an und fügte bis Blatt 217 Texte, Beschriftungen und Überlagerungen auf Pauspapierblättern hinzu. Sie waren dazu bestimmt, die zugehörigen Gouachen zu überlagern. Ab Blatt 218 sind die Dialoge unmittelbar in die Bilder integriert, alle anderen Texte sind weiterhin auf den Pauspapieren vermerkt.

Das gesamte Werk ist eine etwas phantasievolle Autobiografie, die die wichtigsten Ereignisse ihres Lebens und ihrer Familie bewahrte: den Tod ihrer Mutter, ihr Kunststudium im Schatten des Dritten Reiches, ihre Beziehung zu den Großeltern, den politischen Hintergrund und ihre obsessive Liebesbeziehung. Charlotte Salomon änderte die Namen und setzte ein starkes Element der Fantasie ein. Sie fügte auch Notizen über geeignete Musik hinzu, um die dramatische Wirkung zu erhöhen, und sie nannte „Leben? oder Theater?“ im Untertitel ein „Singespiel“ [sic] oder lyrisches Drama. Salomon hatte die Angewohnheit, beim Malen Lieder vor sich her zu summen.

Charlotte Salomon konzipierte „Leben? oder Theater?“ als Gesamtkunstwerk, in der Tradition des Wagner‘schen-Gesamtkunstwerks des 19. Jahrhunderts stehend. Poesie, Musik und bildende Kunst sollen miteinander verschmolzen werden. Im Gegensatz zu Wagners Antisemitismus und Germanenidealisierung wurde „Leben? oder Theater?“ von einer Jüdin geschrieben, die ihr Platz in der Gesellschaft abgesprochen wurde. Um nicht „ganz verrückt“ zu werden, wie die Künstlerin in ihrem Text schrieb, zog sie sich zurück, um an dem Werk zu arbeiten. Das letzte Bild zeigt Charlotte Kann, das Pseudonym der Malerin, am Meer sitzend. Sie hält einen Pinsel in der Hand und ein durchsichtiges Blatt liegt auf ihrem Schoß.

  • 2012 war ein Teil des Bilderzyklus auf der documenta (13) zu sehen;
  • 2014 wurde das Werk im Auftrag der Salzburger Festspiele von Marc-André Dalbavie als Oper vertont;
  • 2015 fand die Aufführung als Ballett mit Musik von Michelle DiBucci im Musiktheater im Revier Gelsenkirchen statt

Tod

Am 17. Juni 1943 heiratete Charlotte Salomon den deutsch-jüdischen Flüchtling Alexander Nagler. Am 24. September wurden beide aus ihrem Haus gezerrt und mit der Bahn von Nizza zum Nazi-„Verarbeitungszentrum“ in Drancy bei Paris gebracht. Inzwischen war Salomon im fünften Monat schwanger. Sie wurde am 7. Oktober 1943 nach Auschwitz transportiert und wahrscheinlich am 10. Oktober dort vergast.

Literatur zu Charlotte Salomon

  • Astrid Schmetterling, Charlotte Salomon 1917–1943. Bilder eines Lebens, Frankfurt am Main 2001.

Beiträge zu Charlotte Salomon

Charlotte Salomon, Rupertinum 2015, INstallationsansicht

Salzburg | Rupertinum: Charlotte Salomon. Leben? Oder Theater?


Das Museum der Moderne Salzburg zeigt mit 278 Blättern eine repräsentative Auswahl des Bilderzyklus „Leben? oder Theater?“ von Charlotte Salomon (geboren 1917 Berlin, DE, verstorben 1943 Auschwitz, PL), der ein einzigartiges Dokument eines deutsch-jüdischen Lebens im Berlin der 1920er und 1930er Jahre darstellt.
  1. Seine ständige Bitte, sein Bett mit ihr zu teilen, und ihre eigenen Worte in einem 35-seitigen Bekennerschreiben, das 2015 veröffentlicht wurde, zeigen die Möglichkeit sexuellen Missbrauchs.