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Cindy Sherman: „Untitled Film Stills” in der National Portrait Gallery, London Retrospektive der amerikanischen Fotokünstlerin

Cindy Sherman, Untitled Film Still #21, Detail, 1978 (© Cindy Sherman, Courtesy of the artist, Sprüth Magers and Metro Pictures, New York)

Cindy Sherman, Untitled Film Still #21, Detail, 1978 (© Cindy Sherman, Courtesy of the artist, Sprüth Magers and Metro Pictures, New York)

Die National Portrait Gallery, London, stellt im Sommer 2019 Cindy Shermans gesamte Serie „Untitled Film Stills“ aus. In London wird die Entwicklung ihres Werks seit Mitte der 1970er Jahre vorgestellt. Ergänzt durch wichtige Bilder aus weiteren Serien der letzten 40 Jahre, erhält die US-amerikanische Fotokünstlerin eine veritabel Retrospektive ihres Werks.

„Untitled Film Stills“

Mit der Serie „Untitled Film Stills“ (1977–1980) erzielte Cindy Sherman (* 1954) in den frühen 1980er Jahren ihren internationalen Durchbruch. Sie übersiedelte 1977 nach New York, wo sie anfangs als Sekretärin arbeitete und gleichzeitig an „Untitled Film Stills“ arbeitete. In 69 fotografischen Bildern legte sie ihre künstlerische Methode fest, mit der sie seit Jahren sie zu den bekanntesten Künstlerinnen der Gegenwartskunst zählt.

In Shermans „Untitled Film Stills“ wird eine weibliche Protagonistin aus einem Film präsentiert, von dem man glaubt, ihn gesehen zu haben. In einer Aufnahme spielt sie die junge Karrierefrau in einem schlichten neuen Anzug an ihrem ersten Tag in der Großstadt. Zu den anderen Charakteren gehören die Bibliothekarin (# 13), das schicke Filmsternchen in ihrem Haus an der Küste (# 7) und die harte, aber verletzliche Heldin aus dem Film Noir (# 54).

Schlussendlich entspringen alle fiktiven Personen [personae] der Fantasie der Künstlerin. Diese verband sie mit ihrer Faszination an der Veränderung ihres Äußeren und der Entstehung von Bildern mit einem impliziten aber unspezifischen Narrativ. Indem Cindy Sherman in den Aufnahmen den Stil von Filmstills, also Standbildern aus Filmen, imitiert, erscheint sie in einer Abfolge von Charakteren in dramatischen Situationen, die sich allerdings nicht auflösen lassen. In den Bildern deutet Sherman eine Geschichte an, die in der individuellen Interpretation vollendet wird.

Cindy Sherman begann die Serie der „Untitled Film Stills”, indem sie sich selbst in ihrer Wohnung und ihrem Atelier fotografierte. Kostüme und Requisiten sind am Anfang noch sehr einfach. Im Laufe der Serie entschied sie sich, sich auch im Außenraum zu inszenieren, um über mehr Charaktere und Kontexte zu verfügen.

Sherman fotografiert sich immer selbst und legt sich dafür verschiedene Charaktere zurecht. Für „Untitled Film Stills“ nutzte sie Kostüme und Perücken, um sich in unterschiedlichsten Rollen zu inszenieren und abzulichten. In den Schwarz-Weiß-Aufnahmen rekonstruierte sie den Look der 1940er bis 1960er Jahre, der durch Hollywood, Film Noir, B Movies und europäische Art-House Filme geprägt wurde. Durchgehend kleidete sich Cindy Sherman in die Mode der 1940er bis 1960er Jahre. Diese verband sie mit ihrem Interesse für das europäische und amerikanische Kino der drei Jahrzehnte, darunter die Filme von Alfred Hitchcock. Das Ziel der Künstlerin war, „nahezu ausdruckslose” Bilder in nicht identifizierbaren Orten aufzunehmen, deren Bedeutung offenbleiben. Die Künstlerin zeigt sich in Posen und Situationen, die an Filmstills erinnern, ohne diese jedoch konkret nachzustellen. So sind die „Untitled Film Stills“ auch keine Darstellungen des Künstlersubjekts, sondern operieren an der Schnittstelle zur Fiktion. Genauer, Cindy Sherman spielt die Schauspielerinnen, welche die Rollen spielen. So konstruiert die Fotokünstlerin eine Fiktion, die nach den Regeln der Film-Kunst funktioniert, ohne je in diesem Kontext entstanden zu sein. Sie reflektiert in diesen Werken Bilder von Weiblichkeit, die sowohl die kollektive Vorstellung davon, was eine Frau ist, aufnehmen und gleichzeitig diese auch formen.

Cindy Sherman und der Film

Der Film der Nachkriegszeit – die Zeit von Cindy Shermans Jugend – prägt (nicht nur) die amerikanische Kultur bis heute, sondern auch ihr gesamtes Werk. Alfred Hitchcocks Film „Rear Window“ (1954) bezeichnet Cindy Sherman als wichtigen Einfluss auf ihr Schaffen. Ein Zitat aus dem Film bildet den Ausgangspunkt für ein weiteres Kapitel in der Ausstellung: „Erzählen Sie mir alles, was Sie gesehen haben und was Sie denken, dass es bedeutet.“

Sherman Retrospektive in London

Obschon die Serie der „Untitled Film Stills“ im Zentrum der Ausstellung stehen, so geht Paul Moorhouse in London doch weit über das enggesteckte Ziel hinaus. Die Londoner Ausstellung beginnt mit Arbeiten der Studentin Cindy Sherman (1975–1977), die bereits die Wandlungsfähigkeit und die Lust an der Verkleidung und dem Rollentausch offenbaren. Genaue Beobachtungsgabe, ein Gespür für das Erzählen von Geschichten aber auch eine humoristische, selbstanalytische Seite zeigen diese Fotografien. Alle fünf Fotografien der „Cover Girl“ Serie von Sherman bereiten auf die „Untitled Film Stills“ vor. Diese Fotografien entstanden 1976, knapp nachdem sie ihren Abschluss an der Kunstschule gemacht hatte. Jedes Cover Girl besteht aus drei Bildern, dem Originalcover – Cindy Sherman als Modell – das Entgleiten der Gesichtszüge. In dieser frühen Arbeit eignete sich Sherman bereits Bilder und Rollen aus den Massenmedien an, um sie einer kritischen Überprüfung zu unterziehen.

Weitere Arbeiten aus den wichtigsten Serien der Künstlerin sind „Rear Screen Projections“ (1980/81), in denen sie erstmals in Farbe und mit Close-Ups arbeitete, ihre verletzlich schauenden Frauenbilder in „Centrefolds“ (1981), „Pink Robes“ (1982), „Color Studies“ (1982), ihre Modefoto-Parodie „Fashion“ (1983/84), „Fairy Tales“ (1985), die re-enacted „History Portraits“ (1988–1990), „Sex Pictures“ (1992–1996), „Masks“ (1996), „Headshots“ (2000), „Clowns“ (2003–2005) und „Society Portraits“ (2008). Sherman ist berühmt für ihre Verwendung von Make-up, Kostümen, Requisiten und Prothesen, um komplexe und mehrdeutige fotografische Bilder zu erstellen. Eine Auswahl an Quellenmaterial aus dem Atelier der Künstlerin wird erstmals einen Einblick in ihre Arbeitsprozesse geben. So kann die Ausstellung Shermans abwechslungsreiche visuelle Sprache untersuchen und die Art, wie sie sich auf Kino, Fernsehen, Werbung und Mode stützt.

Den Abschluss der Ausstellung bilden neue Arbeiten der Künstlerin: „Flappers“ (2016–2018) und „Harper’s Bazaar series“ (2016–2018). Ziel der Schau in der National Portrait Gallery wäre, so ihr Direktor, Cindy Shermans bedeutendste Serien in den Kontext des Porträts zu stellen, um die häufig komplexe und vieldeutige Beziehung zwischen Erscheinung und Realität zu beleuchten. Für das Werk der amerikanischen Künstlerin sieht Kurator Paul Moorhouse eine „Welt der reinen Erscheinung“ als zentral. Für ihn zeigt kein andere Kunstschaffende die Illusion von Bildern in der modernen Kultur so deutlich wie das Werk Shermans. Die von Menschen entwickelten und angenommenen Fassaden werden von Cindy Sherman seit ihrer Studienzeit unter die Lupe genommen, persifliert und zu Typen adaptiert. „In ihrer Arbeit untersucht sie den schwer fassbaren Zusammenhang zwischen Schein und Sinn und erforscht das zeitgenössische Leben – und mit scharfer Beobachtung deckt sie ihre Täuschungen auf“, zeigt sich der Kurator in einer Aussendung überzeugt.

Sherman und Ingres

In einer aufschlussreichen Gegenüberstellung wird Ingres‘ berühmtes „Porträt von Madame Moitessier“ (1856) aus der National Gallery in London neben Shermans Version dieses historischen Gemäldes gezeigt. Cindy Sherman konzentriert sich in „Untitled #204“ (1989) auf die Manipulation ihres eigenen Äußeren – durch Material aus verschiedenen kulturellen Quellen. In ihren imaginären Porträts untersucht sie die Spannung zwischen Fassade und Identität. Die Fotografie gehört zur Serie „History Portraits“ (1988–1990), die entstanden ist, als Cindy Sherman auch einige Monate in Rom lebte. In 30 Porträts von Frauen und Männern schlüpfte sie in die Rollen von Aristokratinnen, großbürgerliche Frauen, Theologen aber auch einer Madonna mit Kind. Wenn auch die Künstlerin – wie schon in „Untitled Film Stills“ – formale Lösungen der Porträtmalerei von der Renaissance bis in das 19. Jahrhundert aufnahm, so suchte sie doch nicht, einzelne Werke zu imitieren. Die Neuschöpfung von Ingres‘ „Madame Moitessier“ zählt zu den Ausnahmen, was zum direkten Vergleich zwischen dem Gemälde und der Fotografie einlädt.

Kuratiert von Paul Moorhouse.

Cindy Sherman: „Untitled Film Stills” in der National Portrait Gallery, London: Bilder

  • Cindy Sherman, Untitled Film Still #15, 1978 (Courtesy of the artist and Metro Pictures, New York)
  • Cindy Sherman, Untitled Film Still #17, 1978 (Courtesy of the artist and Metro Pictures, New York)
  • Cindy Sherman, Untitled Film Still #21, 1978 (© Cindy Sherman, Courtesy of the artist, Sprüth Magers and Metro Pictures, New York)
  • Cindy Sherman, Untitled Film Still #22 (Serie: Untitled Film Stills), 1978, s/w-Fotografie (Bromsilbergelatine/Vintage-Print), 17,4 x 23,9 cm, Museum Folkwang, Essen © Cindy Sherman /Courtesy Sprüth Magers, Berlin/London)
  • Cindy Sherman, Untitled Film Still #48, 1979 (Courtesy of the artist and Metro Pictures, New York)
  • Cindy Sherman, Untitled Film Still #54, 1980. Courtesy of the artist and Metro Pictures, New York)
  • Cindy Sherman, Untitled Film Still #56, 1980. Courtesy of the artist and Metro Pictures, New York)
  • Cindy Sherman, Untitled Film Still #58, 1980 (© Cindy Sherman, Courtesy of the artist, Sprüth Magers and Metro Pictures, New York)
  • Cindy Sherman, Cover Girl (Vogue), 1976/2011 (Courtesy of the artist and Metro Pictures, New York)
  • Cindy Sherman, Untitled #74, 1980. Courtesy of the artist and Metro Pictures, New York)
  • Cindy Sherman, Untitled #92, 1981 (Courtesy of the artist and Metro Pictures, New York)
  • Cindy Sherman, Untitled #122, 1983. Courtesy of the artist and Metro Pictures, New York
  • Cindy Sherman, Untitled #204, aus der Serie: History Portraits, 1989 (Courtesy of the artist and Metro Pictures, New York)
  • Cindy Sherman, Untitled #413, 2003. Courtesy of the artist and Metro Pictures, New York)
  • Cindy Sherman, Untitled #466, 2008. Courtesy of the artist and Metro Pictures, New York)
  • Cindy Sherman, Untitled #574, 2016. Courtesy of the artist and Metro Pictures, New York)
  • Cindy Sherman, Untitled #577, 2016/18. Courtesy of the artist and Metro Pictures, New York)
  • Cindy Sherman, Untitled #595, 2016/18, Dye-Sublimationsdruck auf Metall, 168,9 x 226,1 cm (© Cindy Sherman, Courtesy of the artist, Sprüth Magers and Metro Pictures, New York)
  • Jean-Auguste-Dominique Ingres, Madame Moitessier, 1856 (The National Gallery, London. Bought, 1936. © The National Gallery, London)

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Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.