Die fotografische Wirklichkeit. Inszenierung – Fiktion – Narration
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Die fotografische Wirklichkeit. Inszenierung – Fiktion – Narration Lars Blunk (Hg.)

Lars Blunk (Hg.): Die fotografische Wirklichkeit. Inszenierung – Fiktion – Narration, transcript VERLAG, Bielefeld August 2010.

Lars Blunk (Hg.): Die fotografische Wirklichkeit. Inszenierung – Fiktion – Narration, transcript VERLAG, Bielefeld August 2010.

Lars Blunck, Gastprofessor für Kunstgeschichte an der Technischen Universität Berlin, legt mit diesem in vielerlei Hinsicht interessanten Sammelband ein wichtiges Kompendium zum derzeit so virulent geführten Diskurs über die „Wahrhaftigkeit“ der Fotografie vor. Ausgehend von einer kritischen Beurteilung von Roland Barthes Diktum, dass Fotografie notwendigerweise immer auf eine reale Sache verweise (Die Helle Kammer. Bemerkung zur Photographie, Paris 1980), setzt sich Blunck mit der Frage auseinander, ob ein Index (= Hinweisungszeichen) auch ein ikonisches Zeichen (= steht für etwas) sein könne. Die inszenierte Fotografie stellt dafür ein besonders reiches Untersuchungsfeld dar, da sie über das „So-ist-es-gewesen“ (Barthes, S. 120 u. 124) allein schon durch ihre Entstehung und Funktion „jenseits“ des dokumentarischen Bildes angesiedelt ist. Sie entwerfen Wirklichkeiten und schildern sie nicht nur, sie lassen auch völlig fiktive Realitäten vor der Kameralinse entstehen, die bislang als besonders „erzählerisch“ aufgefasst wurden. Für Bluck ist in der Beurteilung die Haltung des Rezipienten wichtig, wenn er mit der Feststellung schließt (nach W.J.T. Mitchell, Das Leben der Bilder), dass er „seine Erzählstimme gewissermaßen bloß in das Bild“ hineinlege, „wie ein Bauchredner seine Stimme einer Puppe leiht“ (S. 36).

Matthias Weiß sticht mit seiner Fragestellung „Was ist „inszenierte Fotografie“? Eine Begriffsbestimmung“ direkt in ein  begriffliches Wespennest und unterscheidet zwischen „inszenierender“ und „inszenierter“ Fotografie. Nachdem er die historische Genese der Begriffe seit dem 17. Jh. nachgezeichnet hat, kommt er zum Schluss, dass der Fotograf in seiner Tätigkeit der Bildproduktion einem Regisseur vergleichbar sein muss. Über die Wahl des Bildausschnitts ist jedoch jede Art von Fotografie inszenierend, weshalb die „inszenierte“ Fotografie dieses Ins-Szene-Setzen offen legen und zugleich thematisieren muss.

So schlussfolgern Christian Janecke und Alexander Streitberger in der Inszenierungsleistung von Fotografie zu unterscheiden zwischen dem Akt des Fotografierens, die Inszenierung des Sujets, die Präsentation als Inszenierung (z.B. in der Funktion als Teil eines Künstlerbuches – dann auch Dokumentation) und sich dennoch der Relativität der als Dichotomie gebildeten Begriffe bewusst zu bleiben. Wie sich diese komplexen „Mischformen“ zwischen Dokumentation und Inszenierung darstellen, untersuchen die Aufsätze von Wolfgang Brückle (Eric Baudelaire, Jeff Wall, Frank Hurley), Stefanie Diekmann (Theaterfotografie), Ingrid Hölzl (Samuel Fosso). Hieran schließen sich Texte zu Fragen von Authentizität und Fiktion von Pamela C. Scorzin (im Werk von Nan Goldin), von Jens Schröter (Fotografie und Fiktionalität), Lars Blunck (Bayards Leichnam).

Narration, die Erzählung im Bild, beschließt den thematischen Reigen des Sammelbandes. Sandra Maria Geschke definiert Handlungen im erzählerischen Kontext „als Ergebnisse eines medialen Herstellens von Welt“, indem sie „intentional und rückgebunden an soziale Beschreibungen“ sind (S. 173). Handlungen seien durch symbolische Verdichtetheit gekennzeichnet und basieren auf einem aktiven Menschen (Sinngebung durch Zusammenführen von Ereignissen). Erzählungen garantieren die Identitätsbildung, schaffen Verbundenheit und definieren so kulturelle Räume. Bilder verstehen, heißt sie zu entschlüssel, mit eigenen Erfahrungen zu vergleichen und sie damit aufzufüllen. Spannung entsteht jedoch erst „durch eine Betrachteraktivierung, durch das Brüchige, Fehlende, Lückenhafte und Rätselhafte“ (S. 183). Barbara J. Scheuermann stellt sich die Frage, wie ein fotografisches Einzelbild überhaupt erzählen kann. Magdalena Bushart (Henry Peach Robinson), Silke Förschler (europ. Atelierfotografie in Nordafrika im 19. Jh.) und Sigrid Schulze (Inszenierte Fotografien aus Berlin um 1860) führen aus, wie historische Forschung mit der aktuellen Fragestellung nach Narrativität funktionieren kann. In allen drei Texten wird dabei deutlich, dass aus den Bildern selbst kaum Information über ihren Inszenierungsgrad abgeleitet werden kann, sondern nur die genaue Kenntnis der Entstehungsumstände und möglichst umfassende Analyse der Funktion der Fotografien eine Beurteilung ermöglichen. Erfrischender Abschluss des Sammelbandes ist eine Einführung in das Werk von Jean Le Gac durch Stefanie Rentsch.

 

Fazit

Ein hochinteressantes, vielschichtiges Buch, das in mehrfacher Hinsicht einen bemerkenswerten Einblick in die Möglichkeiten und Risiken gewährt, die mit den Begriffen „Inszenierung“, „Fiktion“ und „Narration“ in der Fotografie verbunden sind. Für alle, die genaue Analysen und begriffliche Differenzierungen schätzen!

 

Die fotografische Wirklichkeit. Inszenierung – Fiktion – Narration: Inhalt

Lars Blunck (Hg.)
August 2010, 280 Seiten
kart., zahlr. Abbildungen
24 x 30 cm, gebunden
€ 29,80 (D)
ISBN 978-3-8376-1369-8
transkript Verlag

LARS BLUNCK: Fotografische Wirklichkeiten, S. 9.
MATTHIAS WEISS: Was ist ›inszenierte Fotografie‹? Eine Begriffsbestimmung, S. 37.
CHRISTIAN JANECKE: ›Inszenierte Fotografie‹, ›Inszenierende Fotografie‹ und ›Fotografierte Inszenierung‹ – am Beispiel von Schauanordnungen für lebende und tote Tiere, S. 53.
ALEXANDER STREITBERGER: Im Spannungsfeld von Dokumentation und Inszenierung. Fotografie in installationsbezogenen Künstlerbüchern, S. 71.
WOLFGANG BRÜCKLE: Bilder, die nichts zeigen. Inszenierter Krieg in der künstlerischen Fotografie, S. 87.
STEFANIE DIEKMANN: Binnenschauplätze. Einige Anmerkungen zu Theater und Fotografie, S. 105.
INGRID HÖLZL: Inszeniertes Selbst? Der Fall Samuel Fosso, S. 117.
PAMELA C. SCORZIN: In Oszillation zwischen Authentizität und Fiktion. Zur Fotokunst von Nan Goldin, S. 129.
JENS SCHRÖTER: Fotografie und Fiktionalität, S.143.
LARS BLUNCK: Bayards Leichnam. Zu einem Exemplum des fotografischen ›Als-ob‹, S. 159.
SANDRA MARIA GESCHKE: Da tut sich was! Überlegungen zur Semiotik narrativer Fotografien, S. 173.
BARBARA J. SCHEUERMANN: Narreme, Unbestimmtheitsstellen, Stimuli – Erzählen im fotografischen Einzelbild, S. 191.
MAGDALENA BUSHART: Komposition, Suggestion, Imagination: Henry Peach Robinsons Fading Away, S. 207.
SILKE FÖRSCHLER: Die Aneignung der Orientmalerei. Europäische Atelierfotografie in Nordafrika im 19. Jahrhundert, S. 227.
SIGRID SCHULZE: Flora und Köchin. Inszenierte Fotografien aus Berlin um 1860, S. 239.
STEFANIE RENTSCH: Schiffbruch mit Erzähler. Bemerkungen zum Verhältnis von Fotografie und Erzählung bei Jean Le Gac, S. 255.

Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.