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Düsseldorf, Quadriennale 2010 kunstgegenwärtig

Nam June Paik: „Fish Flies on Sky”, 1983-1985, Multi-Monitor-Installation, 3 Kanäle, 1050 x 400 cm Raumgröße, Metall, Glas, Elektronik, Software © Nam June Paik Estate, New York, 2010/ Stiftung museum kunst palast, Düsseldorf.

Nam June Paik, Fish Flies on Sky, 1983-1985, Multi-Monitor-Installation, 3 Kanäle, 1050 x 400 cm Raumgröße, Metall, Glas, Elektronik, Software © Nam June Paik Estate, New York, 2010/ Stiftung museum kunst palast, Düsseldorf.

Neun teilnehmende Häuser widmen sich unter dem Titel „kunstgegenwärtig“ der eigenen, jüngeren Kunst-Vergangenheit von Düsseldorf. Die sog. Düsseldorfer Malerschule hatte im 19. Jahrhundert bereits internationaler Bedeutung[[museum kunst palast wird vom 24.9.2011 bis 23.1.2012 der Düsseldorfer Malerschule eine internationale Ausstellung widmen!]], woran vor allem 1961 durch die Berufung von Joseph Beuys (1921–1986), 1976 durch die Erweiterung des Lehrbetriebs durch den Fotografen Bernd Becher (1934–2007) und 1979 mit der Bestellung von Nam June Paik (1932–2006) wieder angeschlossen werden konnte. Alle Künstlerpersönlichkeiten haben durch ihren erweiterten Kunstbegriff, ihre konzeptuellen Arbeiten, ihre internationale Vernetzung und nicht zuletzt aufgrund ihrer Lehrtätigkeit Generationen von Künstlern geprägt. Der Kunst der 60er, 70er und 80er Jahre sind daher auch Einzel- und Gruppenausstellungen gewidmet, die die Frage nach der Wirkung dieser Ansätze bis heute hinterfragen.

Nam June Paik (museum kunst palast)

Auf die Frage, wie Nam June Paik gelernt habe, mit Video umzugehen, antwortete dieser knapp: „Ich habe es erfunden.“ Nam June Paik, in Korea geboren, in Tokio aufgewachsen, in Deutschland zum Komponisten ausgebildet, ist zweifelsohne einer der Pioniere der Videokunst und gilt als der „Erfinder“ der Videoinstallation. Mit dieser Entwicklung trug der Musiker der explosionsartig ansteigenden Faszination am neuen Medium Rechnung und reagierte spontan auf das erste tragbare Videoaufnahmegerät von Sony, dem legendären Portapak. Die Ausstellung im museum kunst palast, die gemeinsam mit der Tate Liverpool organisiert wurde und im Anschluss dort auch zu sehen sein wird, entschlüsselt mit einer Unzahl von Dokumenten den künstlerischen Werdegang Paiks vom Komponisten über seinen Beitrag zur Fluxus-Bewegung der 60er und 70er Jahre mit ihrer Hinwendung zu Performance und Aktion zu den imposanten Multi-Monitor-Installationen. Mit großer Sensibilität widmen die Kuratoren auch den Wegbegleitern Nam June Paiks Aufmerksamkeit, zeigen den Künstler nicht als Einzelfigur, sondern betten ihn in jene Gruppe von Fluxus-Künstlern ein, deren Werke als Angriff auf den bürgerlichen Waren- und Fetischcharakter der Kunst interpretiert werden können. So wird seiner Muse und Koproduzentin Charlotte Moorman, die als Cellistin wie als Körper zwischen 1964 und 1968 als „Human Cello“ Teil von Paiks klassischen Stücken war, breiter Raum gegeben. Paiks tiefgründigen, medienkritischen und philosophisch durchtränkten Arbeiten nutzen das Videobild, manchmal um es zu transformieren („Moon is the Oldest TV“, 1965/1992), als Teil von Live-Video-Aktionen und manchmal um es, wie beim „TV-Buddha“ (ab 1974) oder dem „Denker“ (1976/1977), als Spiegel zu verwenden. Mit Hilfe des „Videosynthesizers“ (1969/1992), mit dem verschiedene Bilder gemischt, ihre Farbe und Formen verändert werden können, machte Paik den Bildschirm zu einer in Realzeit veränderbaren „Leinwand“, auf der das Videomaterial beliebig variiert werden konnte. In Multi-Monitor-Installationen, mit bunten, flackernden Bildern, stellte er damit die übliche Rezeptionshaltung wahrlich „auf den Kopf“.

 

 

Der Rote Bulli. Stephen Shore und die Neue Düsseldorfer Fotografie (NRW-Forum Düsseldorf)

Stephen Shores „Roter Bulli“ (1974), mit einer Großbildkamera in Easton (Pennsylvania) aufgenommen, gilt als Inkunabel der Fotografiegeschichte. Das Bild wurde 1975 auf der inzwischen legendären Ausstellung „New Topographics. Photographs of a Man-altered Landscape“ neben den schwarz-weißen Industrie-Bildern der Bechers ausgestellt. Für eine Schar Studenten, die ab 1976 in der Klasse von Bernd Becher - und seiner Frau Hilla (* 1931) - unterrichtet wurden, wurden die Möglichkeiten der Farbfotografie zu wichtigen Bezugspunkten: Zum Beispiel ist Thomas Ruffs Frühwerk der Interieurs und Porträtköpfe ohne Farbe kaum vorstellbar. Aber auch das Alltägliche der Sujets – von typischen Innenräumen der 70er und 80er Jahre, über Stillleben, zu Stadtansichten – verbindet die jüngere Generation mit dem amerikanischen Vorbild. Die Ausstellung führt etwa 140 Arbeiten von Stephen Shore und der wichtigsten Düsseldorfer Fotokünstler zusammen (→ Die Düsseldorfer Photoschule). Sie geben einen wunderbaren Einblick in die New Color Photography und machen den transatlantischen Austausch von Bildkonzepten auf den ersten Blick nachvollziehbar.

Teilnehmende Künstler: Stephen Shore, Bernd und Hilla Becher, Thomas Struth, Axel Hütte, Tata Ronkholz, Miles Coolidge, Martin Rosswog, Thomas Ruff, Candida Höfer (→ Candida Höfer. Düsseldorf), Claus Goedicke, Simone Nieweg, Stefan Schneider, Kris Scholz, Wendelin Bottländer, Elger Esser, Andreas Gursky (→ Andreas Gursky in Düsseldorf), Boris Becker, Bernhard Fuchs, Laurenz Berges, Andi Brenner, Volker Döhne, Claudia Fährenkemper, Matthias Koch

 

 

Joseph Beuys – Parallelprozesse (K20 Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen)

Joseph Beuys, der „Schamane“, der Anstößige und Anstoßende, der Hervorbringer von Kreativität (Stichwort: Jeder Mensch ist ein Künstler!), der Kapitalismuskritiker, der Utopist. Das K20 präsentiert das Gesamtwerk im Überblick – auf drei Geschossen, kommentarlos, reduziert. Was kann man heute noch vom Aktionskünstler, vom politisch Aktiven lernen? Vielleicht, dass für ihn Kunst und Leben in Eins fallen? Beuys selbst meinte, in der Zeichnung den Ursprung der Kunst wie seiner eigenen kreativen Tätigkeit zu finden. Hier wird bereits eine Quelle seines späteren Schaffens erkennbar, wenn er feststellte, dass der schöpferische Prozess mit dem Gedanken beginne. Ab Mitte der 1950er Jahre wandte sich Beuys der Skulptur und der Verbindung von Kunst und Leben zu und führte 1963 seine ersten beiden Aktionen anlässlich des „Fluxus-Festum“ der Kunstakademie auf. Die wissenschaftlich akkurat vorbereitete Werkschau zeigt mit etwa 300 Arbeiten die Vielgestaltigkeit und Vielschichtigkeit des Beuys`schen Kunstbegriffs auf. Rauminstallationen, kleinformatigen Zeichnungen, Objekte in Vitrinen aus den berühmten, einfachen Materialien haben noch immer eine magisch Strahlkraft, wirken geheimnisvoll und erklären sich mitnichten von selbst. In der Ausstellung auf Texte zu verzichten, ist daher genauso konsequent wie mutig, verlangt es doch vom Besucher entweder ein bereits wissendes Schauen oder das Mieten eines Audioguides. So trifft man im Museum viele schweigsam hörende Menschen, und eine fast unheimliche, ja andächtige Stille breitet sich rund um die Objekte aus.

 

 

Auswertung der Flugdaten: Kunst der 80er. Eine Düsseldorfer Perspektive (K21 Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen (Ständehaus))

„Auswertung der Flugdaten“ bringt Werke von 17 Düsseldorfer und internationalen Künstlern zusammen, die fernab des Hypes um eine „neue“ und expressive Malerei die 80er Jahre in ihrer historischen Abgeschlossenheit und Bedingtheit erfahrbar machen sollen. In der Fotografie stehen dokumentarisch-objektive Ansätze wie jene von Thomas Ruff, Andreas Gursky, Thomas Struth und Candida Höfer der inszenierten Fotografie mit bühnenhafter Wirkung von Cindy Sherman und Jeff Wall entgegen. Die erweiterte Skulptur wird vertreten von Richard Deacon, Katharina Fritsch, Isa Genzken, Franz West, Harald Klingelhöller und Jeff Koons. Ludger Gerdes und Thomas Schütte hoffen auf eine „dialogische Kunst“, die der Verbesserung des Lebens-Raums dienen sollte, während Reinhard Mucha Biographie, Erinnerung und Ausstellungsraum (Bestuhlung!) in der installativen Arbeit „Kopfdiktate“ Verbindung bringt. Peter Fischli und David Weiss analysieren als Ratte und Bär in ihrem fabelhaften Roadmovies die Welt und wollen Ordnung in das Chaos bringen. Die „Düsseldorfer Perspektive“ konzentriert sich durch Auswahl und Präsentation auf Objekthaftes, Objektiviertes, Konkretes. Hoher Coolnessfaktor!

Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.