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Fiona Tan. Geografie der Zeit Erinnerung auf Film gebannt

Fiona Tan, Nellie (schreibend), 2013, Videoinstallation, Farbe, Stereosound, 3 min 9 sec, geloopt, Safety master, video projector, media player, amplifer, stereo speakers Dimensions variable Courtesy the artist and Frith Street Gallery, London © Foto: Fiona Tan.

Fiona Tan, Nellie (schreibend), 2013, Videoinstallation, Farbe, Stereosound, 3 min 9 sec, geloopt, Safety master, video projector, media player, amplifer, stereo speakers Dimensions variable Courtesy the artist and Frith Street Gallery, London © Foto: Fiona Tan.

Fiona Tan vertrat 2009 die Niederlande auf der 53. Biennale von Venedig. Das Nationalmuseum in Oslo organisierte nun gemeinsam mit dem MUDAM in Luxemburg, dem MMK Museum für Moderne Kunst in Frankfurt und dem Tel Aviv Museum of Art eine international angelegte Ausstellungstournee und einen viersprachigen Ausstellungskatalog. Die beachtenswerte Retrospektive versammelt die wichtigsten Arbeiten der knapp fünfzigjährigen Künstlerin, wie „A Lapse of Memory“ (2007, 24 Min. HD Film), „Vox Populi“ (2004–2012) und „Nellie“ (2013, 3 Min. 9 Sec. Videoinstallation), ergänzt durch das aktuelle Video-Triptychon „Ghost Dwellings I-III“. In diesen Foto- und Film-Installationen untersucht die heute in Amsterdam arbeitende Tan das spannungsvolle Verhältnis zwischen Erlebtem und Erinnertem, zwischen Ost und West1, zwischen Artefakten und den von ihnen gespiegelten Wirklichkeiten.

 

Erinnerung und Autobiografie

Fiona Tan wurde mit bildgewaltige Filmarbeiten bekannt, in denen sie auf poetische Weise Fragen zur Entwicklung von Persönlichkeit und zum Leben mit der Vergangenheit stellt. Ihr Interesse an Erinnerung und Geschichte ist persönlich motiviert. Sie wurde 1966 im indonesischen Pekanbaru als Tochter eines indonesisch-chinesischen Vaters und einer australischen Mutter mit schottischen Wurzeln geboren. Im selben Jahr putschte sich Suharto an die Macht. Die in den 1970er Jahren folgenden Rassenunruhen richteten sich hauptsächlich gegen die chinesische Minderheit und zwangen die Familie Tan in die Flucht nach Australien, wo Fiona ihre Kindheit verbrachte. Im Jahr 1988 übersiedelte sie in die Niederlande. Hier studierte Tan zwischen 1988 und 1997 in Amsterdam an der Gerrit Rietvield Academie und der Rijksakademie van Beeldende Kunsten. Bereits 1996 wurde sie mit dem Prix de Rome für Film/Video ausgezeichnet. Seither wird ihr autobiografisch motiviertes Werk international beachtet.

 

 

Professionelle Fremde

Fiona Tan nannte sich selbst „eine professionelle Fremde, deren Identität davon bestimmt ist, was ich nicht bin.“2 Getrieben von diesem Gefühl des Nicht-Seins begab sich Tan auf die Suche, wodurch Identitäten konstruiert werden. Am deutlichsten tritt diese Recherche in der Serie „Vox Populi“ (2004–2012) zu Tage. Die Künstlerin versammelt schwarmartig Fotografien aus privaten Fotoalben (Norwegen 2004, Sydney 2006, Tokio 2007, Schweiz 2010, London 2012). Jede Installation besteht aus ungefähr 300 individuell gerahmten Aufnahmen, die lachende Gesichter, Familienfeiern, besondere Momente verewigen. Tägliche Routine, Bilder von Arbeit oder das Drama zwischenmenschlicher Beziehungen fehlen. Die kollektive Erinnerung berichtet von fröhlichen Existenzen. Glückliche Seiten der Erinnerung, aber auch ritualisierte Handlungen, festhalten auf Fotopapier. Zwischen all den fremden Bildern tun sich Identitätskonstruktionen auf, die mit Blick auf die nationale Herkunft bei aller Globalisierung dennoch so etwas wie Traditionen durchschimmern lassen.

 

 

Die Filmarbeiten von Fiona Tan sind präzise komponierte Fiktionen, in denen sie historische Gegebenheiten mit ihrer Autobiografie vermischt. Licht und Setting spielen wichtige Rollen und erinnern nicht von ungefähr an Kompositionsmethoden der holländischen Genremalerei des 17. Jahrhunderts. Vor allem die Lichtführung Jan Vermeers wird immer wieder als Referenz für Fiona Tans filmisches Werk herangezogen.3 So drehte sie „A Lapse of Memory“ (2007, 24 Min. HD Film) im Royal Pavilion (1815–1822), eine orientalische Fantasie des Architekten John Nash im südenglischen Brighton. Ein Mann durchwandert die exotischen Räume. mit den Namen Henry und Eng Lie liegt, klopft sich seine Muskeln warm, macht Tai Chi. Die poetischen Bilder Tans brennen sich gleichsam in die Erinnerung ein. Sie spiegeln gleichzeitig den Sehnsuchtsort Orient, Einsamkeit, Ruhe aber auch Abgeschiedenheit oder gar Gefangenschaft wider.

 

 

Historisch-globale Verbindungen

Ihr aktuelles Werk „Nellie“ (2013, 3 Min. 9 Sec. Videoinstallation), erinnert an das Leben von Cornelia van Rijn (1654?–1689), der einzigen und unehelichen Tochter von Rembrandt van Rijn und Hendrijckje Stoffels. Die Aufnahmen aus dem Vogelzimmer des ehemaligen Wohnhauses der Regentenfamilie Van Loon in Amsterdam (heute: Museum Van Loon) zeigen die Jugendliche zwischen Einkehr und Interesse für das Leben draußen. Das prächtig ausgestattete Zimmer und die barocke Robe sind gleichzeitig Zeichen von Wohlstand, romantische Referenzen an das Goldene Zeitalter und Symbole weiblicher Unterdrückung. Die Lichtführung erinnert einmal mehr an Gemälde von Jan Vermeer. Die Handlung ist auf ein Sehnen, Warten, Liegen beschränkt und wirkt zeitlos. Da Cornelia zwei Jahre nach dem Tod ihres Vaters 1669 mit ihrem Mann Cornelis Suythof in die holländische Kolonie Batavia (heute: Jakarta) in Indonesien ausgewandert ist, sind die Lebenslinien von Künstlerin und historischer Figur über die niederländische Kolonialgeschichte aufs engste miteinander verknüpft. Die Frau des 17. Jahrhunderts wanderte aus und starb zwanzigjährig im Kindbett, Fiona Tan ging den Weg in die andere Richtung.

„Ich habe dieses Werk bearbeitet, um eine gewisse Zeitlosigkeit zu erzielen und um dort innerhalb einer sehr subjektiven Zeiterfahrung operieren zu können.“4 (Fiona Tan 2008)

Akribische Recherche und Auseinandersetzung mit sozialen und historischen Bezügen sind Fiona Tan wichtig. Finanz-, Wirtschafts- und Umweltkrisen erschüttern weltweit Gesellschaften und scheinen aus dem Nichts zu kommen. Für das Video-Triptychon „Ghost Dwellings I-III“ bereiste die Niederländerin Cork, Detroit und Fukushima. Die drei Industrieorte durchlebten seit 2009 tiefgreifende Veränderungen: Der Konkurs von General Motors traf Detroit 2009. Das irische Cork leidet bis heute am Platzen der Immobilienblase. Fukushima wurde weltweit zum Symbol unbeherrschbarer Energiegewinnung durch Atomkraft. War es in „Nellie“ noch ein herrschaftliches Wohnhaus aus dem Barock, das den Rahmen für Identitätsfindung einer Frau abgab, so interessiert sich Tan in den 2000er-Jahren für unwirtliche, menschenfeindliche Orte. Damit hat die Künstlerin ihrem Werk eine neue Aussage verliehen, ihre fast nüchternen Bilder5 bleiben sanft aufrüttelnd ohne jemals agitatorisch zu sein.

 

 

Arbeiten an der Erinnerung

„Wenn ich meinem Gedächtnis misstraue (…), so kann ich dessen Funktion ergänzen und versichern, indem ich mir eine schriftliche Aufzeichnung mache. Die Fläche, welche diese Aufzeichnung bewahrt, die Schreibtafel oder das Blatt Papier, ist dann gleichsam ein materialisiertes Stück des Erinnerungsapparates, den ich sonst unsichtbar in mir trage.“6

Mit diesen Worten leitete Sigmund Freud seine Abhandlung über den „Wunderblock“ ein. Die Funktionsweise dieses neuartigen Schreibzeugs inspirierte den Vater der Psychoanalyse zu einem Vergleich, galt es doch für herauszufinden, wie bei begrenzter Aufnahmefähigkeit des Gehirns Erlebtes in mehr oder weniger dauerhafte Erinnerungsspuren übersetzt werden.

Die international reisende Ausstellung von Fiona Tan trägt den Titel „Die Erinnerung der Geografie“. Die Kurator_innen beschreiben ihr Werk als „feinmaschige filmische und fotografische Erinnerungen und darüber, wie der Einzelne mit der Vergangenheit in der Gegenwart lebt.“7 Das Gedächtnis funktioniert wie ein Wunderblock: Schicht für Schicht prägt sich das Leben ein und formt eine Identität. Es könnte die von Nell sein, oder Eng Lie, oder von jedermann und jederfrau.

 

 

Biografie von Fiona Tan (* 1966)

1966 in Pekanbaru (Indonesien, ehemals holländische Kolonie) als Tochter eines indonesisch-chinesischen Vaters und einer australischen Mutter schottischer Herkunft geboren.
Flucht vor der Militärdiktatur Suhartos nach Melbourne (Australien)
1988 Umzug nach Holland.
1988–1992 Studium an der Gerrit Rietvield Academie in Amsterdam
1996–1997 Studium an der Rijksakademie van Beeldende Kunsten in Amsterdam
1996 Erhielt den Prix de Rome für Film/Video.
1997 „May you Live in Interesting Times“ (60 Min. Video). Erhielt den Prize for the best national debut film am Niederländischen Filmfestival.
1998 „Linnaeus‘ Flower Clock“ (17 Min., Video). Gewann den J.C. van Lanschot Prize for Visual Arts Belgien, Niederlande.
1999 „Facing Forward“ (11 Min., Videointallation)
2001–2002 Stipendium Berliner Künstlerprogramm des DAAD.
2001 „Rain“ (Video Installation) und „Saint Sebastian“ (Video Installation). Publizierte das Künstlerbuch „Marebito“.
2002 „Countenance“ (Video Installation)
2003 Hielt sich für ein IASPIS Stipendium und Residency in Stockholm auf.
2004 „Vox Populi Norway“ (Installation aus 267 gefundenen Fotografien) entstand als Auftragsarbeit für das Parlament in Oslo. „Correction“ (Video Installation). Gewann den Infinity Award for Art, New York und war für Artes Mundi Prize, Cardiff, nominiert.
2006 „Vox Populi Sydney“ (Installation aus 301 gefundenen Fotografien), „The Changeling“ (digitale Installation mit Porträts von Schüer_innen aus einem gefundenen japanischen Fotoalbum aus dem Jahr 1929). „West Pier I-V“ (Fotografien).
2007 „A Lapse of Memory“ (24 Min. HD Film, gedreht im Royal Pavilion (1815–1822) im südenglischen Brighton, der die orientalischen Fantasien des Architekten John Nash entsprang.), „Vox Populi Tokyo“ (Installation aus 305 gefundenen Fotografien). Für den Deutsche Börse, Photography Prize 07, London/Frankfurt nominiert.
2008 „Provenance“ eine Auftragsarbeit für das Rijksmuseum (digitale Installation mit sechs Projektionen, bestehend aus Porträts von Menschen aus dem Umfeld von Fiona Tan und einem Essay der Künstlerin, in dem sie von Amsterdam erzählt, eigenes Erlebtes und holländische Historienmalerei miteinander verwebt), „Island“ (15 Min. HD Installation), „Närsholmen I-VI“ (Fotografien).
2009 Mit der HD-Installation „Disorient“ vertrat Fiona Tan die Niederlande auf der 53. Biennale von Venedig: „Provenance“ auf Basis von Gemälden des „Goldenden Zeitalters“ aus dem Rijksmuseum in Amsterdam, der Zweikanal-HD-Installation „Rise and Fall“ (26 Min.)
2010 „Vox Populi Switzerland“ (Installation aus gefundenen Fotografien), „Brendan’s Isle“ (6 Min. 52 Sec., Sound-Arbeit).
2011 „Diptych“ (2006–2011, HD Installation)
2012 „Vox Populi London“ (Installation aus 264 gefundenen Fotografien), „Inventory“ (17 Min. HD und Videoinstallation).
2013 „Nellie“ über das Leben von Cornelia van Rijn (1654–1669), der unehelichen Tochter von Rembrandt (3 Min. 9 Sec. Videoinstallation)
2014 „Ghost Dwellings I-III“ gedreht in Cork, Detroit und Fukushima (Video-Triptychon, HD Installation)
Fiona Tan lebt und arbeitet als Fotografin und Filmkünstlerin in Amsterdam.

 

Fiona Tan. Geography of Time: Ausstellungskatalog

mit Beiträgen von Eva Klerck Gange, Christophe Gallois, Peter Gorschlüter, Angela Jerardi, Jenny Hval, Ruth Direktor
208 Seiten
ISBN 978-3-86335-839-6: Englisch, Deutsch, Norwegisch und Hebräisch
Koenig Books, London

  1. So Fiona Tan in einem Interview mit Saskia Bos. Zitiert nach: Other Facets of the Same Globe. A Conversation between Fiona Tan and Saskia Bos, in: Disorient (Ausst.-Kat. Niederländischer Pavillon, Giardini, 53. Biennale von Venedig, 7.6.-22.11.2009), Heidelberg 2009, S. 22-27, hier S. 24.
  2. In ihrem dokumentarischen Film „May you Live in Interesting Times“ (1997) bezeichnete sich Fiona Tan selbst als „a professional foreigner, whose identity is defined by that which I am not.“ Zitiert nach: Thorsten Sadowsky, With other Eyes, in: Fiona Tan. Mirror Maker (Ausst.-Kat. Kunsthallen Brandts, 25.2.-21.5.2006, Landesgalerie Linz, 1.6.-13.8.2006, Bergen Kunstmuseum 1.9.-3.12.2006, Porin Taidemuseo, 26.1.-20.5.2007), Heidelberg 2006, S. 58-63, hier S. 58.
  3. In ihrem dokumentarischen Film „May you Live in Interesting Times“ (1997) bezeichnete sich Fiona Tan selbst als „a professional foreigner, whose identity is defined by that which I am not.“ Zitiert nach: Thorsten Sadowsky, With other Eyes, in: Fiona Tan. Mirror Maker (Ausst.-Kat. Kunsthallen Brandts, 25.2.-21.5.2006, Landesgalerie Linz, 1.6.-13.8.2006, Bergen Kunstmuseum 1.9.-3.12.2006, Porin Taidemuseo, 26.1.-20.5.2007), Heidelberg 2006, S. 58-63, hier S. 58.
  4. Zitiert nach Christophe Gallois, Die „bildenden Briefe“ von Fiona Tan, in: Fiona Tan (Ausst.-Kat. Nasjonalmuseet, Oslo; Mudam Luxembourg; MMK Museum für Moderne Kunst, Frankfurt; Tel Aviv Museum of Art), S. 162–168, hier S. 166.
  5. So einen Beobachtung von Peter Gorschlüter, Hinter den Spiegeln, und was ich dort fand. Orte und Nicht-Orte in Werken von Fiona Tan, in: Fiona Tan. Geography of Time (Ausst.-Kat. Nationalmuseum, Oslo 25.9.2015-31.1.2016), London 2015, S. 169-173, hier S. 172.
  6. Sigmund Freud, Notiz über den »Wunderblock« (1925 [1924]), zitiert nach: http://www.textlog.de/freud-psychoanalyse-notiz-wunderblock.html (letzter Besuch 29.9.2015).
  7. Ebenda, S. 157.
Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.