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František Kupka. Pionier der Abstraktion Symbolismus und Abstraktion: „Amorpha, Fuge in zwei Farben“

Frantisek Kupka, Amorfa, Fuge in zwei Farben, Detail, 1912, Öl/Lw, (Nationalgalerie Prag, Prag)

Frantisek Kupka, Amorfa, Fuge in zwei Farben, Detail, 1912, Öl/Lw, (Nationalgalerie Prag, Prag)

František Kupka (1871–1957) zählt zu den Pionieren der abstrakten Kunst (→ Abstrakte Kunst) – und ist dennoch einer allgemeinen Öffentlichkeit zu Unrecht kaum bekannt. Die Ausstellungstournee 2018/19 mit etwa 300 Werken, die im Grand Palais ihren Ausgang nimmt, lenkt das Interesse auf einen reflektierten, kritischen Modernen mit feinem Gespür für das Malerische und überbordender Experimentierlust. Das Kuratorenteam um Brigitte Leal vom Centre Pompidou gelingt eine grandiose Präsentation, in der die historische Position des Malers deutlich herausgearbeitet wird. Dass František Kupka zweifellos eine bedeutende Position innerhalb der Moderne einnimmt, sollte nach dieser epochalen Schau niemand mehr bezweifeln!

Zwischen 1906 und 1912 erarbeitete sich der Symbolist, Anhänger von Friedrich Nietzsche sowie Rudolf Steiner eine ungegenständliche Formensprache, indem er musikalische und wissenschaftliche „Metaphern“ entwickelte. Kupkas Bruch mit der mimetischen Tradition kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Der naturwissenschaftlich interessierte Maler beschäftigte sich mit Raum und der Raumzeit-Krümmung und der Frage, welche Formen und Farben, was ausdrücken könnten. Im Laufe 1920er Jahre wurden seine Gemälde deutlich konstruktiver, bis sie zu „maschinistischen“ Kompositionen reiften.

Theo van Doesburg lud Kupka 1931 ein, der Gruppe Abstraction-Création beizutreten, um die ungegenständliche Kunst zu fördern. Desgleichen tat František Kupka auch nach dem Zweiten Weltkrieg im Salon des Réalités Nouvelles. Dass mehr als 40 seiner Hauptwerke 1946 nach Prag verkauft wurden und für Jahrzehnte hinter dem Eisernen Vorhang verschwanden, machte die Rezeption des Malers in der westlichen Kunstgeschichte problematisch. Damit wird nun aufgeräumt!

 

Allegorien des Lebens

Kupka erhielt seine Ausbildung an der Akademie der Bildenden Künste Prag (1887–1891) und an der Akademie der bildenden Künste in Wien (1891–1893). Zu seinen Lehrern zählten der Akademieprofessor August Eisenmenger, auf den der Maler und Sozialreformer Karl Wilhelm Diefenbach folgte. In der Nachfolge des „Propheten“ Diefenbach sozialisierte sich Kupka als Theosoph und Anhänger der Lebensreform-Bewegung., beschäftigte sich aber auch erstmals mit Naturwissenschaften, Philosophie und Esoterik. Nachdem er 1895/96 nach Paris übersiedelt war, verdiente er als Illustrator Geld. Dass er dem „Wiener Mystizismus“ entfliehen wollten, zeigen diese ironischen Blätter eindrucksvoll. Zum einen bediente sich František Kupka eines akademischen Stils, zum anderen fühlte er sich philosophischen Themen hingezogen.

In Paris bewegte sich František Kupka im Milieu seines Landsmannes Alfons Mucha und der liberal-subversiven Gruppierung am Montmartre. Mit „Le Bibliomane [Der Büchernarr]“ (1897), 1899 seiner ersten Einreichung am Pariser Salon de la société nationale, zeigte Kupka, wie sehr er sich von der Mystik entfernen wollte: Der titelgebende Mann sitzt in einer Gartenlaube, während das Leben in Form von drei hübschen, jungen Damen und der blühenden Natur im Sonnenschein rechts als Gegensatz inszeniert werden. Der Leser stellt seinen Freund, den Schriftsteller Hanuš Jelínek dar, kann aber auch als alter ego Kupkas aufgefasst werden. Er geht in der mystischen Lektüre auf, während das Leben an ihm vorbeizieht. Das Thema an sich entspricht aber einer Allegorisierung des wirklichen Lebens. Dem Körperlichen wie auch dem Humoristischen ist dann „Epona-Ballade. Les Joies“ (1901) zuzurechnen, mit dem er 1904 auf der Weltausstellung in St. Louis eine ehrenvolle Erwähnung erhielt. Es wirkt schon eigentümlich, um nicht zu sagen mehr komisch als erotisch, dieses Bild, zeigt es doch zwei nackte Frauen auf Pferden am Strand.

 

„In Domažlice habe ich einem Malermeister, einem gewissen Pecka, erklärt, dass ich gelernter Maler sei, nur hatte ich mein Arbeitsbuch verloren, und der gute Mann hat mich genommen. Ich habe 4–5 Landschaftstypen zu malen gelernt, Madonnen, heilige Josephs und andere Heilige, deren Namen ich schon vergessen habe. Nach einiger Zeit kehrte ich nach Dobruška zuruck, wo ich weiterhin die gelernten, später auch nicht gelernte Bilder fabrizierte und diese wie Apelles an der Sonne trocknete. Derart ausgestellte Bilder hat eines Tages der Bürgermeister von Dobruška, Herr Josef Archleb, gesehen und sogleich einen heiligen Joseph sowie ein Firmenschild für die städtische Sparkasse bei mir bestellt. Des Guten nicht genug, hat mich der mächtige Herr nach Jaroměř zu Prof. Studnička geschickt, dem Direktor der dortigen Handwerkerschule. Professor Studnička hat mich mit großer Bereitwilligkeit drei Monate lang bei sich behalten und mir gründlich, nahezu väterlich das Zeichnen beigebracht, mit dem Zeichnen eines Kreises beginnend. Ihm habe ich an erster Stelle mein erstes Kunstverständnis und solide Grundlagen in der Zeichenkunst zu verdanken. Er war es, der mich als Erster auf J. Manes aufmerksam gemacht hat, und als er mich entließ, hat er mich immer wieder auf ihn verwiesen, damit ich in ihm suche, was ein Künstler überhaupt auszudrücken vermag. Seine Worte sind auf fruchtbaren Boden gefallen. In diesen jungen Jahren, wenn der Geist besonders aufnahmebereit ist, bin ich also Manes begegnet, und dieser hat mich nahezu fatal ergriffen.“ 1 (František Kupka in einem Brief an den Schriftsteller Josef Svatopluk Machar, Paris 1902)

 

Illustrationen

Neben seiner künstlerischen Suche verfolgte František Kupka auch eine Karriere als Illustrationsgrafiker verschiedenster Zeitschriften in Frankreich und Deutschland. Meist waren die Blätter liberal und radikal sozialistisch. In traditionellen Medien hätte der Zeichner aus Mähren auch seine teils bösen Karikaturen auch nicht untergebracht. Offensichtlich legt er in ihnen seine Kritik an den Religionen und ihren Göttern dar und beschäftigt sich mit der Darwin’schen Theorie der Abstammung des Menschen vom Affen. Wunderbar erheiternd in diesem Sinne ist in „Création de l’homme“ (1904, Musée d‘Orsay) die Gegenüberstellung von Jupiter und Jahwe, die gerade auf höchst unterschiedliche Weise den Menschen erschaffen, während ihnen in der Mitte der Komposition ein Affe bei der Arbeit zusieht. Oder auch den Ringkampf zweier Männchen um ein Weibchen in „Anthropoïdes“ (1902). Mit seinen provokanten politischen sowie gesellschaftskritischen Zeichnungen hatte František Kupka in Frankreich und im Ausland durchschlagenden Erfolg. Bestes Zeichen dafür sind die weite Verbreitung und die Organisation zweier Ausstellungen in Böhmen in den Jahren 1905 und 1907. Der Skandal ließ nicht lange auf sich warten.

Als berühmter Zeichner wurde František Kupka eingeladen, an mehreren Illustrationsprojekten teilzunehmen: Seiner Mitarbeit an Élisée Reclus‘ „L’Homme et la Terre“ (1905–1908) folgten bibliophile Ausgaben von „Les Érinnyes“ von Leconte de Lisle (1908), „Lysistrata“ von Aristophanes (1909–1911) und „Promètheus“ von Eischilos (1909, veröffentlicht 1924). Vor allem Kupkas Arbeit vom Prometheus führte zu einer nahezu archäologischen Interpretation der griechischen Antike. Vor allem seine Auseinandersetzung mit der archaischen Kunst aus Kreta und Mykene führte zu einer Betonung der Umrisslinien.

 

 

Erfindung der Abstraktion

Nach einer symbolistischen Phase in seiner Malerei schloss sich František Kupka den Neoimpressionisten bzw. Fauvisten an. Im Jahr 1906 übersiedelte der Maler nach Puteaux und stellte erstmals am Salon d’Automne aus. In den Jahren zwischen 1906 und 1912 prägte seine Suche nach einer nichtgegenständlichen Malerei, mit welcher er die Mimesis der Natur zu überwinden hoffte. Entdeckungen wir die Relativitätstheorie und die Röntgenstrahlen bestärkten den Maler in seiner Kritik an der zeitgenössischen Kunst. Für ihn waren sowohl Naturwissenschaften wie Musik wichtige Inspirationsquellen für eine neue, moderne Kunst, in der er mit fauvistischem Farbspektrum, starker Vereinfachung und Farbkontrasten experimentierte. „Die Farbigkeit in der Musik und die Musikalität der Farben“ wurden sein Credo. Dies formulierte er im theoretischen Traktat „La Création dans les arts plastiques“ (1907–1913, Erstveröffentlichung auf Tschechisch 1923) und den Gemälden „La Petite Fille au ballon“ (1908) oder „„Les Touches de piano. Le Lac“ (1909).

Mit „L’Eau (La Bagneuse)“ (1906–1909) wandte sich Kupka der Darstellung von Bewegung zu. Er verschmolz die Badende mit dem grünen Wasser, wobei die Wellen jene radialen Kreissegmente ausbilden, welche spätere abstrakte Kompositionen als Kraftlinien zeigen. Besondere Beachtung erfahren in der Schau zwei Darstellungen von „Gigolettes“ (1908–1911), Prostituierten beim Auftragen von Lippenstift. Kupka stellte die Bilder mit den hellenistischen Umrissen und den fauvistischen Farben 1911 am Salon des Indépendants aus. „Madame Kupka dans le verticales“ (1910/11) lässt das Porträt von Kupkas Ehefrau Eugénie hinter einem „Vorhang“ von bunten Farbflächen nahezu verschwinden. In einem Brief an seinen Freund Josef Svatopluk Machar hatte Kupka bereit s1905 davon gesprochen, Konzepte, Synthesen und Verbindungen malen zu wollen.

 

 

Amphora, Fuge in zwei Farben

Zur gleichen Zeit schuf er 1910/11 jene drei ungegenständlichen Werke, die er 1912 als weltweit Erster am Salon d‘Indépendants in der Pariser Öffentlichkeit präsentierte: „Amorpha. Fugue à deux couleurs [Amphora, Fuge in zwei Farben]“ und „Amorpha. Chromatique chaude“. Noch im gleichen Jahr hatte er am Salon d’Automne drei Gemälde mit den Titeln „Plans par couleurs“ ausgestellt, die als „Femme dans les triangles“, „Porträt des Musikers Follot“ und „Ovaler Spiegel“ identifiziert werden können. Zudem war Kupka mit zwei Werken am ersten Salon de la Section d’Or der Puteaux-Gruppe vertreten: „Complexe“, „Compliment“ und „Constante“. Für die Kritiker changierten die ungegenständlichen Werke zwischen überbordender Dekoration und Visualisation von Johann Sebastian Bachs barocken Kompositionen.

 

 

Zwei der „Plans par couleurs“-Bilder zeigen noch figurative Reminiszenzen, die Kupka ab dem „Ovalen Spiegel“ und vor allem den „Amorpha“-Bildern zugunsten einer geometrischen Abstraktion völlig zurückdrängte. Kupka überlagerte Kreise und schuf so Kreissegmente, die er in fein abgestimmten Farbtönen und mit malerischem Gestus ausmalte. Die Linien bleiben trotz der farbigen Gestaltung sichtbar, die vielen quadratischen Formate mögen auf den Jugendstil und dessen Vorliebe für das ausgewogene Bildformat zurückzuführen ein. Studien zeigen in der Ausstellung, wie sich Kupka den endgültigen Formen annäherte, wobei das Farbspektrum offensichtlich von Anfang an feststand – und eher die Formgebung dem Experiment unterworfen war. Vertikale, horizontale und diagonale Flächen symbolisierten für ihn Raum und Raumzeit, letztere vor allem durch Kurven visualisiert. Freie Formen – und vor allem unregelmäßige – wurden von Kupka ebenso am Beginn seiner abstrakten Werke erprobt: „Complexe“ (1912, Privatsammlung, New York) zeigt die malerischen Möglichkeiten des Flecks. Als unbestimmt und unbestimmbar würde der Fleck einen Ausdruck der organischen Welt beschreiben und, so der Künstler, dem „Absoluten“ diametral gegenüberstehen.

Den geschwungenen Elementen setzte Kupka 1913 bereits vertikale „Streifen“ entgegen, deren Spiel mit Hell und Dunkel durchaus die Assoziation mit Räumlichkeit evozieren können. Dem folgt eine freie Arabeske in „Le Solo d’un trait brun“ (1912/13, Prag), die über den Titel mit Musik und Tanz verbunden wird. Das „Solo“ wurde am Salon d’Automne von 1913 ausgestellt – genauso wie die beiden Versionen von „Localisations de mobiles graphiques“. Hierin wirken die in parallelen „Schwüngen“ vorgetragenen Formen, als ob sie sich bewegen würden.

 

„Wir müssen malen, modellieren und bauen, als ob wir die Kunst von einem zum anderen Ende durch uns selbst kennen – oder als ob wir sie niemals gekannt hätten. […] seien wir vor allem wir selbst, und wir werden siegen!“2 (František Kupka, Unter einem Baume, der nie beschnitten wurde. Ein künstlerisches Glaubensbekenntnis von Francois Kupka, in: Meister der Farbe, Leipzig 1913)

 

 

„Da das Kunstwerk an sich eine abstrakte Realität ist, verlangt es, aus erfundenen Elementen zusammengestellt zu werden. Seine konkrete Bedeutung resultiert allein aus der Kombination von morphologischen Typen und architektonischen Situationen, welche seinem Organismus eigen sind“. (František Kupka, Quatre histoires de blanc et noir, 1926)

 

Abstraktion der Zwischenkriegszeit und danach

Den Zyklen von farbintensiven Gemälden der Vorkriegszeit folgen Auseinandersetzungen mit gotischer Architektur und Glasfenstern (vgl. Robert Delaunay!), geometrische Abstraktion ab Mitte des Jahrzehnts und die „Maschinistische“ Periode am Ende der 1920er Jahre. Dazwischen stand die Freundschaft mit Theo van Doesburg und Kupkas Auseinandersetzung mit dem Jazz. Den Begriff des Orphismus für seine abstrakten Bilder ablehnend, umarmte František Kupka jenen des Konstruktivismus, um nicht mimetische Kunst zu beschreiben. Die Allusion an Architektur und das Bauen von Bildern mithilfe von aufstrebenden Formen gefiel dem Maler. „Peinture abtraite“ (1930, Prag) überrascht nach den technoiden Abstraktionen mit der radikalen Reduktion der Mittel. Dass sich František Kupka damit der Gruppe Abstraction-Création empfahl, ist naheliegend, wurde das Werk doch mit einer Serie von schwarz-weißen Gouachen 1933 in deren Zeitschrift publiziert.

1936 wurde dem Pionier der Abstraktion eine Personale im Musée des Écoles Étrangères Contemporaines im Jeu de Paume in den Tuilerien ausgerichtet (gegenüber befindet sich die Orangerie mit den späten, abstrahierenden Bildern von Claude Monet!). František Kupka hängte seine ungegenständlichen Werke zum ersten Mal nach formalen Kriterien. In seiner komplexen Interpretation der Formen nahm beispielsweise der Punkt eine wichtige Stellung ein. Dabei bewies der Maler bemerkenswerte Kenntnis der Raumgeometrie (Poincaré im Verhältnis zu Euklid). Gleichzeitig kann der Punkt aber auch das Symbol für den Stern sein und damit eine Verbindung zum esoterischen Makro- und Mikrokosmos. Rhythmische Linien, vulgo Arabesken, besitzen sowohl erzählerische Qualitäten wie symbolische Kraft.

Wenn auch František Kupka nach dem Zweiten Weltkrieg ein wichtiges Mitglied der Réalités nouvelles war und in deren Salon nach dem Tod von Wassily Kandinsky (1944) und Robert Delaunay (1941) als ein Pionier der Abstraktion gewürdigt wurde, so wurde es doch still um den Künstler. Als er 1957 verstarb, war vor allem die expressive Abstraktion auf ihrem Höhepunkt. Die Bedeutung des Tschechen wurde erst vor wenigen Jahren wieder stärker ins Bewusstsein geholt.

 

 

František Kupka in Paris

František Kupka (1871–1957) wurde in den letzten Jahren im Solomon R. Guggenheim Museum (1975/76) und im Kunsthaus Zürich, jüngst im Musée d’Art moderne de la Ville de Paris (1989) gewürdigt. Das gesamte Werk des aus dem böhmischen Opočno stammenden Malers (Österreich-Ungarn, heute: Tschechische Republik) wird umfassend präsentiert: von frühen symbolistischen Arbeiten über abstrakte Kompositionen bis zu den späten Bildern der 1950er Jahre.

Die Ausstellung macht sowohl die Bedeutung der einzigartigen und reichen Persönlichkeit von František Kupka zugänglich, dessen existentielle Fragen und sein Interesse für Philosophie, alte und orientalische Kulturen, (Kritik an) Religionen, Poesie, Musik und auch Naturwissenschaft. Im Gegensatz zu Wassily Kandinsky vermied der stille Außenseiter, Künstler mit Priestern oder Propheten zu vergleichen. Er empfahl Künstlern, sich mit Naturwissenschaften zu beschäftigen und von dort – wie auch er durch das Mikroskop und aus Büchern – wichtige Anregungen zu empfangen. Ihre Kunstdoktrin sollten sie allerdings nicht „nur kühl untersuchen“. Für ihn war künstlerisches Arbeiten eine Synthese von Beobachtungen und Erlebnissen, gepaart mit Gedanken und Gefühlen, womit sie für Kupka „subjektiv und nicht genau fassbar“ war. Mit dieser epochalen Schau in Paris sollten die Leistungen Kupkas nun allgemein anerkannt sein!

Kuratiert von Brigitte Leal (Musée national d’art moderne - Centre Pompidou), Markéta Theinhardt (Kunsthistorikerin, Sorbonne Université) und Pierre Brullé (Kunsthistoriker).

 

 

Biografie von František Kupka (1871–1957)

  • 23. September 1871

    Am 23. September 1871 in Opočno geboren.
  • 1884

    Sattlerlehre bei Josef Šiška in Dobruška.
  • 1887

    Gehilfe in einem Maleratelier in Domažlice
  • 1888

    Drei Monate Zeichenunterricht bei Alois Studnička in Jaroměř und Besuch der Vorklasse der Akademie der bildenden Künste in Prag.
  • 1889– 1891

    Studium in Prag bei František Sequens.
  • 1891–1893

    Drei Semester Studium an der Akademie der bildenden Künste Wien bei August Eisenmenger.
  • 1892

    Schüler von Karl Wilhelm Diefenbach in dessen Künstlerkolonie in der Nähe von Wien. Er entwickelte ein Interesse am Naturalismus, Vegetarismus und Okkultismus. František Kupka schuf in der Nachfolge Diefenbachs das viel besprochene Kolossalbild „Heinrich Heines Todestraum“ (verschollen).
  • 1895

    Kupka präsentierte in der „Fremdensaison“ des Wiener Kunstvereins das philosophische Bild „Quam ad causam sumus [Warum sind wir erschaffen?]“ (verschollen).
  • 1896

    Umzug nach Paris, um dem „Wiener Mystizismus“ zu entgehen. František Kupka ließ sich am Montmartre nieder.
  • 1896–1906

    Kupka zeichnet Mode, Reportagen und Karikaturen für Zeitschriften in Frankreich und im Ausland. Weiters war er an mehreren Illustrationsprojekten beteiligt, darunter die Enzyklopädie von Élisée Reclus „L’Homme et la Terre“.
  • 1897

    Besuch der Académie Julian.
  • 1899

    Beginn der Zusammenarbeit mit Magazinen wie „Cocarica“. Erste Teilnahme am Salon der Société nationale des beaux-arts.
  • 1900

    Teilnahme an der Pariser Weltausstellung, in der Sektion der österreichischen Kunst, tschechische Abteilung (gemeinsam mit Alfons Mucha).
  • 1902

    Eine Sondernummer von „L’Assiette au beurre“ wurde von František Kupka mit dem Thema „L’Argent“ ausgestattet. Stellte am Salon der Société nationale des beuax-arts das Gemälde „Epona-ballade – les Joies“ aus.
  • 1903

    Mitarbeit am Journal „Le Canard sauvage“.
  • 1904

    Machte die Bekanntschaft mit Eugénie Straub, Mutter einer Tochter namens Andrée, die er 1910 heiratete. Teilnahme an der Weltausstellung in St. Louis (USA). Gestaltete zwei Nummern des Magazins „L’Assiette au beurre“ mit den Themen Religion und Friede.
  • 1905

    Kupka besuchte Vorlesungen in Physik, Biologie und Physiologie an der Sorbonne und war im Universitätslabor tätig. Ausstellung seiner politischen Zeichnungen in Böhmen und Mähren. Gab einige seiner Zeichnungen dem anarchistischen Magazin von Jean Grave „Les Temps nouveaux“. Illustrierte die Enzyklopädie des Geografen Élisée Reclus „L’Homme et la Terre“.
  • 1906

    Übersiedlung nach Puteaux. Erste Teilnahme am Salon d’autonme, der im Jahr zuvor vom Skandal-Erfolg der Fauvisten beherrscht war, mit „Soleil d‘automne“, einer parodistischen Version auf die Hesperiden und die drei Grazien. Kupka beschloss, sich vorrangig den „wesenseigenen“ Problemen der Malerei zu widmen, woran er bei 1912 und auch danach arbeitete. Er wies die mimetische Nachahmung der Realität zurück, dafür bezog er sich beispielsweise auf musikalische und wissenschaftliche „Metaphern“.
  • 1907

    Ausstellung seiner Zeichnungen in Mähren
  • 1908

    Stellte „Soleil d‘Automne“ auf der Kunstschau in Wien aus. Die Ausstellung war von der Klimt-Gruppe organisiert worden.
  • 1909

    Malte das Hauptwerk „Les Touches de piano. Le Lac“. Beginn der Arbeit an zwei Illustrationsprojekten: Aristophanes „Lysistrata“ (1911 veröffentlicht) und Aischylos‘ „Prometheus“ (1924 veröffentlicht).
  • 1910

    Hochzeit mit Eugénie
  • 1911

    František Kupka begann sich mit der Puteaux-Gruppe zu treffen. Zu den Mitgliedern gehörten: Raymond Duchamp-Villon (1876–1918), Albert Gleizes (1881–1953), Fernand Léger (1881–1955), Jean Metzinger (1883–1956), Francis Picabia (1879–1953), Jacques Villon (1875–1963). Am Salon des Indépéndants stellte Kupka drei Gemälde zum Thema der Gigolettes aus. Am Salon d’Automne präsentierte er „Plans par couleurs (Grand nu)“ und „Portraits (Portrait de famille)“.
  • 1912

    Kupka stellte im Salon d’Automne als Erster gegenstandslose Werke aus: „Amorpha. Fugue à deux couleurs“ und „Amorpha. Chromatique chaude“, die einen Skandal hervorrufen. Noch im gleichen Jahr war Kupka mit drei Werken am ersten Salon de „la Section d’Or“ vertreten (heute wird die Schau mit dem von Guillaume Apollinaire geprägten Begriff des Orphismus verbunden): „Complexe“, „Compliment“ und „Constante“. Im Salon Indépéndants stellte Kupka drei Gemälde mit den Titeln „Plans par couleurs“ aus, die als „Femme dans les triangles“, „Porträt des Musikers Follot“ und „Ovaler Spiegel“ identifiziert werden können.
  • 1913

    Im Salon des Indépéndants präsentierte Kupka „plans verticaux“ und „Solo d’un trait brun“. Im Salon d’Automne stellte er „Localisations de mobiles graphiques I“ und „Localisations de mobiles graphiques II“ aus. Anlässlich des Salons erreichte der Maler, dass sein theoretisches Werk „La Création dans les arts plastiques“ (1907) veröffentlicht wurde.
  • 1914/15

    Freiwilliger Militärdienst in der tschechoslowakischen Abteilung der Fremdenlegion im Ersten Weltkrieg. Kupka nahm an den ersten Schlachten teil.
  • 1915–1918

    Präsident der tschechischen Kolonie in Frankreich. Im Oktober 1918 ließ er sich wieder in ein tschechisches Regiment versetzen.
  • 1919

    Lernte den tschechischen Industriellen Jindřich Waldes kennen, der sein wichtigster Mäzen und Sammler wurde (bis zu dessen Tod 1941).
  • 1920

    Teilnahme an der zweiten Ausstellung der Section d’or in der Galerie La Boétie in Paris.
  • 1920–1939

    Betreuer der tschechischen Stipendiaten in Paris.
  • 1921

    Erste Einzelausstellung von František Kupka: „François Kupka: Peintures – Blancs et noirs“ in der Galerie Povolozky in Paris.
  • 1922

    Erste Monografie über den Künstler von Louis Arnould-Grémilly in Französisch. Professur an der Prager Akademie der bildenden Künste in Paris.
  • 1923

    „Die Schöpfung in der bildenden Kunst“ bildete Kupkas wichtigste kunsttheoretische Schrift; 1923 wurde sie auf Tschechisch publiziert.
  • 1924

    Einzelausstellung in der Galerie La Boétie in Paris.
  • 1926

    Publizierte „Quatre histoires de blanc et noir“. Lernte Theo van Doesburg kennen. Erste Ausgabe der Zeitschrift „Machinismes“.
  • 1927–1930

    Phase der „maschinistischen“ Bilder.
  • 1931

    Auf Einladung von Theo van Doesburg wurde František Kupka Mitglied der Gruppe Abstraction-Création (bis 1934).
  • 1934

    Trat aus der Gruppe Abstraction-Création wieder aus.
  • 1936

    Ausstellung (gemeinsam mit Alfons Mucha) im Musée des Ecoles etrangeres contemporaines, Jeu de Paume: Kupka unternahm erstmals eine Kategorisierung seiner Werke nach formalen Aspekten: konventionelle Arbeiten, erfundene Motive, kreisförmige, vertikale, vertikale und diagonale, trianguläre, diagonale.
  • 1940–1945

    Rückzug nach Beaugency im Loire-Tal.
  • 1946

    Kupka wurde anlässlich seines 75. Geburtstags eine erste große Retrospektive im Manes-Gebäude in Prag gewidmet. Er betrieb die Kategorisierung seiner Werke weiter, fügte aber noch die Kategorie der Bildstrukturen hinzu. Teilnahme am ersten Salon des Réalités Nouvelles im Palais des Beaux-Arts de la Ville de Paris. Der tschechoslowakische Staat erwarb eine große Anzahl von Werken des Künstlers.
  • 1951

    Kupka ging zum ersten Mal einen Vertrag mit einer Galerie ein, der Louis Carré Gallery in New York.
  • 1953

    Der Salon des Réalités Nouvelles organisierte ein „fünfzigjähriges Jubiläum“ für Kupka.
  • 1955

    František Kupka war auf der documenta I in Kassel vertreten.
  • 21. Juni 1957

    František Kupka verstarb am 21. Juni 1957 völlig verarmt und vereinsamt in Puteaux bei Paris.
  • 1958

    Das Musée national d’art moderne zeigte die erste posthume Ausstellung über Kupka.
  • 1963

    Eugènie Kupka vermachte nach ihrem Tod den gesamten Atelierbestand dem Musée national d’art moderne.

Frantisek Kupka: Bilder

  • František Kupka, Les Touches de piano. Le Lac, 1909, Öl/Lw, 79 x 72 cm (Národní galerie v Praze, National Gallery, Prag, don, 1946, © Adagp, Paris 2018 © National Gallery in Prague 2018)
  • Frantisek Kupka, Amorfa, Fuge in zwei Farben, 1912, Öl/Lw, (Nationalgalerie Prag, Prag)
  • František Kupka, Disques de Newton, 1912, Öl/Lw, 100 x 73,7 cm (Philadelphia Museum of Art, The Louise and Walter Arensberg Collection, 1950 © Adagp, Paris 2018 © Philadelphia Museum of Art)
  • František Kupka, La Montée, 1922/23, Öl/Lw, 111,1 x 80,7 cm (Albertina Museum, collection Batliner, © Adagp, Paris 2018 © The Albertina Museum, Vienna. The Batliner Collection)
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Hermann Nitsch, Schüttbild, Detail, 2011, Acryl auf Jute © Hermann Nitsch

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19. September 2018
Claude Monet, Der Seerosenteich, Detail, 1917–1919 (© Albertina, Wien. Sammlung Batliner)

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Claude Monet (1840–1926) steht wie kein anderer für die Malerei des Impressionismus. Sein Umgang mit Farbe, Bildaufbau und Struktur ließen ihn früh zur zentralen Malerpersönlichkeit der 1870er Jahre avancieren. Anhand von Lebens- und Arbeitsorten analysiert die Ausstellung der Albertina Monets Entwicklung (malerisch wie ikonografisch) und lenkt auf das außergewöhnliche Spätwerk hin, das im Garten von Giverny entstand.
11. September 2018
Sean Scully, Landline Bend Triptych, Detail, 2017, Öl/Aluminium, 3-teilig, je 215,9 × 190,5 cm (Privatsammlung © Sean Scully, Foto: Robert Bean)

Sean Scully: Landline Meer, Horizont und Himmel ineinander verwoben

Was 2014/15 als Projekt für Venedig begann, zeigt sich heute als Wendepunkt im Werk von Sean Scully: Indem er Meer, Horizont und Himmel ineinander verwebt, eröffnete er sich mit "Landlines" ein neues Formenreperoire. 2018/19 im Hirshhorn Museum and Sculpture Garten & Wadsworth Atheneum Museum of Art
  1. Zitiert nach Markéta Theinhardt, František Kupka und die Formkunst, in: Agnes Husslein-Arco, Alexander Kell (Hg.), KUBISMUS – KONSTRUKTIVISMUS – FORMKUNST (Ausst.-Kat. Belvedere, Wien, 10.3.–19.6.2016), Wien 2016, S. 45–55, hier S. 45.
  2. Zitiert nach Markéta Theinhardt, František Kupka und die Formkunst, in: Agnes Husslein-Arco, Alexander Kell (Hg.), KUBISMUS – KONSTRUKTIVISMUS – FORMKUNST (Ausst.-Kat. Belvedere, Wien, 10.3.–19.6.2016), Wien 2016, S. 45–55, hier S. 50.
Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.