Frida Kahlo

Wer war Frida Kahlo?

Frida Kahlo (1907–1954) war eine mexikanische Malerin, deren Werk nach einem schweren Unfall einsetzt. Sie verarbeitete in über 50 Selbstporträts ihre körperliche Leidensgeschichte und emotionalen Höhen und Tiefen (→ Frida Kahlo: Biografie). Kahlo war zwei Mal mit dem mexikanischen Muralisten Diego Rivera verheiratet, dessen Untreue sie mit ebensovielen Affären begegnete. Als Kommunistin und Frauenrechtlerin prägte sie ihr Image in der Öffentlichkeit als Mexikanerin. Dafür nutzte sie traditionsreiche, bunte Kleidung, ihre Frisur, ihr Aussehen, das sie in den bereits genannten Selbstbildnissen hinsichtlich Nationalität und Herkunft zu steigern wusste. André Breton sah in Frida Kahlo eine Protagonistin des Surrealismus, was sie selbst jedoch zurückwies.

Erst in den 1980er Jahren wiederentdeckt, zählt Frida Kahlo seither zu den Kunst-Superstars (→ Frida Kahlo 2019). Berühmt ist sie für Bilder, in denen sie ihr von Krankheit und Schmerz gezeichnetes Körperempfinden, ihre Träume und ihre Selbstinszenierung analysiert und inszeniert. Die Künstlerin begann 1925 zu malen, nachdem sie als 18-jährige einen beinahe tötlichen Unfall in einem Autobus schwer verletzt überlebte. In den folgenden 30 Jahren entwickelte sie ein quantitativ überschaubares und konzises Werk, in dem sie ihre Person immer wieder analysierte, hinterfragte und inszenierte. Darüber hinaus zeigt sie auch Szenen aus ihrem Leben und versteckte auch ihre turbulente Ehe mit dem Maler und Muralisten Diego Rivera (1886–1957) nicht.

In einer Vielzahl von Selbstporträts, Fotos und „surrealen“ Visionen werden Frida Kahlos Begehren und Leid greifbar, aber auch ihre Beschäftigung mit der mexikanisch-aztekischen Tradition in Bildern von den Gestirnen Sonne und Mond als Symbole für Männlich- und Weiblichkeit. Wie kann eine liebende Ehefrau die ständigen Affären ihres Mannes Diego Rivera, den sie sich in einem Selbstbildnis sogar auf die Stirn tätowierte, ertragen? Welches Selbstbild suchte sie in ihren Bildern zu vermitteln?

 

Kahlo zwischen Neuer Sachlichkeit und Surrealismus

Das Werk Frida Kahlos entwickelt sich ab 1926 zwischen Neue Sachlichkeit und Surrealismus, sie strebt danach, die sichtbare Welt in Porträts und Stillleben gleichsam wie eine Fotografin einzufangen und festzuhalten. In Kahlos Zeichnungen wird deutlich, dass klar gezogene Umrisse und das Herausarbeiten der Körperlichkeit mittels Licht und Schatten zu den wichtigsten malerischen Kriterien ihres frühen Werks zählen. Im Laufe der Jahre entwickelte Frida Kahlo auch Interesse an der Wiedergabe von Texturen und Oberflächen. Einige Arbeiten wirken „naiv“ und am Porträttypus der italienischen Frührenaissance orientiert, beispielsweise nimmt das „Selbstbildnis mit Samtkleid“ (1926) durch Haltung und Hintergrundlandschaft auf Sandro Botticellis „Geburt der Venus“ Bezug.

Andererseits machen viele ihrer Bilder ab 1931 eine „surreale“ Welt visuell zugänglich, die der Künstlerin zufolge keine Träume sondern ihre Lebenswirklichkeit, vielleicht am besten als ihre Gedankenwelt beschreibbar, wiedergeben. Auch wenn André Breton 1938 anlässlich eines Besuchs in Mexiko fasziniert vom „genuinen Surrealismus ihrer Werke“ sprach und sie 1940 in die Internationale Ausstellung des Surrealismus in Mexiko Stadt aufnahm, so bestand die Malerin dennoch auf ihre Unabhängigkeit. In diesem Sinne empfand sie sich selbst nicht als Surrealistin, stattdessen schlug sie vor, ihre Gemälde autobiografisch zu interpretieren. Sie würde keine Träume malen, sondern ihr Leben!

Dass sich das Werk der Mexikanerin jedoch nicht nur aus persönlich Erlebt- und vor allem Erleidetem speist, wird schnell klar. Es verrät eine mehrfache kulturelle Prägung: Spuren archaisch-ägyptischer (siehe das Fragment eines Freskos, das stark an Mumienporträts erinnert), christlicher (Ikonenmalerei) aber auch zeitgenössischer Malerei, präkolumbianischer, folkloristisch-mexikanischer, mystischer und zivilisatorischer Diskurse sind nachweisbar. Frida Kahlo gelingt es zudem, diese Themenkomplexe in Bilder voll leuchtender Farben zu fassen.

 

Kommunistin und Mexikanerin

Diese persönliche Thematik und die überschaubare Größe ihrer Bilder standen in scharfem Kontrast zu der Arbeit ihrer angesehenen Zeitgenossen, den mexikanischen Muralisten. Die mexikanische Wandmalerei-Bewegung, die im Zuge der mexikanischen Revolution begann und von der Regierung unterstützt wurde, zielte darauf ab, monumentale Wandbilder zu schaffen, die die nationale Geschichte darstellten und die Identität des Landes mitprägten. Als bekennende Kommunistin, wie ihre Kollegen Rivera, José Clemente Orozco und David Alfaro Siqueiros, äußerte Frida Kahlo den Wunsch, etwas Nützliches für die kommunistische revolutionäre Bewegung“ zu malen, doch ihre Kunst blieb „weit entfernt von Arbeiten, die der Partei dienen könnten“. Trotzdem beteiligte sie sich an der Erhebung der indigenen Kultur Mexikos durch Gleichaltrige, sammelte leidenschaftlich mexikanische Volkskunst und nutzte häufig ihre Motive und Techniken. In „Meine Großeltern, Meine Eltern und ich (1936, MoMA) arbeitete sie mit dem Format eines Retablos, das sind kleine Andachtsbilder auf Metallplatten. In ihrem sorgfältig konzipierten, extravagante Auftreten, wobei sie bunte Trachten und präkolumbianischen Schmuck trug, entwarf sie eine mexikanische Identität, die sie performativ darstellte.

 

Kahlos Mal- und Tagebuch

1944, mit 37 Jahren, begann Frida Kahlo ein sog. Mal- und Tagebuch zu führen (→ Renate Kroll: Blicke die ich sage. Frida Kahlo. Das Mal- und Tagebuch). Eine „Gattungszuschreibung“ im klassischen Sinn lässt sich für dieses Werk kaum finden. Es verbindet Charakteristika von einem Malbuch und Poesiealbum, einer Briefsammlung und Gedankensammlung, eines Gedichtbandes, einem Erinnerungsbuch, lyrische Ergüsse befinden sich neben Gedanken zu Kunst, Theater, Maltechniken, das Beschwören von Liebe und Schmerz fügt sich an politische Kommentare und Statements zu Künstlern und Literaten.

 

Fridamanie - Frida Kahlos Nachruhm

Seit den 1980ern erlebt das Werk der Antikapitalistin und Kommunistin einen weltweiten, ungebrochenen Boom. Eine internationale „Fridamanie“ war ausgebrochen, die malende Frau von Diego Rivera „bekam“ eine eigene Geschichte. Ihr Vermächtnis wird jedoch bis heute weniger in politischen Dimensionen gelesen als im Persönlichen verortet. Die von ihr verwendeten Symbole für Mutterschaft, Abfolge von Generationen, Werden und Vergehen, für Liebe, Schmerz und Leid aber auch für das Geheimnis des Lebens sind gleichermaßen verständlich wie abgründig. Diese Intimität der Themen, die Direktheit ihrer Vermittlung und ihre geheimnisvoll-bekannte, immer aber individuelle Bildsprache machen die Faszination ihres Werks aus - über die Bewunderung einer offenbar starken und leidenschaftlichen Frau mit schillernder Persönlichkeit und hoher Sensibilität für Selbstdarstellung hinaus.

So ist es in ihrem Werk und Nachruhm immer schwierig zwischen Legende, Mythos, Selbstdarstellung und Lebensrealität zu unterscheiden. Denn wie kann eine seit einem Unfall 1925 jahrelang unter chronischen Schmerzen leidende, 46-jährige Frau knapp ein Jahr vor ihrem Tod in ihr Tagebuch schreiben?

„Trotz meiner langen Krankheit fühle ich eine riesige LEBENSLUST.“ (30. Januar 1953)

Alle Beiträge zu Frida Kahlo

23. Juni 2019
Frida Kahlo, The little Deer, Detail, 1946, Öl/Masonit, 22.5 x 30.3 cm (Privatbesitz © Banco de México Diego Rivera Frida Kahlo Museum Trust / VG Bild-Kunst, Bonn 2018, Foto: Nathan Keay, © MCA Chicago)

Frankfurt | Schirn: Künstlerinnen des Surrealismus Fantastische Frauen von Frida Kahlo bis Dorothea Tanning

Die SCHIRN Kunsthalle betont 2020 erstmals in einer großen Themenausstellung den weiblichen Beitrag zum Surrealismus. Was die Künstlerinnen von ihren männlichen Kollegen vor allem unterscheidet, ist die Umkehr der Perspektive: Oft durch Befragung des eigenen Spiegelbilds oder das Einnehmen unterschiedlicher Rollen sind sie auf der Suche nach einem neuen weiblichen Identitätsmodell.
19. November 2018
Frida Kahlo, Selbstbildnis als Tehuana oder Diego in meinen Gedanken, Detail, 1943 (The Jacques and Natasha Gelman Collection) Mexican Art and The Vergel Foundation, Werk: © Banco de México, Diego Rivera & Frida Kahlo Museums Trust, México, D.F./VBK, Wien, 2010.

Brooklyn Museum: Frida Kahlo. Der Schein kann trügen Werke und Leben der berühmten mexikanischen Künstlerin

Die weltberühmte mexikanische Künstlerin Frida Kahlo (1907–1954) wird 2019 im Brooklyn Museum in New York geehrt. Der einzigartige und sofort erkennbare Stil Kahlos war ein wesentlicher Bestandteil ihrer Identität und ihrer Kunst. Kahlo definierte sich selbst über ihre ethnische Zugehörigkeit, Behinderung und Politik und stellte diese Themen in den Mittelpunkt ihrer Arbeit.
19. November 2018
Frida Kahlo auf einer weißen Bank, Detail, Nickolas Murays Studio, New York 1939, Inkjet (autorisierte Reproduktion) Collection of Nickolas Muray Photo Archives, Foto: © Nickolas Muray Photo Archives, Werk: © Nickolas Muray Photo Archives.

Frida Kahlo, Diego Rivera und die mexikanische Moderne Meisterwerke aus der Jacques und Natasha Gelman Sammlung

Frida Kahlo, Diego Riviera und die mexikanische Moderne zeigt Meisterwerke aus der Jacques und Natasha Gelman Sammlung im Frist Art Museum, Nashville 2019.
1. November 2010
JUDY CHICAGO Frida Kahlo Face to Face, Cover (Prestel Verlag)

Judy Chicago: Frida Kahlo. Face to Face von Judy Chicago

Seit 1971 ist Judy Chicago als eine Vorkämpferin für Frauenrechte und Gleichbehandlung berühmt, die sich seither unerlässlich für die Anerkennung weiblicher Kunstproduktion engagiert. Nun hat die feministische Künstlerin und Kunsterzieherin gemeinsam mit Frances Borzello dem Werk von Frida Kahlo bei Prestel ein großformatiges, prächtig aufgemachtes, bibliophiles Monument gesetzt.
5. September 2010
Renate Kroll: Blicke die ich sage. Frida Kahlo. Das Mal- und Tagebuch, Cover (Dietrich Reimer Verlag)

Renate Kroll: Blicke die ich sage. Frida Kahlo. Das Mal- und Tagebuch Bilder und Texte der mexikanischen Malerin

1944, mit 37 Jahren, begann Frida Kahlo ein sog. Mal- und Tagebuch zu führen (in der Wiener Ausstellung werden Fotos daraus gezeigt). Eine „Gattungszuschreibung“ im klassischen Sinn lässt sich für dieses Werk kaum finden. Es verbindet Charakteristika von einem Malbuch und Poesiealbum, einer Briefsammlung und Gedankensammlung, eines Gedichtbandes, einem Erinnerungsbuch, lyrische Ergüsse befinden sich neben Gedanken zu Kunst, Theater, Maltechniken, das Beschwören von Liebe und Schmerz fügt sich an politische Kommentare und Statements zu Künstlern und Literaten.
1. September 2010
Frida Kahlo, Selbstbildnis als Tehuana oder Diego in meinen Gedanken, Detail, 1943 (The Jacques and Natasha Gelman Collection) Mexican Art and The Vergel Foundation, Werk: © Banco de México, Diego Rivera & Frida Kahlo Museums Trust, México, D.F./VBK, Wien, 2010.

Frida Kahlo: Werke Retrospektive im Bank Austria Kunstforum Wien

50 Gemälde und 90 Arbeiten auf Papier, ergänzt durch eine Auswahl von historischen Fotografien, dokumentieren in dieser ersten Retrospektive in Österreich das Werk der weltberühmten mexikanischen Künstlerin Frida Kahlo (1907-1954). Ihre Selbstinszenierung und ihr persönliches Schicksal werden in einer Vielzahl von Selbstporträts, Fotos und „surrealen“ Visionen greifbar, ihre Beschäftigung mit der mexikanisch-aztekischen Tradition in Bildern von den Gestirnen Sonne und Mond als Symbole für Männlich- und Weiblichkeit.