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Ganymed goes Europe

Ganymed goes Europe

Die Fortsetzung von GANYMED BOARDING im Jahr 2010/2011 stellt sich als internationales Projekt mit den Partnerländern Polen, Ungarn und Österreich erneut der Frage, wie Alte Meister aus aktueller Sicht verlebendigt werden können. Jacqueline Kornmüller und Peter Wolf inszenieren aktuelle Texte und Kompositionen mit einem Ensemble aus 23 Schauspieler_innen, Tänzer_innen und Musikern – darunter Maria Bill, Sona MacDonald, Nicole Heesters, Katharina Stemberger und János Kulka. In Summe ein interessanter Theaterabend, der jedoch oftmals die Werke, um die es doch auch geht, vergessen lässt.

Wer ist hier das Opfer?

Es gilt vor den Bildern, die als Inspirationsquelle für die Autor_innen dienten, kurze Sequenzen mit sparsamen Requisiten und der Möblierung als Bühnen auszukommen. Vor allem die Darbietungen in den kleinen Kabinetten werden schnell zu happeningartigen Kontakten zwischen Publikum und Darbietung. Grandios sind die schauspielerischen Darbietungen, soviel sei vorweg verraten, packend auch viele Texte. Bei vielen, so fällt auf, lässt sich nicht sagen, ob die Schauspieler_innen Opfer oder Täter_innen der gleich beides in einer Person verkörpern. Wie ein roter Faden zieht sich diese Ungewissheit durch die Säle.

Péter Esterházy verlebendigt Graf Philipp Ludwig Wenzel Sinzendorf, einst prächtig in Szene gesetzt von Hyacinthe Rigaud, durch Hans Dieter Knebel. Der Arme tritt in Spitzenschuhen und Tüllröckchen vor das Publikum und reflektiert über sein Altern, seine Angst und den Sterbenden Schwan. Passend dazu spielt Sona MacDonald zur „Hölle“ von Herri met de Bles den Text „Es ist die Hölle“ von Franz Schuh. Hier verliert der metaphysische Ort seinen Schrecken vor der irdischen Hölle von Altersarmut und Schmerz.

Doron Rabinovici beschäftigte sich mit „Judith mit dem Haupt des Holofernes“ von Carlo Saraceni und der Frage, welche Rolle die namenlose Magd spielte, die in manchen aber nicht in allen Darstellungen des Themas auftritt. Katharina Stemberger mimt das Wiener Madl mit Herz und Verve. Maja Haderlap lässt eine der Töchter von Lot, passend zu einem Bild von Albrecht Altdorfer, über die Frage von Kindesmissbrauch nachdenken. Auch bei der dritten großen Frauenfigur in der Bilderwahl – Medusa – spielt Erotik und Sexualität eine große Rolle: Maria Bill spielt den abgeschlagenen Kopf des Monsters Medusa, deren erotischer Leib, wahrhaftig verkörpert durch Judith Aguilar, ihr zum Verhängnis und Ausgangspunkt für eine Geschichte wurde, bei der es schwer fällt Femme fatale, monströse Frau und bemitleidenswertes Opfer voneinander zu unterscheiden. Bei Martin Pollack löste der „Winter“ von Giuseppe Arcimboldo eine Reflexion über seine eigene Familiengeschichte aus, während Josef Winkler über der „Beweinung Christi“ von Andrea del Sarto ein „Gebet beim Betrachten des Bildes“ zur Vergebung der Sünden - v.a. unserer aktuellen Flüchtlingspolitik in Österreich – zum Himmel schickt.

Erstmals sind auch Musik und Tanz Teil der Ganymed- Inszenierungen: Johanna von Doderer komponierte zwei Stücke zu Kreuztragungen. Der junge Geiger Yury Revich spielt virtuos zu Pieter Bruegel dem Älteren, während Nicola Djoric zu einem unbekannten Venezianer sein Akkordeon intoniert und den Rhythmus aber auch das Kreuz für den Tänzer Pál Szepesi vorgibt.

 

 

Programm

DIE SAALAUFSICHT - Lajos Parti Nagy schreibt über Jäger im Schnee von Pieter Bruegel d. Ä.
Gespielt von Mercedes Echerer

ÜBER IHNEN DER MOND, HALBVOLL - Milena Michiko Flašar schreibt über Apfelschälerin von Gerard ter Borch
Gespielt von Nicole Heesters

EIN BISSERL VIEL - Klemens Lendl komponiert zu Heiliger Hieronymus von Christoph Paudiß
Gespielt von Die Strottern

ICH, MEDUSA - Anna Kim schreibt zu Haupt der Medusa von Peter Paul Rubens
Gespielt von Maria Bill und Judith Aguilar

LOTS TOCHTER. DIE STIMME - Maja Haderlap schreibt zu Lot und seine Töchter von Albrecht Altdorfer
Gespielt von Frida-Lovisa Hamann

DER PLÖTZLICHE TANZ - Péter Esterházy schreibt zu Graf Philipp Ludwig Wenzel Sinzendorf von Hyacinthe Rigaud
Gespielt von Hans Dieter Knebel

ABRA - Doron Rabinovici schreibt zu Judith mit dem Haupt des Holofernes von Carlo Saraceni
Gespielt von Katharina Stemberger

DIE PLÖTZLICHE FREUNDSCHAFT - Péter Esterházy schreibt zu Porträt des José Antonio Marqués de Caballero von Francisco de Goya
Gespielt von János Kulka

IM WALD - Martin Pollack schreibt zu Winter von Giuseppe Arcimboldo
Gespielt von Bert Oberdorfer

GEBET BEIM BETRACHTEN DES BILDES Josef Winkler schreibt zu Beweinung Christi von Andrea del Sarto
Gespielt von Peter Wolf

DIE FARBE ROT - Johanna von Doderer komponiert zu Kreuztragung Christi, Venezianisch
Getanzt von Pál Szepesi, gespielt von Nicola Djoric

EIN AUGE ZUDRÜCKEN - Angelika Reitzer schreibt zu Der Bravo von Tizian
Gespielt von David Oberkogler

WALZER - Johanna von Doderer komponiert zu Kreuztragung Christi von Pieter Bruegel der Ältere
Gespielt von Yury Revich

ES IST DIE HÖLLE - Franz Schuh schreibt zu Hölle von Herri met de Bles
Gespielt von Sona MacDonald

Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.