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Georg Baselitz: gezeichnete „Helden“ und „Malelade“ Zeichnungen und Probedrucke in der Pinakothek der Moderne

Georg Baselitz, Kopf, 1961, Aquarell, 46 x 31,4 cm (Staatliche Graphische Sammlung München, Dauerleihgabe des Wittelsbacher Ausgleichsfonds, Sammlung Herzog Franz von Bayern, Foto: Staatliche Graphische Sammlung München, © Georg Baselitz 2017)

Georg Baselitz, Kopf, 1961, Aquarell, 46 x 31,4 cm (Staatliche Graphische Sammlung München, Dauerleihgabe des Wittelsbacher Ausgleichsfonds, Sammlung Herzog Franz von Bayern, Foto: Staatliche Graphische Sammlung München, © Georg Baselitz 2017)

Mehr als 1.100 grafische Arbeiten von Georg Baselitz (* 1938) liegen in der Staatlichen Graphischen Sammlung München. Sehr frühe Zeichnungen aus dem Kontext „Helden“ (1965/66) sowie vis-a-vis ausgewählte Probedrucke für das Künstlerbuch „Malelade“ (1990) stehen im Zentrum dieser konzentrierten Kabinettausstellung. Wenn auch die Grafische Sammlung das Künstlerbuch gar nicht besitzt, so gehören ihr doch 148 Probedrucke dazu. Präsentiert werden die Baselitz-Grafiken vor intensivem Grasgrün – „Erzgebirgsgrün“, wie es Kurator und Direktor der Staatlichen Graphischen Sammlung München, Michael Hering, nennt. Das passe gut zum blutigen Rostrot der „Helden“ und stammt direkt aus den Probedrucken zu „Malelade“.

Georg Baselitz steht für die radikal-neoexpressive und figurative Malerei der 1960er Jahre in Deutschland – und hat diese Position seither immer wieder bestätigt. Die Schau in der Pinakothek der Moderne führt daher zwei Werkgruppen zusammen, die in einem Abstand von über 25 Jahren entstanden, zudem stehen Zeichnung und Druckgrafik einander in exemplarischen Blöcken gegenüber. Die Münchner Sammlung verdankt ihrem Förderer Herzog Franz von Bayern, der zu den frühen Sammlern von Georg Baselitz zählte und bis heute dem Künstler eng verbunden ist, einige bedeutende Dauerleihgaben.

Für Michael Hering ist Georg Baselitz ein Künstler, der es geschafft hat, trotz seines inzwischen hohen Alters „gegenwärtig zu bleiben, immer wieder zu überraschen und immer wieder zu provozieren“. Für ihn ist Baselitz ein „Mandarin der Malerei“ (angelehnt an Simone de Beauvoir), ein „geistiger Träger einer spezifischen Form von Kultur“, der „die hohe Form des Intellekts in der Malerei über lange Zeit beibehalten hat“. Diese Provokationen im malerischen Werk aber auch in seinen Aussagen hält der Direktor der Staatlichen Graphischen Sammlung München für einen „Nährboden“ von Baselitz‘ Kunst. Die Haltung zur Malerei und zur Welt wird zweifellos von Georg Baselitz wortgewaltig und selbstsicher vertreten.

 

 

Gezeichnete „Helden“

Die Kabinettausstellung beginnt mit einem Landschaftsbild aus dem Jahr 1959. Baselitz zeigt oder besser deutet an eine Sternennacht, Pflanzliches lässt sich auch noch ausmachen, aber die Grenze zwischen Figuration und Abstraktion ist deutlich spürbar – vor allem, weil es ein Oben und Unten gibt in diesem Werk wie auch den folgenden Bildern. Dann setzt sich die Präsentation mit Blättern fort, die Körperteile (Köpfe, Füße) oder Menschen (Männer) in der für Baselitz charakteristischen kürzelhaften Bildsprache vorführen. Noch kämpfte die lineare Auffassung des Körpers mit einer an Dripping-Techniken erinnernden Fluss des Farbmaterials. Einige der Aquarelle, farbig ins Rotrot – für Hering getrocknetes Blut – tendierend, wirken wie Zellanhäufungen, aus denen sich Beine, Geschlechtsteile oder geöffnete Münder entwickeln. Hier wäre der Weg zu den deformierten Körpern von Francis Bacon nicht mehr weit.

Daraus entwickelte Baselitz schwarze Tuschezeichnungen, in denen teils die Motive doch wieder schärfer konturiert und kompakt zusammengefasst werden. Ein farbig apart gehaltener Waldboden in Braun, Gelb und Rot wird mit geschwulstartigen Formen bestückt, die entfernt an abgetrennte Körperteile und dadurch Massengräber erinnern. In einer Kehrtwendung über die „Faktur“-Bilder der späten 1960er Jahre bringt er die Ganzheit der Körper und der Kompositionen gleichermaßen und auf neue Art in Gefahr: Mann steht auf dem Kopf! Hund auch! Einerseits folgen 1967/68 noch die Bäume dem gewohnten Schema und wachsen von Unten nach Oben. Doch Mann und Hund widersetzen sich der weltlichen Logik und beginnen sich um 90 oder 180 Grad um die Bildachse zu drehen. Prekär scheint ihre Situation aber neuerlich durch die Abtrennung von Gliedmaßen zu werden. Es ist zwar alles da, aber nicht zusammenhängend, könnte man sagen. Bei dem einen mehr, beim anderen weniger.

 

 

Während der 50er und 60er Jahre ging es Georg Baselitz bereits um die Abrechnung mit der Vätergeneration. Seiner Ansicht nach erbte er die totale Zerstörung und die Schuld. Als „Romantiker // kaputt“ bezeichnete er diese Vernichtung der Kultur und entlarvte mit seinen Bildern die „Stunde Null“ als Konstrukt. Schon Will Grohmann, der große Kenner der deutschen Gegenwartskunst der Weimarer Republik und Publizist u.a. von Karl Schmidt-Rottluff, schrieb die Verteidigungsschrift anlässlich Baselitz‘ Kunstskandal rund um „Die große Nacht im Eimer“. Grohmann versucht darin Baselitz, den Jüngling in eine Tradition der Moderne zu bringen – und empfiehlt der Villa Romana, Baselitz das Stipendium zuzuerkennen. Hering sieht darin den „deutschen Michel“ und in der Sprachkunst Baselitz‘ das sprachlich Ungeschickte von Georg Büchners „Woyzeck“.

 

 

Mit „Helden“ schafft Georg Baselitz zwischen 1965 und 1966 zuerst in Florenz während seines Aufenthalts als Stipendiat in der Villa Romana und später in Westberlin eine in sich geschlossene Werkgruppe aus Gemälden, Zeichnungen und Druckgraphiken. Die heute so gefeierten „Helden“ waren allerdings erst 1972/73 in Hamburg in der Galerie Neundorf und dann im Hamburger Kunstverein groß präsentiert worden. Mit ihnen – wie auch den skandalumwitterten Werken der frühen 1960er Jahre – löste sich Baselitz vom Diktum von der „Weltsprache“ Abstraktion, in den 1950ern durch die Richtungen Informel und Abstraktem Amerikanischem Expressionismus vertreten. Sehr früh war dem Kunststudenten anlässlich eines Besuchs einer Pollock-Ausstellung in Berlin (September 1958) klargeworden, dass auf diesem Feld keine Kunstrevolution mehr einzuleiten war. Zu den bislang unterschätzten, in jüngsten Interviews des Künstlers häufig genannten Vorbildern zählte der Dresdner Wols (1913–1951), der im Alter von 37 Jahren an einer Lebensmittelvergiftung verstorbene Maler. Wols darf neben Frautrier, Jean Dubuffet. Dies Werke dieser Künstler konnte er in der Galerie Springer in Westberlin, Kurfürstendamm, studieren – so 1957 Wols.1

Kuratiert von Michael Hering, Direktor der Staatlichen Graphischen Sammlung München.

 

 

Im Blick: Georg Baselitz zum 80. Geburtstag: Bilder

  • Georg Baselitz, Kopf, 1961, Aquarell, 46 x 31,4 cm (Staatliche Graphische Sammlung München, Dauerleihgabe des Wittelsbacher Ausgleichsfonds, Sammlung Herzog Franz von Bayern, Foto: Staatliche Graphische Sammlung München, © Georg Baselitz 2017)
  • Georg Baselitz, Der Maler, 1967, Bleistift, Kreide, Aquarell und Tusche, 49,9 x 37,3 cm (Staatliche Graphische Sammlung München, Dauerleihgabe des Wittelsbacher Ausgleichsfonds, Sammlung Herzog Franz von Bayern, Foto: Staatliche Graphische Sammlung München, © Georg Baselitz 2017)
  • Georg Baselitz, Ohne Titel (Kopf), 1967, Bleistift und Kreide in Schwarz, 39,3 x 28 cm (Staatliche Graphische Sammlung München, Dauerleihgabe des Wittelsbacher Ausgleichsfonds, Sammlung Herzog Franz von Bayern, Foto: Staatliche Graphische Sammlung München © Georg Baselitz 2017)
  • Georg Baselitz, Malelade, Titel und Blatt 1 der Folge Malelade, 1989, Probedruck, Holzschnitt und Kaltnadel, Blatt 53,7 x 75,4 cm, Platte 34,7 x 49,4 cm (Staatliche Graphische Sammlung München, Foto: Staatliche Graphische Sammlung München, © Georg Baselitz 2017)
  • Georg Baselitz, Hase sein viel, Blatt 8 der Folge Malelade, 1989, Probedruck, Kaltnadel, Blatt 50,3 x 33,2 cm, Platte 22,1 x 15,3 cm (Staatliche Graphische Sammlung München, Foto: Staatliche Graphische Sammlung München, © Georg Baselitz 2017)
  • Georg Baselitz, Romantiker kaputt, Blatt 12 der Folge Malelade, 1989, Probedruck, Kaltnadel, Blatt 50,2 x 66,3 cm, Platte 34,9 x 49,5 cm (Staatliche Graphische Sammlung München, Foto: Staatliche Graphische Sammlung München, © Georg Baselitz 2017)
  • Georg Baselitz, sein wider Schutz / und ohne Kleid / dummer Junge Esel, Blatt 40 der Folge Malelade, 1989, Probedruck, Kaltnadel, Blatt 53,9 x 75,5 cm, Platte 34,8 x 49,3 cm (Staatliche Graphische Sammlung München, Foto: Staatliche Graphische Sammlung München, © Georg Baselitz 2017)

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  1. Baselitz prägt eine neue und gewollt provozierende Ästhetik, in der obszön empfundene Nacktheit (mehr eine Form der Entblößung) als Metapher für Machtverlust gelesen werden darf und nicht zum Selbstbild eines wiedererstarkenden Wirtschaftswunderlandes passte. Der Kunstskandal, wenn auch wohl bewusst inszeniert, folgt dieser Logik.

     

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    Probedrucke für „Malelade“

    Der Münchner Bestand von 148 Probedrucken zu Baselitz‘ Künstlerbuch „Malelade“ (1990) ist einzigartig. Die in der Pinakothek der Moderne exemplarisch ausgewählten Blätter zeigen Baselitz als virtuosen Techniker und brillanten Druckgrafiker. In den Farbradierungen in „Malelade“ basiert auf dem Mauerfall 1989. Baselitz hat „die Wende und die neue Reisefreiheit als hochgradige Erschütterung erlebt“, erzählt der Kurator. „Malelade“ ist eine zweite Bewusstwerdung des „deutschen Sentiments, der deutschen Gefühlswelt“, der sich Georg Baselitz nie entzog.

     

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    Kaspar Hausers oder Woyzecks sprachliche Unbeholfenheit stehen hinter den radikalen Wortneuschöpfungen Baselitz‘. Das Wortspiel des Titels „Malelade“ changiert zwischen den Extremen einer „infantilen Idiotensprache“, wie Baselitz es formuliert, und dem weitsichtigen intellektuellen Fazit eines „peintre maudit“. Satzfetzen wie „du sein // du Geliebte // du“ in Verbindung mit einem Totenschädel (auf dem Kopf stehend), „sein wider Schutz // und ohne Kleid // dummer Junge Esel“ dazu ein Esel. Sprache und Bilder sind kongeniale Erfindungen, um einmal mehr die Verstörtheit seiner Generation zu verbalisieren und zu visualisieren. Grün versöhnt, was sprachlich oder bildlich noch zerteilt ist?

     

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    Baselitz in Dresden

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Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.