Georg Muche

Wer ewar Georg Muche?

Georg Muche (Querfurt 8.5.1895–26.3.1987 Lindau) war ein deutscher Maler, Grafiker und Hochschullehrer der Moderne, der sowohl in der Geschichte des „STURM“ und des Bauhaus wichtig ist.

Kindheit

Georg Muche wurde am 8. Mai 1895 in Querfeld, bei Halle an der Saale in Sachsen (Dt. Kaiserreich), geboren. Sein Vater war Felix Muche, ein naiver Maler und Kunstsammler, der sich Felix Ramholz nannte. Georg Muche wuchs in der Rhön auf. Bereits während seiner Schulzeit zeichnete Muche viel und legte Naturstudien an. Um sich zu schulen, kopierte er Gemälde von TizianRembrandt van Rijn und Peter Paul Rubens in Öl. Weiters setzte er sich mit den Werken von Vincent van Gogh und Paul Cézanne auseinander.

Ausbildung

Im Alter von 17 Jahren verließ Georg Muche ohne Abitur die Oberrealschule in Fulda, um 1913 in München an der privater Kunstschule von Paul Weinhold und Felix Eisengräber (ehemals Anton Ažbe) Malerei zu studieren. Er lernte in der Galerie Goltz das Werk von Wassily Kandinsky kennen und malte als einer der Ersten in Deutschland abstrakte Bilder. Nach nur einem Jahr Unterricht und der abgelehnten Bewerbung bewarb er sich 1914 erfolglos an der Königlich Bayerischen Akademie der bildenden Künste.

Berlin: Walden und „DER STURM“

Im folgenden Jahr ging Georg Muche nach Berlin, wo er sein Malereistudium mit Martin Brandenburg fortführt. In der „STURM“-Ausstellung „Neue Kunst“ von 1915 war Georg Muche vertreten. 1915 begann Muche auch seine Tätigkeit als Ausstellungsassistent von Herwarth Walden im „STURM“. Walden gab ihm 1917 einen Fünfjahresvertrag. Bereits im Dezember 1915 war Georg Muche an der STURM-Wanderausstellung „Expressionisten“ in Brandenburg/Havel beteiligt. Die Auseinandersetzung mit dem Expressionismus veränderte das Werk von Georg Muche. Er schuf abstrakte Werke, in denen er Elemente des Kubismus mit dem farbigen Ideal von „Der Blaue Reiter“ und Marc Chagall verband.

Georg Muche nahm zwischen 1916 und 1918 an drei Ausstellungen im „STURM“ teil – jedes Mal wurde sein Werk mit jenes eines zweiten Künstlers gemeinsam ausgestellt: Im Januar 1916 hatte Muche zusammen mit Max Ernst eine Ausstellung in der STURM-Galerie. Er war mit 22 Arbeiten vertreten. Bis 1918 wurde Muche mit Paul Klee und Alexander Archipenko präsentiert.

Obwohl ohne jede Ausbildung, stellte man ihn in der im September 1916 gegründeten Kunstschule des „Sturm“ aufgrund seiner überragenden Fähigkeiten als Lehrer für Malerei an (bis März 1920). Er schloss Freundschaft mit den Malern Oskar Schlemmer, Fritz Stuckenberg, Johannes Molzahn und Johannes Itten. Sein Engagement für den „STURM“ wurde durch den Militärdienst unterbrochen (1917–September 1918). In den Wirren zum Ende des Ersten Weltkriegs wurde Muche zum Pazifisten. Nach dem einjährigen Kriegsdienst beteiligte sich Georg Muche 1918 auch an einer Ausstellung in der Galerie Dada in Zürich.

Georg Muche am Bauhaus

Nach 1919, Georg Muche lebte inzwischen in Berlin, wurde er Mitglied der „Novembergruppe“, auf deren Ausstellungen er sich von 1927 bis 1929 beteiligte.

Walter Gropius berief Georg Muche im Oktober 1920 als jüngsten Meister an das Staatlche Bauhaus in Weimar, damit er dort Itten beim Vorkurs (Vorlehre) unterstützten konnte. Im Sommer davor hatten Itten und Muche gemeisam einen Mazdaznan-Kongress in Leipzig besucht. Lyonel Feininger überzeugte den Künstler, dieses Angebot anzunehmen. Deshalb kündigte Muche im „STURM“. Er wechselte sich mit Itten im Vorkurs ab und versuchte mit diesem gemeinsam die Mazdaznan-Lehre am Bauhaus zu etablieren, um dort eine Gemeinschaft „Neuer Menschen“ zu schaffen. Kunst sollte als sinnlich-seelisch.intellektuelle Einheit verstanden werden. Bis Mitte 1921 richtete Gropius elf Werkstätten ein, die zum größten Teil von Itten und Muche als Formmeister geleitete wurden.

Von 1920 bis 1925 leitete Georg Muche die Werkstatt für Weberei: Der Künstler war stolz darauf, nie einen Faden in die Hand genommen zu haben. Als erste Werkmeisterin der „Frauenklasse“ (Walter Gropius) war Helene Börner, die allerdings von den jungen Studentinnen als „Handarbeitslehrerin ältesten Stils“ verachtet wurde. Ab 1924 war die Bauhaus-Schülerin Gunta Stölzel als erste Gesellin in der Bauhausweberei angestellt und ab 1926 unterichtete sie als Werkmeisterin. Im Jahr 1922 heiratete Muche Elsa (El) Franke, eine Bauhaus Studentin. In diesem Jahr entwickelte sich sein Stil von der reinen Abstraktion in Richtung einer mehr figurativen und organischen Tendenzen, die eine Art lyrischer Surrealismus ergibt.

Musterhaus Am Horn

Muche leitete den Ausschuss für die Bauhausausstellung von 1923, der erste öffentliche Auftritt des Bauhaus, für die das als größtes Ausstellungsobjekt das „Musterhaus Am Horn“ entworfen und errichtet wurde. Idee und Konzeption stammen von Georg Muche, Planung und Ausführung übernahm das Baubüro Gropius unter der Führung von Adolf Meyer. Damit wollte sich der Maler ein gemeinsames Haus mit seiner Ehefrau realisieren und gleichzeitig einen Prototyp des „Neuen Bauens“ schaffen (ab 1932 in New York als „International Style“ kanonisiert). Der Bau wurde als erster praktischer Beleg für die am Bauhaus entwickelte Neue Architektur gedacht. Haus am Horn sollte ökonomisches Bauen, funktionelles Design und der Einsatz von vorgefertigten Bauteilen demonstrieren. Das Haus am Horn entstand nur einige Hundert Meter von Goethes Gartenhaus entfernt und wurde mit Arbeiten aus allen Werkstätten eingerichtet – bis hin zu Leuchten und Teppichen.

Der Bau hat einen quadratischen Baukörper mit einem überhöhten inneren Wohnraum. Georg Muche wählte als Vorbild das römische Atriumhaus. Alle Räumen wurden um den zentralen Wohnraum angeordnet, wodurch dieser zum „Durchgangszimmer“ und nur durch ein Oberlichtband beleuchtet wird. Der Bauunternehmer Adolf Sommerfeld, ein Freund von Gropius, übernahm die Finanzierung des Musterhauses.

Die Kritik reagierte verhalten bis negativ. Allzu heterogen präsentierten sich die Werke der Schülerinnen und Schüler aber auch ihrer Lehrer. Itten und Muche standen für die Fortführung des Expressionismus, während Josef Albers und László Moholy-Nagy Geometrisierung anstrebten. Letztere repräsentierten die ästhetische Disposition Walter Gropius‘. Obschon wirtschaftlich ein Misserfolg kamen Anfragen aus der Industrie, die 1924 auf der Leipziger Messe noch ausgebaut werden konnten. Georg Muche reiste zu Studienzwecken in die USA, um sich mit der Bauaufgabe Hochaus auseinanderzusetzen.

Muche am Bauhaus in Dessau

Im Juli konnten die Doppelhäuser der Künstler bezogen werden: Georg Muche und Oskar Schlemmer teilten sich ein Gebäude – wie László Moholy-Nagy und Lyonel Feininger sowie Wassily Kandinsky und Paul Klee. Die Ausstattung kam von den Bauhauswerkstätten.

Muche gehörte zu den führenden Vertretern der Architektengruppe am Bauhaus. 1925/26 entwarf er mit Hilfe des Architekturstudenten Richard Paulick das innovative Stahlhaus in Dessau-Törten.

„Die enge Verbindung moderner bildender Kunst – insbesondere der Malerei – mit der technischen Entwicklung im zwanzigsten Jahrhundert scheint nach einer außerordentlich bedeutungsvollen Zeit schöpferischen Austausches auf geistig durchaus polar gelagerten Gebieten mit überraschender Konsequenz zur gegenseitigen Abstoßung führen zu müssen. Die Illusion, daß die bildende Kunst in der schöpferischen Art technischer Formgestaltung aufzugehen hätte, zerschellt in dem Augenblick, in dem sie die Grenzen der konkreten Wirklichkeit erreicht.“1 (Georg Muche, 1926) in: Bauhaus, zit. nach Wingler, Hans M.: Das Bauhaus. Bramsche 1962, S. 123.

Auch in Dessau leitete Georg Muche von 1925 bis 1927 die Weberei. 1927 kam es zum Eklat, als Studierende die Entlassung Georg Muches erzwangen. Er war bis zu diesem Zeitpunkt Formmeiter für die Weberei, hatte sich allerdings wenig um die Arbeitsprozesse gekümmert und sie nie systematisiert. Diese Arbeit war mit dem Umzug nach Dessau von Gunta Stölzl übernommen worden. Die „Webmädchen“, wir die Textildesignerinnen am Bahaus genannt wurden, rebellierten gegen Muche, so dass dieser die Schule verließ.

Vehement hatte Georg Muche die Malerei gegen jede Mechanisierung des künstlerischen Herstellungsprozesses verteidigt und sich damit der Position Feiningers von 1923 angeschlossen, In seinem Text „bildende kunst und industrieform“ resumierte Georg Muche in der Bauhaus-Zeitschrift:

„Kunst und Technik sind nicht eine neue Einheit [...] die technische Bindung macht die Kunst zu einem nutzlosen etwas – die Kunst, die allein über die Grenze des Gedankens hinaus zur große schöpferischer Ungebundenheit einen Ausblick geben kann.“2

In der Nachfolge Georg Muches trat Paul Klee als Formmeister die künstlerische Leitung der Buchbinderei- und der Weberei Werkstatt an.

Kunstlehrer in Berlin, Breslau und Krefeld

1927 zog Georg Muche wieder nach Berlin, wo er bis 1930 Lehrer an Johannes Ittens privater Kunstschule wurde. Mit Itten verbanden ihn gemeinsame philosophische und pädagogische Vorstellungen. Sie hatten bereits bis Ittens Weggang 1923 gemeinsam den „Vorkurs“ am Bauhaus geleitet, vor allem aber folgten beide den Lehren des Mazdaznan, eines auf dem Zoroastrismus beruhenden östlichen Kult.
Zwei Jahre später organisierte er für die Ausstellung „10 Jahre Novembergruppe“ (1929) die Abteilungen abstrakte und konstruktive Gestaltung und Architektur.

Zwischen 1931 und 1933 nahm Georg Muche eine Professur für Malerei an der staatlichen Akademie für Kunst und Kunstgewerbe Breslau wahr. Dort unterrichtete er unter Rektor Oskar Moll Seite an Seite mit Oskar Schlemmer. Nachdem Muche von den Nationalsozialisten 1933 entlassen worden war, kehrte er nach Berlin zurück, wo er an der von Hugo Häring geleiteten „Schule für Kunst und Werk“ lehrte (1933–1938). In dieser Zeit beschäftigte er sich fast ausschließlich mit Freskomalerei. Nach einem Aufenthalt in Italien schrieb Muche das Buch „Buon Fresco – Briefe aus Italien über Handwerk du Stil der echten Freskomalerei“ (1938). Seine eigenen Fresken stellte er in einer Berliner Galerie aus.

Auf ein Dekret von Joseph Goebbels vom 30. Juni 1937 wurden unter anderem 13 seiner Gemälde und zwei Druckgrafiken in deutschen Museen als „Entartete Kunst“ beschlagnahmt, zwei davon waren im gleichen Jahr auf der gleichnamigen Ausstellung in München zu sehen.

Von 1939 bis 1958 leitete Georg Muche die neu eingerichtete „Meisterklasse für Textilkunst“, die der Höheren Fachschule für Textilindustrie (ab 1944 Textilingenieurschule) in Krefeld verwaltungsmäßig angegliedert war. Zudem arbeitete er am Institut für Malstoffkunde in Wuppertal. 1942 malte Georg Muche gemeinsam mit Oskar Schlemmer und Willi Baumeister in der Lackfabrik von Kurt Herberts in Wuppertal große Fresken, die im Jahr darauf bei einem Bombenangriff zerstört wurden.

In den 1940er Jahren wurde Georg Muche mit Wandmalerei in Krefeld, Düsseldorf und Xanten beauftragt.

Späte Werke

1960 zog Georg Muche nach Lindau am Bodensee, wo er als freier Maler, Grafiker und Schriftsteller tätig war und sich mit Kunsttheorien auseinandersetzte.

Ehrungen

  • Georg Muche war Mitglied im Deutschen Künstlerbund sowie im Deutschen Werkbund.
  • Die Stadt Lindau ehrte Georg Muche in ihrem Stadtmuseum („Cavazzen“) mit einem nach ihm benannten Raum mit seinen Werken.
  • 1955: Muche stellte auf der Documenta 1 in Kassel aus.
  • 1979: Lovis-Corinth-Preis

Tod

Georg Muche starb am 26. März 1987 in Lindau. Sein Grab auf dem Lindauer Friedhof wurde nach Ablauf der Ruhezeit 2007 aufgelassen.

Schüler

  • Werner Schriefers
  • Heinz Trökes
  • Thyra Hamann-Hartmann

Literatur

  • Gisela Linder, Muche, Georg, in: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 18, Berlin 1997, S. 252 f.
  • Friedegund Weidemann, Georg Muche. Staatliche Museen, Berlin 1985.
  • Ludger Busch, Georg Muche. Dokumentation zum malerischen Werk der Jahre 1915 bis 1920. Ein Diskussionsbeitrag zum Expressionismus, Tübingen 1984.
  • Gisela Linder, Georg Muche: die Jahrzehnte am Bodensee, das Spätwerk, Friedrichshafen 1983.
  • Magdalena Droste, Georg Muche. Mann, Berlin 1980.
  • Bernd Grönwald, Laudatio für Georg Muche, in: Wissenschaftliche Zeitschrift der HAB Weimar 28, Heft 4/5, 1979, S. 291–294.
  • Bernd Grönwald, Georg Muche und sein Werk in der DDR, in: form+zweck 8/6, Berlin 1975, S. 25–27.
  1. Georg Muche, 1926 in: Bauhaus. Zeitschrift für Gestaltung, Jg. 1, Nr. 1 (1926) S. 5–6, zit. nach Wingler (1962), S. 123.
  2. Georg Muche, Bildende Kunst und Industrieform, in: Bauhaus. Zeitschrift für Gestaltung, Jg. 1, Nr. 1 (1926) S. 5–6.