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Herbert Boeckl Werk und Leben

Herbert Boeckl, Selbstbildnis, 1923, Öl auf Leinwand, 61 x 50 cm (Belvedere, Wien) © Herbert Boeckl - Nachlass, Wien.

Herbert Boeckl, Selbstbildnis, 1923, Öl auf Leinwand, 61 x 50 cm (Belvedere, Wien) © Herbert Boeckl - Nachlass, Wien.

Herbert Boeckl (1894–1966) gilt als einer der wichtigsten österreichischen Künstler der Zwischenkriegszeit. Seine Weiterführung des sog. Frühexpressionismus gehört zweifelsohne zu den interessantesten Positionen expressiver Gestaltungsmöglichkeiten der 20er Jahre. Boeckls bildimmanenter Diskurs ob der Möglichkeiten des „malerischen Expressionismus“ (Gerhard Schmidt) operiert dabei mit den klassischen Themen der Kunst – Porträt, Landschaft und Stillleben.

Expressives Frühwerk

Als erste wichtige Werke zeigt die Ausstellung das Porträt von Bruno Grimschitz (1915), dem späteren Direktor der Österreichischen Galerie Belvedere, „Gruppe am Waldrand“ (1920, Leopold Museum) und „Stillleben mit toter Krähe“ (1921, Privatbesitz). Dieser erste Raum ist dem Frühwerk und den frühen 1920er Jahren gewidmet, als Boeckls figurative Kunst Fragen des Kolorits und des Farbauftrags verhandelt. Es scheint, dass der Künstler diese Sujets nur als Vorwand nimmt, um mit Farbe – als Farbton wie auch Farbkörper – zu experimentieren. Boeckl spachtelt die Farbmasse in zentimeterdicken Schichten auf die Leinwände. Die Bilder wirken mehr modelliert als mit den dunklen, erdigen Farbtönen gestaltet, ihre Themen sind kaum mehr erkennbar. Bereits 1921 kommt Boeckl zu einem Endpunkt dieser malerischen Gestaltung, dieser zu einer fast undurchdringbaren Dunkelheit gesenkten Farben. Boeckl hellt seine Palette merklich auf und konturiert die Bildgegenstände wieder. Er beginnt sich erneut mit der Körperlichkeit und Tektonik seiner Sujets zu beschäftigen und führt die schwarze Kontur als wichtiges gestalterisches Mittel ein. Über das Studium der Stillleben und der Badenden von Paul Cézanne gelangt Boeckl zur Klärung des Raumes und der Plastizität der Figuren („Großes Stillleben mit Orangen und grünen Zitronen“, 1924). Boeckls erste Plastik – „Springes Pferd“ von 1929 – zeigt in seiner Skulpturenauffassung wie auch Oberflächengestaltung ähnliche Gestaltungsprinzipien wie die Gemälde: Der Körper wird aus dem weichen Ton durch Anfügen kleiner Stückchen von Innen her aufgebaut.

 

 

Expressiv bis zum Ende

Während die Arbeiten der 20er Jahre vor allem über ihre pastose Malweise beschrieben werden können, wirken die Bilder ab 1930 glatter und dadurch „klassischer“ bzw. „realistischer“. Die deutliche Beruhigung im Duktus wird von einer Aufhellung der Farben begleitet. Das Hauptwerk dieser Phase ist „Die Anatomie“ (1931) des Wien Museums. Hier verblüfft nicht mehr die Gestaltung, sondern das Thema. Das Ausweiden des Leichnams erscheint umso wuchtiger und geschäftsmäßiger als zwei beistehende Ärzte gleichsam ungerührt auf den toten, jungen Mann herabblicken. Eine Vielzahl von großformatigen Zeichnungen und Ölstudien belegen, dass das Bild wohl nicht innerhalb von wenigen Stunden einfach an die Leinwand „geworfen worden“ ist, wie ein Augenzeuge berichtet. Akribisch bereitet Boeckl die Komposition vor – und bricht damit nicht nur formal mit all den Möglichkeiten des Expressionismus. Malerei ist hier keine spontane Gefühlsäußerung, keine gefühlte Farbigkeit, kein experimenteller Raum mehr. Stattdessen tritt schonungslose Klarheit und Licht an die Stelle von Unbestimmtheit und Dunkelheit. Bilder wie dieses bringen Boeckl 1934 den Großen Österreichischen Staatspreis und 1935 eine Professur an der Wiener Akademie ein. Darüber hinaus vertritt der Maler Österreich drei Mal bei der Biennale in Venedig (1932, 1934 und 1936). Während der NS-Herrschaft legt Boeckl seine Professur nieder und lehrt im verpflichtenden „Abendakt“. Erst nach 1945 ist wieder ein neues Konzept im Werk Boeckls feststellbar. Er beschäftigt sich in Serien wie dem „Erzberg“ (1947/48), den zwölf Porträts der „Dominikaner“ (1948), dem „Toten Gebirge“ (1950) mit dem analytischen Kubismus. Die Form wird zunehmend zersplittert und in Farbschollen aufgeteilt („Fliegender Specht II“, 1950).

 

 

Boeckl und das Belvedere

Aus dem Realismus der 30er und frühen 40er wird binnen weniger Jahre die modernste Malerei in Österreich. Zu den spätesten Arbeiten in der Ausstellung zählt der monumentale Gobelin „Die Welt und der Mensch“ (1956–1958) für die Wiener Stadthalle. im Jahr 1964 fesseln die Folgen eines Hirnschlags Herbert Boeckl ans Bett, zwei Jahre später stirbt er am 20. Jänner 1966 in Wien. Das Belvedere besitzt 22 Werke und einige Dauerleihgaben des Malers, welche den Grundstock dieser Präsentation der insgesamt 150 Arbeiten bilden. Die Kuratoren der Retrospektive, Agnes Husslein-Arco und Matthias Boeckl, haben sich für eine streng chronologische Aufreihung der Ölgemälde, Studienzeichnungen und der beiden Skulpturen entschieden. Ihr Zugriff auf das Lebenswerk Herbert Boeckls erschließt sich rein über eine zeitliche Abfolge verschiedener Stilphasen und mutet wie ein zur Ausstellung gewordenes Werkverzeichnis an.

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Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.