James Tissot

Wer war James Tissot?

James Tissot (1836–1902) zählt zu den Society-Malern der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und war sowohl in Frankreich wie auch in England äußerst erfolgreich.

Der 1836 in Nantes geborene, Jacques-Joseph getaufte und hier auch ausgebildete Tissot ist stilistisch und inhaltlich zwischen Impressionismus und den Prä-Raffaeliten einzuordnen. Er fand sowohl in der Freiluftmalerei wie auch dem Gesellschaftsleben seine wichtigsten Motive. Als Freund von Whistler (1834–1903), Edgar Degas (1834–1917), Henri Fantin-Latour (1836–1904) und Edouard Manet (1832–1883), aber auch Paul Helleu, Giovanni Boldini, Henri Gervex, Alfred Stevens (1823–1906) und Ernest Meissonier (1815–1891) entwickelte er eine realistische Genremalerei mit einem gewissen französischen Charme. Der Maler ist weder der französischen noch der englischen Tradition gänzlich zuzuschreiben, sondern bewahrte sich seine Eigenständigkeit. Diese ermöglichte ihm einen beachtenswerten Erfolg und das Leben eines Dandy.

Kindheit und Ausbildung

Jacques-Joseph Tissot stammt aus einer bürgerlichen Familie, die im Textilbereich tätig war. Nach einer ersten Ausbildung in Nantes übersiedelte James Tissot 1856/57 nach Paris, um an der Ecole des Beaux-Arts bei den Ingres-Schülern Hippolyte Flandrin (1809–1864) und Louis Lamothe (1822–1869) zu studieren. Seine gutbürgerlichen Eltern willigten schlussendlich in seinen Wunsch ein, Maler zu werden. Die katholische Erziehung in seinem Elternhaus, machten Tissot zu einem zeitlebens religiösen Menschen. Dies ist allerdings in seiner Malerei nur selten spürbar. James Tissot stellte seine Werke im Salon aus, ohne je den Prix de Rome zu gewinnen. Sein gesamtes Leben spielte er die Öffentlichkeit gegen die Institutionen, den Kunstmarkt gegen die öffentlichen Kunstaufträge, die Kritiker gegen Cliquen aus. Die Goncourts nannten ihn ein „komplexes Geschöpf”.

Werke

Am Beginn seiner Karriere beschäftigte sich James Tissot, der 1855 seinen Vornamen Jacques-Joseph in James änderte, mit religiösen und literarischen Szenen, die teils im Mittelalter angesiedelt waren. In der Nachfolge des belgischen Malers Henri Leys zeigen Tissots Bilder dessen Interesse für Kostüme und Erzählung. Häufig stehen Frauen im Mittelpunkt seiner Kompositionen, die allerdings von Männern begehrt und missverstanden werden. Im Jahr 1855 benannte er sich nicht nur auf James, sondern datierte auch sein erstes Gemälde, das „Porträt eines jungen Mädchens“ (Privatsammlung). Den englischen Maler James McNeill Whistler traf er im Luxembourg Museum und freundete sich mit ihm an, genauso mit Edgar Degas und Edouard Manet.

Tissot gab sein Debut im Salon von 1859 mit fünf Gemälden, zwei davon religiösen Inhalts, zwei Porträts und eine Genreszene. Im Salon-Katalog firmierte er bereits mit der anglisierten Version seines Vornamens James. 1861 zeigte er mit „Die Begegnung von Faust und Margarethe“ (Musée d‘Orsay, Paris) und weiteren an Goethes Faust inspirierten Werken Sujets, die sich am historistischen Stil des belgischen Künstlers Henri Leys (1815–1869) orientierten.

Maler des modernen Lebens

Sehr schnell ließ James Tissot das literarische Genre jedoch hinter sich und wsndte sich der Darstellung des modernen Lebens anhand von Sujets elegant gekleideter Pariserinnen zu, die er 1864 zum ersten Mal auf dem Salon präsentierte: „Porträt der Mademoiselle L. L.“ (Musée d’Orsay, Paris). Anlässlich des Salons von 1866 wurde er mit einer Medaille ausgezeichnet. Bis 1870 stellte Tissot jährlich auf dem Salon aus.

Tissots Annäherung an die realistische Malerei hat bereits Jules Castagnary bemerkt und im Grand Journal vom 12. Juni 1864 hervorgehoben:

„Der fanatisch primitive Herr Tissot der letzten Salons hat plötzlichen seinen Stil geändert und scheint sich Herrn Courbet nähern zu wollen; eine gute Note für Herrn Tissot.“1

1864 war der Erfolg von James Tissot bereits so groß, dass er sich ein Haus auf der sehr angesagten Avenue de l’Impératrice baute. Tissot war ein Gesellschaftsmaler und ein Dandy. Er präsentierte sich als kühler Analytiker und als gutmütig, als elegante aber distanzierte Person. In den 1860ern baute er seine Karriere auf Porträts im Stil von Ingres auf. Er nutzte schon vor seinem ersten Aufenthalt in London das Konversationsstück von Thomas Gainsborough und Joshua Reynolds. Gleichzeitig interessierte er sich für Japanische Kunst, was ihn mit Dante Gabriel Rossetti und Whistler verband. Ende der 1860er Jahre hatte er sich bereits in Paris einen Namen gemacht.

Tissot in London

Während des Deutsch-Französischen Kriegs verteidigte James Tissot neben Degas die Stadt Paris. Wie dieser nahm er an den Kämpfen am 21. Oktober und am 19. November 1870 in Malmaison teil. Es wurde spekuliert, Tissot wäre Kommunarde gewesen, was allerdings auf einer Verwechslung beruhen dürfte, bzw. sein Freund, der Maler Jacques-Emile Blanche, dieses Gerücht in Umlauf gebracht hatte.

James Tissot kam im Juni 1871 in London an und integrierte sich schnell in den Zirkel der emigrierten Künstler. Er hatte Paris verlassen, da nach dem Aufstand der Kommune, seine Auftraggeberinnen und Auftraggeber ebenfalls emigriert waren. Da Tissot bereits seit 1864 an der Royal Academy ausstellte, war seine Malerei in London bereits ein Begriff. Außerdem hatte er in Thomas Bowles einen mächtigen Freund und Auftraggeber. Der Korrespondent der „Morning Post“ und Herausgeber der „Vanity Fair” beauftragte James Tissot mit „The Defence of Paris; Narrated as It Was Seen” (London 1871). Die beiden kannten einander seit 1869, und Tissot hatte für das Modejournal Karikaturen geliefert. Schon zwei Jahre später konnte Tisso auf eigenen Beinen stehen und sich ein Haus 17 Grove End Road, im neureichen Viertel von St. John’s Wood, leisten.

Insgesamt bliebt James Tissot elf erfolgreiche Jahre in London, von Juni 1871 bis November 1882. Er malte festliche Anlässe und elegante junge Leute bei ihren Freizeitvergnügungen. Seine Maltechnik bleibt dabei sehr traditionell, besonderes Augenmerk legt er auf die detailgetreue Darstellung der Kleidung, wozu er Fotografien als Vorlagen benutzte.

Sein Kunsthändler Algernon Moses Marsden ließ sich von Tissot genauso porträtierten wie zuvor Captain Frederick Burnaby. Von 1872 bis 1881 stellt er regelmäßig an der Londoner Royal Academy aus. Von 1873 bis 1884 war der erfolgreiche Maler ein Mitglied des Arts Club of Hanover Square, dem auch George du Maurier, Millais, Whistler und sein Schwager Francis Seymour Haden und Giuseppe de Nittis angehörten. Dennoch hielt sich Tissot weitestgehend von Gruppenbildungen fern. Als Whistler und Ruskin einander 1878 vor Gericht trafen, sagte er für keine Seite aus. Desgleichen schlug er wiederholt Einladungen von Edgar Degas aus, an den Impressionisten-Ausstellungen teilzunehmen. Zwischen 1877 und 1879 präsentierte er seine Gemälde in der Grosvenor Gallery, die ein Ort der viktorianischen Ästhetik war und auch den Prä-Raffaeliten Aufmerksamkeit schenkte.

Geschickt nutzte James Tissot auch die Radierung, um sich und seine Kunst in England und Frankreich bekannt zu machen. In diesem Medium öffnete er sich unterschiedlichen Richtungen und Themengruppen, sei es seine Bewunderung für die Alten Meister (Peter Paul Rubens), soziale Sujets des Realismus und der englischen Klassengesellschaft.

Die größte Veränderung in Leben und Werk des Künstlers brachte die Irin Kathleen Newton, die er 1876 kennenlernte. Die an Tuberkulose erkrankte Schönheit war geschieden und Mutter zweier Kinder, Violet und Cecil George. Tissot verließ die großbürgerlichen Kreise von London, um sich ganz auf seine private amouröse Welt zu konzentrieren. Kathleen Newton lebte offiziell einige hundert Meter von James Tissot entfernt. Faktisch war sie aber die Lebensgefährtin des Malers und sah ihre Kinder, die bei der Schwester blieben, nur zum Tee. Tissots Bilder zeigen in diesen Jahren seine private Seite: Croquet Spiel, Spaziergänge, Sonnenbäder, Picknicks, Wanderungen an der Themse. In allen Bildern spiel Kathleen die Hauptrollen, egal ob es sich um eine Heilige oder eine Mutter handelte. Am 9. November 1882 starb Kathleen. Fünf Tage später kehrte James Tissot in der Nacht nach Frankreich zurück.

Der verlorene Sohn

Noch in London begann James Tissot eine Druckgrafische Serie, „Der verlorene Sohn im modernen Leben“. Tissot versetzte darin die Geschichte vom verlorenen Sohn nach dem Lukas-Evangelium in die Zeit des Kolonialismus, d.h. der junge Mann zieht aus, um die Welt zu entdecken. Nachdem er sein Vermögen verjubelt hatte, kehrte er nach London zurück. Die Serie wurde sowohl in England wie in Frankreich positiv aufgenommen.

Die Frau in Paris

1885 zeigte James Tissot in der Galerie von Charles Sedelmeyer unter dem Titel „Die Frau in Paris“ 15 Gemälde von Frauen unterschiedlicher Gesellschaftsschichten bei ihren Beschäftigungen. Mit Ausnahme eines Werks wurde diese Serie 1886 auch in London präsentiert. Während Tissot an diesen Gemälden arbeitete, hatte er ein religiöses Erweckungserlebnis und widmete seine weitere künstlerische Laufbahn Illustrationen der biblischen Geschichten. Tissots aktuelle Frauenporträts fielen bei Kritik und Publikum durch! Der Künstler schlitterte nach 1885 in eine Krise, die ihn 1886 nach Palästina führte. Dann illustrierte er die Bibel, was ein unerwarteter Erfolg wurde.

Bibelillustration

1886 bis 1887 und noch einmal 1889 unternahm James Tissot Reisen nach Palästina, um die Originalschauplätze der Bibel zu studieren. Eine Serie von 365 Gouachen zum Leben Jesu fand bei öffentlichen Präsentationen in Paris 1894, London 1895 und Nordamerika bis 1900 ein begeistertes Publikum. Die Werke wurden 1900 vom Brooklyn Museum, New York, erworben. Tissot begann mit dem Vorhaben, das Alte Testament ebenso umfassend zu illustrieren. Bei seinem Tod 1902 waren 95 Gouachen fertiggestellt. Seine Zeitgenossen waren davon überzeugt, dass die Bibelillustrationen Tissots Meisterwerke seien.

Tod und Nachruhm

1902 verstarb James Tissot in Chenecey-Buillon.

Nach einer längeren Zeit der Vergessenheit wird Tissot heute hauptsachlich für seine Darstellungen des mondänen städtischen Lebens als wichtiger Maler des 19. Jahrhunderts angesehen.

James Tissot beeinflusste folgende Maler

  • William Quiller Orchardson
  • George Dunlop
  • Leslie and Alfred Munnings

Literatur über James Tissot

  • Cyrille Sciama (Hg.), James Tissot (Ausst.-Kat. Chiostro del Bramante, Rom), Genf/ Mailand 2015.
  • Emanuela Angiuli, Katy Spurrell (Hg.), De Nittis e Tissot. Pittori della vita moderna (Ausst.-Kat. Palazzo Della Marra, Pinacoteca G. De Nittis, Barletta), London / Mailand 2006.
  • Cyrille Sciama (Hg.), James Tissot et ses maîtres (Ausst.-Kat. Musee des beaux-arts a Nantes), Paris 2005.
  • Nancy Rose Marshall und Malcolm Warner (Hg.), James Tissot. Victorian Life, Modern Love (Ausst.-Kat. Yale Center for British Art, New Haven, CT / Musee du Quebec / Albright-Knox Gallery, Buffalo, TX), New Haven, CT, 1999.
  • Katharine Lochnan (Hg.), Seductive Surfaces: The Art of Tissot, New Haven, CT/ London 1999.
  • Michael Wentworth, James Tissot, Oxford 1984.
  • James Tissot 1836–1902 (Ausst.-Kat. Barbican Art Gallery, London / Withworth Art Gallery, Manchester / Musee du Petit Palais, Paris), London 1984.
  1. „M. Tissot, le primitif forcene des derniers Salons a tout d‘un coup change de maniere et tend a se rapprocher de M. Courbet ; une bonne note pour M. Tissot.“