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Jean-Etienne Liotard (1702–1789) Maler der "Schokoladenmädchens"

Jean-Etienne Liotard, Lesende Frau auf einem Sofa, 1748–1752, Öl auf Leinwand, 50 x 60 cm, Galleria degli Uffizi, Florence, Photo Gabinetto Fotografico dell'Ex Soprintendenza Speciale per il Patrimonio Storico, Artistico ed Etnoantropologico e per il Polo Museale della cittá di Firenze.

Jean-Etienne Liotard, Lesende Frau auf einem Sofa, 1748–1752, Öl auf Leinwand, 50 x 60 cm, Galleria degli Uffizi, Florence, Photo Gabinetto Fotografico dell'Ex Soprintendenza Speciale per il Patrimonio Storico, Artistico ed Etnoantropologico e per il Polo Museale della cittá di Firenze.

Die Pastelle des Schweizers Jean-Etienne Liotard (1702–1789) gehören zu den überzeugendsten und subtilsten Porträts der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Seine Zeichnungen in Farbkreide prägen bis heute das Bild des Rokoko. Der weitgereiste Künstler war ein Meister der feinen Farbabstufungen, ein Liebhaber der orientalisch-türkischen Kostüme, arbeitete in allen großen Städten Europas und malte die königlichen Familien von Wien, Paris und London.

Wenn Jean-Etienne Liotard (1702–1789) auch heute als Schweizer anzusprechen ist, so ist nicht nur seine Nationalität schwer einzuordnen. Er war am 22. Dezember 1702 als Sohn eines Diamantenhändlers, einem protestantischen Auswanderer, in Genf zur Welt gekommen, ließ sich jedoch nach ersten Anfängen bei Daniel Gardelle (1673–1753) und ab 1723 in Paris bei dem Miniaturisten und Drucker Jean-Baptiste Massé (1687–1767) zum Maler ausbilden. Nachdem sein biblisches Historiengemälde, das er 1735 an der Académie royale de peinture et de sculpture in Paris eingereicht hatte, abgewiesen worden war, wandte er sich dem Pastellmalen und Porträtieren zu. Ab 1736 fand er Arbeit in London, Amsterdam, Den Haag, Venedig, Rom, Neapel, Konstantinopel, Wien, Frankfurt und Lyons, nur um die wichtigsten zu nennen. Sein Ruhm reichte sogar bis nach Amerika, da er sich in England geweigert hatte, eine zu stark geschminkte Frau zu porträtierten. Diese Entscheidung, „[…] er würde niemandes Werk kopieren außer seinem eigenen und das von Gott“, wurde sogar in der Maryland Gazette abgedruckt1 Zudem arbeitete er nicht nur in Pastell, sondern auch als Zeichner, Ölmaler, Drucker, Miniaturist und Emailmaler. Adelige, Bürger, Intellektuelle und seine eigene Familie saßen ihm Modell. Neben den bekannten Porträts, u. a. von Kaiser Franz Stephan von Lothringen, Maria Theresia und deren Kinder, sowie der „Chocolatière“ (1744–1745, Dresden) schuf Liotard in seinem Spätwerk auch einige Stillleben. Als er 1789 starb, sollte es nur noch einen Monat dauern, bis die Bastille gestürmt wurde.

Liotard, der „Holbein in Pastell“

Schon zu seinen Lebzeiten war Liotard ein gefeierter Porträtist, dessen lebensechte Bildnisse einerseits geschätzt und gleichzeitig gefürchtet waren. So merkte der Kunstkenner Horace Walpole (1717–1797) an: „Wahrheit herrschte in all seinen Werken, Grazie in sehr wenigen oder keinem.“2 Vor allem das Bildnis der fünfjährigen Louisa Anne, Tochter von Frederick und Augusta von Wales, erstaunt durch seine Direktheit und Zartheit. Mit diesem Zugang von Mitgefühl, wahrhaftigem Schildern und genauem Beobachten bilden Liotards Porträts während des 18. Jahrhunderts eher die Ausnahme als die Regel, womit er einen höhst originellen Weg beschritt.3 Francesco Graf Algarotti nannte Liotard daher den „Holbein des Pastells“4.

Die vielen erhaltenen Selbstporträts5 von Liotard zeigen ihn als aufgeweckten Mann, exzentrisch, weil orientalisch gekleidet und mit langem Bart, um seine Orientreisen auch äußerlich immer mit sich zu tragen. „Der Türke“ wurde er an den Höfen von Wien und London genannt, was er der weiten Verbreitung von Drucken nach Motiven aus Konstantinopel, seiner orientalischen Tracht und dem Vollbart verdankte. Die auffällige Kleidung wie auch die vielen Gerüchte und Pressenotizen verhalfen dem geschäftstüchtigen Maler zu vielen gut bezahlten Aufträgen. Joshua Reynolds (1723–1792), gerade aus Italien zurück und später erster Präsident der 1768 gegründeten Royal Academy of Arts, verurteilte zwar das Auftreten des populären Kollegen, überlieferte jedoch, dass dieser 25 Guineas für einen Kopf in Pastell verlangen konnte.

 

 

Liotard und Rosalba Carriera - Malen mit Pastell

 

„Wegen seiner Schönheit, Lebendigkeit, Frische und Leichtigkeit der Palette, ist die Pastellmalerei schöner als jede andere Art der Malerei“6 (Jean-Etienne Liotard)

 

Die Pastell-Mode der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ist mit den Namen Jean-Etienne Liotard und Rosalba Carriera (1673–1757) verbunden.7 Die Venezianerin begann als Entwerferin von Mustern für Spitzen und Schnupftabakdosen. Während ihrer Reisen nach Paris (März 1720) und Wien (1730) wurde sie gefeiert. Der Kunstsammler und -kenner Pierre Crozat hatte die bereits gefeierte Rosalba Carriera nach Paris eingeladen, wo sie sich ein Jahr aufhielt. Auch wenn sie das Pastellmalen nicht erfunden hat, so gelang es ihr doch innerhalb kürzester Zeit, alle wichtigen Persönlichkeiten zu verewigen. Das Pastellporträt wurde zu einem Ausdruck der Elite des Régence Paris. Ihr Porträt der kaiserlichen Familie entstand in sieben Tagen und einer Sitzungsdauer von nicht weniger als fünf Stunden. Liotard hat seine wichtigste Konkurrentin auf dem Feld des Pastellmalens persönlich getroffen. Ihre Werke wurden seinen – vielleicht wegen ihrer Leichtigkeit, ihrer schmeichelnden Grundhaltung – auch einige Maler vorgezogen. Im Jahr 1750 wurde sie als Mitglied in die Accademia di San Luca in Rom aufgenommen.

Bereits um 1730 war das Pastell in England und Frankreich in Mode gekommen. Für Porträts bot sich der gepresste Farbstaub besonders an, konnte doch mit einem Minimum an Material ein möglichst schnelles Ergebnis erzielt werden. Die Porträtierten konnte so auch das lange Ausharren für den Porträtmaler erspart werden. Dennoch erzielte Liotard mit dem Pastell brillante Effekte, indem er intensive Farbigkeit (v. a. die Modefarbe Blau) und leichtes Verwischen bzw. miteinander Verreiben in den Pastellen kombinierte. Im Gegensatz zu Rosalba Carriera wurde Liotard nicht in die heiligen Hallen der Académie royale aufgenommen. Daher war es ihm unmöglich, seine Werke auf dem so wichtigen Salon im Louvre nicht ausstellen. Die Genauigkeit und Wahrhaftigkeit seines Striches, kombiniert mit extravaganten Preisen, ermöglichten ihm großen Erfolg und über viele Jahre finanzielles Auskommen.

 

 

Porträtist von Adel und Bürgertum

Zu den wichtigsten Auftraggeberinnen und Auftraggebern von Liotard zählten die kaiserlichen Familie rund um Maria Theresia in Wien (1744/45, 1778/79), König Ludwig XV. in Paris (1749) und Frederick und Augusta, Prinz und Prinzessin von Wales. Liotard hatte Wien im September 1743 nach seinem Aufenthalt in der Levante erreicht, wo er von Franz Stephan von Lothringen, Großherzog der Toscana und Ehemann von Maria Theresia empfangen wurde. In den folgenden zwei Jahren malte Liotard Duzende Porträts der Habsburger, die seinen Ruhm als Porträtist begründeten und zu einer lebenslangen Freundschaft zwischen der Königin von Böhmen und Ungarn und dem Calvinisten aus Genf führten. Während dieses Aufenthalts dürfte auf Schloss Hof auch das berühmte Porträt des Schokoladenmödchens aus Dresden entstanden sein (→ Das Schokoladenmädchen von Liotard). Insgesamt drei Mal hielt sich Liotard in Wien aus. So schuf er 1762 elf Zeichnungen in Kohle und Rötel von Kindern des kaiserlichen Paares, die nur für den persönlichen Gebrauch der Familie gedacht waren, acht davon sind im Katalog abgebildet. Während er 1745 die nunmehr kaiserliche Familie nach Frankfurt zur Krönung Franz Stephans zum Kaiser des Heiligen Römischen Reichs begleitete, malte er nicht nur Prinzessin Caroline Louise von Hessen-Darmstadt, sondern gab ihr auch Unterricht im Pastellmalen. Wie sehr ihn die Gemahlin des Kaisers schätzte, mögen ihre Geschenke vermitteln: Als Liotard 1778/79 zu seinem letzten Aufenthalt nach Wien kam, überreichte ihm Maria Theresia einen Rosenbusch, eine Ananas und ein außergewöhnliches Kaffee-Set aus Porzellan.

Dennoch zeichnete Liotard auch Persönlichkeiten aus dem Jakobinischen Hof im römischen Exil (Prinz Charles Edward Stuart und zukünftiger König Charles II. Kunst und Macht), Herrscher der Levante und vor allem während der 1750er Jahre Bürgerliche aus seiner Heimatstadt Genf. Zu den persönlichsten Porträts zählen naturgemäß die Bildnisse seiner Familie: Von Marie Fargues, die er 1756 geheiratet und für die er seinen Bart geopfert hatte, und ihren fünf Kindern.

Im Vergleich zur Pastellmode in Kontinentaleuropa vermochten englische Auftraggeberinnen und Auftraggeber bis zur Ankunft von Jean-Etienne Liotard in London im März 1753 nur wenig mit Bildnissen in dieser Technik anzufangen. Der Maler vermochte seine Verbindungen zu britischen Adeligen aus seiner Zeit in Italien wiederzubeleben und eine große Anzahl von Aufträgen zu erhalten. Vor allem Sir Everard Fawkener, vormals der britische Botschafter in Konstantinopel (sic!), setzte sich für den Künstler ein. Von den Porträts der Prinzessin von Wales, Augusta, und ihrem verstorbenen Ehemann, Friedrich, ergänzt mit ihren neun Kindern (alle 1754, The Royal Collection, London) sticht besonders die unmittelbare Wiedergabe der neunjährigen Prinzessin Louisa Anne (1749–1768) heraus. Das Kind steckt in einem viel zu großen Kleid, sodass ihre schmächtige Brust zu sehen ist. Der leicht geöffnete Mund und die offenen Augen verraten das Interesse, das die Kleine dem Maler entgegenbringt.

 

 

Orientalismus und das Ottomanische Reich

Die Begeisterung für das Ottomanische Reich erfuhr im 18. Jahrhundert einen Höhepunkt. Bilder von Künstlern wie Jean-Baptiste Vanmour (1671–1737) oder die Reisebeschreibungen der Lady Mary Wortley Montagu (1689–1762) feuerten die Turquerie nur noch an. Als Allan Ramsay (1713–1784) den ebenfalls aus Genf stammenden Philosophen Jean-Jacques Rousseau (1712–1778) malte, ließ er ihn 1766 ein armenisches Kostüm tragen.

Jean-Etienne Liotard reiste 1738 im Gefolge von zwei Briten auf der Grand Tour nach Konstantinopel: dem Earl of Sandwich und dem Hon. William Ponsonby, Viscount Duncannon und spätere Earl of Bessborough. Er hatte die beiden in einem römischen Kaffeehaus kennengelernt, wo sie seine Pastellkopie der „Venus de‘ Medici“ bewunderten. Viscount Duncannon wurde über die Jahre einer der wichtigsten Förderer von Liotard und besaß 72 Werke. Auffallenderweise hat sich Liotard in der Levante weder für Architektur noch das lebendige Straßenleben interessiert, sondern widmete sich ganz den Innenräumen mit liegenden Figuren, ergänzt durch Porträts von Diplomaten, reich gekleideten Frauen und Händlern. Der Künstler blieb bis 1742 und, da er keinen Zugang zu muslimischen Frauen hatte, bat er Mitglieder der europäischen Gemeinschaften in Konstantinopel und Smyrna (heute: Izmir) für ihn in türkischen Gewändern zu posieren.8

Auch nach seinem vierjährigen Aufenthalt im Osmanischen Reich sowie seinem zehn Monate dauernden Besuch in Moldawien wusste der calvinistische Genfer sich als Maler zu inszenieren: „Liotard, ein berühmter Maler aus Genf, der lange in der Türkei war, und indem er ihrer Kostüme und einen langen Bart trug, […] wurde sehr als ein großer Künstler angesehen,“9 schrieb Augustus Hervey, späterer Early of Bristol, 1750. Von der Reise selbst dürften nicht mehr als 80 Zeichnungen erhalten sein, inklusive jener, die nur als Drucke überliefert sind. In seiner 1774 publizierten Autobiografie hielt er fest, dass seine die Earls of Sandwich und Bessborough ihn als Zeichner von Kostümen und Veduten, vor allem von antiken Stätten, mitgenommen hätten. Dennoch sind keine topografischen Ansichten von Liotard bekannt. Dass er in den folgenden Jahren berühmt für seine Detailgenauigkeit wurde, die Kostüme seiner Porträtierten besonders genau beobachtete und wiedergab, aber auch die Brillanz seiner Palette, dürfte u. a. mit Jean-Etienne Liotards Aufenthalt in der Levante erklärt werden.

 

 

Kostüme

Während seiner ganzen Karriere darf Jean-Etienne Liotard ein gesteigertes Interesse an Kleidung nachgesagt werden. Von seiner Grand Tour in die Levante brachte Liotard daher nicht nur Skizzen mit, sondern auch Kleidungsstücke, die er geschickt für Inszenierungen in Europa einsetzte. So erscheint seine eigene Frau Marie Fargues in einem lavantinischen Kostüm (um 1756–1758, Rijksmuseum). Die Distanz zur sitzenden Frau, ihre melancholische Stimmung, der fehlende Blickkontakt und die präzise Schilderung von Teppich, Sofa und Handarbeitszeug lassen sie fast zu einem Genrebild werden. Einige dieser „Porträts“ von Neffen und Nichten – besonders „Lesende Frau am Sofa“ (1748–1752, Uffizien) und „L’Ecriture“ (1752, Kunsthistorisches Museum) – changieren zwischen Porträts und Genremalerei.

Nicht nur Gesichter und Hände wurden von ihm möglichst ähnlich wiedergegeben, sondern auch die Stoffe und ihre Qualitäten. Er vermochte die Texturen von Seide, Spitze, Baumwolle und Wolle, Satin und Fell präzise zu illusionieren. Diese Haltung geht parallel mit der Mitte des 18. Jahrhunderts entstehenden Modeindustrie, die mit Hilfe bebilderter Modezeitschriften den Kult um die Kleidung verbreiterte. Doch in welchem Verhältnis stehen lebensechte Wiedergabe von Gesicht und Gewand, wenn die Rolle der Frau über ihr Aussehen verhandelt wird? Liotard erachtete Ähnlichkeit als den wichtigsten Faktor seiner Porträtkunst, weshalb er auch den Kostümen viel Aufmerksamkeit schenkte. Da die europäische Frauenkleidung Mitte des 18. Jahrhunderts nur wenige Varianten kannte, gelang es Liotard mit Hilfe von Accessoires (Schals, Mäntel, Hunde (sic!)), Porträts individueller zu gestalten. Dass in seinen Bildnissen so häufig ein strahlendes Blau auftaucht, mag auch mit der Vorliebe des Künstlers zu tun haben. Schlussendlich sind es die Gewänder, die den sozialen Status ihrer Trägerinnen und Träger offenbaren.

 

 

Biografie von Jean-Etienne Liotard (1702–1789)

Am 22. Dezember 1702 wurde Jean-Etienne und sein Zwillingsbruder Jean-Michel in Genf geboren. Ihre Eltern Antoine Liotard und Anne Sauvage waren französische Hugenotten, die nach der Zurücknahme des Edikts von Nantes 1685 nach Genf geflohen waren.
1715-1720 Liotard war vier Jahre Mitarbeitrn des Miniaturmalers Daniel Gardelle (1679-1753).
1723 Umzug nach Paris, um als Mitarbeiter des Miniaturmalers und Druckgrafikers Jean-Baptiste Massé (1687-1767) zu arbeiten. In dessen Haus am Place Dauphine verbrachte er drei Jahre.
1735 Reise nach Neapel mit Louis Philogène Brúlart, Graf von Puisieux, der am 1. Juli 1735 zum französischen Botschafter in Neapel ernannt worden war. Die Abreise erfolgte am 1. Oktober.
1736 Reisen nach Rom und Florenz. In Rom wurde er dem Hof der Stuart im Exil vorgestellt und traf Hon. William Ponsonby, Viscount Duncannon, den späteren 2nd Earl of Bessborough, der in Italien und der Levante herumreiste. Dieser lud Liotard ein, ihn zu begleiten.
1738 Am 3. April Abreise in die Levante gemeinsam mit Hon. William Ponsonby, Viscount Duncannon und späterer 2. Earl of Bessborough, sowie John Montague, 4th Earl of Sandwich und James Nelthorpe. Zwischenstopps in Malta, Melos, Paros, Chios und Smyrna (heute: Izmir), bevor sie Konstantinopel (heute: Istanbul) im Juni erreichen.
1738–1742 Blieb vier Jahre in Konstantinopel und malte Porträts seines Zirkels, vor allem der exilierten englischen Kolonie. Kreidezeichnungen der Fränkischen und indigenen Bevölkerung.
1742 Einladung von Prinz Konstantin Mavrocordato von Moldawien an dessen Hof in Iaşi (heute: Jassy in Rumänien). Jean-Etienne Liotrad blieb zehn Monate und malte die Mitglieder des Hofstaates.
1743 Im September in Wien, wo er eine freundschaftliche Beziehung zu Maria Theresia und deren Ehemann Franz Stephan von Lothringen aufbaute. Malten den österreichischen Hofstaat.
1745–1746 Reise nach Venedig, wo sein Zwillingsbruder Jean-Michel Liotard lebte. Traf Rosalba Carriera (1673-1757) und Graf Francesco Algarotti, dessen Porträt er malte. Algarotti erwarb „La Chocolatière“ für das Pastell-Kabinett von Friedrich August II., König von Sachsen, in Dresden. Reise nach Frankfurt zur Krönung von Franz I. und weiter nach Darmstadt, wo er Prinzessin Caroline Louise von Hessen-Darmstadt im Pastellzeichnen unterrichtete.
1746 Reise nach Basel, Genf und Lyon, weiter nach Paris, wo er am französischen Hof Erfolg erlangte. Bliebt in Paris für sieben Jahre. Hier wurde er zwar kein Mitglied der Académie royal de peinture et de sculpture, er stellte aber zwischen 1751 und 1753 an der Académie de Saint-Luc aus.
1753-1754 Umzug nach London, wo er - wie zuvor schon in den anderen Hauptstädten Europas - für seine türkische Tracht und seinen langen Bart berühmt wurde. Durch die gute Reputation durch Hon. William Ponsonby, 2nd Earl of Bessborough, erhielt er viele Porträtaufträge, darunter die königliche Familie.
1755-1757 Reise in die Niederlande: Er besuchte in Delft seinen Neffen Jean-Louis Maisonnet, weiter nach Den Haag und Amsterdam. Kurzer Besuch in London. Rückkehr nach Amsterdam, wo er bis 1757 wohnte. Begann eine Sammlung an Alten Meistern zusammenzutragen.
1756 Heirat mit Marie Fargues (13.8.), die Tochter eines französischen Hugenotten und Händlers mit Wohnort Amsterdam.
1757 Kurzer Aufenthalt in Paris, Umzug nach Genf. In beiden Städten bekam er Duzende von Porträtaufträgen.
1758 Geburt des ersten Sohnes Jean-Etienne (18.11.).
1761 Geburt der ersten Tochter Marie-Jeanne.
1762 Reise nach Wien, um die Porträt des Kaiserpaares und seiner Kinder anzufertigen. Die Zeichnungen von elf der zwölf lebenden Kinder werden in zweifarbiger Kreide mit Gouache auf der Rückseite ausgeführt. Publizierte „Explication des différens jugemens sur la peinture“.
1763 Geburt der zweiten Tochter Marie-Thérèse, Taufpatin ist Maria Teresia. Jean-Etienne kaufte sich ein Landhaus in Confignon, das vier Meilen südwestlich von Genf und im Herzogtum Savoy lag.
1764 Geburt des zweiten Sohnes Jean-Daniel.
1766 Reise nach Turin.
1767 Geburt der dritten Tochter Marie-Anne-François.
1770 Reise nach Lyon, um Jean-Jacques Rousseau zu malen. Dieser lehnte jedoch das Porträt ab.
1770-1771 Reise nach Paris, um Marie-Antinette zu malen. Organisierte eine Ausstellung und den Verkauf seiner Arbeiten und seiner Sammlung von Alten Meistern.
1771-1773 Zweiter Besuch in den Niederlanden, im Juli kaufte er ein Gemälde von Ludolf Backhuysen (1630-1708). Jean-Etienne Liotard erhielt weniger Porträtaufträge.
1773-1774 Zweite Reise nach London, wo er verschiedene Aufträge von Bessborough und anderen Freunden erhielt. Stellte in beiden Jahren in der Royal Academy of Arts aus. Organisierte eine Ausstellung und den Verkauf seiner Arbeiten und seiner Sammlung von Alten Meistern in seinem Haus in der Great Marlborough Street und 1774 bei Christie’s in Pall Mall.
1774 Im Oktober Rückkehr nach Genf, wo er Grund in Plainpalais für ein neues Haus kaufte.
1776 Unter dem Pseudonym Graf Falkenstein besuchte Kaiser Joseph II. Liotard in seinem Atelier. Im Oktober neuerliche Reise nach Wien, während des Zwischenstopps in Zürich besuchte er den Schriftsteller und Physiognomen Johann Kaspar Lavater (1741-1801) sowie den Maler und Schriftsteller Solomon Gessner (1730-1788).
1779 Beschäftigte sich mit Druckgrafik und dem Abfassen eines Kunsttraktates.
1781 Aufgrund politischer Instabilität zog Liotard nach Lyon, wo er „Traité des principes et des règles de la peinture“, seinen zweiten Traktat, veröffentlichte.
1782 Tod seiner Ehefrau. Begann sich mit Stillleben zu beschäftigen, da er kaum Porträtaufträge erhielt.
1786 Verkauf des Hauses und Umzug mit Tochter Marie-Jeanne und deren Ehemann nach Begnins, das 20 Meilen nordöstlich von Genf liegt.
Jean-Etienne Liotard starb am 12. Juni 1789 in Genf.

 

Jean-Etienne Liotard: Bilder

  • Jean-Etienne Liotard, Ekaterina Mavrocordat, 1742–1743, Schwarze und rote Kreide auf Papier, 21,7 x 15 cm (Kupferstichkabinett, Staatliche Museen zu Berlin, inv. KDZ 1626)
  • Jean-Etienne Liotard, Maria Friederike van Reede-Athlone im Alter von sieben Jahren (J. Paul Getty Museum, Los Angeles, inv. 83.PC.273)
  • Jean-Etienne Liotard, Laura Tarsi, um 1741, Aquarell und Gouache auf Elfenbein, 9,6 x 7,7 cm (Lent by the Syndics of the Fitzwilliam Museum, Cambridge, inv. PD9-2006)
  • Jean-Etienne Liotard, Lesende Frau auf einem Sofa, 1748–1752, Öl auf Leinwand, 50 x 60 cm (Galleria degli Uffizi, Florenz)
  • Jean-Etienne Liotard, L'Ecriture (Das Schreiben), 1752, Pastell auf sechs Blättern blaues Papier, 81 x 107 cm (Kunsthistorisches Museum, Vienna, Schloss Schönbrunn Kultur- und Betriebsges.m.b.H.)
  • Jean-Etienne Liotard, Eva Marie Garrick, um 1754, Pastell auf Papier, gehöht mit Gouache, 57,6 x 47 cm, The Trustees of the Chatsworth Settlement, Chatsworth House. Gift of the 3rd Earl of Burlington, 1760 (Devonshire Collection, Chatsworth)
  • Jean-Etienne Liotard, Julie de Thellusson-Ployard, 1760, Pastell auf Pergament, 70 x 58 cm (Museum Oskar Reinhart, Winterthur, inv. 278. Rodolphe Dunki, Geneva; acquired 1935)
  • Jean-Etienne Liotard, Erzherzogin Marie-Antoinette von Österreich, 1762, Schwarze und rote Kreide, Bleistift, Aquarell und Aquarell lasierend auf Papier, mit Farbe auf der Rückseite gehöht, 31,1 x 24,9 cm (Cabinet d'arts graphiques des Musees d'art et d'histoire, Geneva. On permanent loan from the Gottfried Keller Foundation, inv. 1947-0042)
  • Jean-Etienne Liotard, Lachendes Selbstporträt, um 1770, Öl auf Leinwand, 84 x 74 cm (Musee d'art et d'histoire, Geneva, inv. 1893-9)
  • Jean-Etienne Liotard, Stillleben: Tee Set, um 1770–1783, O Öl auf Leinwand auf Karton, 37,5 x 51,4 cm (The J. Paul Getty Museum, Los Angeles, inv. 84.PA.57)
  • Installationsansicht Albertina, Wien "Die Gründung der Albertina zwischen Dürer und Napoleon", Liotard, Maria Theresia und Franz Stephan

 

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  1. „It is even whispered about town oft hat excellent artist, Mr Liotard, that he lately refused a fine woman to draw her picture, alleging that he never copied any body’s works but his own and God Almighty’s.“ Zitiert nach, Niel Jeffares, Liotard and the Medium of Pastel, in: Ausst.-Kat., S.26–33, hier S. 29.
  2. „Truth prevailed in all hier works, grace in very few or none.“ Zitiert nach Ebenda S. 30.
  3. Die Genauigkeit der Wiedergabe der Kostüme führt u. a. dazu, dass seine Werke häufig als Illustrationen in Kostümstudien verwendet werden.
  4. Zitiert nach Ebenda, S. 16.
  5. Christopher Baker vergleicht sie mit den Selbstbildnissen von Jean-Siméon Chardin (1699–1779) und findet in ihnen die gleiche Pointiertheit und Ehrlichkeit. Siehe Ebenda, S. 17.
  6. „For ist beauty, vivacity, freshness and lightness of palette, pastel painting is more beautiful than any other kind of painting.“ Zitiert nach Ebenda, S. 27.
  7. Die Pastell-Mode ließ eine Heerschar von Pastellmalern in allen Hauptstädten arbeiten. In Paris war Maurice-Quentin de La Tour (1704–1788) neben Liotard der wichtigste.
  8. So posierte beispielsweise die Ehefrau von James Fremeaux, Margaret, in einem reich bestickten entari, ein türkisches Gewand, das die Ausländer in der Levante trugen. Das „cross-dressing“ wurde im 17. Jahrhundert als Ehrerweisung vor der Kultur des Gastgeberlandes verstanden und bei Nichtbeachtung von den Gastgeber_innen sozial geahndet. Ebenda, S. 66, 69.
  9. Zitiert nach Ausst.-Kat. S. 65.
Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.