0

Johann Heinrich Füssli. Drama und Theater Mit Einbildungskraft und Empfindung zum autonomen Kunstwerk

Johann Heinrich Füssli, Die schlafwandelnde Lady Macbeth, Detail, 1784, Öl/Lw, 221 x 160 cm (Louvre, Paris)

Johann Heinrich Füssli, Die schlafwandelnde Lady Macbeth, Detail, 1784, Öl/Lw, 221 x 160 cm (Louvre, Paris)

Johann Heinrich Füssli (1741–1825), der in Zürich in eine Künstlerfamilie geborene, in Rom und London berühmt gewordene Maler war einer der einfallsreichsten und unkonventionellsten Erneuerer des ausgehenden 18. Jahrhunderts. An der Schwelle zwischen Klassizismus und Sturm und Drang ist seine Kunst beredtes Zeugnis widerstreitender künstlerischer Paradigmen im Nachklang der Aufklärung.

Schon früh schuf Johann Heinrich Füssli erstaunliche Zeichnungen, dennoch studierte er Theologie, was ihn in Kontakt mit Johann Jakob Bodmer, Joachim Winkelmann brachte. Bodmer verfolgte das Konzept, dass die Einbildungskraft, das Wunderbare und Erhabene über der herkömmlichen rationalistischen Regelästhetik stehe. Nicht die Klassiker mit ihrer feinen Sprache (v.a. Seneca und Racine), sondern die „Originalgenies“ wie Homer wurden als vorbildlich erachtet. Bodmer entdeckte das Nibelungenlied, verehrte Dante und protegierte Milton und Shakespeare: in ihren Dichtungen fand auch Johann Heinrich Füssli Inspiration und Themen für seine Gemälde. Spätestens seit seinem berühmten „Nachtmahr“ (1781) wurde er „painter ordinary tot he devil“ gerufen.

Zehn Jahre zuvor, 1770, reiste Johann Heinrich Füssli nach Rom, wo er in Auseinandersetzung mit den Werken Michelangelos und den Hochklassizisten (Jacques-Louis David) seine künstlerischen Mittel straffte und so den Eindruck von Klassizität und Emotionalität zu steigern vermochte. Auf seiner Rückreise nach London erhielt er in Zürich die Aufträge für das „Selbstbildnis mit Bodmer“ und den „Rütlischwur“, in dem er die Staatsgründung der Schweizer Republik, alte Freiheiten und Bürgertugenden feierte.

 

 

Drama und Theater

Drama und Theater – das beschreibt für die Ausstellung das Interesse an den von Füssli gewählten Themen aus Literatur und Bühnenwerken, aber auch seine spannungsvollen Kompositionen, Figurenkonstellationen und die oft „theatralischen“ Mittel der Inszenierung. Drama und Theater ist, wie Füsslis Kunst, alles andere als subtil. Nicht Naturnachahmung, sondern die wirkungsvolle Erfindung interssierte den schweizer-britischen Maler; nicht die ideale Schönheit eines Winckelmann oder Mengs, sondern die stärkeren Effekte des Sublimen oder Erhabenen. Das Übermächtige, das Schrecken erzeugt und den Menschen in den Grundfesten seines Daseins erschüttert, wird zum eigentlichen Bildgegenstand von Füsslis Kunst. In extremer Gestik, mit Pathos und mit ausladenden Bewegungen tragen Füsslis Protagonisten ihre Leiden und Freuden vor. Hierbei setzt er vor allem ausladende Arme und Beine ein, um die Körper im Bildgefüge dramatisch zu verspannen. Gleichzeitig bleiben die Bildräume eigentümlich leer und unerzählerisch. Die Modernität von Johann Heinrich Füssli lässt sich als Autonomie des Kunstwerks beschreiben, dass seine Bilder – anders gesprochen – flächig, konzeptuell, antinaturalistisch sind.

 

 

Füssli in Basel

Unter der Perspektive von Drama und Theater erschließt die Ausstellung im Kunstmuseum Basel einen zentralen Komplex des künstlerischen Selbstverständnisses Füsslis jenseits seiner bereits vertrauten Positionierung als Maler (oder Vorläufer) der Schwarzen Romantik und des „Gothic Horror“: Der hochgebildete Künstler greift in fast allen seinen Werken Motive aus der Literatur auf, etwa aus der antiken Mythologie, aus John Miltons „Paradise Lost“ oder aus der kurz zuvor wiederentdeckten Nibelungensage auf. Nach seiner Rückkehr aus Rom nach London 1779 werden zudem Motive aus Shakespeares Dramen zu einem Schwerpunkt seiner Kunst, wie unter anderem seine Beteiligung an der von John Boydell initiierten Shakespeare Gallery zeigt.

Die sieben Gemälde Füsslis in den Beständen der Öffentlichen Kunstsammlung Basel werden mit der großzügigen Unterstützung aus dem Kunsthaus Zürich und aus weiteren internationalen Museen und Privatsammlungen ergänzt. Thom Luz, Regisseur am Basler Schauspielhaus, wird der Ausstellung eine Reflexionsebene im zeitgenössischen Theater hinzufügen und so auch im Ausstellungsraum die Welten von Literatur, Theater und Kunst zusammenbringen.

Kuratiert von Eva Reifert
Quelle: Pressetext

 

 

Johann Heinrich Füssli. Drama und Theater: Bilder

  • Johann Heinrich Füssli, Die drei Eidgenossen beim Schwur auf dem Rütli, 1779–1781, Öl auf Leinwand, 267 x 178 cm (Kunsthaus Zürich)
  • Johann Heinrich Füssli, Lady Macbeth, schlafwandelnd, um 1783, Öl/Lw, 221 x 160 cm (Louvre, Paris / Foto: RMN-Grand Palais (musée du Louvre), Hervé Lewandowski, Photo © RMN-Grand Palais (musée du Louvre) / Hervé Lewandowski)
  • Johann Heinrich Füssli, Percival befreit Belisane aus der Bezauberung durch Urma, 1783, Öl/Lw, 99.1 x 125.7 cm (Tate, London)
  • Johann Heinrich Füssli, Falstaff im Wäschekorb, 1792, Öl auf Leinwand, 137 x 170 cm (Kunsthaus Zürich, Inv. 2541)
  • Johann Heinrich Füssli, Die Erschaffung Evas, 1791–1793, Öl/Lw, 307 x 207 cm (© Hamburger Kunsthalle / bpk Foto: Elke Walford)
  • Johann Heinrich Füssli, Titania liebkost Zettel, 1793/94, Öl auf Leinwand, 169 x 135 cm (Kunsthaus Zürich)
  • Johann Heinrich Füssli, Ruhender Frauenakt und Klavierspielerin, 1799/1800, Öl auf Leinwand, 71.2 x 91 cm (Kunstmuseum Basel- Ankauf, Kunstmuseum Basel, Martin P. Bühler)
  • Johann Heinrich Füssli, Die wahnsinnige Kate, 1806/07, Öl/Lw, 91.8 x 71.5 cm (©Freies Deutsches Hochstift / Frankfurter Goethe-Museum, Foto: Ursula Edelmann)
  • Johann Heinrich Füssli, Amor und Psyche, um 1810, Öl auf Leinwand, 125 x 100 cm (Kunsthaus Zürich)

Weitere Beiträge zur Kunst der Romantik

29. August 2018
Edwin Landseer, The Monarch of the Glen, Detail, um 1851, Öl/Lw, 163.8 × 168.9 cm (Purchased by the National Galleries of Scotland as a part gift from Diageo Scotland Ltd, with contributions from the Heritage Lottery Fund, Dunard Fund, the Art Fund, the William Jacob Bequest, the Tam O’ Shanter Trust, the Turtleton Trust, and the K. T. Wiedemann Foundation, Inc. and through public appeal 2017 (NG 2881) © National Galleries of Scotland)

Edwin Landseer: The Monarch of the Glen Kapitaler Hirsch in schottischen Highlands

Kaum ein Sujet des englischen Malers Sir Edward Landseer (1802–1873) erfreute sich einer größeren Beliebtheit als dessen Gemälde „Monarch of the Glen“ (1851). Es war zusammen mit zwei unbekannten Bildern für die Refreshment Rooms in Westminster Palace in Auftrag gegeben aber dort nie aufgehängt worden.
15. Mai 2018
Die Verlobung, Detail, Darstellung der Erzherzogin Christine, des Herzogs Albert von Sachsen-Teschen und der Gräfin Fuchs, um 1780, Kaiserliche Porzellanmanufaktur Wien, Modell Anton Grassi, © MAK/Mika K. Wisskirchen

MAK feiert 300 Jahre Wiener Porzellanmanufaktur Kunsthandwerk auf höchstem Niveau seit 1718

Rund 1.000 Exponate aus den Beständen des MAK sowie aus nationalen und internationalen Sammlungen bieten in der umfassenden Jubiläumsausstellung „300 Jahre Wiener Porzellanmanufaktur“ einen eindrucksvollen Überblick über die Entwicklung der zweitältesten Porzellanmanufaktur Europas.
7. Mai 2018
Caspar David Friedrich, Wanderer über dem Nebelmeer, Details, um 1817 (© SHK/Hamburger Kunsthalle/bpk, Foto: Elke Walford)

Wanderlust. Von Caspar David Friedrich bis Auguste Renoir Wandern in der Kunst des 19. Jahrhunderts

Wandern in der Kunst des 19. Jahrhunderts in der Alte Nationalgalerie Berlin: Caspar David Friedrichs berühmtes Gemälde „Wanderer über dem Nebelmeer“ aus der Hamburger Kunsthalle bildet den Ausgangspunkt einer Ausstellung zum Wandern. Um 1800 wird das Wandern zum Ausdruck eines modernen Lebensgefühls, das angesichts der gesellschaftlichen Umbrüche seit der Französischen Revolution eine neue Form der entschleunigten Selbst- und Welterkenntnis entwickelt, die bis heute nachwirkt.
Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.