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Jürgen Messensee Malerei

Jürgen Messensee, Zeitpfeil, 2011, Jet, Acryl, 2 Leinwände, 200 x 243 cm, Privatsammlung © Lena Deinhardstein, Foto: Alexandra Matzner.

Jürgen Messensee, Zeitpfeil, 2011, Jet, Acryl, 2 Leinwände, 200 x 243 cm, Privatsammlung © Lena Deinhardstein, Foto: Alexandra Matzner.

Knapp einen Monat lang zeigt Kurator Florian Steininger im Bank Austria Kunstforum eine Soloschau von Jürgen Messensee. Der 1936 in Wien geborene Maler und Zeichner hat sich bereits als fünfjähriger Knirps entschieden, Maler werden zu wollen. Zwischen 1955 und 1960 studierte er an der Wiener Akademie und zählt seit den 80er Jahren zu den führenden Protagonisten der expressiv-abstrahierend arbeitenden Künstlergeneration. Obwohl sein Stilidiom leicht den Neuen Wilden der 80er Jahre zuzuordnen wäre, entzog sich der Künstler seither der „Gruppenzugehörigkeit“, ist er doch um knapp 15 Jahre älter als seine postmodernen Kollegen.1

Zudem empfindet er seine Malerei als apollinisch, d.h. reflektiert und kontrolliert, obwohl er die dionysische Trance braucht, um in einen Zustand des Möglichen und damit der Malerei zu kommen.2

Vom Naturvorbild und von traditionellen Darstellungsweisen wie z.B. den liegenden Frauenakt ausgehend, werden die Motive in den Werken Messensees stark verfremdet und vereinfacht, sodass erst die Bildtitel offenbaren (oder die eingesehenen Messensee-Kenner_innen erkennen), dass es sich bei den gestischen, wie krakelig notierten Formen um Schwimmerinnen, Katamarane, Münder, liegende Frauenakte oder Brüste handelt. Vor allem die weibliche Figur ist es, die Messensee immer wieder in ihren Bann zieht, seien es die Infantinnen-Porträts des spanischen Hofmalers Diego Velázquez (1599–1660 → Diego Velázquez. Portaits und Rokeby-Venus) oder Allusionen an liegende Frauenakte von Henry Moore (1898–1986), an die Odalisken von Jean Auguste Dominique Ingres (1780–1867) und an Edouard Manets (1832–1883) berühmte „Olympia“. Manchmal erinnern auch Katamarane an spitzbrüste Akte, sodass der Maler im Titel eines solchen Bildes spitzbübisch ironisiert: „Es ist das, was du denkst“ (2004). Messensees gestische Malerei steht im Dialog mit der Kunstgeschichte, arbeitet sich am ewig Weiblichen ab, experimentiert mit verschiedenen Realitätsebenen und im Bank Austria Kunstforum auch mit der Verräumlichung seiner Objekt-Malerei.

 

Von „Infantin Margarita Theresa“ zu den Tischkalenderblättern

Wenn man die Messensee-Ausstellung betritt, hängt ein Bild aus der Infantinnen-Serie nach Velázquez, „Margarita Theresa von Österreich“ (1992), in der direkten Sichtachse. Bereits in diesem Bild, das mit seinen Brauntönen perfekt auf die Marmorsäulen abgestimmt ist, ist die Bedeutung des weißen Bildgrundes für die Malerei Messensees seit den 80er Jahren offenkundig. Mit wenigen, skizzenhaften Strichen in Grau deutet er das auslandende Barockkleid an, Hauptaugenmerk legt er auf das Gesicht. Die ausladende Frisur der Infantin gerät zur schemenhaften Farbmasse, über der kleinen Figur (im Vergleich zur großen weißen Fläche) schwebt ein undefinierbares Viereck: vielleicht die Abbreviatur eines Fensters oder eines Gemäldes? Zwei kleine, ebenfalls skizzenhafte Ölgemälde lehnen am unteren Rand gegen die Leinwand, eines zeigt „chaotische Farbmassen“ und das andere die „Präzision der Linie“, wie Messensee im Gespräch gerne die beiden Grundelemente seiner Malerei benennt.

 

 

Verdoppelung als Möglichkeitsform

Für die jüngsten Arbeiten hat sich Messensee auch der digitalen Drucktechnologie geöffnet: Vorhandene Zeichnungen werden eingescannt und mit Hilfe eines Jetprints stark vergrößert ausgedruckt. Auf dieser bereits handbearbeiteten und durch den technischen Vorgang verfremdeten „Unterlage“ entwickelt Messensee weitere Malereien, um onthologische Differenzen zwischen Handarbeit und Drucktechnik, zwischen Präsenz und Absenz aber auch zwischen Original und „Kopie“ zu erkunden. Die in der Ausstellung im Bank Austria Kunstforum gezeigten Zeichnungen in Kalendern oder auf Wochenplanern, mit genauen Datierungen versehen, sind maximal A4 groß. Eingescannt und erneut ausgedruckt, können sie stattliche Formate annehmen, aus zarten Tuschestrichen werden dann sehr massive Striche, farbige Streifen erscheinen unscharf, die Kontraste werden gemildert. Dennoch geht es dem Maler Messensee nicht um eine Recherche ästhetischer Veränderungen, denn die überarbeiteten Bilder hängen als „zweieiige Zwillinge“ an den Wänden. Ohne ihre „Doppelungen“ würden sie ihren Sinn verlieren, so der Maler. Indem er die ausgedruckten Leinwände erneut bemalt, mit anderen Materialien auch überklebt, entstehen Verschiebungen. Von welchem Bild würde man noch behaupten wollen, es sei ein Original oder eine Kopie. Jedes der Werke repräsentiert, einzeln betrachtet, eine Möglichkeit aus einer unüberschaubaren Menge an malerischen Lösungen. Vielleicht ist das die wichtigste Botschaft der verdoppelten Bilder Messensees, nicht das, was sie zeigen, sondern das Potenzial des Möglichen, des (noch nicht) gesagt und gemalten, der nicht eingeschlagenen Wege. Jedes Bild wird so zu einer Kreuzung, einer sichtbaren und nachvollziehbaren Ansammlung von künstlerischen Entscheidungen.

 

 

Malerei über Malerei?

Eine der wichtigen künstlerischen Entscheidungen Messensees, auf sein Gesamtwerk gerechnet, ist seine bewusste Beschränkung auf bestimmte Motive und Themen. Das sechsteilige Werk „Metrofrau I-VI“ (2007) füllt die große Wand im Bank Austria Kunstforum spielend aus. Das davor platzierte Objekt „Wellblech“ (2013) führt die Idee einer strukturierten Hintergrundfläche mit einem fragmentierten Frauenakt in Acryl in die Dreidimensionalität über; eine Verbindung schafft der sechste Akt der Serie, indem ihm ein Stück bereits fehlt, während ein Stück von dem gerundeten Wellblech aufgeklappt erscheint (der Kopf?). Beide Arbeiten verbinden die Themen Frauenkörper und Ziegelwand auf einfache Art miteinander. „Metrofrau“ lässt an Graffiti in der Pariser U-Bahn denken, für „Wellblech“ braucht es das wandernde Auge, um die Körperlichkeit des Objekts mit der Körperlichkeit der Zeichnung darauf zu verbinden. Hat sich Messensee in den 80er Jahren mit Velázquez und den großen Meistern der mitteleuropäischen Kunstgeschichte beschäftigt, so scheint nun sein eigenes Werk zum Referenzpunkt aktuellen Malens geworden zu sein.

 

In dem 2011 entstandenen Werk „Spalt der Wirklichkeit“ (2011) öffnet Messensee die Oberfläche des Bildes. Diese Geste, die ihren Ursprung in der „Fenstertheorie“ von Leon Battista Alberti haben könnte, lässt einen Blick auf das Dahinter der für Messensee konkreten und realistischen Malerei zu: Der Schrägblick auf das Großformat gibt aber wieder „nur“ eine schwarze Strichlage zu erkennen. Enttäuschend? Ulkig? Oder dem Titel des gegenüber ausgestellten Werks gerecht werdend? „Es ist das, was du denkst.“

 

Biografie von Jürgen Messensee (* 1936)

1936 in Wien geboren
1955-1960 Studium an der Akademie der Bildenden Künste in Wien bei Sergius Pauser
1973 Mitgliedschaft bei der Wiener Secession
1973 Teilnahme an der XII Bienal di Sao Paolo
1981 Ausstellung in der Neuen Galerie, Linz
1987 Ausstellung in der Wiener Secession / Kunsthalle Bremen
1989 Ausstellung im Rupertinum, Salzburg
1990 Ausstellung in der Albertina, Wien
1993 Galerie de Luxembourg, Luxemburg / „Messensee Infantinnen Velazquez“ im Kunsthistorischen Museum, Wien
1997 Ausstellung in der BAWAG Foundation, Wien
1998 Ausstellung in den Staatlichen Museen, Kassel
1999 Ausstellung in der Neuen Galerie der Stadt Linz
2000 Austritt aus der Wiener Secession
Jürgen Messensee lebt und arbeitet in Wien und St. Margarethen (A)

 

Jürgen Messensee: Ausstellungskatalog

Texte von I. Brugger, F. Steininger
Gestaltung von Loys Egg
ca. 128 Seiten, ca. 93 Abb.
24,00 x 30,00 cm, gebunden
ISBN 978-3-7757-3638-1 (d/e)
HATJE CANTZ

  1. Edelbert Köb beschrieb als Präsident der Wiener Secession diese Haltung im Secessionsausstellungskatalog von 1987 treffend: „Jürgen Messensee ist ein Moralist und ist als solcher zwangsläufig immer außerhalb von Cliquen und Interessengemeinschaften gestanden; Freunde zu haben ist ja wieder eine andere Sache! Umso bemerkenswerter ist die allgemeine Wertschätzung, die er genießt, ist die unangefochtene Position, die er im österreichischen Kunstleben einnimmt – ohne irgendwo dazuzugehören; mitzuschwimmen, mitgezogen zu werden, ohne daß ihm Geschenke gemacht werden.“ Zit. nach: Edelbert Köb, in: Jürgen Messensee (Ausst.-Kat. Wiener Secession, 17.6.-12.7.1987), Wien 1987, S. 5.
  2. Jürgen Messensee selbst über den Zustand höchster Konzentration und Intuition beim Malen: „Vor allem anderen bedeutet das eine ungeheuerliche Anstrengung, die ich fast mit einem Trancezustand vergleichen möchte. Man tut alles, damit dieser Zustand eintritt. Und wenn er eintritt, dann kann auch etwas geschehen. Geschieht das nicht, dann passiert auch nichts, und das Ganze bleibt eine geradezu mechanische Angelegenheit. Man muss einen Zustand erreichen, bei dem die Mitteilung, die man zu machen hat, aus einem herausspringt wie angeblich die Athene aus dem Kopf des Zeus.“ (2013)
Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.