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Klee & Kandinsky Nachbarn, Freunde, Konkurrenten

Paul Klee und Wassily Kandinsky in ihrem Garten in Dessau, um 1927, Foto: Nina Kandinsky, Bibliothèque Kandinsky, Centre Georges Pompidou, Paris. Paul Klee und Wassily Kandinsky in ihrem Garten in Dessau, um 1927, Foto: Nina Kandinsky, Bibliothèque Kandinsky, Centre Georges Pompidou, Paris.

Paul Klee und Wassily Kandinsky in ihrem Garten in Dessau, um 1927, Foto: Nina Kandinsky, Bibliothèque Kandinsky, Centre Georges Pompidou, Paris. Paul Klee und Wassily Kandinsky in ihrem Garten in Dessau, um 1927, Foto: Nina Kandinsky, Bibliothèque Kandinsky, Centre Georges Pompidou, Paris.

Das Paul Klee Zentrum in Bern und die Städtische Galerie im Lenbachhaus in München kooperieren für eine Ausstellung der Sonderklasse: Klee & Kandinsky. Künstlerisch wie menschlich höchst verschiedenartige Charaktere mit unterschiedlich verlaufenden Karrieren freundeten sich Kandinsky und Klee dennoch miteinander an. Nun zeichnen die Kuratoren, Michael Baumgartner, Annegret Hoberg und Christine Hopfengart, ihre Lebenswege von 1900 bis 1940 akribisch nach und belegen, wie sich ihre Kunst vom Blauen Reiter zum Bauhaus und darüber hinaus zwar in Konkurrenz und doch mit gegenseitiger Akzeptanz entwickelte. Es gelingt, Ähnlichkeiten und gegenseitige „Beeinflussung“ aufzuzeigen und trotzdem ihre Abgrenzung voneinander und Unterschiedlichkeit zu erklären. Das Ziel - erstmals die Beziehung der beiden Künstler umfassend darzustellen und ihre wechselvolle Geschichte nachzuzeichnen - ist den Kuratoren vorbildlich geglückt!

Erste Kontakte

Louis Moilliet, Schweizer Künstler und Schulkollege von Klee, arrangierte im Oktober 1911 das erste Treffen zwischen Kandinsky und Klee. Beide wussten schon voneinander und lebten auch in unmittelbarer Nachbarschaft in München. Dennoch bedurfte es des gemeinsamen Bekannten, da sich Kandinsky bereits in einer anderen Phase seiner Karriere befand. Er war Maler und der Anführer der Münchner Avantgarde und kämpfte für die Abstraktion, während Klee fast ausschließlich Zeichner arbeitete. Gemeinsam mit Münter, Marc und Kubin organisierte Kandinsky die 1. Ausstellung des Blauen Reiter (→ Der Blaue Reiter), die vom 18. Dezember 1911 bis zum 1. Januar 1912 in der Modernen Galerie Thannhauser stattfand. Gleichzeitig war er mit Franz Marc (→ August Macke und Franz Marc) seit dem Sommer mit der Vorarbeit für den Almanach beschäftigt. Klee lebte in diesen Jahren sehr zurückgezogen und war noch auf der Suche nach seinem Stil.

 

 

Durch die Bekanntschaft mit Kandinsky war nun auch Klee in der Avantgarde angekommen - gesellschaftlich wie marktstrategisch. Schon an der „Zweiten Ausstellung der Redaktion Der Blaue Reiter, Schwarz-Weiss“ nahm er mit 17 Werken teil. Dass er in diesen Jahren 1912/13 zu einem neuen Verhältnis zur Farbe fand, hat viel mit der bekannten Tunis-Reise zu tun, dürfte aber auch in Auseinandersetzung mit Kandinskys Werk geschehen sein. Im Gegensatz zum bewunderten Vorbild bindet Klee seine Motive aber immer an die Realität und nutzt ein zeichnerisch-tektonisches Grundgerüst.

 

 

Freundschaftsgaben in München und Dessau

Im folgenden Jahr, 1913/14, festigte sich der Kontakt zwischen den beiden Künstlern und sie begannen, eigene Werke als gegenseitige Freundesgaben auszutauschen. Einen ersten Höhepunkt fand die Beziehung miteinander am 30. November 1913: Kandinsky lud das Ehepaar Klee zum Abendessen ein, da er seine „Komposition VII“ fertiggestellt hatte. Das Bild gilt das wichtigste seiner Münchner Zeit. Er hatte es in zahlreichen Studien vorbereitet, dann aber in nur wenigen Tagen gemalt (25. und 28. November 1913).

Doch schon wenige Monate später trennten sich Kandinskys und Klees Wege im Unbill des 1. Weltkriegs. Kandinsky musste Deutschland als „feindlicher Ausländer“ verlassen. Nach seiner Trennung von Gabriele Münter (1916), lernte er in Moskau die 20-jährige Nina Andrejewska kennen und heiratete sie im Januar 1917. Nach Ausbruch der russischen Revolution im Oktober 1917 und der Machtübernahme durch die Bolschewiki verlor Kandinsky durch Enteignung sein gesamtes Vermögen. Obwohl er sich als unpolitischer Künstler verstand, arbeitete er aktiv an der Neuordnung der russischen Kunstszene nach der Revolution mit. Kandinsky fühlte sich zunehmend künstlerisch und intellektuell isoliert und verließ Ende Dezember 1921 mit Nina Russland in Richtung Berlin. Im März des Folgejahres besuchte ihn Gropius und überbrachte die offizielle Berufung an das Bauhaus. Am 1. Juli trat Kandinsky in den Lehrkörper der Schule in Weimar ein. Wie Klee ist ihm ein Teil der Grundausbildung übertragen: „Gestaltungslehre Farbe“, „Analytisches Zeichnen“, künstlerische Leitung der Werkstatt für Wandmalerei.

 

 

Paul Klee war zwischen 1917 und 1919 in der Königlich Bayerischen Fliegerschule V in Gersthofen-Gablingen bei Augsburg stationiert (→ Paul Klee. Bilder aus dem Ersten Weltkrieg). Der Deutsche konnte während des Kriegs nahezu ungehindert weiterarbeiten und erste Erfolge feiern. Die Position der beiden Künstler hatte sich daher in den vergangenen Jahren grundlegend geändert: Klee war zum wichtigsten Gegenwartskünstler Deutschlands avanciert, während Kandinsky nach seiner Rückkehr aus Russland weiterhin kontrovers diskutiert wurde. Die Freundschaft scheint unter diesem neuen Konkurrenzverhältnis nicht gelitten zu haben. Im Gegenteil! Sie wurde ab 1926 besonders eng, als sie in einem der von Walter Gropius erbauten Meister-Doppelhäuser in Dessau Tür an Tür wohnten. Auch hier setzten sie alte Gewohnheiten wie gegenseitige Tee-Besuche, Freundschaftsgaben und Geburtstagsgeschenke - die auch eine Art künstlerischen Dialog bilden - fort.

 

 

Zwei Lehrer am Bauhaus

Bei aller Freundschaft repräsentierten Kandinsky und Klee dennoch zwei sehr unterschiedliche Typen am Bauhaus: Beobachtern zufolge hielt sich Klee bei institutionellen Diskussionen gerne im Hintergrund und zielte vor allem auf seine eigene künstlerische Arbeit und den Unterricht ab. Ganz im Gegensatz dazu involvierte sich Kandinsky in die politischen Belange der Schule und ihrer Organisation. Kunst- und Lebensprinzipien des einen finden sich im Gleichgewicht der Kräfte und des anderen in der Spannung. Ähnlich unterschiedlich gestalteten sie auch ihren Unterricht: Klee war berühmt dafür, dass er alles in der Schwebe hielt. Kandinsky hingegen baute eine Grammatik der Malerei auf der Grundlage fester Farb-Form-Verhältnisse auf. Dennoch kam es zu einer stilistischen Annäherung zwischen den beiden, die sich vielleicht weniger ihrem bilateralen Dialog verdankte als den aktuellen Leitlinien des Bauhauses – Konstruktion, Funktionalität und Mechanik. Wenn auch die Natur für Klee die unverbrüchliche Grundlage seines künstlerischen Schaffens geblieben ist, entstehen doch aus dem Unterricht heraus abstrakte Schichtaquarelle wie „Architektur der Ebene“ (1923, 113), die mit ihren feinen Farbabstufungen faszinieren. Für Kandinskys „kühle Abstraktion“, wie er sie selbst bezeichnete, haben die russischen Konstruktivisten Pate gestanden. Für Kandinskys Experimente mit der Spritztechnik ab September 1927 oder die Aufnahme von figürlichen Elementen scheint tatsächlich Paul Klee der Auslöser gewesen zu sein.

 

 

Als die beiden Künstler einander in den frühen 1910er Jahren erstmals trafen, befand sich Kandinsky an der Spitze der Münchner Avantgarde und Klee war fast völlig unbekannt. In der Zwischenzeit hatte Klee Kandinsky an öffentlicher Anerkennung eindeutig überrundet. In der zweiten Hälfte der 1920er Jahre kam noch der unerwartete Erfolg in Paris dazu, wo Klee von André Breton zum „Erfinder des Surrealismus“ erhoben wurde (→ Surrealismus). Kurz darauf wurde der Kunsthändler Alfred Flechtheim auf ihn aufmerksam und begann ihn zu vertreten. Wassily Kandinsky versuchte seinem Freund nun nachzueifern, was erst in dessen Pariser Zeit gelang. Immer wieder wurde Kandinskys Abstraktion von der Kunstkritik empfindlich angegriffen. Besonders heftig fiel das Urteil von Carl Einstein aus, der 1926 in der Propyläen Kunstgeschichte seine Kunst zum „geschmackvollen Arrangement“ deklassierte, während er Klee als zukunftsweisenden Schöpfer neuer bildnerischer Realitäten feierte.

 

 

Ende eines fast 30-jährigen Dialogs

Bereits im Jahr 1931 verließ Paul Klee das Bauhaus und nahm eine Professur an der Kunstakademie in Düsseldorf an. Doch schon zwei Jahre später, im Dezember 1933, fanden sich beide Künstler in der Emigration wieder. Klee ging nach Bern und Kandinsky nach Paris. Ihre dunklen Bilder aus diesem Jahr sind Zeugen großer Anspannung. Nur noch einmal sahen sie einander kurz in Bern persönlich wiedersehen. Sie hielten Kontakt und schrieben sich Briefe, v. a. aber auch ihre Ehefrauen.

 

 

Kandinsky war stärker als Klee auf einen Neubeginn orientiert, er vollzog während dieser Pariser Phase einen zügigen Stilwechsel. Anstelle der Geometrie der Bauhaus-Zeit arbeitete er nun mit biomorphen Figuren, die mit ihren Anklängen an niedere Lebewesen einen Naturbezug jenseits der sichtbaren Erscheinungswelt suggerierten. Zudem gingen sie mit dem Zeitstil einer organischen Formensprache konform. Mit ihrer hellen Farbigkeit vermitteln die teils monumentalen Formate Zuversicht für die Zukunft. Mit diesen späten Gemälden feierte Kandinsky wieder Erfolge und wurde 1937 in die Kunsthalle Bern eingeladen. Kandinsky und seine Frau waren anlässlich dieser Ausstellung angereist, aber Paul Klee war bereits seit 1935 so sehr erkrankt, bettlägerig und geschwächt, dass er nicht an den Feierlichkeiten teilnehmen konnte. Die Vier sahen sich zu einer der lange vermissten „Plauderstunden“ im Februar 1937 zum letzten Mal. Erst in den letzten Ausstellungstagen gelang ihm, die Schau zu sehen. Angeregt durch die neuen Bilder Kandinskys schaffte er es, sich mit seinem Spätwerk ebenfalls zu einem wahren Schaffensrausch aufzuraffen.

 

 

Paul Klee & Wassily Kandinsky. Freunde, Konkurrenten: Ausstellungskatalog

M. Baumgartner, A. Hoberg, Ch. Hopfengart (Hg.),
Mit Beiträgen von V. Endicott Barnett, M. Baumgartner, M. Bayer-Wermuth, K.-I. Dost, F. Eggelhöfer, Ch. Haxthausen, A. Hoberg, Ch. Hopfengart, W. Thöner, P. Vergo, A. Weissbach
360 Seiten
PRESTEL

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Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.