Berliner Secession

Was war die Berliner Secession?

Die „Berliner Secession“ war eine Künstler:innenvereinigung, die 1899 gegründet wurde und sich um 1936 auf Druck des Nationalsozialismus auflöste. Im Vergleich zum „Verein Berliner Künstler“ nahm die „Berliner Secession“ auch Frauen auf, ja zählte sogar berühmte Künstlerinnen zu ihren Gründerinnen.

Gründung (1899)

Die Gründung der „Berliner Secession“ erfolgte am 2. Mai 1898 in Auflehnung gegen den „Verein Berliner Künstler“, der mit der jährlich stattfindenden „Großen Berliner Kunstausstellung“ das Feld beherrscht hatte.1 Seit 1891 schwelte ein Streit gegen die zu konservative Jury, unter anderem deshalb, weil Bilder des norwegischen Symbolisten Edvard Munch abgelehnt worden waren.

1898 wurde das Landschaftsgemälde „Grunewaldsee“2 von Walter Leistikow angeblich von der Jury der „Großen Berliner Kunstausstellung“ abgelehnt. Lovis Corinth bezeichnete diesen Misserfolg des Malers als eine der Ursachen für die Gründung der Sezession, obwohl heute erwiesen ist, dass es sich um eine Falschmeldung handelte.3 Das Gerücht genügte, um die gärenden Konflikte in eine Austrittsbewegung zu verwandeln. Leistikow veranlasste daraufhin einige Aktionen, u.a. die Einladung an Corinth, seine in München abgelehnte „Salome“ in Berlin zu zeigen, die eine Gruppe jüngerer Künstler zur Abspaltung von den Älteren veranlasste.

Am 2. Mai taten sich 65 progressivere Künstler:innen zusammen und gründeten die „Berliner Secession“, die sich zum neuen Machtzentrum der Künste entwickeln sollte. Max Liebermann, der bereits die „Münchener Secession“ mitbegründet hatte, wurde zum Präsidenten gewählt. Sein deutscher Impressionismus wurde zum vorherrschenden Stil (→ Impressionismus in Deutschland).

Während Leistikow von Anfang an auf einen völligen Bruch mit dem „Verein bildender Künstler“ drängte, versuchte Liebermann in zähen Verhandlungen die Eigenständigkeit der „Berliner Secession“ im Rahmen der traditionellen Ausstellungsorganisation durchzusetzen,4 was jedoch vor allem wegen der Unnachgiebigkeit Anton von Werners scheiterte.

Während sich die Secessionen in Wien und München mit der Pallas Athene eher martialisch-kämpferisch gaben, schlug die Berliner Secession mit dem berühmten Plakat von Thomas Theodor Heine von 1901 einen ironisch-heiteren Ton an. Dieses Motiv diente fortan in Ausstellungskatalogen und auf Gebrauchsgrafiken als Signet der Secession. Auch hier wird der Konflikt zwischen alten und neuen Kräften symbolisch dargestellt: Der sich sträubende Berliner Bär steht für das konservative Publikum der Stadt, den die junge Malerin als Muse umarmt und krönt. Die weibliche Symbolfigur wird hier zugleich zur Künstlerin und Akteurin.5

Gründungsmitglieder (Auswahl)

Mitglieder (Auswahl)

Ausstellung 1899

Im Jahr 1899 wurde in der Kantstraße 12 in Charlottenburg das Secessions-Gebäude mit der ersten Ausstellung eröffnet. In sechs Sälen wurden 330 Gemälde und Zeichnungen sowie 50 Plastiken ausgestellt. Von den 187 Ausstellern lebten 46 in Berlin und 57 in München. Auf den folgenden Ausstellungen wurden auch internationale Künstler zugelassen. Max Liebermann umriss in seiner Eröffnungsrede das pluralistische Programm:

„Wir führen nur eine kleine Anzahl von Werken dem Beschauer vor, und nur solche, die von deutschen Künstlern herrühren. Denn wir sind der Überzeugung, dass die massenhafte Anhäufung von Kunst ebenso sehr gegen das Interesse des Publikums wie das der Kunst selbst verstößt. […] Dass wir uns bei dieser ersten Ausstellung auf die nationale Kunst beschränkten, hat nicht etwa in engherziger Kirchturmspolitik seinen Grund: wir wollen zuerst einen Überblick über den augenblicklichen Stand der Deutschen Kunst geben. […] Bei der Auswahl der Werke, welche unsere Ausstellung schmücken, war nur das Talent, in welcher Richtung es sich auch offenbarte, ausschlaggebend. […] Für uns gibt es keine alleinseligmachende Richtung in der Kunst, sondern als Kunstwerk erscheint uns jedes Werk – welcher Richtung es angehören möge –, in dem sich eine aufrichtige Empfindung verkörpert. Nur die gewerbsmäßige Routine und die oberflächliche Mache derer, die in der Kunst nur die milchende Kuh sehen, bleiben grundsätzlich ausgeschlossen.“6

Das erste Programm der „Berliner Secession“ war nicht avantgardistisch. Ausgestellt wurden Werke von Mitgliedern der Münchner Secession, der Dresdner und Karlsruher Secessionen sowie der Worpsweder Künstlerkolonie. Arnold Böcklin und Wilhelm Leibl wurde bevorzugt Räume zugestanden, aber auch betont „deutschen“ Malern wie Hans Thoma und Carl Vinnen. Durch die Beteiligung von Käthe Kollwitz, Hans Baluschek und wenig später Heinrich Zille war der Keim zur Öffnung gegenüber sozialkritischer Kunst, auch Berliner Realismus genannt, gelegt. Obwohl die Berliner Secessionisten am Eingang eine Büste Kaiser Wilhelms II. aufgestellt hatten, sollte sich die Beziehung zum Regenten nicht harmonisch entwickeln.

1900 wurde Leo von König Mitglied der „Berliner Secession“. Im selben Jahr feierte Lovis Corinth mit seinem von der Münchener Secession abgelehnten Bild „Salome“ einen großen Erfolg bei der „Berliner Secession“. 1901 zog er von München nach Berlin und wurde ebenfalls Mitglied der „Berliner Secession“. In der zweiten Ausstellung waren erstmals Ferdinand Hodler, Claude Monet, Camille Pissarro, Pierre-Auguste Renoir, Giovanni Segantini, Félix Vallotton, James McNeill Whistler und Anders Zorn vertreten.

Seit 1901 gab es auch Schwarz-Weiß-Ausstellungen mit Zeichnungen und Druckgrafik.

Ab 1902 zeichnete sich ab, dass Berlin München den Rang als Kunstmetropole ablaufen würde. Bei der dritten Ausstellung waren Künstler der Haager Schule sowie Franzosen und Skandinavier vertreten. Mit fünf Werken war auch erstmals Vincent van Gogh in Berlin zu sehen.

Auf der vierten Ausstellung 1902 wurde das Publikum mit 22 Bildern aus Munchs „Lebensfries“ konfrontiert. Weiters stellte auch Wassily Kandinsky aus. Die Jury legte im Lauf der Zeit immer strengere Richtlinien an, steigerte die Qualität und reduzierte die Anzahl der ausgestellten Kunstwerke. Viele der bis dahin wenig arrivierten Künstler:innen in Deutschland debüttierten in der „Berliner Secession“, darunter Max Beckmann, Brockhusen, Lyonel Feininger, Alexej von Jawlensky, Nauen, Emil Nolde und Rösler.

1905 zog die „Berliner Secession“ um in das größere Gebäude am Kurfürstendamm 208. Leo von König und Lovis Corinth wurden Jurymitglieder. Trotz einiger Austritte wuchs die Secession; 1906 hatte sie fünf Ehrenmitglieder und 75 ordentliche Mitglieder – darunter zwei Ausländer Henry van de Velde und Edvard Munch – sowie 84 korrespondierende Mitglieder; dazu zählten Edgar Degas, Wassily Kandinsky, Max Klinger, Claude Monet, Steinlen, Félix Vallotton und Anders Zorn.

1907 kamen Max Beckmann und Hans Purrmann, 1908 Ernst Barlach, Wassily Kandinsky, Emil Nolde und das „Brücke“-Mitglied Max Pechstein dazu. Um 1909 zählte die Vereinigung 97 ordentliche Mitglieder sowie 119 korrespondierende Mitglieder, darunter neu Henri Matisse und Pierre Bonnard.

Berliner Secession und Die Brücke

Im Jahr 1908 stellte sich die Künstlergruppe „Die Brücke“ erstmals in Berlin dem Publikum vor. Zu diesem Zeitpunkt war bereits der künstlerische Kontrast zwischen den Werken der Gründungsmitglieder und den aufstrebenden Künstlern der „Brücke“ unübersehbar. Durch den Tod Walter Leistikows im Sommer 1908 verlor die Secession nicht nur ihr treibende Kraft, sondern auch einen diplomatischen Charakter. Beckmann und Rösler entwickelten bereits Ende 1908 Abspaltungspläne, da sie sich finanziell und durch die Ausstellungspolitik benachteiligt fühlten. Dazu kam eine allgemeine Kritik an Paul Cassirers Geschäftsgebaren und einem sehr autokratischen Führungsstil von Max Liebermann und dem Vorstand.

„Die Jungen erschlagen die Alten fast mit ihrer unbekümmerten und ungezähmten Farbenwucht und Energie: bedrohen sie umso mehr, als man ihre lärmenden Experimente nicht zusammenhängen konnte, um die Provokation des Bourgeois-Geschmacks nicht zu weit zu treiben.“7 (Max Osborn, 1909)

1910 kam es zum Aufstand in der „Berliner Secession“. Im Januar wurden Beckmann und Leo von König in den Vorstand gewählt. Lieberman und Gaul verließen daraufhin den Vorstand, da sie sich eine Zusammenarbeit nicht vorstellen konnten. Die Situation konnte nur notdürftig durch weitere Rücktritte, darunter von Cassirer, gerettet werden. Liebermann und seine Anhänger konnten daraufhin in den Vorstand zurückkehren, während Leo von König Ende November 1910 wieder austrat.
Die vom deutschen Impressionismus dominierte Jury, darunter Max Beckmann, ließ 27 expressionistische Künstler nicht zur XX. Ausstellung im Sommer 1910 zu. Unter den Abgewiesenen waren die Künstler der „Brücke“ sowie Otto Mueller, der zu diesem Anlass der „Brücke“ beitrat.

Im Dezember 1910 startete Emil Nolde eine heftigen, antisemitisch gefärbten Angriff auf Liebermann. In einem Schreiben an Scheffler warf Nolde Liebermann vor, sich künstlerisch und kunstpolitisch verbraucht zu haben. Der Vorstand sah den Tatbestand der Beleidigung erfüllt, daraufhin wurde der Maler im Zuge der Generalversammlung aus der „Berliner Secession“ ausgeschlossen. Zermürbt trat Liebermann endgültig zurück. In seiner Abschiedsrede resümierte er:

„Heute bedeutet die Berliner Secession im Berliner Kunstleben eine Macht, die nicht mehr übergangen, geschweige denn übersehen werden darf. Unsere Bestrebungen haben, vielleicht gerade weil man mit so unklugem Eifer versuchte, sie zu vereiteln, Berlin als Kunststadt gehoben. Sie haben kräftig dazu beigetragen, die Berliner Kunstausstellungen – auch die unserer Gegner – auf ein höheres Niveau zu bringen; sie haben bewirkt, dass Berlin der deutsche Kunstmarkt auch für moderne Kunst geworden ist.“8

Neue Secession / Neue Sezession

Auf den Ausschluss der Expressionisten konstituierte sich rund um das „Brücke“-Mitglied Max Pechstein die „Neue Secession“, eine Künstler:innenvereinigung, die ganz wesentlich zur Verbreitung des Expressionismus in Deutschland beitrug. Den Vorstand bildeten Beckmann, Georg Tappert, Otto Mueller, Heinrich Richter-Berlin, Arthur Segal. Auch die anderen Mitglieder der 1905 in Dresden gegründeten Künstlergruppe „Brücke“ – Erich Heckel, Ernst Ludwig Kirchner und Karl Schmidt-Rottluff – traten der „Neuen Secession“ bei. Bereits am 15. Mai 1910 veranstaltete die Gegenvereinigung unter dem Titel „Zurückgewiesene der Secession Berlin 1910“ ihre erste Ausstellung im Berliner Kunstsalon Maximilian Macht an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Am selben Ort folgten bis April 1911 zwei weitere Ausstellungen. Im Vorwort des Frühjahrsausstellung der „Neuen Secession“ heißt es 1911:

„Sie [die Künstler] wollen nicht mehr die Natur in jeder ihrer flüchtigen Erscheinung wiedergeben, sondern die persönlichen Empfindungen von einem Objekt […] verdichten, zu einem charakteristischen Augenblick zusammenpressen […]. Schon dadurch, dass alles Gegenständliche in der Fläche bleibt, wird seine Realitätsbedeutung völlig negiert […] das gesamte Werk zielt nicht auf den Eindruck der Natur, sondern auf den Ausdruck der Empfindungen. Es verschwindet wieder die Wissenschaft und das Nachbilden zugunsten eines Neubildens.“

Die Expressionisten lehnten die wissenschaftlich-analytische Herangehensweise des Neo-Impressionismus rundweg ab. Stattdessen pflegten sie einen unmittelbaren Schaffensprozess.

„Die Maler der Neuen Sezession stellen der objektiven, konventionellen Realität der Impressionisten eine ideale Realität entgegen, in welcher die Individualität der Gegenstände ins Absolute gehoben wird. […] In dieser Malerei triumphieren die neuen und reinen Expressionen der Raumformen über das Anekdotische der bürgerlichen Kunst. Es ist der Expressionismus, der […] als Kunst des markanten Ausdrucks der Kunst des vibrierenden Eindrucks ablösen soll. Und es ist eine neue Konvention der dekorativen Flächenverteilung, welche die naturalistische Illusion der Perspektivmechanik beseitigen soll.“9 (Adolphe Basler, Vorstandsmitglied der „Neuen Sezession“)

Vom 18. November 1911 bis zum 30. Januar 1912 fand im Kaufhaus Kopp & Joseph in der Potsdamer Straße 122, eine vierte Bilderschau der „Neuen Secession“ statt. Dabei waren, neben allen „Brücke“-Künstlern und vielen Avantgardekünstler:innen aus ganz Europa, auch die Kerngruppe von „Der Blaue Reiter“, die sich noch während der Berliner Ausstellung im Dezember 1911 als Abspaltung der „Neuen Künstlervereinigung München“ und damit als Abspaltung zweiten Grades der „Münchener Secession“ bildete. Nahezu zeitgleich kam es zum Bruch bei der „Neuen Secession“ in Berlin.

Der Gründungspräsident Pechstein wurde nicht in den Vorstand wiedergewählt. Die Mitglieder der „Brücke“ traten aus Solidarität geschlossen aus der Vereinigung aus. Die „Neue Secession“ veranstaltete noch drei weitere Ausstellungen in Berlin sowie einige Wanderausstellungen. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs löste sie sich auf; kurz zuvor hatte die „Berliner Secession“ noch Pechstein abgeworben.

Berliner Secession (1911–1913)

Die Abspaltung der „Neuen Secession“ brachte Unruhe in die „Berliner Secession“. Max Liebermann übergab 1911 das Präsidentenamt an Lovis Corinth und wurde selbst zum Ehrenpräsidenten gewählt. In den Vorstand rückten Ernst Barlach, Konrad von Kardorff, Rösler und Robert Breyer nach.

Paul Cassirer vertrat ab Ende 1911 den erkrankten Corinth; als er 1912 zum ersten Vorstand der „Berliner Secession“ gewählt wurde, trat Corinth zurück. Der Kunsthändler und Verleger Cassirer hatte als Sekretär von Beginn an den Zusammenschluss begleitet. Viele Mitglieder waren wirtschaftlich von ihm abhängig. Immer wieder war er in die Kritik geraten, dass er als Händler steuerte, wer bei der „Berliner Secession“ Erfolg hatte und wer nicht. Für die Ausstellung 1912 konnte er Max Pechstein zur Rückkehr bewegen, der daraufhin aus der „Brücke“ ausgeschlossen wurde.

Zur Jahresausstellung 1913 mischte Cassirer noch einmal auf bewährte Weise französische und deutsche Kunst. So präsentierte er den „Reigen“ von Henri Matisse neben Werken von Barlach, Gaul, Kolbe und Wilhelm Lehmbruck. Daneben zeigte er Oskar Kokoschka und die ehemaligen „Brücke“-Künstler. Dafür wurden 13 alteingesessene Secessionisten ausjuriert. Max Slevogt schlug ihnen vor, die „Berliner Secession“ zu verlassen, was sie verweigerten. Corinth verblieb wegen seiner ausjurierten Frau Charlotte Berend-Corinth innerhalb der „Berliner Secession“.

Als Cassirer am 6. Juni 1913 nicht wiedergewählt wurde, kam es erneut zum Bruch: 39 Mitglieder traten aus der „Berliner Secession“ aus, darunter Paul Cassirer, Max Slevogt und sogar Altpräsident Max Liebermann.

Freie Secession (1914–1923)

Im März 1914 gründeten einige von ihnen die bis 1923 bestehende „Freie Secession“ mit Liebermann als Ehrenpräsident. Zu ihren 50 Mitgliedern gehörten Ernst Barlach, Max Beckmann, Theo von Brockhusen, Max Kaus, Rudolf Levy, Hans Purrmann, Karl Schmidt-Rottluff und Max Slevogt. Geschäftsführer war der Kunsthändler Ferdinand Möller.

Die „Freie Secession“ verlieb im Ausstellungsgebäude am Kurfürstendamm 208/209.  Sie repräsentierte bis zu ihrer Auflösung 1923 die Moderne in Deutschland. Allerdings konnte die „Freie Secession“ keine weite Resonanz mehr erregen.

Die erste Ausstellung 1914 wartete mit den ehemaligen „Brücke“-Künstlern auf, die nun ordentliche Mitglieder geworden waren. Dazu Barlach, Lehmbruck, Meidner und anderen. Während des Ersten Weltkriegs führte Curt Herrmann als Präsident die Geschicke der „Freien Secession“ und konnte das Ausstellungsprogramm sogar in den Kriegsjahren 1916 bis 1918 fortführen. Aufgrund zermürbender Querelen mit seinem Schützling Brockhusen legte Herrmann allerdings das Amt 1918 zurück. Seinem Nachfolger Brickhusen war ebenso wenig Glück beschieden.

Vor allem die neuen Vereinigungen in Berlin, die sich kurz nach Ende des Weltkriegs zusammenschlossen, sollten eine neue Stoßrichtung moderner Kunst aufzeigen. Zu den wichtigsten zählten die „Novembergruppe“ und der „Arbeitsrat für Kunst“. Pechstein forderte in seinem Flugblatt vom März/April 1919: „Kunst und Volk müssen eine Einheit bilden. Die Kunst soll nicht mehr Genuss Weniger, sondern Glück und Leben der Masse sein.“10

„Es ist an der Zeit, einmal mit aller Deutlichkeit auszusprechen, dass sich die Secessionen überlebt haben. Sie haben geleistet, was sie leisten sollten und konnten, haben ihre geschichtliche Mission erfüllt, haben jetzt aber nicht mehr ein inneres Recht da zu sein. Das deutsche Kunstleben verdankt diesen Vereinigungen unendlich viel, und allen voran die Berliner Sezession – die sich in der Freien Sezession ja am lebendigsten fortsetzt – ist ein Mittelpunkt der besten deutschen Kunst geworden. Der Impressionismus – um es kurz mit bekannten Schlagworten auszudrücken – brauchte die eng geschlossene Kampforganisation und Ausstellungsgelegenheiten für eine Künstler- und Publikumselite. Der Berliner Sezession hat sich zu einer Zeit in den Dienst des Qualitätsgedankens gestellt, als dieser Gedanke in Deutschland kaum schon begriffen wurde. Sie war in ihrer besten Zeit eine fast ideale Arbeitsgemeinschaft, in der einer vom andern lernte, sie wirkte durch ihren familiären Charakter, durch ihre Inselhaftigkeit mehr als alle großen Künstlervereinigungen. Die Kunst aber, die nun mit einem andern Schlagwort als Expressionismus bezeichnet wird, kann diese intime Organisation kaum noch brauchen. Der Geist, der die Jugend ergriffen hat und täglich mehr ergreift, quillt über die Ränder hinweg, er strebt wieder nach einem unmittelbaren Laute, er ist seinem Wesen nach nicht patrizierhaft, sondern demokratisch. Darum sind die Sezessionsverbände nicht mehr gemäß.“11 (Karl Scheffler)

Berliner Secession (1913–1936)

1913 stellte Pechstein abermals bei der „Berliner Secession“ aus, nun aber auch die verbliebenen Mitglieder der „Brücke“ Heckel, Kirchner, Schmidt-Rottluff. Den letzten Ausschlag zur Auflösung der „Brücke“ im Mai 1913 gab dann der Text Kirchners zu einer „Chronik“ der Brücke.

Die Bedeutung der „alten“ Secession blieb begrenzt. Sie blieb bis zur Gleichschaltung durch die Nationalsozialisten 1933/34 weiterhin bestehen. 1915 bezog die „Berliner Secession“ ein neues, von der AEG gestiftetes Ausstellungshaus am Kurfürstendamm 232. Hier fanden nun regelmäßig Frühjahrs- und Herbstausstellungen statt. Neue Mitglieder wurden fortan mit einer Dreiviertel-Mehrheit aufgenommen.

Zu den Mitgliedern der „Berliner Secession“ gehörten unterschiedlichste Künstler: Erich Büttner, Franz Heckendorf, Willy Jaeckel, Heinrich Eduard Linde-Walther, Eugen Spiro, Leo von König und der mit Liebermann zerstrittene Lesser Ury, dessen Aufnahme einen Akt der Wiedergutmachung darstellte.

Nach Corinths Tod 1925 wurde zunächst kein neuer Präsident gewählt. Die Geschäfte führten mehrere gleichberechtigte Vorstandsmitglieder.

1928 bezog die „Berliner Secession“ neue Räume in der Tiergartenstraße 21a, 1931 folgte der Umzug an die Budapester Straße. Nach 1933 gab es keine feste Adresse mehr. 1934 wurde mit Leo von König der letzte Präsident der „Berliner Secession“ gewählt. Erich Heckel fand Aufnahme. Die Kulturpolitik der Nationalsozialisten ließ die einstig so bedeutende Künstlervereinigung bedeutungslos werden. Um 1936 herum löste sich die „Berliner Secession“ auf.

Literatur zur Berliner Secession

  • Secessionen. Klimt, Stuck, Liebermann, (Ausst.-Kat. Alte Nationalgalerie, Berlin, 23.6.-22.10.2023; Wien Museum, 22.5.-13.10.2024), München 2023.
  • Anke Matelowski, Die Berliner Secession 1899–1937. Chronik, Kontext, Schicksal, Wädenswil 2017.
  • Lovis Corinth, Das Leben Walter Leistikows. Ein Stück Berliner Kulturgeschichte [1910], neu hg., kommentiert und mit einem Nachwort versehen von Reimar F. Lacher, Berlin 2000.

  1. Für eine eingehende Studie siehe: Anke Matelowski, Die Berliner Secession 1899–1937. Chronik, Kontext, Schicksal, Wädenswil 2017
  2. Walter Leistikow, Grunewaldsee, 1895, Öl auf Leinwand, 167 × 252 cm (Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie, Inv.-Nr. A I 622).
  3. Inzwischen ist
    ausführlich belegt, dass 1898 zwar zahlreiche Kunstwerke refüsiert wurden, jedoch nicht dieses Gemälde. Um die Verdienste des früh verstorbenen Freundes zu würdigen, stellte Lovis Corinth 1910 in seinem Buch über Leistikow die Ereignisse nicht ganz den historischen Tatsachen entsprechend dar, bis hin zum falschen Gründungsjahr der Secession. Siehe: Vgl. Lovis Corinth, Das Leben Walter Leistikows. Ein Stück Berliner Kulturgeschichte [1910], neu hg., kommentiert und mit einem Nachwort versehen von Reimar F. Lacher, Berlin 2000, S. 165–169; Meister 2007, S. 271–279; Anke Matelowski, Die Berliner Secession 1899–1937. Chronik, Kontext, Schicksal, Wädenswil 2017, S. 42–52.
  4. Max Liebermann hatte 1897 – anlässlich seines 50 Geburtstags – auf der „Großen Berliner Kunstausstellung“ die Große Goldene Medaille und den Professorentitel zuerkannt bekommen hatte du im Jahr darauf in die Akademie gewählt wurde, was ohne offizielle Billigung nicht möglich gewesen wäre.
  5. R. G., Secessionen als Marke, in: Secessionen. Klimt, Stuck, Liebermann, (Ausst.-Kat. Alte Nationalgalerie, Berlin, 23.6.-22.10.2023; Wien Museum, 22.5.-13.10.2024), München 2023, S. 156.
  6. Max Liebermann, Gesammelte Schriften, Berlin 1922, S. 255 f.
  7. Max Osborn, Zehn Jahre Berliner Secession, in: Zeitschrift für Bildende Kunst, N.F. 20 (1909), S. 235f.
  8. Zitiert nach Peter Paret, Die Berliner Secession. Moderne Kunst und ihre Feinde im Kaiserlichen Deutschland, Berlin 1981, S. 309.
  9. Adolphe Basler, in: Die Aktion, 3, Nr. 6, 1913, Sp. 175–179.
  10. Zitiert nach: Arbeitsrat für Kunst Berlin 1918–1921 (Ausst.-Kat. Akademie der Künste, Berlin, 1980), Berlin 1980, S. 88.
  11. Karl Scheffler, Die Ausstellung der Freien Sezession, in: Kunst und Künstler, 16 (1917/18), S. 414–424, hier S. 420, 422.