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Kunsthalle Mannheim: Henri Matisse „Inspiration Matisse“ beschäftigte französische Fauves und deutsche Expressionisten

Henri Matisse, Offenes Fenster, Collioure, Detai, 1905, Öl auf Leinwand, 55,3 x 46 cm (Collection of Mr. And Mrs. John Hay Whitney National Gallery of Art, Washington 1998.74.7 © Succession H. Matisse/ VG Bild-Kunst, Bonn 2018)

Henri Matisse, Offenes Fenster, Collioure, Detai, 1905, Öl auf Leinwand, 55,3 x 46 cm (Collection of Mr. And Mrs. John Hay Whitney National Gallery of Art, Washington 1998.74.7 © Succession H. Matisse/ VG Bild-Kunst, Bonn 2018)

Henri Matisse (1869–1954) hat die Kunst des 20. Jahrhunderts nachhaltig geprägt – in seinem Heimatland, aber auch international. Der französische Maler, Graphiker und Bildhauer setzte neue Maßstäbe und verblüffte durch unkonventionelle Malerei. Schon um 1905/06 ließen sich zahlreiche Künstler der Avantgarde von seiner farbtrunkenen, expressiven Malerei inspirieren, allen voran André Derain, der mit jugendlichem Ungestüm auch umgekehrt auf Matisse Einfluss ausübte. Im Dezember 2019 jährt sich der Geburtstag von Henri Matisse zum 150. Mal.

„Inspiration Matisse“ in Mannheim

Die Kunsthalle Mannheim zeigt in ihrer Herbst-Ausstellung mit etwa 100 ausgewählten Gemälden, Plastiken und grafischen Arbeiten die Entwicklung von Matisse als „Künstler für Künstler“. Gleichzeitig spürt die Schau seinen Anregungen im Werk geistesverwandter Zeitgenossen in drei zentralen kunsthistorischen Feldern nach: im französischen Fauvismus, dem deutschen Expressionismus sowie unter den deutschen Schülerinnen und Schülern der Académie Matisse. Ausgehend vom zentralen Thema der Figur und des Aktes im Raum, weitet sich der Blick auf Landschaftsbilder und mediterrane Szenerien bis zu Porträt und Stillleben.

1905 sorgten die Werke von Matisse, Derain, Vlaminck, Camoin, Marquet und Manguin beim 3. Pariser Herbstsalon im Grand Palais, dem Salon d`Automne, für immenses Aufsehen: ß: „Sieh da, Donatello unter den wilden Tieren!“ Die „wilden Tiere“ (franz. „fauves“) wurden zum geflügelten Wort, zum Etikett für eine Gruppe, als deren Zentrum bereits von den Zeitgenossen Matisse und Derain erkannt wurden. Der Saal VII auf der Herbstausstellung 1905 verwandeltet sich in eine „cage aux fauves“, einen „Käfig voller Bestien“, während gleichzeitig die Meisterschaft von Ingres und Edouard Manet in Form von Retrospektiven gewürdigt wurde.
Der Begriff „Fauvismus“ wurde vom Kunstkritiker Louis Vauxcelles im Magazin „Gil Blas“ geprägt aber von den bezeichneten Künstlern immer abgelehnt. Wie die Kunst seiner Freunde war auch Matisses Malerei nicht zu kategorisieren, entzog sich einer Einordnung, bewegte sich außerhalb bekannter Schulen und bediente keine ideologischen Programme. Stattdessen ging es ihm und seinen Freunden für kurze Zeit, um die Erneuerung der Malerei als solche, um die Darstellung der „Wahrheit“ der Landstriche und Objekte.

Wenn auch der „Fauvismus“, wie die kurz aufflammende Phase gemeinsamen Arbeitens und Ausstellens von knapp über einem Dutzend Künstlern bis heute in der Kunstgeschichte genannt wird, nicht mehr als zweieinhalb bis drei Jahre andauerte, sind in dieser Zeit doch Kunstwerke entstanden, die den Ruhm vor allem von Matisse, Derain, Vlaminck und Van Dongen begründeten.

 

 

Neben Matisse präsentiert die Mannheimer Ausstellung zentrale Werke von André Derain, Georges Braque, Charles Camoin, Kees van Dongen, Raoul Dufy, Henri Manguin oder Albert Marquet (→ Matisse und die Künstler des Fauvismus) ebenso wie von Ernst Ludwig Kirchner, Alexej von Jawlensky, August Macke, Gabriele Münter und Max Pechstein und schließlich von Rudolf Levy, Oskar und Margarete Moll, Hans Purrmann und Mathilde Vollmoeller.

 

Inspiriation Matisse für „Die Brücke“ und „Der Blaue Reiter“

Der deutsche Expressionismus ist ohne den Einfluss der Pariser Kunst - allen voran von Vincent van Gogh und Henri Matisse - nicht vorstellbar. „Die Brücke“ konstiutierte sich am 7. Juni 1905 aus Architekturstudenten in Dresden; 1906 wurden auch Emil Nolde (bis 1907) und Max Pechstein Mitglieder, 1908/09 ist Kees van Dongen wie auch zuvor schon Emil Nolde für eineinhalb Jahre aufgenommen worden. Van Dongen stellt damit neben Pechstein, der sich vom 9. Dezember 1907 bis Ende Juli 1908 in Paris aufhielt, auch die personelle Klammer zwischen den Fauves und der „Brücke“ her. Ab dem Jahr 1908 änderte sich der Stil der „Brücke“, die Nolde zuvor noch mit dem Schimpfwort „Vangogherianer“ belegt hatte, zu einer flächigeren Malweise, welche der Leuchtkraft der Farben besonders zuträglich war. Die verstärkte Ausstellungspräsenz der Fauves in Deutschland könnte dafür ein Grund gewesen sein.

Wassily Kandinsky (1866–1944) und dessen Lebensgefährtin Gabriele Münter (1877–1962 → Gabriele Münter: Malen ohne Umschweife) lebten von Juni 1906 bis August 1907 in Sèvres, außerhalb von Paris. Obwohl sie sich abseits von der Pariser Kunstszene hielten, studierten sie am Herbstsalon die Werke von Paul Gauguin, Paul Cézanne und Henri Matisse genau. Kandinskys in dieser Zeit entstandenen Holzschnitte erschienen beim Verlag „Tendances Nouvelles“ im Jahr 1907 unter dem Titel „Xylographies“ und machten den russischstämmigen Künstler aus München auch in der Seine-Metropole bekannt. In ihnen verarbeitete er Erinnerungen an seine russische Heimat und ihre Märchen, verband alles mit einer musischen Note, die typisch für Kandinsky ist.

Die folgenden Jahre malten Kandinsky und Münter gemeinsam mit Alexej von Jawlensky (1864–1941) sowie Marianne von Werefkin (1860–1938) im kleinen Dorf Murnau, südlich von München. Im Jahr 1908, als Matisse seine „Notes d`un peintre“ erstmals veröffentlichte1, arbeiteten die zukünftigen Künstler des „Blauen Reiter“ an Stillleben und Landschaften in deutlich expressionistischer Manier. Jede und jeder behielt dabei seinen persönlichen Zugang: Kandinsky eroberte sich leuchtende Farben, Gabriele Münter hingegen nutzte gedecktere Töne. Werefkins Kompositionen sind dynamisch bewegt, und Jawlensky entwickelte seine Bildsprache rasant von einem lyrischen Expressionismus zu einer abstrahierenden Formreduktion. Das Kristalline (→ Kristallvisionen in der Kunst) fanden die Künstler_innen des Blauen Reiter vor allem in der Kunst von Robert Delaunay (1885–1941), den sie wie Matisse und Rousseau zu ihrer ersten Ausstellung 1911 in die Münchener Galerie Tannhauser einluden.

 

Matisse nach dem Fauvismus

Der Kulturaustausch zwischen Deutschland und Frankreich reduzierte sich vor 1914 deutlich darauf, dass sich Frankreich – und hier fast ausschließlich Paris als zentralisierte Metropole des Ausstellungswesens und des Kunstmarkts – in einer gebenden Rolle und Deutschland in der nehmenden befanden. Während Matisse zwar 1910 München besuchte, um eine Ausstellung zu orientalischer Kunst zu sehen, und er sich deutlich bemühte (aus Verkaufsgründen) auf deutschen Ausstellungen vertreten zu sein, richtete sich sein künstlerisches Interesse nachweislich auf nordafrikanische Gefielde. So ist die Wirkung nicht nur der Fauves, sondern der modernen Kunst Frankreichs allgemein und bis hin zu den Kubisten, kaum zu überschätzen.

Mit dem Aufkommen von Kubismus und Futurismus wurde aus dem „Künstler für Künstler“ ein „Klassiker der Moderne“. Matisse entwickelte nach 1911 sein Werk als einen individuellen Beitrag zur Moderne weiter. Mit einem kompromisslosen Interesse an Verdichtung erreicht er die für ihn typische sinnbild- und zeichenhafte Reduktion seiner Formensprache. Als Maler und Bildhauer erforschte er die Grenzen zur Abstraktion (→ Henri Matisse. Der Plastiker). Die Ausstellung schließt mit den vier lebensgroßen Rückenakten in Bronze, die ihn zwei Jahrzehnte beschäftigten. Sie gelten als ein Höhepunkt des Werks von Henri Matisse.

Kuratiert von Dr. Peter Kropmanns (Paris), Dr. Ulrike Lorenz.

 

 

Kunsthalle Mannheim. Inspiration Henri Matisse: ausgestellte Bilder

  • Henri Matisse, Offenes Fenster, Collioure, 1905, Öl/Lw, 55,3 x 46 cm (Collection of Mr. And Mrs. John Hay Whitney National Gallery of Art, Washington 1998.74.7)
  • Henri Matisse, Großer Holzschnitt, 1906, Holzschnitt, 58,4 x 46,5 cm (Kunsthalle Mannheim)
  • Henri Matisse, Marguerite, 1906, Öl/Lw, 65 x 54 cm (Paris, Musée Picasso)
  • Henri Matisse, Stilleben mit Efeu (Skulptur und Vase mit Efeu), 1916, Öl/Lw, 60 x 73 cm (Musée des beaux-arts et d’archéologie, Besançon / Centre Pompidou - Musée national d’Art moderne, Paris (ehemals Sammlung George et Adèle Besson))
  • Henri Matisse, Weiblicher Rückenakt IV, 1930, Bronze, 189 x 114 x 16 cm (Kunsthalle Mannheim)
  • Henri Manguin, Die Druckgraphiken, 1905, Öl/Lw, 81 x 100 cm (Carmen Thyssen-Bornemisza Collection on loan at the Museo Nacional Thyssen-Bornemisza, Madrid)
  • Georges Braque, Sitzender Akt, 1906, Öl/Lw, 61,28 x 50,8 x 3,33 cm (Milwaukee Art Museum, Gift of Mr. Harry Lynde Bradley, M1953.13)
  • Georges Braque, Marine, L’Estaque, 1906, Öl/Lw, 59 x 72,4 cm (Carmen Thyssen-Bornemisza Collection on loan at the Museo Nacional Thyssen-Bornemisza, Madrid)

Beiträge zur Henri Matisse

18. Januar 2019
Henri Matisse, Offenes Fenster, Collioure, Detai, 1905, Öl auf Leinwand, 55,3 x 46 cm (Collection of Mr. And Mrs. John Hay Whitney National Gallery of Art, Washington 1998.74.7 © Succession H. Matisse/ VG Bild-Kunst, Bonn 2018)

Kunsthalle Mannheim: Henri Matisse „Inspiration Matisse“ beschäftigte französische Fauves und deutsche Expressionisten

„Inspiration Matisse“ in Mannheim zeigt im Herbst 2019 mehr als 100 Werke von Matisse, seinen Einfluss auf die anderen Fauvisten, ergänzt durch die Wirkung seiner Kunst auf den Expressionismus in Deutschland. Zudem unterrichtete Matisse an der Académie Matisse in Paris deutsche Schülerinnen und Schüler wie Hand Purrmann.
19. November 2018
Henri Matisse, Nu de dos (I–II), 1908–1909, Bronze, 190 x 118 x 19 cm / 190 x 118 x 19 cm (Kunsthaus Zürich © Succession Henri Matisse / 2018 ProLitteris, Zürich)

Henri Matisse. Der Plastiker Kunsthaus Zürich zeigt „Matisse – Metamorphosen“

Henri Matisse, ein Plastiker? Neben seiner Arbeit als Maler wollte Henri Matisse auch als Bildhauer Anerkennung finden. Gleich einer Metamorphose wandeln sich seine Bronzen von einer Naturform zu einer Kunstform. Das Kunsthaus Zürich zeigt 2019 Fotografien, Skulpturen, Vorbilder.
12. September 2017
Pierre Bonnard, Liegender Akt auf weißblau kariertem Grund, um 1909, Öl auf Leinwand, 60 x 65 cm (Städel Museum, Frankfurt, Eigentum des Städelschen Museums-Vereins e.V. © VG Bild-Kunst, Bonn 2017)

Matisse – Bonnard Künstlerfreundschaft und Bilddiskurs

Pierre Bonnard (geb. 1867) und Henri Matisse (geb. 1869) lernten einander 1906 anlässlich einer Ausstellung von Bonnard in der Galerie Ambroise Vollard kennen. Wenn auch in diesen Jahren die Bilder von Bonnard und Matisse gänzlich anderen Farbkonzepten folgen, so verband sie doch die Überzeugung, dass Kunst nicht das Gesehene einfach wiedergibt, sondern ein Gefühl spiegelt, das sich beim Betrachten einstellte. Daraus folgt, dass sich ein Maler nicht der Natur, sondern dem Bild unterzuordnen hätte.

Aktuelle Ausstellungen

24. Mai 2019
Richard Anuszkiewicz, Untitled, 1961

mumok: Vertigo. Op Art und eine Geschichte des Schwindels 1520–1970 Die Welt als Labyrinth von Manierismus bis Neoavantgarde

Unter den bahnbrechenden Kunstströmungen der 1960er Jahre wurden der Op Art und der kinetischen Kunst bislang die geringste Aufmerksamkeit zuteil. Häufig wurden sie als zu spektakulär und daher oberflächlich deklassiert. Zu Unrecht, denn Op Art und kinetische Kunst schärfen das Bewusstsein für die Ambivalenz der Wirklichkeit. Sie führen buchstäblich vor Augen, dass die Wahrnehmung nicht objektiv, sondern von volatilen Parametern wie Kontext und Betrachter_in abhängig ist – mit allen erkenntnistheoretischen Konsequenzen.
20. Mai 2019
Edmund Kalb, Selbstbildnis, Detail, 1930 (© Privatbesitz Foto: Archiv Sagmeister, © Rudolf Sagmeister/Kunsthaus Bregenz)

Wien | Leopold Museum: Edmund Kalb Selbstporträts sind Gedankenbilder

Edmund Kalb (1900–1952) studierte an der Kunstakademie München, kehrte dann nach Dornbirn (Vorarlberg) zurück und schuf über 1.000 Selbstporträts!
16. Mai 2019
Hermann Nitsch, Schüttbild, Detail, 2011, Acryl auf Jute © Hermann Nitsch

Hermann Nitsch in der Albertina Ausstellung „Räume aus Farbe“ zeigt Nitschs Schüttbilder von den 1960ern bis heute

Hermann Nitsch (* 1938) zählt zu den umstrittensten Künstlern Österreichs und den wichtigen Wiener Aktionisten. Die Albertina zeigt erstmals einen Überblick über Nitsch's Schüttbilder seit den 60ern.
  1. In: La Grande revue, 2, Nr. 24, Paris 1908.
Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.