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Kunstmuseum Wolfsburg: Robin Rhode. Memory is the weapon Wandmalerei und Zeichnung

Robin Rhode

Robin Rhode

Robin Rhode ist in den letzten 20 Jahren mit eindrucksvollen zeichnerisch-malerischen und performativen Arbeiten bekannt geworden, in denen er die Techniken der Street Art, des Tanzes, der Bildhauerei, der Fotografie, des Films und der Stop-Motion-Animation miteinander verschmilzt. Der heute in Berlin lebende Künstler widmet sich in Fotostories und animierten Filmen Fragen von Rhythmus und Gewalt, zeigt Entwicklungen und Bewegung oder Kontrolle und Konflikten sowohl in seiner Heimat Südafrika wie auch jüngst in Jericho.

Robin Rhode wurde 1976 in Kapstadt geboren und ist im Westen von Johannesburg (Westbury) aufgewachsen. Dort studierte er zunächst Kunst am Technikon Witwatersrand (heute: University of Johannesburg), gefolgt von einem Postgraduiertenprogramm an der South African School of Film, Television and Dramatic Art im Jahr 2000. Künstlerisch zieht es den Wahl-Berliner immer wieder in seine Heimat zurück, wo er an einer Wand die Foto- und Filmprojekte inszeniert.

Zeichnet er anfänglich einfache Sportgeräte mit Kreide auf den Boden oder die Wand, werden seine Entwürfe und Themen kontinuierlich komplexer – ein inhaltlicher Spagat zwischen südafrikanischer Geschichte, Kultur, Mentalität, Zeichen und Codes und der abstrakten Sprache europäischer Kunstgeschichte. Dabei erfolgt die Aktivierung der Zeichnung durch die Verbindung mit dem Körper: Kinder turnen auf Sportgeräten, ein Pianist zerstört ein Klavier, ein gelenkiger Tänzer schneidet mit einer riesigen Heckenschere Farbdreiecke auf die Wand als seien es Scherenschnitte im Geiste von Henri Matisse. Thematisch bleibt er Südafrika tiefverwurzelt, sind Robin Rhodes so einfach und unterhaltsam wirkende Arbeiten doch mit Geschichte und Gegenwart Südafrikas tief verwurzelt. Das Atelier in Berlin ist die „Denkfabrik“ und das Entwicklungslabor für neue Ideen, Gemälde und Zeichnung. Nur wenige Werke, darunter „Fountain“ (2014) oder „Birdman“ (2014), setzte Rhode in Berlin-Friedrichshain um.

Immer wieder kehrt Robin Rhode von 2001 bis September 2018 zur gleichen Wand zurück: Die im konfliktreichen Stadtteil Westbury in Johannesburg gelegene Fassade einer alten Bäckerei mit einem prägnanten Riss. Dort inszeniert er scheinbar mühelose Basketballspiele, Klavierstunden, Kinderspiele, Stuhltänze. Erst jüngst gab der Künstler Einblick in die Entstehung seiner Werke und das damit verbundene soziale Engagement. Die Fotografien stammen von Wesley Rhode, seinem Bruder, sein bevorzugter Perfoermer ist Kevin Narain (seit 2007). Robin Rhode arbeitet mit jungen Erwachsenen, die er auf der Straße trifft, und denen er mit Hilfe des Kunstprojekts kurz einen Raum jenseits von Gewalt, Drogen und Straßenkriminalität eröffnet.

Die ästhetischen und inhaltlich-politischen Ebenen durchkreuzen einander in Robin Rhodes Werk auf mannigfaltige Weise. Schnell ist man versucht, als nicht-südafrikanischer Betrachtender die Werke von Robin Rhode als virtuoses Spiel mit Zeichnung, Performance und Kamera zu erfassen. Doch damit wäre dem seit 2002 in Berlin lebenden Künstler Unrecht getan! Spielerisch verbindet Robin Rhode die ernste politische Aussage mit kunsthistorischen, westeuropäisch-US-amerikanischen Verweisen. Wenn ein Mann in „Almanac“ (2012/13) einen überdimensionierten Kamm ein Muster auf die Wand „kämmt“, unterhält das. Kunsthistorisch Gebildete mögen dabei an Marcel Duchamp und Sol LeWitt denken, während jemand mit Erfahrungen in der südafrikanischen Apartheitspolitik bei Kamm an Rasseneinteilung erinnert wird.1 Der Untertitel erhebt diese Erinnerung zu einer Waffe: „Memory is The Weapon“ ist aber auch der Titel der Autobiografie des südafrikanischen Schriftstellers und Antiapartheidaktivisten Don Mattera (* 1935).

Das eigens für die Ausstellung in Wolfsburg geschaffene Jericho-Projekt (März 2019) steht als aktuellste Arbeit im Zentrum der Schau. Robin Rhode schloss damit die farbintensive Phase der vergangenen drei Jahre (2016–2019) ab, in der er viel mit Farbtheorie und Geometrie gearbeitet hatte. Nach Südafrika zeigt sich der Künstler besonders von Jerusalem und dem Nahen Osten fasziniert, dessen politische und spirituelle Konflikte ihn nachhaltig beschäftigten. Er kehrte mit dem Jericho Projekt wieder zu seinen eigenen Wurzeln zurück und malte an den Wänden. In Bilderserien entwickelte er poetische malerische Eingriffe auf Hauswänden, die zwischen Hochkunst und Symbolen für den politischen Aktivismus changieren. Alles endet mit einem „Regentanz“, der die Wüste zum Blühen bringen soll.

 

Robin Rhode in Wolfsburg

Die Ausstellung im Kunstmuseum Wolfsburg ist nach der Ausstellung im Haus der Kunst in München 2007 die erste Einzelausstellung nach 12 Jahren in Deutschland. Auf mehr als 800 Quadratmetern bietet sie mit digitalen Animationen, fotografischen Serien, Zeichnungen und skulpturalen Elementen sowie Performances einen breiten Überblick über das Werk von Robin Rhode, einschließlich neuer Werkgruppen.

Aktuelle Ausstellungen

2. Dezember 2019
Sofonisba Anguissola, Porträt von Königin Anne von Österreich, Detail, 1573, Öl/Lw, 86 x 67,5 cm (Madrid, Museo Nacional del Prado)

Madrid | Prado: Sofonisba Anguissola und Lavinia Fontana Renaissance-Malerinnen aus Cremona und Bologna

Sofonisba Anguissola (um 1535–1625) und Lavinia Fontana (1552–1614) sind zwei der herausragendsten Malerinnen der Renaissance. Mit insgesamt 60 Werken präsentiert der Prado erstmals die wichtigsten Gemälde der beiden Spezialistinnen für Porträt und Historienmalerei.
14. November 2019
Max Pechstein, Tänzerin in einer Bar, 1923/31, Detail, Öl auf Leinwand, 90 x 90,5 cm (Privatbesitz © 2019 Pechstein – Hamburg/Tökendorf)

Tübingen | Kunsthalle Tübingen: Max Pechstein. Tanz! Bühne, Parkett und Manege im Werk Pechsteins

Tanz, Varieté und Zirkusdarstellungen im Werk von Max Pechstein werden erstmals auf ihre stilistische und inhaltliche Funktion untersucht: ausgehend von expressionistischen Tanzdarstellungen, über exotische rituelle Tänze aus Palau, Darstellungen von Gesellschaftstänzen der Goldenen 1920er Jahre, die Pechstein in Berlin erlebte, bis zu den Erinnerungen an Palau in seinem Spätwerk.
12. November 2019
El Greco, Aufnahme Mariens in den Himmel, Detail, 1577–1579, Öl/Lw, 403,2 x 211,8 cm (Chicago, The Art Institute of Chicago / Photo © Art Institute of Chicago)

Paris | Grand Palais: El Greco Spanischer Maler des Manierismus zum ersten Mal in Frankreich ausgestellt

Ziel der Ausstellung, die gemeinsam mit dem Louvre und dem Art Institute of Chicago entwickelt wird, ist, den Werdegang des Malers vorzustellen. Es lässt sich von einer beeindruckenden Wandlung des Malers an den Anfängen seiner Karriere sprechen, die ihn von der Ikone bis zu seiner künstlerischen Bindung an die venezianische und römische Renaissance-Malerei führte.
5. November 2019
William Turner, Peace - Burial at Sea, Detail, Exhibited 1842 (© Tate: Accepted by the nation as part of the Turner Bequest 1856. Foto © Tate, London 2018)

William Turner in Münster: erhabene Berge, pittoreskes Italien und das Meer Große Turner-Ausstellung 2019 in Deutschland

Nach 20 Jahren zeigt das LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster 2019 eine große Turner-Ausstellung in Deutschland. Der Romantiker veränderte das Landschaftsbild seiner Eopche radikal und beeinflusste damit maßgeblich die sich formierenden Impressionisten. Erhabene Berge, das pittoreske Italien und das Meer sind die Leitthemen der Schau.
25. Oktober 2019
Vincent van Gogh, Stillleben mit Zwiebel, Detail, 1889, Öl/Lw (Kröller-Müller Museum, Otterlo)

Museum Barberini: Van Gogh. Stillleben Reflexionen über den Alltag: Schuhe, Blumen und Theos Briefe

Von seinem ersten Gemälde bis zu den farbstarken Blumenbildern der späten Jahre hat Vincent van Gogh (1853–1890) immer wieder Stillleben gemalt. In diesem Genre konnte er malerische Mittel und Möglichkeiten erproben: von der Erfassung des Raums mit Licht und Schatten bis zum Experimentieren mit Farbe. Die erste Ausstellung zu diesem Thema analysiert anhand von über 20 Gemälden die entscheidenden Etappen im Werk und Leben van Goghs.
23. Oktober 2019
NOUS, LES ARBRES in der Fondation Cartier pour l’art contemporain, 2019

Paris | Fondation Cartier: Bäume Bäumen eine Stimme geben

Den etwa drei Trillionen Bäumen der Welt eine Stimme zu verleihen, ist das erklärte und erreichte Ziel der Ausstellung „Nous, les arbres [Wir, die Bäume]“ in der Fondation Cartier pour l’art contemporain.
  1. Der kunsthistorische Kanon, auf den sich Robin Rhode bezieht, reicht von Albrecht Dürer (1471–1528), Claude Monet (1840–1926) und Marcel Duchamp (1887–1968) über Georgio de Chirico (1888–1978), Man Ray (1890–1976), Josef Albers (1888–1976) und Gerrit Rietveld (1888–1964) bis hin zuSol LeWitt (1928–2007), Carl Andre (* 1935), Gerhard Richter(* 1932) oder jüngst Keith Haring (1958–1990).
Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.