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Kurt Kocherscheidt Natur trifft Kunst

Kurt Kocherscheidt, Waldstudie II, 1985, Öl auf Leinwand, 180 x 120 cm © Sammlung Essl Privatstiftung, Fotonachweis: Mischa Nawrata, Wien.

Kurt Kocherscheidt, Waldstudie II, 1985, Öl auf Leinwand, 180 x 120 cm © Sammlung Essl Privatstiftung, Fotonachweis: Mischa Nawrata, Wien.

Etwas mehr als zehn Jahre nach dem Tod des österreichischen Malers Kurt Kocherscheidt (1943–1992) widmet ihm das Essl Museum die erste posthume Retrospektive in Österreich. Kurt Kappa Kocherscheidt gilt als ein Einzelgänger, ein „Unzeitgemäßer“ (Peter Noever), ließ sich nie einordnen in die Schulen oder Gruppen seiner Zeit. Die Werkschau bringt Arbeiten aus den großen Sammlungen Kocherscheidts zusammen, um das Werk aus der zeitlichen Distanz neu zu bewerten. Das Morat-Instituts in Freiburg/Breisgau, die Sammlungen des Ehepaars Essl und von Botho von Portatius, Berlin sowie der Nachlass stellen das Werk des Wieners erneut zur Diskussion.

Mitglied der „Wirklichkeiten“

Kurt Kocherscheidt studierte in der Klasse von Sergius Pauser an der Wiener Akademie. 1967 entdeckte er eine Mappe von Heliogravüren nach Hans Makart. Diese Übersetzungen durch das Edeldruckverfahren transferierte Kocherscheidt noch einmal, beließ die Figuren in seinen abstrahierenden Verfahren manchmal erkennbar und nutzte leuchtende Farben, um die Flächen zu füllen. Es entstanden Bilder wie „Die vier Jahreszeiten nach Makart“, „Makart im Festtagskostüm“, „Damenbildnis nach Makart“, „Sommer nach Makart“ und „Bildnis Charlotte Wolters“. In einer 1969 formulierten Zielsetzung beschrieb er seine Absicht: Er wolle das Publikum nicht überfordern (…) mit dem Deuten unnütz verschlüsselter Symbole. Er male Geschichten und lege darauf Wert, dass sie genug farbig geraten, dass sie ihn selber überraschen, dass sie nicht langweilig seien, dass sie ja nicht faustisch geraten.1 In dem ironischen Text diskutiert er mit sich selbst die Bedeutung von römischen Zypressen und die Vorteile der Kokospalme für die Komposition und die Wirkung von Sonnenuntergängen, wobei er jede seiner Setzungen relativiert und auch ihr Gegenteil vorstellbar wäre. Die Aussagen Kocherscheidts sind nicht zitierbar im Sinne einer Erforschung der Absichten des Künstlers, da er sich beständig dieser Funktion entzieht. Deutlich spürbar ist jedoch seine Hinwendung zur Flora, weniger die Fauna und schon gar eine Abkehr vom Menschenbild.

Kurt Kocherscheid verbrachte in den Jahren um 1967/68 viel Zeit mit den Mitgliedern der späteren „Wirklichkeiten“-Gruppe, Wolfgang Herzig, Martha Jungwirth, Franz Ringel und Robert Zeppel-Sperl, besonders aber mit Peter Pongratz, dessen informelle Arbeiten ihn sehr beeindruckten.2 Beide hatten starkes Interesse für Naturgeschichte, wobei sich Pongratz für den Mikrokosmos und Kocherscheidt für den Urwald begeisterte. Alle wollten möglichst triviale, unzeitgemäße Bildinhalte umsetzen und stießen mehr durch Zufall auf die Hilfe Otto Breichas. Im Mai 1968 kuratierte Breicha die berühmt gewordene „Wirklichkeiten“-Ausstellung in der Secession, für die er eine Gruppe junger Wiener Maler einlud. Der Begriff „Wirklichkeiten“ im Plural war das einzige Schlagwort, auf das sich die Beteiligten spontan einigen konnten, verband sie doch künstlerisch – d.h. über ihre Freundschaft hinaus – kaum etwas miteinander, außer sich mit der Wirklichkeit jedeR auf seine/ihre persönliche Art und Weise zu beschäftigen. Immerhin handelte es sich bei dieser Gruppenausstellung in der Secession um Kurt Kocherscheidts erste Ausstellung - mit fulminantem Erfolg! Dem Maler wurde sogleich der Theodor Körner Preis verliehen.

 

 

Vom Naturforscher zum Erforscher der Malerei und des Sehens

Auf der Basis von „Brehms Tierleben“ beschäftigte sich Kurt Kocherscheidt mit den Tropen – anfangs aus der Entfernung, medial vermittelt durch das beliebte Nachschlagewerk, dann 1972/37 während einer neunmonatigen Südamerikareise (Amazonas-Gebiet, bis nach Patagonien, Peru, Feuerland) direkt, um sich der Krise in seinem Schaffen zu entziehen. Gottfried Boehm nannte sie eine „Initiationsfahrt“3, da sie ihn zu sich selbst gebracht hätte, Otto Breichs sprach vom „Ausweichen“4. Die Landschaft, ergänzt durch Flora und Fauna, blieb auch in diesen Jahren des Reisens und Nachdenkens das vorherrschende Thema.

 

 

Erst um 1975, nachdem ihm Oswald Wiener bei einem Bier in Berlin erklärt hatte, dass das Tafelbild nun endgültig tot wäre, begann Kocherscheidt wieder zu malen. Diesem „Frühwerk“ der späten siebziger Jahre bietet die Ausstellung im Essl Museum ausgiebig Raum, weil es für den Kurator Veit Loers der Schlüssel zur inhaltlichen und malerischen Verdichtung der späteren Jahre ist. Für ihn lassen die stillebenhaften Szenarien den Mikrokosmos, die Welt der Insekten und diluvialer oder vulkanischer Erdformungen surreal in die Realität einbrechen. Die trüben Töne, das Braun, das Ocker, das Grau-Schwarz, werden selten durch leuchtende Farben unterbrochen. Der Draufblick auf die Dinge, durch Farbe und Form durchaus erkennbar beschrieben und offen gemalt, suggeriert ein schwebendes, vielleicht sogar körperloses Auge. Das Drehen der Leinwände führt die oftmals fragmentiert wiedergegebenen „Motive“ in absurde Perspektiven über. Die Schwerkraft wird außer Dienst gesetzt!

Vielleicht als eine Art Fortsetzung früher Versuche, möglichst banale und triviale Bildinhalte zu finden, stand auch in den frühen achtziger Jahren nicht die Wiedergabe von etwas Sichtbaren im Zentrum von Kocherscheidts Analysen, auch nicht eine subjektive Stimmungslage im Sinne eines Neuen Expressionismus, sondern das Geheimnis der Dinge. So beschäftigte er sich in diesen Jahren mit Stillleben von Sánchez Cotán und Giorgio Morandi. Bereits erprobte Kompositionen, die Stille der Objekte, die Einfachheit von Morandis Zusammenstellungen, die Todesnähe der natura morta („Stillleben“ auf Italienisch), die Verflachung der Realität – all dies mögen Kocherscheidt zu jenem Maler an der Grenze zwischen Figuration und Abstraktion, als der er heute bekannt ist, gemacht haben.

 

Keine geschenkte Malerei

Erst im Schaffen des Jahres 1982 entdeckte Rudi Fuchs dann ein „Anlangen bei einem Stil, der der robuster und detailreicher zugleich war“5, während Gottfried Boehm die „Vergitterung“6 besonders betonte. Beiden gemein ist die Beobachtung, dass Tiefenraum hier keine Rolle mehr spielte.
Ab 1986 erweiterte Kocherscheidt seine Malerei um eine Art von „Halbplastiken“ in Form von „Bretterwänden“, wie er es selbst nannte.7 Die bewusst asketische Malerei ist kaum entschlüsselbar, kryptisch und zunehmend dynamisch. Die rätselhaften Zeichen verweisen auf den antiken Mythos und thematisieren immer wieder Eros und Thanatos.

 

Kurt Kappa Kocherscheidt im Essl Museum

Das Essl Museum zeigt aus allen wichtigen Werkgruppen repräsentative Arbeiten und versucht damit eine Neubewertung des Malers und seines Werks aus heutiger Sicht.

 

 

Biografie Kurt Kocherscheidt (1943─1992)

Am 6. Juli 1943 wird Kurt Kocherscheidt in Klagenfurt als Sohn von Friedrich und Elisabeth Kocherscheidt, geb. Mayer, geboren.
1953–1961 Besuch des Realgymnasiums in Klagenfurt.
1961 Immatrikulation an der Akademie der bildenden Künste Wien bei Professor Sergius Pauser.
1963–1964 Fortsetzung der Studien an der Akademija Likovnih Umjetnosti Zagreb bei den Professoren Ivo Rezek und Krsto Hegedusic (wegen eines Zerwürfnisses mit Pauser).
1965 Abschluss des Akademiestudiums in Wien. In den Folgejahren bis 1979 entstehen vor allem grafische Arbeiten und Kunstharzmalerei.
1966 Kocherscheidt bezieht sein Wiener Atelier in der Karolinengasse 34. Heirat mit Angela Feuer. Die Ehe wird nach vier Wochen geschieden.
1968 Mitbegründer der Wiener Künstlergruppe „Wirklichkeiten“. Verleihung des „Theodor-Körner-Preises“. Erste Ausstellung in der Galerie Heide Hildebrand, Klagenfurt.
Im Sommer 1969 Übersiedlung nach London. Bis 1971 Atelier im St. Catherine’s Dock. Bekanntschaft mit Ian McKeever. Ausstellungen in der Galerie Würthle, Wien, und der Mannheim Gallery, London.
1972 Rückkehr nach Wien. Im Mai Beginn der neunmonatigen Südamerikareise von Feuerland bis in die Karibik. Ausstellung in der Galerie Würthle, Wien.
1973 Heirat mit der Fotografin Elfie Semotan. Erste umfassende Ausstellung im Haus von Franz Armin Morat in Freiburg im Breisgau. Bekanntschaft mit dem Komponisten Wolfgang Rihm. Ausstellungen in Buenos Aires, Graz, Innsbruck und Wien.
1974 Geburt seines Sohnes Ivo in Wien. Erwerb eines Anwesens in Grieselstein bei Jennersdorf im Südburgenland.
1976 Ausstellungen im Kulturhaus Graz und bei F. A. Morat, Freiburg im Breisgau.
1977 Ausstellungen in Wien und Düsseldorf (erste Ausstellung in und Beginn der Zusammenarbeit mit der Galerie Heike Curtze).
1978 Erster Herzinfarkt; Bypassoperation in der Nähe von Freiburg im Breisgau. Ausstellungen in Freiburg im Breisgau, Innsbruck und Zell am See.
1979 Von Januar bis April erster Aufenthalt in den Ateliers des Morat-Instituts in Boissano an der ligurischen Küste bei Savona. Beginn der Ölmalerei.
1980 Ausstellungen in München und Düsseldorf. Bekanntschaft mit Margarete und Botho v. Portatius, die in der Folge die umfassendste Privatsammlung von Bildern Kocherscheidts aufgebaut haben.
1981 Reise nach Kalifornien und Mexiko. Ausstellung in Wien.
1982 Geburt des zweiten Sohnes August. Ausstellungen in Linz und Wien.
1983 Kocherscheidt bezieht sein Atelier in der Wiener Lehárgasse.Ausstellungen in Wien und Oberplanitzing bei Bozen.
1984 Ausstellungen in Düsseldorf, Wien und Innsbruck.
1985 Zweiter Herzinfarkt und Bypassoperation in Genf. Ausstellung in Berlin.
1986 Erste umfassende Präsentation der Ölbilder im Museum des 20. Jahrhunderts in Wien, Anschlussstationen in Graz, Salzburg, Karlsruhe und Eindhoven.
1986–87 Das Atelier auf dem Grieselsteiner Anwesen wird nach Kocherscheidts Plänen ausgebaut und vergrößert. Ausstellungen in Wien, Zell am See und New York.
1989 Dritte Bypassoperation in Genf. Ausstellungen in Düsseldorf und Zürich. Von Mitte 1989 bis 1992 entstehen mehr als ein Drittel aller Ölbilder seit 1979 und elf von insgesamt fünfzehn Holzarbeiten.
1990 Ausstellungen in Wien, Berlin und Zell am See.
1991 Jan Hoet nominiert Kocherscheidt als Teilnehmer an der documenta IX und richtet eine Einzelausstellung im Museum van Hedendaagse Kunst in Gent ein. Reise nach Georgien (Kolchis). Nach seiner Rückkehr entsteht die Holzskulptur The Boys from Kolchis.
1991/92 Reisen nach St. Petersburg und Moskau.
1992 Verleihung des Großen Österreichischen Staatspreises. Zur Eröffnung der Ausstellung in der Wiener Secession am 15. Januar wird unter der Leitung von Beat Furrerdas Kocherscheidt gewidmete Stück „Kolchis“ von Wolfgang Rihm uraufgeführt. Kocherscheidt richtet im Morat-Institut eine Halle mit der ständigen Präsentation seiner Gemälde und Holzarbeiten ein. Wolfgang Rihm hält die Eröffnungsrede.Teilnahme an der documenta IX. Ankauf des ausgestellten kleinen Öldiptychons durch das Museum in Kassel. Die ebenfalls ausgestellte Holzskulptur Aufwärtsgleitend erwirbt nachträglich das Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien. Reise auf die Insel Syros (Kykladen), wo Kocherscheidt auf dem Anwesen von Michel Würthle seine größte Holzarbeit Das Tor der Winde errichtet.
Am 13. November 1992 stirbt Kurt Kocherscheidt in Wels/Oberösterreich.

  1. Zit. nach Kurt Kocherscheidt, Was für mich wichtig ist, in: Otto Breicha (Hg.), Wirklichkeiten. Aspekte einer Gruppierung (Ausst.-Kat. Kulturhaus der Stadt Graz 1988), Graz 1988, S. 84.
  2. Kurt Kocherscheidt, Das fortlaufende Bild. Erinnerungen, in: Kurt Kocherscheidt. Das fortlaufende Bild (Ausst.-Kat. MAK Wien 25.6.-5.10.2006), Köln 2006, S. 18.
  3. Gottfried Boehm, Kurt Kappa Kocherscheidt, in: Kunstforum International: Insel Austria, Bd. 89 (Mai, Juni 1987) 192.
  4. Otto Breicha, Sieben Jahre später, in: Otto Breicha (Hg.), Wirklichkeiten. Aspekte einer Gruppierung (Ausst.-Kat. Kulturhaus der Stadt Graz 1988), Graz 1988, S. 104.
  5. Rudi Fuchs, Ein Feuer im Wald, in: Kurt Kocherscheidt. Das fortlaufende Bild (Ausst.-Kat. MAK Wien 25.6.-5.10.2006), Köln 2006, S. 22.
  6. Gottfried Boehm, Kurt Kappa Kocherscheidt, S. 197.
  7. Kurt Kocherscheidt, Das fortlaufende Bild, Kurt Kocherscheidt. Das fortlaufende Bild (Ausst.-Kat. MAK Wien 25.6.-5.10.2006), Köln 2006, S. 19.
Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.