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Leopold Museum: Richard Gerstl "Inspiration - Vermächtnis" stellt den österreichischen Frühexpressionist in den Kreis seiner Zeitgenossen und späteren Bewunderer

Richard Gerstl, Paar im Grünen, Detail, Juli 1908, (Leopold Museum, Wien)

Richard Gerstl, Paar im Grünen, Detail, Juli 1908, (Leopold Museum, Wien)

Richard Gerstl (1883–1908) stand am Beginn einer vielversprechenden Karriere, die aufgrund seines frühen Todes im Alter – Gerstl beging im Alter von 25 Jahren Selbstmord – jäh abbrach. Etwa 70 Werke Gerstls aus einem Zeitraum von nur knapp sechs Jahren haben sich erhalten, davon besitzt das Leopold Museum dank des Sammlers Rudolf Leopold 16 Ölgemälde. In den letzten Jahren präsentierten Ausstellungen in der Schirn in Frankfurt a. M. und der Neuen Galerie in New York den noch wenig bekannten Maler einem internationalen Publikum (→ Frankfurt: Richard Gerstl).

Waren diese Schauen monografisch angelegt, so geht Hans-Peter Wipplinger im Leopold Museum einen Schritt weiter und stellt Gerstl in den Malereidiskurs des 20. Jahrhunderts. Damit werden die experimentierfreudigen Werke von bisher solitären Leistungen in Wien zu individuellen Reaktionen auf die aktuellsten Fragestellungen in der Malerei des frühen 20. Jahrhunderts. Dass die Lösungen Gerstls für die Gattungen Porträt und Landschaft auch über seine kurze Lebenszeit Bestand haben, offenbart der Vergleich mit Gerstls „Fans“. Fazit: Hochkarätige Schau mit überraschenden Momenten!

Gerstl im Leopold Museum

Auf der Basis der eigenen Sammlung bietet die Gerstl-Ausstellung im Leopold Museum einen Überblick über das Schaffen des außergewöhnlichen Malers – und positioniert ihn erstmals im internationalen Kontext. Vincent van Goghs „Selbstporträt“ (1887), Edvard Munchs „Porträt von Harry Graf Kessler“, je ein Selbstporträt von Lovis Corinth und Max Slevogt, zwei Skulpturen von George Minne gehören zu den wichtigsten Referenzwerken für den an der Wiener Akademie ausgebildeten Künstler. Der Kontakt mit Arnold Schönberg und dessen Kreis, mit Alexander von Zemlinsky (Bruder von Mathilde Schönberg), genauso wie Gerstls Interesse für Literatur, Philosophie und Musik ließen ihn für die internationale Moderne offen sein. Daraus resultierte auch Gerstls künstlerische wie persönliche Distanzierung vom dominanten Wiener Jugendstil rund um Gustav Klimt und Josef Hoffmann.

Darüber hinausgehend, stehen Gerstls Werke immer auch im Dialog mit Gemälden und einigen Grafiken von Kunstschaffenden der jüngeren Generation: Pierre Bonnard, Edouard Vuillard, Chaim Soutine, Jean Egger entwarfen zwischen 1900 und 1910 neue Perspektiven innerhalb der europäischen Malerei – und Richard Gerst stand mit seinem in knapp sechs Jahren entstandenen Werk inmitten dieser Revolution. Das malerische Experiment Gerstls reicht von gestischem Impressionismus, Pointillismus (→ Postimpressionismus | Pointillismus | Divisionismus) bis zu protoexpressiver Gestaltung (→ Expressionismus), die in den späten Schönberg-Familienporträts fast bis zur Abstraktion führt (→ Abstrakte Kunst).

Daran knüpfen wiederum „Fans“ von Gerstl nach 1945 an: Erwähnenswert sind die Wiener Aktionisten, Arnulf Rainer bis Herbert Brandl und Martha Jungwirth in Österreich. Als Günter Brus nach Ende des NS-Regimes Richard Gerstl entdeckte, verglich er dessen schwungvolle Pinselschrift mit jener von Willem de Kooning. Koonings „Untitled X“ (1976, Museum Frieder Burda, Baden-Baden) hängt im ersten Raum der Schau an der Wand „hinter“ den aufgelösten Familienbildnissen Schönberg, die auf Stellwänden zentral im Raum positioniert sind. Damit stellt Hans-Peter Wipplinger eine gedankliche Verbindung vom protoexpressiven Malen des Wieners zur amerikanischen Avantgarde des Abstrakten Expressionismus und des Action Painting her (→ Abstrakter Expressionismus | Informel).

Richard Gerstls Weg zur Avantgarde

Richard Gerstls Position innerhalb der Wiener Moderne ist die eines höchst individuell sich am internationalen Malereidiskurs orientierenden Künstlers. Der am 14. September 1883 in Wien in einer wohlhabenden Familie geborene Gerstl studierte bei Christian Griepenkerl an der Wiener Akademie (1898–Juli 1901, Oktober 1904). Während gleichzeitig die ersten Ausstellungen der Wiener Secession die jüngsten Tendenzen aus dem westeuropäischen Ausland vorstellten, war der akademische Lehrbetrieb den traditionellen Werten, allen voran der Dominanz der Zeichnung, verschrieben. Obschon Griepenkerl Gerstl Fleiß zubilligte, sollten dessen Leistungen innerhalb von drei Jahren nur mit einem „Genügend“ zensuriert werden.

In den Sommermonaten 1900 und 1901 unterbrach Gerstl seine Ausbildung und besuchte die Künstlerkolonie im ungarischen Nagybánya. Dort leitete Simon Hollósy (1857–1918) eine freie Malerschule, in der Gerstl erstmals mit impressionistischer Pleinairmalerei in Kontakt gekommen sein dürfte. In Wien fand Richard Gerstl Gleichgesinnte in der Malschule am Kohlmarkt1 Von größter Bedeutung für seine künstlerische Entwicklung dürfte auch die „XVI. Ausstellung der Wiener Secession“ 1903 gewesen sein, in der erstmals ein Überblick über die Entwicklung der impressionistischen und postimpressionistischen Malerei gegeben wurde. Auch die für Gerstl wichtigen Maler Edvard Munch (1863–1944) und Ferdinand Hodler (1853–1918) konnte er in Secessionsausstellungen studieren.

Während er an dem bedeutenden Doppelporträt der „Schwestern Karoline und Pauline Fey“ (1906, Belvedere, Wien) arbeitete, lud ihn der Akademieprofessor Heinrich Lefler (1863–1919) in die von ihm geleitete „Systematisierte Specialschule für Landschaftsmalerei“ ein. Neben der Malerei zeigte Gerstl außerordentliches Interesse an Philosophie, Psychologie, Musik und Literatur. Eine zentrale Rolle in seinem Leben spielte sein enger Kontakt mit dem Musikerkreis um den Komponisten Arnold Schönberg. Dem gelang der Durchbruch zur antonalen Musik, während neben ihm Richard Gerstl im Garten der gemeinsamen Sommerresidenz am Traunsee an spontan und gestisch hingeworfenen Landschaften und Porträts arbeitete. Der Austausch zwischen den bildenden Avantgardisten und ihre gegenseitige Unterstützung gab ihnen die Kraft, sich über vorherrschende Konventionen hinwegzusetzen.

Richard Gerstls „wildes“ Malen

Was macht Richard Gerstls Position in Wien nun so außergewöhnlich? Ein Vergleich: Gustav Klimt arbeitete zwischen 1900 und 1907 an den Fakultätsbildern, dem ersten Porträt von „Adele Bloch-Bauer“ (1907 → Gustav Klimt: Adele Bloch-Bauer I und Adele Bloch-Bauer II) und pointillistischen Landschaften vom Attersee. Symbolisch aufgeladene „Gedankenbilder“, schwer zu deuten und für die Zeitgenossen kaum zu verstehen, prägten so manche Secessionsausstellung. Bedenkt man, dass Klimts Freunde und wohlmeinende Kollegen Klimts Bilder als die wichtigsten Schöpfungen der Wiener Kunst ansahen, wird Gerstls Stellung schnell deutlich. Statt solcher Weltinterpretationen widmete sich Gerstl den klassischen Gattungen Porträt und Landschaft, die er mit zunehmend „wildem“ Duktus ausführte und so den Impressionismus weiterführte.

Das WIE wurde wichtiger als das WAS, also, der Malweise die höchste Dringlichkeit in der Ausführung eines Gemäldes zugesprochen. Die Motive treten proportional zur Bedeutung der Faktur zurück. Damit schloss Richard Gerstl an Überlegungen der Postimpressionisten und der Nabis an. Ein Gemälde wäre, bevor es ein Schlachtpferd, eine nackte Frau oder irgendeine Anekdote darstellt, vor allen Dingen eine plane Fläche, die in einer bestimmten Ordnung mit Farben bedeckt ist, wusste schon Maurice Denis zu analysieren. Die malerische Entwicklung Gerstls lässt sich als die Suche nach der „bestimmten Ordnung“ bezeichnen. Dem wissenschaftlichen Zugang eines George Seurat stand Gerstl kritisch gegenüber, auch wenn er in einigen Werken den pointillistischen Farbauftrag imitierte. Die ornamentale Qualität der Nabis verwandelte er in Wienerisch gemusterte Möbelstücke und Kleider. In der Landschaft kam er den späten Gemälden Vincent van Goghs erstaunlich nahe, während so manches Porträt in seiner mageren Malweise dem Vorbild von Edvard Munch folgt. Schlussendlich entschied sich Richard Gerstl 1907 für ein gestisches Gestalten mit pastosen Mitteln. Das Schmieren der Ölfarbe bei gleichzeitiger Beibehaltung eines naturalistischen Kolorits thematisiert Gerstls Sinneseindruck, sein subjektives Sehen. Der Strich vermittelt die psychische Anspannung des Malers während des Malprozesses.

Höhe- und Endpunkt dieser Entwicklung bildet die Gruppe von Familienbildnissen der Schönberg. Arnold, seine Frau Mathilde und die gemeinsamen Töchter sitzen vor gelb-grünem Hintergrund. Die Familie blickt direkt aus dem Bild heraus und tritt dem Publikum repräsentativ entgegen. Damit folgt die Darstellung dem traditionsreichen Typus des Familienbildes seit dem Barock. Allerdings löste Gerstl die Figuren lösen in Farbmassen. Obschon die Lokalfarben realistisch gewählt wurden, spielen „Details“ keine Rolle mehr. Der Malakt tritt als virtuose, spontane, sich der Kontrolle des „Komponierens“ zuwiderlaufende Handlung in Erscheinung. Ging es seinen Zeitgenossen in der Secession schon vielfach nicht mehr um ein klassisches Erzählen, so wandte sich Richard Gerstl zusehends auch gegen das Schildern des Beobachteten. Sein Blick huscht über das Sujet und fängt das Wahrgenommene in einer stuppenden Alla-prima-Malerei ein. Gestaltet, geritzt, gemalt wird Nass-in-Nass. Das „Reinmalerische“ (Wilhelm Leibl) macht Figur und Grund einander gleich. Die breite Handschrift löst die grafische Genauigkeit der Formbeschreibung ersatzlos ab. Damit positionierte sich Richard Gerstl als Opposition zur Schönlinigkeit des Jugendstils – und erweiterte den Horizont an malerischen Möglichkeiten für mehrere Generationen an Malerinnen und Malern.

Ausgestellte Künstlerinnen und Künstler

Vincent van Gogh (1853–1890), Lovis Corinth (1858–1925), George Minne (1860–1941), Max Slevogt (1868–1932), Edvard Munch (1863–1944), Pierre Bonnard (1867–1947), Édouard Vuillard (1868–1940), Louis Valtat (1869–1952), Arnold Schönberg (1874–1951), Egon Schiele (1890–1918), Chaim Soutine (1893–1943), Jean Egger (1897–1934), Edmund Kalb (1900-1952 → Wien | Leopold Museum: Edmund Kalb), Willem de Kooning (1904–1997), Eugène Leroy (1910–2000), Arnulf Rainer (geb. 1929), Georg Baselitz (geb. 1938), Günter Brus (geb. 1938), Martha Jungwirth (geb. 1940).

Kuratiert von Diethard Leopold, Hans-Peter Wipplinger.

Leopold Museum. Richard Gerstl: Bilder

  • Richard Gerstl, Selbstbildnis als Halbakt, 1902/04, Öl auf Leinwand, 159 x 109 cm (Foto © Leopold Museum, Wien)
  • Richard Gerstl, Sonnige Wiese mit Obstbäumen, 1907, Öl auf Leinwand, 44 x 34,7 cm (Leopold Museum, Wien, Inv. LM 640 © Leopold Museum, Wien / Foto: Manfred Thumberger)
  • Richard Gerstl, Bildnis der Mathilde Schönberg im Atelier, Frühjahr 1908, Öl und Mischtechnik auf Leinwand, 171 x 60 cm (Kunsthaus Zug, Stiftung Sammlung Kamm, Foto: Kunsthaus Zug / Alfred Frommenwiler)
  • Richard Gerstl, Bildnis Henryka Cohn, Juni 1908, Öl auf Leinwand, 147,9 x 111,9 cm (Foto © Leopold Museum, Wien)
  • Richard Gerstl, Uferstraße bei Gmunden, 1908, Öl auf Leinwand, 32,3 x 33,2 cm (Leopold Museum, Wien, Inv. LM 643 © Leopold Museum, Wien / Foto: Manfred Thumberger)
  • Richard Gerstl, Traunsee mit „Schlafender Griechin“, 1908, Öl auf Leinwand, 37,7 x 39,3 cm (Leopold Museum, Wien, Inv. LM 646 © Leopold Museum, Wien / Foto: Manfred Thumberger)
  • Richard Gerstl, Bildnis Alexander von Zemlinsky, Juli 1908, Öl auf Leinwand, 170,5 x 74,3 cm (Kunsthaus Zug, Stiftung Sammlung Kamm, Foto: Kunsthaus Zug / Alfred Frommenwiler)
  • Richard Gerstl, Mathilde Schönberg im Garten, Juli 1908, Öl auf Leinwand, 171 x 61 cm (Leopold Museum, Wien)
  • Richard Gerstl, Paar im Grünen, Juli 1908, Öl auf Leinwand, 111,2 x 90,7 cm (Leopold Museum, Wien)
  • Richard Gerstl, Gruppenbildnis mit Schönberg, Ende Juli 1908, Öl auf Leinwand, 169 x 110 cm (Kunsthaus Zug, Stiftung Sammlung Kamm, Foto: Kunsthaus Zug / Alfred Frommenwiler)
  • Richard Gerstl, Selbstbildnis als Akt mit Palette, 12. September 1908, Öl auf Leinwand, 139,3 x 100 cm (Leopold Museum, Wien)
  • Richard Gerstl, Sitzender weiblicher Akt, Herbst 1908, Tempera auf Leinwand, 166 x 116 cm (Foto © Leopold Museum, Wien)

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  1. Betrieben von Franz Hohenberger (1867–1941) und Ferdinand Kruis (1869–1944).
Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.