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Tizian: Poesie Venedigs Renaissancemeister interpretiert Ovid: Liebe, Verlangen und Tod

Tizian, Raub der Europa, Detail, 1562, Öl/Lw, 178 x 205 cm (© Isabella Stewart Gardner Museum, Boston)

Tizian, Raub der Europa, Detail, 1562, Öl/Lw, 178 x 205 cm (© Isabella Stewart Gardner Museum, Boston)

Tizians zwischen etwa 1551 und 1562 geschaffenen „Poesie“ gehören zu den originellsten bildnerischen Interpretationen des klassischen Mythos der Renaissance und sind aufgrund ihrer ausdrucksstarken Darstellung Meisterwerke der europäischen Malerei. Der spanische König Philipp II. gab die Serie bei Tizian in Auftrag, der die Themen selbst auswählen durfte. Die „Poesie“ für Philipp II. basieren auf einer umfangreichen Kenntnis Tizians der literarischen Quellen. Die Werke zeigen Geschichten aus der Klassischen Mythologie, hauptsächlich aus den Metamorphosen des römischen Dichters Ovid. Weitere Quellen sind Bocaccio, Achielleus Tatios, Diego Hurtado de Mendoza. Ovids Metamorphosen waren im 16. Jahrhundert bereits sehr bekannt, weil sie auch in einer Übersetzung von Ludovico Dolce in Venedig publiziert worden waren.

Titian: Love Desire Death

London / National Gallery of Art, Main Floor Galleries
16.3. – 14.6.2020

Großbritannien / Edinburgh: National Galleries of Scotland
11.7.–27.9.2020

Spanien / Madrid: Museo Nacional del Prado
20.10.2020–10.1.2021

USA / Boston: Isabella Stewart Gardner Museum
11.2–9.5.2021).

Tizians Poesie

Weil Tizian diese Geschichten als visuelle Entsprechung zur Poesie ansah, nannte er sie 1553 in einem Brief „Poesie“. In ihnen destillierte er das Wissen über Malerei und visuelles Geschichtenerzählen, das er sich über fünf Jahrzehnte als Künstler angeeignet hatte, um einige seiner tiefgreifendsten Aussagen zu menschlicher Leidenschaft und Irrationalität, zu Liebe und Tod zu machen. Da Philipp an dem heute wohl verschollenen Porträt, das Tizian anlässlich ihres ersten Treffens in Mailand 1548 von ihm gemalt hatte, die skizzenhaft Ausführung der Rüstung beklagt hatte, wollte der venezianische Maler offensichtlich die Gemälde der „Poesiae“ weniger „unvollendet“ erscheinen lassen. Zudem kündigte der Maler die Werke als Bildpaare an, deren Kompositionen bewusst als „contraposti“ entwickelt worden wären. Daraus wird geschlossen, dass die Bilder für einen speziellen Raum geschaffen worden sein könnten. Dieser wurde jedoch nie realisiert. Tizians Bildquellen sind genauso reichhaltig wie die literarischen Quellen, darunter antike Skulpturen, Kameen, Gemälde Michelangelos, Correggios und Parmigianinos, Stiche nach Werken der Fontainebleau-Künstler, Primaticcio, Rosso.

 

Danaë – Venus und Adonis

Das erste 1554 an Philipp II. gesandte Bildpaar waren die „Danaë“ (1551–1553, The Wellington Collection, Apsley House) und „Venus und Adonis“. Für die „Danaë“ konnte Tizian auf eine bereits gefundene Komposition zurückgreifen, während er „Venus und Adonis“ neu erfand. König Philipp II. schätzte Kunst – nicht wie sein Vater Karl V. vorrangig als Mittel kaiserlicher Repräsentation – sondern als kreative Leistung.

Wird in der älteren Literatur noch darüber spekuliert, ob die „Danaë“ aus dem Prado oder die der Wellington Collection mit der ersten Bildersendung identifiziert werden sollte, haben die Forschungen der letzten Jahre offensichtlich zugunsten der Wellington-Danaë gesprochen.1

 

 

Die Figuren hatte Tizian bereits um 1545/46 in einer Darstellung der „Danaë“ (Neapel) für Kardinal Farnese entwickelt – allerdings zeigt sie sich in dieser Fassung noch mit einem weißen Schleier am Schoß und einem abgehenden Amor. Die „Urmutter“ ist die „Venus von Urbino“ aus Tizians Frühwerk. Die Sinnlichkeit der Prinzessin wurde in der Literatur als Anspielung auf die Geliebte des Kardinals gedeutet, wobei sogar deren Gesichtszüge den Maler inspiriert haben sollen.

Die „Danaë“ aus dem Prado ruht nackt und bildparallel auf einem Bett. Die alte Dienerin hält ihre Schürze auf, um den Goldregen, der sich aus einer Wolke ergießt, einzufangen. Ein kleiner Hund hat sich am Kopfende des Bettes zusammengerollt und schläft. Die „Danaë“ für den spanischen König ist nun gänzlich nackt, vielleicht ist zwischen ihren Schenkeln auch noch eine Hand zu erkennen. Das Inkarnat der Danaë wirkt umso heller, je dunkler die Hautfärbung ihrer Dienerin resp. Wächterin ist. Deren Handlung deutet auf die käufliche Liebe hin. Dass die „Danaë“ durch die offene Malweise besondere Sinnlichkeit ausstrahlen würde, wird in vielen Analysen zu Tizians Spätwerk herausgestrichen.

1554 sandte Tizian auch „Venus und Adonis“ (Prado) an den spanischen König. Vielleicht erhielt Tizian die Anregung zu diesem Bild vom spanischen Botschafter in Venedig, Diego Hurtado de Mendoza. Diesr Humanist besaß drei Ausgaben der „Metamorphosen“ des Ovid und erwarb 1556 in Antwerpen Wandteppiche mit Szenen aus Ovids Werk, der als „Poesie“ bezeichnet wurden.

 

 

Perseus und Andromeda

1556 bekam der König „Perseus und Andromeda“ (Wallace Collection) übermittelt.

 

Diana und Aktaion – Diana und Kallisto

1559 schickte er „Diana und Aktaion“ sowie „Diana und Kallisto“ (beide National Gallery of Scottland, Edinburgh).

„Diana und Kallisto“ zeigt, wie die Schwangerschaft der arkadischen Königstochter Kallisto entdeckt und sie zur Strafe aus dem Gefolge der Diana verstoßen wird. Die Nymphe hatte das Gebot der Jungfräulichkeit gebrochen und sich von Zeus, der sich ihr in Gestalt der Diana genähert hatte, verführen lassen. Die eifersüchtige Juno (Gera) verwandelte Kallisto in eine Bärin.2

Gleichzeitig kündigte Tizian die Zusendung des Gemäldes „Tod des Aktaion“ (The National Gallery, London) an, das jedoch erst später ausgeführt und vielleicht nicht vollendete wurde. Auch in Bezug auf die Frage vollendet/unvollendet wird die Ausstellung in London wohl interessante neue Aspekte auszeigen.

 

 

Raub der Europa

1562 sandte Tizian das Gemälde „Raub der Europa“ (Isabella Stewart Gardener Museum, Boston) nach Spanien. Die literarische Quelle könnte Achilleus Tatios‘ Roman „Leukippe und Kleitophon“3 aus dem Besitz des spanischen Botschafters in Venedig, Diego Hurtado de Mendoza, sein.

 

 

Tizians „Poesiae“ in London

Aus dem ursprünglichen Zyklus von sechs Gemälden wird die Ausstellung die Bilder „Danaë“ (1551–1553, The Wellington Collection, Apsley House) mit „Venus und Adonis“ (1554, Prado, Madrid), „Diana und Actaeon“ (1556–1559) sowie „Diana und Callisto“ (1556–1559, National Gallery und National Galleries of Scotland) und „Raub der Europa“ (1562, Isabella Stewart Gardner Museum, Boston) wiedervereinen. Der „Tod von Actaeon“ (1559–1575) der National Gallery in London wurde ursprünglich als Teil der Serie konzipiert, aber erst viel später ausgeführt und nie ausgeliefert.

Dass die Serie der „Poesie“ jemals in einer Ausstellung zu sehen sein würden, war bis vor kurzem unvorstellbar. Erst die Änderung des Leihverhaltens der Wallace Collection in London ermöglichte die Leihe von „Perseus und Andromeda“ (um 1554–1556 → XX). Dieses Werk wird allerdings nur in der Londoner Ausstellung zu sehen sein.

Kuratiert von Dr Matthias Wivel, Kurator der Italienischen Malerei des 16. Jahrhunderts an der National Gallery.
Weitere Stationen der Ausstellung:

  • Scottish National Gallery, Edinburgh (11.7.–27.9.2020)
  • Prado, Madrid (20.10.2020–10.1.2021)
  • Isabella Stewart Gardner Museum, Boston (11.2.–9.5.2021)

 

Tizian, Poesie: Bilder

  • Tizian, Venus und Adonis, 1554, Öl auf Lw, 186 × 207 cm (© Museo Nacional del Prado, Madrid)
  • Tizian, Danae, um 1554–1556, Öl auf Leinwand, 114,6 x 192,5 cm (Wellington Collection, Apsley House, London © Stratfield Saye Preservation Trust)
  • Tizian, Perseus und Andromeda, um 1554–1556, Öl auf Leinwand, 175 x 189.5 cm (The Wallace Collection, London © The Wallace Collection, London)
  • Tizian, Diana und Actaeon, 1556–1559, Öl auf Leinwand, 184,5 x 202,2 cm (© The National Gallery London, The National Galleries of Scotland)
  • Tizian, Raub der Europa, 1562, ÖlLw, 178 x 205 cm (© Isabella Stewart Gardner Museum, Boston)
  • Tizian, Der Tod des Actaeon, um 1559–1575, Öl auf Leinwand, 178.8 x 197.8 cm (© The National Gallery, London)

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  1. 2004 hatte Paul Joannides die Prado-Danaë als kaum vor 1565 datierbar bezeichnet. Er schloss daraus, dass eine andere Darstellung, nämlich jene der Wellington Collection mit der gesandten „Danaë“ identisch ein müsste. Paul Joannides, Titian and Michelangelo, Michelangelo and Titian, in: P. Mailmann (Hg.), The Cambridge Companion to Titian, Cambridge 2004, S. 121–124.
  2. Das Gemälde „Diana und Kallisto“ im Kunsthistorischen Museum in Wien ist eine Replik dieser Komposition. Während der Restaurierung von 1912 wurde auf der originalen Rückseite der Leinwand die durchgedrungene Vorzeichnung entdeckt, die der Edinburgher Fassung entspricht. Sie wird meist mit der Werkstatt Tizians assoziiert. Diese Zeichnung diente als „riccordo“, den Tizian zurückbehielt, nachdem die schottische Fassung der „Diana und Kallisto“ nach Spanien abgeliefert war. Die Veränderungen der Wiener Fassung wurde während des Malprozesses entwickelt. Siehe: Wencke Deiters, Natalia Gustavson, Diana und Kallisto, in: Sylvia Ferino-Pagden (Hg.), Der späte Tizian und die Sinnlichkeit der Malerei (Ausst.-Kat. Kunsthistorisches Museum, Wien, 18.10.2007–6.1.2008; Gallerie dell’Accademia, Venedig, 1.2.–21.4.2008) Wien 2007, S. 238.
  3. Falomir 2003.
Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.