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London | Royal Academy of Arts: Antony Gormley Körper-Raum-Erfahrungen des britischen Objektkünstlers

Antony Gormley, Clearing V, 2009, ca. 11 km von 12.7 mm Aluminiumröhre, Installationsansicht Kunsthaus Bregenz, Österreich © the Artist. Photo: Markus Tretter

Antony Gormley, Clearing V, 2009, ca. 11 km von 12.7 mm Aluminiumröhre, Installationsansicht Kunsthaus Bregenz, Österreich © the Artist. Photo: Markus Tretter

Der Bildhauer Antony Gormley (* 1950) zählt seit über einem Jahrzehnt zu den bedeutendsten Künstlern in Großbritannien. Die Ausstellung in der Royal Academy of Arts vereint für diesen Anlass sowohl bestehende als auch dafür konzipierte neue Arbeiten, von Zeichnungen und Skulpturen bis hin zu experimentellen Environments.

Antony Gormley in London

Antony Gormley sieht die Ausstellung als „Testgelände“. Für ihn ist wichtig, die Sinne einzubeziehen, die Größenverhältnisse, Dunkelheit und Licht einzusetzen und elementare, organische und industrielle Materialien zu verwenden. Die Arbeiten treten in einen Dialog mit den Galerien der Royal Academy of Arts schaffen und eine Reihe unterschiedlicher Begegnungen. Obwohl Gormley seine Werke individuell präentiert, ergibt die Raumabfolge in Summe eine kollektive Erfahrung. Diese Ausstellung ist eine Zusammenfassung von Gormleys anhaltender Beschäftigung mit dem im Inneren liegenden Dunkelraum des Körpers selbst und das Verhältnis des Körpers zu seiner Umgebung: den Körper als Raum und den Körper im Raum. „Es gibt kein Thema, bis der Betrachter eintrifft und sich zu beschäftigen beginnt“, meint der Künstler über seine Werke selbst.

Die erste Arbeit, „Iron Baby“ (1999), wird im Annenberg-Hof zu sehen sein. Diese lebensgroße Figur eines neugeborenen Babys aus Gusseisen wirkt im Innenhof winzig, was auf die menschliche Verletzlichkeit hinweist, aber auch die Lebenskraft thematisieren soll.

In den Galerien legen frühe, selten ausgestellte Arbeiten aus den späten 1970er und frühen 1980er Jahren die experimentellen Ursprünge von Gormleys künstlerischer Praxis offen. Dabei werden die Verbindungen von Gormleys skulpturalem Denken in Richtung Land Art, Performance und Minimalismus deutlich herausgearbeitet. Zu den ausgestellten Werken gehören „Land, Sea and Air“ (1977–1979) und „Fruits of the Earth“ (1978/79), in die natürliche und von Menschenhand entwickelte Gegenstände in Blei eingewickelt sind. Diesen Prozess des Einhüllens von Objekten in Blei führte Gormley in den 1980er Jahren weiter zu seinen bekannten „Body-Case“-Skulpturen, die den eigenen Körper als Werkzeug, Material und Gegenstand verwenden. Ab den 1990er Jahren erarbeitete Antony Gormley eine Reihe konkreter Arbeiten, darunter auch „Flesh“ (1990, Sammlung Dürckheim). Jedes Volumen enthält die Körperform als eine Leerstelle in einer Position, die die umgebende Masse testet. Der Innenraum ist nur durch die Hände, Füße oder den Kopf sichtbar, die die Oberfläche des Blocks durchbrechen.

 

 

Die Ausstellung lenkt das Publikum durch eine Reihe von Rauminstallationen, von denen einige speziell für die Galerien der Royal Academy of Arts neu konfiguriert werden mussten. Hier ist das Publikum aufgefordert, sich aktiv mit den Körpern Gormleys auseinanderzusetzen, sie im Ram zu navigieren. „Lost Horizon“ (2008, PinchukArtCentre, Kiew, Ukraine) verteilt 24 gusseiserne Figuren in unterschiedlichen Ausrichtungen an jeder Wand, dem Boden und der Decke, die die Wahrnehmung der Schwerkraft in Frage stellen. „Clearing VII“ (2019) besteht aus kilometerlangen, gewickelten, flexiblen Aluminiumrohren, die vom Boden bis zur Decke und von Wand zu Wand verlaufen. Hier kämpft sich die Besucherin bzw. der Besucher durch die raumfüllende Installation. Mit dieser „Zeichnung im Raum“ fängt Gormley die Besucherinnen und Besucher gleichsam ein.

„Matrix III“ (2019) wird in der größten Galerie zu sehen sein: eine Wolke aus sich kreuzenden, rechteckigen, dunklen Stahlnetzen, die über der Kopfhöhe hängen und jeweils einen Raum einschließen, der der durchschnittlichen Größe eines europäischen Schlafzimmers entspricht. Für Gormley ist es „der Geist der Umwelt, den wir alle als unser primäres Habitat zu akzeptieren gewählt haben“ und eine Arbeit, die den kritischen Dialog mit der Wahrnehmung fortsetzt, „indem ein optisches Labyrinth konstruiert wird, in dem es unmöglich ist, Vordergrund, Mittelgrund und Hintergrund in Einklang zu bringen.“

 

 

Elementar wird es in der zentralen Halle, wo Antony Gormleys „Host“ (2019) in einer angepassten Form eine ganze Galerie mit Meerwasser und Lehm (aus Buckinghamshire) füllt. Der Raum soll nicht betreten werden, Licht und Wärme formen die Materialien über die Laufzeit der Ausstellung hindurch. Meist trifft man auf eine spiegelnde, ruhig daliegende Lehmkuhle. Mit einer Tiefe von 23 cm erinnert der Raum an jene Substanzen, aus denen das Leben hervorging. Seit seiner Konzeption im Jahr 1997 wurde das Werk nur dreimal ausgestellt und wird zum ersten Mal in Großbritannien gezeigt.

 

 

Im Zentrum der Ausstellung, in der Central Hall, werden zwei von Gormleys frühen „Expansion Works“ zu sehen sein. „Body“ und „Fruit“ (beide 1991–2003) bestehen aus sieben Tonnen rostigem Eisen. Sie basieren auf der Abgussform eines Körpers in der Startposition eines Schwimmers vor dem Sprung ins Becken. Durch das Auferlegen von Holmen wird die Form des Körpers erweitert, um Objekte zu erzeugen, die die Eigenschaften von Bombe und Frucht aufweisen. Mit jedem Gewicht von mehreren Tonnen schweben die Werkstücke Zentimeter über dem Boden.

Neben der Bildhauerei versammelt die Ausstellung eine reiche Auswahl an Arbeiten auf Papier, von denen viele den Einsatz von ungewöhnlichen Materialien wie Erdöl, Blut und Wasser zeigen. Für Gormley ist das Zeichnen ein zentrales alltägliches Anliegen, das parallel zu seinen Bildhauerarbeiten verläuft und dieselben Anliegen auf unterschiedliche Weise untersucht. Die Personale von Antony Gormley in London bietet eine seltene Gelegenheit, bedeutende frühe Zeichnungen wie „Mold“ (1981, Privatsammlung) zu sehen. Zu den weiteren vertretenen Schlüsselserien zählen die aus Kohlenstoff und Kasein gefertigten Körper- und Lichtzeichnungen, die „Leinölwerke“ (1985–1990) wie „Double Moment“ (1987) und die „Red Earth“ Zeichnungen (1987–1998). Eine begleitende Ausstellung von Gormleys Arbeitsbüchern zeigt die kontinuierliche Untersuchung jener Ideen, die zu den bildhauerischen Arbeiten führen.

 

 

Antony Gormley in London: Werke

  • Antony Gormley, Flesh, 1990, Zement, 36 x 198 x 174 cm (Duerckheim Collection)
  • Antony Gormley, Body and Fruit, 1991/93, Eisenguss und Luft, verschiedene Größen, Installationsansicht Malmö Konsthall, Malmö, Schweden
  • Antony Gormley, Clearing V, 2009, ca. 11 km von 12.7 mm Aluminiumröhre, Installationsansicht Kunsthaus Bregenz, Österreich
  • Antony Gormley, Matrix II, 2014, 6 mm Baustahl-Gitter, 550 x 750 x 1500 cm, Installationsansicht Galerie Thaddaeus Ropac, Pantin, France
  • Antony Gormley, Full Bowl, 1977/78, Blei, 6 x 17 x 17 cm (Privatsammlung, Wien)
  • Antony Gormley, Lost Horizon I, 2008, Eisenguss, je 189 x 53 x 29 cm, Installationsansicht White Cube, Mason's Yard, London, England. Courtesy of the Artist and PinchukArtCentre (Kiev, Ukraine)
  • Antony Gormley, Mould, 1981, schwarzes Pigment, Leinsamenöl, Kohle/Papier, 60 x 84 cm © Antony Gormley
  • Antony Gormley, Double Moment, 1987, schwarzes Pigment, Leinsamenöl, Kohle/Papier, 38 x 28 cm © Antony Gormley
  • Antony Gormley, Earth, Body, Light, 1989 Erde, Hasenhautleim, schwarzes Pigment/Papier, 38 x 28 cm © Antony Gormley

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Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.