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London | Tate Modern: Yayoi Kusama. Infinity Mirror Rooms Magie - Unendlichkeit - Selbstauslöschung

Yayoi Kusama, Infinity Mirrored Room – Filled with the Brilliance of Life, 2011/2017 (Tate © Yayoi Kusama)

Yayoi Kusama, Infinity Mirrored Room – Filled with the Brilliance of Life, 2011/2017 (Tate © Yayoi Kusama)

Die japanische Künstlerin und Schriftstellerin Yayoi Kusama erschafft mit den „Infinity Mirror Rooms“ Kunstwerke, in die man eintreten und eintauchen kann. Zwei große Installationen – „Infinity Mirrored Room - Filled with the Brilliance of Life“ (2012) sowie „The Universe as Seen from the Stairway to Heaven” (2021) – begeistern nun ein ganzes Jahr das Publikum. Frühe Fotografien und Filme kontextualisieren die begehbaren Arbeiten und zeigen die hohe Bedeutung von Selbst-Inszenierung für die Entwicklung der „Infinity Mirror Rooms“.

Magische Lichter, unendliche Spiegelungen und die Faszination des Märchenhaften

Die Londoner Ausstellung beginnt mit Schlüsselmomenten in Yayoi Kusamas Leben und Karriere. Die Künstlerin wurde 1929 in Matsumoto, Japan, geboren. Schon als Kind begann sie, Kunst zu machen; später studierte sie gegen den Wunsch ihrer Eltern Malerei in Kyoto. Auf der Suche nach „unbegrenzter Freiheit und einer weiteren Welt“ zog sie 1957 in die USA. Kusama verbrachte die 1960er Jahre in New York und tauchte dort in die schnelllebige Kunstszene ein. Im Jahr 1973 nahmen ihre psychischen Probleme zu, und die Künstlerin kehrte in ihre Heimat zurück. Seither lebt, schreibt und malt sie in einem Krankenhaus. Sie lässt sich bis heute regelmäßig mit ihren Arbeiten fotografieren. Sorgfältig inszenierte Bilder, in denen sie sich mit Hilfe ihrer Mode ihren Werken anpasst, stellen sie in den Mittelpunkt ihres kreativen Universums.

Physisch erweitern die „Infinity Mirrored Rooms“ Kusamas methodischen Einsatz der Wiederholung in ihren frühen Gemälden. Zusätzlich nutzte sie die desorientierenden Eigenschaften von Spiegeln, um den Effekt endloser Wiederholungen zu erzeugen. Damit erzielt Yayoi Kusama sowohl eine magische Atmosphäre als auch das Gefühl von Unsicherheit, als Folge der Destabilisierung der Raumwahrnehmung.

Es gibt ungefähr 20 verschiedene Spiegelräume von Yayoi Kusama, die frühesten entstanden, als die Künstlerin in den 1960er Jahren in New York lebte und arbeitete: „Infinity Mirror Room – Phalli’s Field“ (1965) und „Kusama’s Peep Show – Endless Love Show“ (1966). Die „Infinity Mirror Rooms“ waren normalerweise abgedunkelte Räume mit vielen kleinen Lichtern, die auf eine Sternengalaxie anspielten und das Gefühl verstärkten, in eine physische Welt jenseits der Erdatmosphäre versetzt zu werden. Dazu kommt die Selbstwahrnehmung wie in Kusamas „Narcissus Garden“ (1966), eine Außenpräsentation von 1.500 silbernen Kugeln auf dem Rasen vor dem italienischen Pavillon auf der 33. Biennale von Venedig. Obwohl sich die Künstlerin selbst in eine psychiatrische Klinik eingewiesen hat, beschäftigte sie sich seit 1977 weiterhin mit der unaufhörlichen Wiederholung.

The Universe as Seen from the Stairway to Heaven

Spiegel, Punkte und Wiederholungen sind seit langem wichtige Aspekte in Kusamas Werk. „The Universe as Seen from the Stairway to Heaven“ ist eine ihrer jüngsten Skulpturen und eigens für diese Ausstellung in der Tate Modern angefertigt worden. Damit schloss die japanische Künstlerin an ihre erste Spiegelinstallation von 1966 an, die den Titel „Kusamas Peep Show“ oder „Endless Love Show“ trägt.

Der „Infinity Mirror Room“ ist eine Lichtinstallation, die man, wie in einer Peep Show durch ein Fenster schauend, erkunden kann. Das Innere des Würfels ist verspiegelt und scheint unendlich zu sein. Bunte Punkte, aber auch die Gesichter der Betrachter*innen, spiegeln und wiederholen sich in die Unendlichkeit. Ausgangspunkt für ihre Kunstproduktion sind Kusamas visuelle Halluzinationen, welche die Künstlerin schon früh in ihrem Leben erlebte. Sie erinnert sich an eine Kindheitserinnerung:

„Eines Tages, nachdem ich ein rotes Blumenmuster auf der Tischdecke gesehen hatte, sah ich auf und sah, dass die Decke, die Fenster und die Säulen mit dem gleichen roten Blumenmuster geschmückt waren. Ich sah den ganzen Raum, meinen ganzen Körper und das ganze Universum mit roten Blumen bedeckt.“

Yayoi Kusama fühlte sich, als würde sie verschwinden oder sich auflösen. Sie bezeichnete dies als „Selbstauslöschung“. Diese Erfahrungen in ihrer Kunst zu nutzen, ist für sie eine Möglichkeit, sie zu verstehen und mit anderen zu teilen.

Chandelier of Grief

Der erste „Infinity Mirror Room“ in der Tate Modern ist von außen betrachtet eine einfache weiße, sechseckige Struktur mit einer Höhe von fast vier Metern, die sich gut in die Galerie einfügt. Umso überraschender und kontrastreicher ist das Innere der Installation von 2016. Über eine Schiebetür können die Besucher*innen den Raum betreten und treten so in eine verspiegelte Umgebung ein. Als einzige Lichtquelle hängt ein barocker Kronleuchter von der Decke. Dieser Kronleuchter dreht sich mit flackernden, pulsierenden Lichtern, diese spiegeln sich in die Unendlichkeit – und auch das Publikum.

Während andere Installationen Kusamas langjährige Beschäftigung mit Punkten, Kabocha-Kürbissen und phallischen Formen demonstrieren, lenkt „Chandelier of Grief“ den Fokus auf einzigartige Weise nach oben und betont den partizipativen Aspekt der Installation. Der Titel „Chandelier of Grief [Kronleuchter der Trauer]“ soll, so die Künstlerin, darauf verweisen, dass man Schönheit und Traurigkeit gleichzeitig erleben kann.

Infinity Mirrored Room – Filled with the Brilliance of Life

Yayoi Kusamas „Infinity Mirrored Room – Filled with the Brilliance of Life“ entstand für ihre Retrospektive 2012 in der Tate Modern. Die Installationen gehört zu ihren bisher größten. Man bewegt sich auf einem reflektierenden Gehweg über ein flaches Becken. In der immersiven Arbeit multiplizieren verspiegelte Wände und ein flaches Wasserbecken eine Konstellation winziger, schwebender Lichter, um ein Gefühl von unendlichem Raum zu schaffen. Die Lichter pulsieren wie ein Herzschlag oder eine tickende Uhr. Zeit und Unendlichkeit treffen in Kusamas Werk aufeinander. Kusamas visuelle Halluzinationen lösen in ihr das Gefühl aus, dass sie durch wiederholte Punkte „ausgelöscht“ würde. Mit dieser Installation lädt sie uns ein, diese „Selbstauslöschung“ zu teilen.

Frühe Performances & Fotoshootings

Als Yayoi Kusama in die Vereinigten Staaten zog und sich schlussendlich 1958 in New York City niederließ, war sie mit antijapanischer Propaganda konfrontiert. Obschon von Künstlern früh respektiert, wurde Kusama in der Kritik allzu häufig auf ihr Geschlecht und ihre Nationalität reduziert. Die Künstlerin reagierte darauf mit der Performance „Walking Piece“, für die sie im rosa Kimono mit Sonnenschirm durch die Stadt schlendert. Eine Diashow-Fotostrecke dokumentiert, wie die Avantgardistin als US-Stereotyp einer traditionellen Japanerin auftrat. Der Fotograf Eikoh Hosoe dokumentierte die Performance mit einem Fischaugen-Kameraobjektiv, um das Gefühl der Isolation zu vermitteln.

Fotografien und Filme im folgenden Kapitel der Ausstellung geben einen Einblick in die Arbeitsweise von Kusama im New York der 1960er Jahre. Zu diesem Zeitpunkt begann sie, Spiegelinstallationen zu bauen. Der heutige Erfolg dieser Arbeiten war noch lange nicht abzusehen. Denn als Yayoi Kusama begann, als Künstlerin die Grenzen der Medien einzureißen, kämpfte sie um Anerkennung und ihren Lebensunterhalt.

Die zum Teil erstmals ausgestellten Fotografien und Filme zeigen, wie Yayoi Kusama Performance, Malerei und Spiegelinstallation miteinander kombinierte. Sie dokumentieren ihre „Mirror Performance“ im September 1968 in New York – am Höhepunkt der Anti-Vietnamkrieg-Proteste und Bürgerrechtsbewegung. Kusamas überraschende Installationen und Performances thematisierten Konsum und Spektakel, indem sie gleichzeitig die Grenzen der hohen Kunst einriss. Porträts von Eikoh Hosoe (*1933) sowie Atelieraufnahmen von Harry Shunk (1924–2006) und Janos Kender (1937–2009) legen ihre Arbeitspraxis offen. Sie überschritt die physischen Grenzen des Ateliers, indem sie ihre gespiegelten Räume zu einer Kulisse für Performance, Malerei, Skulptur und Modedesign machte.

Der Film „Im Atelier“ (Mitte der 1960er, Tate Library & Archive) von John Jones (1926–2010) zeigt die Künstlerin umgeben von den weichen Skulpturen und Collagen, die sie damals machte. Aus Zeitschriften geschnittene Gesichter verwandeln sich in eine Polka-Dot-Umgebung. Sie setzte auch Haushaltsgegenstände, darunter Möbel und Spiegel, sogar Nudeln für ihre verfremdenden Installationen ein. Die Künstlerin tritt in passenden Kleidungsstücken auf und dirigierte die Aufnahmen in ihrem Sinn. So erschuf sie eine Persona, eine künstlerische „Marke“, die schlussendlich in einem Punkt kulminiert.

Kuratiert von Frances Morris.

Yayoi Kusama in der Tate Modern: Bilder

  • Yayoi Kusama, The Universe as Seen from the Stairway to Heaven, 2021 (Courtesy Yayoi Kusama, Ota Fine Arts and Victoria Miro)
  • Yayoi Kusama, Chandelier of Grief, 2016/2018 (Tate © Yayoi Kusama)
  • Yayoi Kusama, Infinity Mirrored Room – Filled with the Brilliance of Life, 2011/2017 (Tate © Yayoi Kusama)

Beiträge zu Yayoi Kusama

24. April 2021
Yayoi Kusama: Eine Retrospektive, Installationsansicht, 2021, Gropius Bau, (c) Foto: Luca Girardini

Berlin | Gropius Bau: Yayoi Kusama Yayoi Kusama in Berlin zeigt einen Überblick über 70 Jahre Kunst

Yayoi Kusama zählt zu den bedeutendsten Künstlerinnen der Gegenwart – nicht nur in Japan. Der Gropius Bau widmet im Herbst 2020 Kusama die erste umfassende Retrospektive in Deutschland, die einen Überblick über sämtliche Schaffensperioden der letzten siebzig Jahre bietet und neben aktuellen Gemälden einen neuen Infinity Mirrored Room und Installation der Künstlerin umfasst.
10. April 2018
Yayoi Kusama mit Kürbis / with Pumpkin, 2010, 2010, mixed media, Installation, Ansicht von der Aichi Triennale 2010, Courtesy Ota Fine Arts, Tokyo/Singapore; Victoria Miro Gallery, London; David Zwirner, New York; og KUSAMA Enterprise © Yayoi Kusama.

Yayoi Kusama: Biografie Leben und Werk des japanischen Künstlerin

Die Biografie von Yayoi Kusama (* 1929) beinhaltet alle wichtigen Werke, Ausbildung, Ausstellungen, ihre New Yorker Zeit, Erfindung von Installation und Happening, Kusamas Mode und das Yayoi Kusama Museum in Tokio.
11. Dezember 2017
Yayoi Kusama, Silver Dress, Detail, 1966, Stoffkleid, Kunstblumen, Farbe, Kleiderbügel, 137 x 90 x 20 cm (mumok Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, ehemals Sammlung Hahn, Köln, erworben 1978, Foto: mumok, © Yayoi Kusama, 2017)

Yayoi Kusama: Silver Dress Flower Power und Kunst für alle

Ein glitzerndes, silbernes Kleid, beklebt mit Rosen, Blumengirlanden und Seerosen und mit Metallicfarbe besprüht, ist eines einer Reihe von Kleidungsstücken und Environments, die die japanische Künstlerin Yayoi Kusama während der 1960er Jahre produzierte.

Aktuelle Ausstellungen

1. Juli 2021
Hans Robertson, Der Tänzer Harald Kreutzberg, Detail, 1925, Gelatinesilberpapier, 23,4 × 17,1 cm (Städel Museum, Frankfurt am Main, Foto: Städel Museum, Frankfurt am Main)

Frankfurt | Städel Museum: Fotografie zwischen den Weltkriegen Neu Sehen in den 1920er und 1930er Jahren

Das Städel Museum zeigt 2021 eine Ausstellung über Tendenzen und Bewegungen in der Fotografie der Moderne. Die Schau präsentiert eine Auswahl von rund 120 wegweisenden Fotografie - mit Alfred Ehrhardt, Hans Finsler, Lotte Jacobi, Felix H. Man, Albert Renger-Patzsch, Erich Salomon, August Sander, Umbo, Paul Wolff, Yva uvm.
22. Juni 2021
Bonn, Beuys - Lehmbruck

Bonn | Bundeskunsthalle: Beuys – Lehmbruck Denken ist Plastik

Im Jahr 1986 erhielt Joseph Beuys den Wilhelm-Lehmbruck-Preis. In seiner Dankesrede betont er die Bedeutung, die die Kunst des expressionistischen Bildhauers für ihn hatte. Zum 100. Geburtstag von Joseph Beuys geht die Ausstellung „Beuys – Lehmbruck. Denken ist Plastik“ dem Weg vom expressionistischen Bildhauer zur Sozialen Plastik nach.
22. Juni 2021
Jacoba van Heemskerck, Bild no. 33 (Meer mit Schiffen), 1915, Öl auf Leinwand, 80,5 x 100,5 cm (Kunstmuseum Den Haag, Foto: Kunstmuseum Den Haag)

Bielefeld | Kunsthalle Bielefeld: Jacoba van Heemskerck

Jacoba van Heemskerck (1876–1923) hat in weniger als zwei Jahrzehnten ein kraftvolles Œuvre geschaffen, das Gemälde, Holzschnitte und Glasarbeiten umfasst und war eine der zentralen Künstlerinnen der "Sturm"-Bewegung. Ausstellung in der Kunsthalle Bielefeld in Kooperation mit dem Kunstmuseum Den Haag.
Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.