Marianne von Werefkin

Wer war Marianne von Werefkin?

Marianne von Werefkin (Marianna Wladimiowna Werefkina, 11.9.1860–6.2.1938) war eine russischstämmige Malerin des Expressionismus.

„Ein Leben ist viel zu wenig für alle die Dinge, die ich in mir spüre, und ich erfinde mir dafür andere in mir und ausser mir. Ein Wirbel erfundener Wesen umgibt mich und hindert mich, die Wirklichkeit zu sehen. Die Farbe beisst mich ans Herz.“ (Marianne von Werefkin im frühen Tagebuch „Lettres à un Inconnu“, 1901/02–1905)

Kindheit und Ausbildung

Marianne von Werefkin wurde am 11. September 1860 als Tochter eines Generals in Tula in der Nähe von Moskau geboren. Ihre Kinderjahre verbrachte sie an den Amtssitzen ihres Vaters in Witebsk in Weißrussland und Wilna in Litauen, später bekam ihr Vater das Landgut Blagodat bei Kaunas geschenkt.

1886 zog Marianne von Werefkin nach St. Petersburg, wo ihr Vater zum Kommandanten der Peter-und-Paul-Festung ernannt worden war. Während der nächsten zehn Jahre wurde Werefkin hier Privatschülerin des berühmten realistischen Malers Ilja Repin, da die Kunstakademie für Frauen nicht zugänglich war. Sie malte in dieser frühen Phase hauptsächlich Porträts, oft mit sozialkritischem Ansatz. Durch Repin lernte Werefkin 1892 Alexej von Jawlensky kennenlernte. Den ersten Sommer verbrachten sie gemeinsam auf Werefkins Landgut Blagodat im damals russischen Litauen. arbeiteten fortan zusammen.

München

Bald nach dem Tod von Marianne von Werefkins Vater am 13. Januar 1896 reiste die nunmehr mit einer großzügigen Pension des Zaren ausgestattete Künstlerin gemeinsam mit Alexej von Jawlensky durch westeuropäische Städte wie Berlin, Dresden, Antwerpen, Paris und London. Im Herbst übersiedelten sie nach München, wo sie in der Giselastraße 23 in Schwabing eine herrschaftliche Doppelwohnung bezogen. Während Jawlensky zunächst die Malschule von Anton Ažbe besuchte, gab Werefkin fast zehn Jahre lang die Malerei ganz auf, um sich der Förderung von Jawlenskys Talent zu widmen, daneben befasste sie sich mit Kunsttheorie.

Von Zeitgenossen wurde Marianne von Werefkin als dominierende Persönlichkeit von außergewöhnlichem Temperament und geistiger Ausstrahlung wahrgenommen. In dem von ihr und Jawlensky geführten Salon in der Schwabinger Giselastraße trafen sich zahlreiche bildende Künstler, Schriftsteller, Tänzer und der durchreisende russischen Adel. Marianne von Werefkin war die Salonière, sie stand im Mittelpunkt, ihr Salon wurde bald „Salon der Giselisten“ oder auch „Rosa Salon“ genannt.

„Es war die international erzogene Tochter eines russischen Generals, weltgewandt, gescheit und kritisch beredt. Um ihren Teetisch sammelte sich täglich das Grüpplein ihrer Getreuen, zumeist russische Künstler, u.a. auch der Tänzer Sacharoff, und ihre Münchner Freunde, eine ziemlich bunte Gesellschaft, in der sich die bayerische Aristokratie mit dem fahrenden Volk der internationalen Bohème begegnete.“ (Gustav Pauli über den „Salon der Baronin Werefkin“)

Frankreich

Nach einer Sommerreise des Paares 1903 in die Normandie folgte 1906 ein fast einjähriger gemeinsamer Aufenthalt in Paris und Südfrankreich, der für Werefkin zum entscheidenden Impuls wurde, ihre Malerei wiederaufzunehmen. Werefkin, Jawlensky, Helene und Andreas Nesnakomoff brachen zunächst in die Bretagne nach Carantec fuhren von hier aus weiter nach Paris. Von dort reisten Werefkin, Helene und Andreas Nesnakomoff in Begleitung des Münchner Malers Robert Eckert nach Sausset-les-Pins an die französische Mittelmeerküste voraus; Jawlensky, der seine Ausstellungsbeteiligung im Salon d’Automne in Paris vorbereitete, reiste ihnen Ende des Jahres nach. Gemeinsam traten sie die Heimreise über die Schweiz an, wo sie Anfang Januar 1907 Ferdinand Hodler in Genf besuchten.

In ihren neuen Bildern tritt ein gewandelter Stil zutage, der mit den naturalistischen Gemälden ihrer russischen Zeit bricht und Einflüsse des Symbolismus, etwa von Edvard Munch und Ferdinand Hodler, aufnimmt. In ihrer Malerei führte Werefkin Anregungen aus der Auseinandersetzung mit Gauguin und den ›Nabis‹, japanischen Holzschnitten und dem europäischen sowie russischen Symbolismus auf sehr persönliche Weise weiter. Dem Vorbild der „Nabis“ in der Nachfolge Paul Gauguins folgte sie beispielsweise durch eine „Synthese“ des Bildes: eine Gliederung in einfache Farbflächen und dunkle Umrisslinien.

Werefkins Kompositionen weisen eine eigenwillige Farb- und Formensprache auf, die von der Ikonografie menschlicher Gefühlssituationen und Bedingtheiten geprägt wird. Wiederholt wurden ihre Bilder als „Seelenmalerei“ beschrieben. Die gleichnishafte Umsetzung psychologischer Zustände oder verborgener Schwingungen jenseits der sichtbaren Welt würde Werefkin besonders gut gelingen.

Murnau und Oberstorf (1908–1912)

Von Mitte August bis Ende September 1908 hielten sich Werefkin und Jawlensky mit Wassily Kandinsky und Gabriele Münter zum gemeinsamen Arbeiten für sechs Wochen in Murnau auf. Aus dieser Zusammenarbeit ging Anfang Januar 1909 unter anderem die Gründung der Neuen Künstlervereinigung München (NKVM) hervor. Kurz zuvor hatte das Künstlerpaar gemeinsam Vincent van Goghs Gemälde „Straße in Auvers (Das Haus des Père Pilon)“ erworben.

Nach zehn Jahren Abstinenz wandte sich Marianne von Werefkin 1907 neuerlich der Malerei zu: In ihren Gemälden blieb Werefkin während der Periode des intensiven gemeinsamen Schaffens von 1908 bis 1914 stets bei einer figürlichen Malerei, die in Form und Farbgebung dem Symbolismus verpflichtet war. Zusammen mit Einflüssen der „Seelenmalerei“ des geschätzten Edvard Munch und einer dunkel klingenden, am Ausdruckswert orientierten Farbigkeit vertrat sie innerhalb der Neuen Künstlervereinigung München eine dezidiert symbolhafte Malerei und besetzte damit eine besondere Position der Darstellung „inneren Erlebens“, wie sie von Kandinsky im Gründungszirkular der Gruppe gefordert wurde. Thema in vielen Bildern Werefkins ist die menschliche Existenz und ihr Ausgeliefertsein an unsichtbare Kräfte wie die Psyche oder das Schicksal. Die Einsamkeit der Figuren aber auch die expressiven Landschaften steigern den Eindruck von Werefkins Malerei. Daneben spielen auch Zirkus- und Bühnenszenen mit ausgesuchter, teils düsterer Farbigkeit und Figurenführung zentrale Rollen. Der mit dem Künstlerpaar befreundete Tänzer Alexander Sacharoff bot sich zu Tanzstudien in Werefkins Skizzenbüchern an.

Werefkin und der „Blaue Reiter“

Um 1910 befand sich Marianne von Werefkin am Zenit ihres Schaffens und stellte sich in „Selbstbildnis“ (1910, Lenbachhaus, München) mit blau-roten Augäpfeln und bunt schillernder Haut dar. Ähnlich kühn waren nur die Maler der „Fauves“ – Henri Matisse und André Derain – und in Deutschland „Die Brücke“-Künstler.

Den Sommer 1911 verbrachten Werefkin und Jawlensky an der Ostsee und hielten sich von Juli bis September in Prerow, Ahrenshoop und Zingst auf. Besonders Prerow auf dem Darß, jene der pommerschen Boddenlandschaft vorgelagerte Halbinsel mit ihrem lang gestreckten Sandstrand im oszillierenden Licht der Ostseeküste, faszinierte beide Künstler. Jawlensky begann hier, wie er in seinen Erinnerungen schrieb, „in starken, glühenden Farben, absolut nicht naturalistisch und stofflich“ zu malen. Damit folgte er dem Beispiel seiner Freundin und Lebensgefährtin.

Werefkin nahm Kontakt zu den Künstlerkolonien in Ahrenshoop und Zingst auf. Sie verwandelte die weiten Perspektiven auf dem Darß – jene der pommerschen Halbinsel vorgelagerte Boddenlandschaft mit ihren Sandstränden, Steilufern und dem trägen Prerower Strom – in Sinnbilder des höheren Mächten ausgelieferten menschlichen Lebens. Selbst in ihren wenigen völlig menschenleeren Landschaftsbildern teilt sich dieser Eindruck mit, auch durch den raffinierten Einsatz dunkel abgetönter Farben und einer magischen Leere der Komposition. Hier leuchtet im Hintergrund die kleine rote Kirche des Ortes, die auch Jawlensky in einem seiner Gemälde festgehalten hat.

Ende 1911 vollzogen Werefkin und Jawlensky zunächst den Austritt aus der „NKVM“ und die Gründung des „Blauen Reiter“ nicht mit, waren jedoch in den folgenden Jahren an Ausstellungstourneen beteiligt.

Schweiz

Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs am 1. August 1914 mussten Werefkin, Jawlensky, Helene Nesnakomoff und deren gemeinsamer Sohn Andreas aus Deutschland fliehen. Noch vor der Oktoberrevolution in Russland verlor Marianne von Werefkin große Teile ihres Vermögens. Sie mieteten sich zunächst eine kleine Wohnung in St. Prex am Genfer See ein. Anfangs hatte sie so große finanzielle Schwierigkeiten, dass sie sich kaum Pinsel und Malkartons beschaffen konnten. Werefkin schrieb dazu an den Berliner Galeristen Herwarth Walden im Mai 1915:

„Sie können sich vorstellen wie traurig es um unsere Kunst steht und wie Hilfe hier nötig ist. [....] Dass wir Monate und Monate ohne Sachen und ohne Malmaterial leben mussten. Es war zum Verzweifeln.“

1917 zogen sie nach Zürich, ab 1918 in Ascona. Kurz nach Ende des Ersten Weltkriegs konnte Marianne von Werefkin an die Schweizer und internationale Kunstszene anschließen: Sie war im Sommer 1919 mit Werken auf der Ausstellung „Maler von Ascona“ im Kunstsalon Wolfsberg in Zürich und 1920 auf der XII. Biennale von Venedig vertreten.

In Ascona kam es 1922 zur endgültigen Trennung von Werefkin und Jawlensky. Dieser zog, nachdem er Werefkin in einem Brief von der Trennung informiert hatte, mit seiner Familie nach Wiesbaden, während Werefkin bis zu ihrem Tod am 6. Februar 1938 in Ascona lebte und arbeitete. Der letzte direkte Kontakt zwischen den beiden Künstlern fand 1925 statt, als sie das gemeinsam erworbene Gemälde Vincent van Goghs verkauften und sich ihre jeweiligen Anteile auszahlen ließen. In ihr Tagebuch schrieb die Malerin über das Verlassenwerden 1922:

„Von nun an beginnt für mich ein neues Leben.“

Da Marianne von Werefkin ihre Werke selten datierte, wurden die Bilder anhand von Skizzen- und Tagebuchaufzeichnungen datiert. Zeitlebens arbeitete Werefkin figurativ, wobei sie sich durch die Wahl narrativer Themen stets von ihren Kollegen absetzte. So zeigen ihre Kompositionen eine Nähe zum Symbolismus und häufig auch christliche Motive. Sie lebte als staatenlose russische Exilantin unter prekären Verhältnissen, auch wenn sie künstlerisch und sozial in die Gemeinschaft in Ascona (Monte Verità) integriert war. Von den zahlreichen jüngeren Künstlerinnen und Künstlern, die sie um sich scharte, wurde sie ‚Nonna di Ascona‘ genannt.

Literatur über Marianne von Werefkin

  • Lebensmenschen. Alexej von Jawlensky und Marianne von Werefkin, hg. v. Roman Zieglgansberger, Annegret Hoberg und Matthias Mühling für die Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München und das Museum Wiesbaden (Ausst.-Kat. Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, 22.102019–16.2.2020; Museum Wiesbaden – Hessisches Landesmuseum für Kunst und Natur, 13.3.–12.7.2020; Museo Comunale d‘Arte Moderna Ascona, 2.8.– 8.11.2020), München 2019.
  • Bernd Fäthke, Marianna Werefkin. Vita e opere, München 1988.

Beiträge zu Marianne von Werefkin

24. August 2019
Marianne von Werefkin, In die Nacht hinein, Detail, 1910, Tempera, Mischtechnik auf Papier und Karton, 74 x 101 cm (Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, Foto: Lenbachhaus)

Wiesbaden | Museum Wiesbaden: Alexej von Jawlensky und Marianne von Werefkin „Lebensmenschen“ zwischen Kunst und Liebe

Alexej von Jawlensky (1864–1941) und Marianne von Werefkin (1860–1938) sind in den Kanon der Kunstgeschichte als eines der wegweisenden Künstlerpaare der Avantgarde eingegangen. Im Frühjahr 2020 widmet das Museum Wiesbaden den beiden Mitbegründern der Neuen Künstlervereinigung München - aus der der Blaue Reiter erwuchs - eine gemeinsame Sonderausstellung. Die Ausstellung zeigt, wie Jawlensky in seiner Malerei und Werefkin in Theorie und Malerei die Moderne prägten.
3. April 2019
August Macke, Frauen im Park (mit weißem Schirm), Detail, 1913 (© Stiftung Renate und Friedrich Johenning Foto Linda Inconi–Jansen)

Leopold Museum: Deutscher Expressionismus Die Sammlungen Braglia und Johenning zu Gast in Wien

Ca. 130 Werke aus der Schweizer Sammlung Braglia und der deutschen Sammlung Johenning werden erstmals in Wien präsentiert: mit Nolde, Klee, Marc, Kandinsky, Jawlensky, Werefkin, Macke.
31. März 2019
Marianne von Werefkin, In die Nacht hinein, Detail, 1910, Tempera, Mischtechnik auf Papier und Karton, 74 x 101 cm (Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, Foto: Lenbachhaus)

München | Lenbachhaus: Alexej von Jawlensky und Marianne von Werefkin Lebensmenschen in München

Alexej von Jawlensky (1864–1941) und Marianne von Werefkin (1860–1938) sind in den Kanon der Kunstgeschichte als eines der wegweisenden Künstlerpaare der Avantgarde eingegangen. Erstmals widmet das Lenbachhaus den beiden Mitbegründern der Neuen Künstlervereinigung München - aus der der Blaue Reiter erwuchs - eine gemeinsame Sonderausstellung. Im Herbst/Winter 2019/20 zeigt das Münchner Museum, wie Jawlensky in seiner Malerei und Werefkin in Theorie und Malerei die Moderne prägten.
8. Oktober 2015
Karl Schmidt-Rottluff, Boote am Wasser (Boote im Hafen), 1913 © Courtesy of Osthaus Museum Hagen & Institut für Kulturaustausch, Tübingen.

Farbenrausch. Werke des deutschen Expressionismus Einführung in Malerei und Druckgrafik

Die Ausstellung „Farbenrausch. Meisterwerke des deutschen Expressionismus“ (Leopold Museum) bzw. „Radikal subjektiv“ (Barlach Haus Hamburg) präsentiert Gemälde, Zeichnungen und Druckgrafiken aus dem Karl Ernst Osthaus Museum in Hagen/Deutschland. Das Karl Ernst Osthaus Museum in Hagen bezieht sich in seiner Gründungsidee auf den gleichnamigen Sammler und Unterstützer der Moderne und Begründe des Folkwang Museums. Nachdem Karl Ernst Osthaus 1921 verstorben war, verkauften seine Erben Sammlung und Namen jedoch nach Essen. Der Verlust traf die Bürger der Stadt tief: Ab 1927 bauten sie eine neue Museumssammlung auf und gründeten dazu den Karl Ernst Osthaus Bund. Die zeitgenössische Multimedia Installation von Virgil Widrich am Beginn der Wiener Schau berauscht sich an den Farben der expressionistischen Werke.
10. Februar 2014
Wassily Kandinsky, Murnau, 1908, Ö auf Karton, Merzbacher Kunststiftung.

Expressionismus in Deutschland und Frankreich Was die deutschen Künstlern von ihren französischen Kollegen lernten

Bereits am Cover des umfassenden Katalogs wird deutlich, dass Timothy O. Benson, Kurator am LACMA und Organisator dieser Wanderausstellung, den deutsch-französischen Kunstaustausch über die Farbe definiert. Denn was der Begriff „Expressionismus“ genau beschreibt, das wussten bereits die Zeitgenossen nicht. Von Alfred Döblin bis Oskar Kokoschka reichen die Kommentatoren einer Kunstrichtung , die sich über Innerlichkeit, Mystik, Farbexperimenten und Farbexplosionen (bis ins Unrealistische), dynamischem Pinselduktus, Musikalität, Kubismus-Rezeption, Primitivismus (vom „nordischen“ Nolde, der ägyptisierenden Modersohn-Becker bis zur Rezeption afrikanischer Plastik durch die Fauves und die Brücke Künstler) u.v.m. als neu und zeitgemäß definierte.
17. März 2011
Wassily Kandinsky, Entwurf zu „Improvisation 30 (Kanonen)“, 1913, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München.

Der Blaue Reiter Ein Tanz in Farben aus dem Lenbachhaus und der Albertina

München 1912: Die Ausstellung „Schwarz-Weiss“ der Künstlervereinigung „Blauer Reiter“ erregt die Gemüter der Bayern. Vor der Buch- und Kunsthandlung von Hans Goltz sammeln sich immer wieder Menschentrauben, um die moderne Kunst in den Auslagen mit wütenden Protesten und Beschimpfungen zu kommentieren.