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Mit Mirosław Bałka auf Spurensuche Existentielle Themen im Museum Morsbroich

Mirosław Bałka, 48 x 24 x 21, 2017, Terrazzo, Stahl, Plastik, 48 x 24 x 21 cm (Courtesy der Künstler und Galleria Raffaella Cortese, Mailand)

Mirosław Bałka, 48 x 24 x 21, 2017, Terrazzo, Stahl, Plastik, 48 x 24 x 21 cm (Courtesy der Künstler und Galleria Raffaella Cortese, Mailand)

Mirosław Bałka (*1958 in Warschau) setzt sich in „Die Spuren“ im Museum Morsbroich intensiv mit den historischen Ereignissen im Europa des 20. Jahrhunderts auseinander, insbesondere nimmt er die Gräueltaten des Holocaust in den Blick. Bałkas feine, präzise künstlerische Setzungen initiieren beim Publikum Aufarbeitungsprozesse. Sie erzeugen in ihrer Simplizität ein investigatives Interesse, die Auflösung lässt den Atem stocken. Das Museum Morsbroich lädt in seinen spätbarocken Räumlichkeiten zur erinnerungskulturellen Spurensuche ein. Die subtilen, reduzierten Arbeiten, welche die Leere, das Abwesende thematisieren, sorgen – selbst bei Sonnenschein – für Gänsehaut.

„Ein semiotisches Abenteuer“

Kuratorin Stefanie Kreuzer spricht von einem „semiotischen Abenteuer“, auf das man sich bei Bałka einlässt. Es gilt, genau hinzusehen. Jede Kleinigkeit – und wenn es nur ein winzig kleines Häufchen Asche ist oder ein kleiner Bleistiftstrich auf der Höhe von exakt 162,5 cm. Alles hat bei Bałka Bedeutung: Material, Form, Größe, Geruch, Töne, Worte, ja sogar die Temperatur. Alles ist überlegt und bewusst gewählt. Nichts wird dem Zufall überlassen. Der Ausstellungsbesuch mündet in einer Erfahrung, in der man seine Sinne und die Wahrnehmung schärft und lernt, genau hinzusehen, hinzuhören und zu fühlen.

Die in Größe und Materialität bescheidenen Objekte, die im Kontrast stehen zu dem prunkvollen Gebäude mit seinem luxuriösen Ambiente, unterstützen den Besucher und die Besucherin bei dem detektivischen Unterfangen. Entlang der Enfilade in der Beletage ist man zunächst mit der scheinbaren Leere der Ausstellungsräume konfrontiert. Die Architektur ist dermaßen bestimmend für die Wirkung, dass man sich zuerst mit ihr befassen muss. In einem nächsten Schritt, entdeckt man die feinen Spuren des Künstlers im Raum und beginnt sich mit diesen zu beschäftigen.

 

 

Das Leben am seidenen Faden

Am Ende der Enfilade erreicht man ein großes Zimmer, in dem zentral fünf zarte Fäden in einer Reihe aufgehängt und ein Rastersystem mit Bleistift an die Wand gezeichnet sind. Die verschiedenfarbigen Baumwollfäden mit dem Titel „Kategorien. Tragbar (2015)“ werden beim Herantreten durch den Luftzug des eigenen Körpers in Bewegung gesetzt. Die verschiedenen Farben der Fäden verweisen auf das farbliche Kategorisierungssystem der Insassen in den Konzentrationslagern: rot für politisch Verfolgte, grün für Kriminelle, schwarz für Roma und „assoziale Elemente“, violett für die Zeugen Jehovas und rosa für Homosexuelle. Die Arbeit lässt sich als Verbildlichung dessen lesen, wie es sich anfühlt, wenn das Leben am seidenen Faden hängt und jeder noch so feine Windstoß über das Schicksal entscheidet.

 

„Modulor/AF/1944“

So lautet der Titel der Wandzeichnung, welche sich im selben Raum befindet, ein mit Bleistift gezeichnetes Rastersystem. Im Titel sind gleich drei Hinweise zur Lösung des semiotischen Rätsels gegeben. Wie nun soll der Museumsbesucher resp. die Besucherin mit diesem Hinweis umgehen? Ist diese reduzierte Angabe ohne Kunstvermittlung überhaupt auflösbar? Im digitalen Zeitalter greift man zunächst beinahe automatisch zum Smartphone und gibt den ersten Begriff in die Suchmaschine seines Vertrauens ein. Man gelangt so sehr schnell zu Le Corbusiers „Le Modulor“, ein Proportionssystem, das den menschlichen Körper und seine Maße als mathematische Referenz für Architektur heranzieht – kurzum eine moderne Variante von Vitruvs Proportionstheorie. Weiterführende Recherche ergibt, dass Le Corbusier ab 1944 dieses System entwickelte. Dass die Zeichnung nicht genau den Maßen Le Corbusiers entspricht, sondern jenen des Künstlers, der mit 190 cm etwas größer als die laut Le Corbusier ideale Körpergröße von 183 cm ist, ist erklärbar. Die Methode, dass Bałka die Maße seines eigenen Körpers in seinen Arbeiten inkludiert und diese auch in seinen Titeln verwendet, ist anhand von weiteren Beispielen in der Ausstellung belegt. Der Körper des Künstlers als Referenzsystem bleibt damit stets präsent.

Was hat es mit den Initialen AF auf sich? Einen weiteren Hinweis erhält man wiederum durch genaues Hinsehen und zwar ist auf der Höhe von exakt 162,5 cm ein feiner horizontaler Strich zu entdecken. Er erinnert an die Tradition, das Größerwerden von Kindern zu dokumentieren. Wenn man diese beiden Informationen miteinander verbindet, ergibt das ein Kind im Wachstum mit den Initialen AF. Damit ist man des Rätsels Lösung einen Schritt näherkommen: der Hinweis bezieht sich auf Anne Frank. Die Größe des Mädchens ist mit 162,5 cm dokumentiert. Ihr Vater hat im Verstreck der Familie im Hinterhaus in der Prinsengracht 263 in Amsterdam 1944 so einen Strich hinterlassen.

 

 

Abwesendes mit allen Sinnen erleben

Doch nicht nur die Augen werden geschärft, auch alle anderen Sinne werden stimuliert und in den Nachforschungsprozess miteingebunden. So werden im Eckzimmer im Obergeschoss, in dem sich zentral ein Betonzylinder mit dreieckiger Öffnung befindet, männliche deutsche Vornamen über ein Megaphon verlesen: „... Johannes, Karl, Hans, Josef, Klaus, Paul, Heinz, Hans, ...“. Die Soundarbeit trägt den Titel „Gottbegnadeten-Liste“ (2014) und referiert auf eine Liste von deutschen Künstlern, welche von den Nationalsozialisten geschätzt und propagandistisch instrumentalisiert wurden und daher nicht zur Wehrmacht einrücken mussten.

Nähert man sich dem Betonzylinder, so ist leises Plätschern zu vernehmen. Der Blick durch die dreieckige Öffnung verrät, dass dieser mit Flüssigkeit gefüllt ist, während einem die Nase sagt, dass es sich dabei um Alkohol handeln muss. Dass Drogen und Alkohol zum Alltag in der Wehrmacht zählten, ist weitläufig bekannt. In Kombination ergibt sich eine Thematisierung von Zwang und Befreiung: jene, die vom Wehrdienst befreit waren und jene, die zwangseinrücken mussten und im Alkohol zumindest vorübergehend Befreiung oder Stimulanz suchten.

 

 

Körpertemperatur als formales Mittel

Im leeren Durchgangszimmer gilt es auf Tuchfühlung mit der Wand zu gehen. Mit den Händen begibt man sich auf die Suche nach etwas. Was ist anfangs unklar. Wenn man schließlich merkt, dass an manchen Stellen Wärme spürbar ist, fühlt sich das Gebäude plötzlich wie ein organischer Organismus an. Es ist, als ob man den Herzschlag des Gebäudes entdeckt, und man durch die Berührung in einen persönlichen Kontakt mit diesem Organismus tritt.

In einer zweiten Arbeit kommt die Körpertemperatur zum Einsatz. Für „41 x 31 x 1, 190 x 60 x 54“ von 1992 wurde ein Loch mit genau jenen Maßen von 190 x 60 x 54 cm, welche sich wiederum auf die Körpermaße des Künstlers beziehen, im Garten des Museums Morsbroich gegraben. Die dabei ausgehobene Erde wurde in einen Stahlbehälter mit gleicher Größe in der Ausstellung aufgestellt und mit einer Heizdecke von 37 Grad Celsius – Körpertemperatur – bedeckt. Abermals ist der Besucher in der Situation, sich mit dem Ort als Organismus auseinanderzusetzen. In beiden Fällen wird es persönlich. Obwohl es nur über eine bestimmte Temperatur angedeutet ist, so ist doch ein Körper anwesend. Man kann seine Wärme spüren. Unweigerlich wird man erinnert an die Worte: „Aus der Erde sind wir genommen, zur Erde sollen wir wieder werden.“

 

Spurensuche einmal ernsthaft

Zu Zeiten in denen Krimiserien à la CSI das Fernsehprogramm dominieren, und „Exit the room“ zum urbanen Massenentertainment geworden ist, ist es an der Zeit, sich wieder einmal ernsthaft mit einem wichtigen, wenn auch unsäglichen Teil unserer europäischen Geschichte auseinanderzusetzen. Die Ausstellung von Mirosław Bałka im Museum Morsbroich ist in diesem Sinne ein Paradebeispiel für einen zeitgenössischen Umgang mit Erinnerungskultur und sollte eigentlich zum Pflichtprogramm für alle Schulklassen der Region gehören. Eine bessere Methode, um Menschen jeglichen Alters zeitgenössische Kunst und diese höchst problematische Epoche näher zu bringen, gibt es nicht.

Kuratiert von Stefanie Kreuzer

 

„Mirosław Bałka. Die Spuren“ ist der letzte Teil einer Ausstellungstriologie, deren ersten Teil „Nerve. Construction“ 2015 im Museum of Art in Lodz, Polen gezeigt wurde. Im Frühling 2017 folgte „CROSSOVER/S“ im Hangar Bicocca in Mailand. Im Museum Morsbroich in Leverkusen findet die Reihe ihren Abschluss. Ein Ausstellungskatalog wird demnächst erscheinen.

Aktuell ist Mirosław Bałka auch in der Ausstellung Naturgeschichten. Spuren des Politischen im mumok, Wien, vertreten.

 

Biografie von Mirosław Bałka (* 1958)

1958 geboren in Warschau, Polen
1985 Diplom an der Akademie der Bildenden Künste Warschau
1986–1989 Mitglied der Gruppe Consciousnes Neue Bieriemiennost
1991 Preisträger des Mies van der Rohe-Stipendiums der Kunstmuseen Krefeld
seit 2010 Mitglied der Akademie der Künste, Berlin
seit 2011 Leiter des Studios für Räumliche Aktivitäten der Medien-Abteilung der Akademie der Bildenden Künste Warschau
Mirosław Bałka lebt und arbeitet in Warschau und Otwock

 

Teilnahme an internationalen Kunstausstellungen

  • Venedig Biennale 2013, 2005, 2003, 1993, 1990
  • documenta IX, Kassel 1992
  • Carnegie International, Pittsburgh 1995
  • Biennale von São Paulo 1998
  • Liverpool Biennial 1999
  • Biennale of Sydney 1992, 2006
  • Santa Fe Biennial 2006

 

Mirosław Bałka. Die Spuren: Bilder

  • Mirosław Bałka, 50 x 50 x 91 (pain relief), 1991, Beton, 3 Aspirintabletten, 50 x 50 x 91 cm (Courtesy der Künstler und Galleria Raffaella Cortese, Mailand)
  • Mirosław Bałka, 127 x 10 x 10, 1993/2015, Seife, Stahl, 127 x 10 x 10 cm (Courtesy der Künstler und Dvir Gallery, Tel Aviv und Brüssel)
  • Mirosław Bałka, 250 x 200 x 19, 2 x (60 x 40 x 14), 2001, Teppich, Salz, MDF, Plexiglas und Licht Teppich: 250 x 200 x 19 cm; Lampen: je 60 x 40 x 14 cm (Courtesy der Künstler und Gladstone Gallery, New York und Brüssel)
  • Mirosław Bałka, Gottbegnadeten-Liste, 2014, Ton, Aufnahme vom 12. Oktober 2014, 8:12 Min. (Tondatei) (Courtesy der Künstler und Dvir Gallery, Tel Aviv und Brüssel)
  • Mirosław Bałka, Kategorien. Tragbar, 2015, Stahl, elektrische Maschinen, Baumwollfäden, 330 x 380 x 10 cm (Courtesy der Künstler)
  • Mirosław Bałka, 48 x 24 x 21, 2017, Terrazzo, Stahl, Plastik, 48 x 24 x 21 cm (Courtesy der Künstler und Galleria Raffaella Cortese, Mailand)
Nora Höglinger
* 1987 in Rohrbach/OÖ, Studium der Kunstgeschichte und Theater-, Film- und Medienwissenschaft in Wien und Paris. Seit 2009 im Bereich der zeitgenössischen Kunst tätig, u.a. für die Galerie Hubert Winter, die Sammlung Verbund und Kunst im öffentlichen Raum Wien. Seit 2017 bei der Stiftung Kunstfonds in Bonn, lebt und arbeitet als freie Autorin in Köln.