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mumok: Vertigo. Op Art und eine Geschichte des Schwindels 1520–1970 Die Welt als Labyrinth von Manierismus bis Neoavantgarde

Richard Anuszkiewicz, Untitled, 1961

Richard Anuszkiewicz, Untitled, 1961

Unter den bahnbrechenden Kunstströmungen der 1960er Jahre wurden der Op Art und der kinetischen Kunst bislang die geringste Aufmerksamkeit zuteil. Häufig wurden sie als zu spektakulär und daher oberflächlich deklassiert. Zu Unrecht, denn Op Art und kinetische Kunst schärfen das Bewusstsein für die Ambivalenz der Wirklichkeit. Sie führen buchstäblich vor Augen, dass die Wahrnehmung nicht objektiv, sondern von volatilen Parametern wie Kontext und Betrachter_in abhängig ist – mit allen erkenntnistheoretischen Konsequenzen.

Die Ausstellung „Vertigo. Op Art und eine Geschichte des Schwindels 1520–1970“ eröffnet ein Vexierspiel der Sinne, das von Tafelbildern, Reliefs und Objekten über installative Arbeiten und Erfahrungsräume bis hin zu Film und computergenerierter bzw. -gesteuerter Kunst ein breites Spektrum an künstlerischen Arbeiten umfasst. Für den Ausstellungstitel stand Alfred Hitchcocks berühmter Film aus dem Jahr 1958 Pate, operierte doch Hitchcock – und das tut die Ausstellung ebenfalls – mit dem doppelten Wortsinn des Begriffs Vertigo/Schwindel als physisches Phänomen und als sinnliche sowie inhaltliche Täuschung. Legendär ist die als „Vertigo-Effekt“ in die Filmgeschichte eingegangene Kameraführung, die den Blick in den Abgrund als spektakulär destabilisierende, spiralförmige Sogwirkung inszeniert, die nicht nur bei der Filmfigur Scottie physische Reaktionen auslöst, sondern auch bei den Zuseher_innen. Ebenfalls legendär wurde der Vorspann zu diesem Film mit seiner Totalen auf ein Auge, in dem sich eine Spirale zu drehen beginnt, die schließlich in ein abstraktes Spiel unendlich anmutender Spiralbewegungen übergeht. Der Vorspann stammt von dem Designer Saul Bass sowie dem Animationskünstler John Whitney, einem Pionier des abstrakten Films und der Animationstechnik, dessen künstlerische Werke auch Teil der Ausstellung sind.

Werke der Op Art richten sich keineswegs nur an den Sehsinn, sondern vermitteln Erfahrungen, die den gesamten Körper affizieren. Nicht von ungefähr betitelt Bridget Riley Bilder mit Begriffen, die physische Erfahrungen oder Zustände benennen, beispielsweise „Blaze“, „Static“, „Cateract“, „Hesitate“ oder „Climax“. Peter Kubelka und Tony Conrad wiederum setzen mit ihren Flickerfilmen die Betrachter_innen der Gefahr epileptischer Anfälle aus. Um die intendierten Wirkungen herbeizuführen, verlangen Op Art und kinetische Kunst zudem die Bewegung des Betrachters vor dem Werk, beziehungsweise in Relation zu diesem.

Eine theoretische Fundierung findet dieser Ansatz unter anderem bei Umberto Eco, der in seinem Buch „Opera Aperta“ (1962) die Betrachter_innen als aktive Teilnehmer_innen an der Konstituierung der Werke – ja sogar als notwendige Bedingung für deren Vollendung – erkannte. Mit dieser Überlegung sollten Eco als Denker sowie die Op Art als künstlerische Bewegung zu frühen Protagonisten der partizipativen Kunst der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts werden. Bezeichnenderweise wird Umberto Eco mit seinem ebenfalls 1962 erschienenen Text „Arte programmata“ auch zu einem frühen Theoretiker der Op Art.

Formal betrachtet sind die überwiegend mit geometrischem Vokabular operierenden Werke Teil der das 20. Jahrhundert durchziehenden Tradition abstrakt-konkreter Kunst, zu der auch die in den 1960er-Jahren (und damit zeitlich später als die Op Art) auf den Plan tretende Minimal Art zählt. Von dieser unterscheiden sich die Werke der Op Art allerdings durch ihr prononciertes Verlassen der Komfortzone des harmonischen Maßes zugunsten heftiger Effekte, Verzerrungen und anderer Formen sensorischer Überforderung wie optische Täuschungen, illusionistische Irritationen und Nachbilder.

Sie ist somit dem Prinzip des Anti-Klassischen verpflichtet, weswegen die Op Art in „Vertigo“ als ein Manierismus der konkreten Kunst begriffen wird. In diesem Sinne werden anhand von präzise ausgewählten Referenzwerken Bezüge zu Beispielen anti-klassischer Kunst des 16. bis 18. Jahrhunderts sowie zu Vorläuferpositionen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hergestellt. Diese veranschaulichen, dass sich die Auseinandersetzung mit vibrierenden Mustern, pulsierenden, flüchtigen Nachbildern, paradoxen Raumillusionen, Anamorphosen, Moiré- und Umspringeffekten ebenso wie andere Methoden optischer Täuschung, aber auch körperlicher Affizierung bereits in früheren Epochen jeweils als Gegenpole zu Konzepten einer „Klassik“ findet.

Das Ausstellungsdisplay in Form eines Labyrinths, ein im Manierismus, aber auch in der Op Art wiederholt verwendeter Topos, greift das Spiel der Täuschungen und Sinnesverwirrungen auf. Die Ausstellung wurde vom mumok initiiert und wird in Kooperation mit dem Kunstmuseum Stuttgart realisiert, wo sie Ende 2019 gezeigt wird. Vertigo. „Op Art und eine Geschichte des Schwindels 1520–1970“ wird von der Art Mentor Foundation Lucerne großzügig unterstützt. Zur Ausstellung erscheint ein umfangreicher Katalog.

 

Ausgestellte Künstlerinnen und Künstler

Marc Adrian (→ Op-Art und Konkrete Kunst in Wien ), Getulio Alviani, Richard Anuszkiewicz, Marina Apollonio, Giuseppe Galli-Bibiena, Alberto Biasi, David Bomberg, Vladimir Bonačič, Davide Boriani, Gianni Colombo, Toni Costa, Carlos Cruz-Diez, Marcel Duchamp, Gerhard von Graevenitz, Matthias Grünewald, GRAV, Gruppo T, Gruppo N, Erika Giovanna Klien, Peter Kubelka, Heinz Mack, Enzo Mari, Almir Mavignier, Claude Mellan, László Moholy-Nagy, François Morellet, Lev Nusberg, Julio le Parc, Helga Philipp, Ivan Picej, Giovanni Battista Piranesi, Vjenceslav Richter, Bridget Riley, Dieter Roth, Nicolas Schoeffer, Robert Smithson, Raphael Soto, Aleksandar Srnec, Abbott Henderson Thayer, James Turrell, Grazia Varisco, Victor Vasarely, Simon Vouet, Edward Wadsworth, John und James Whitney.

Kuratiert von Eva Badura-Triska und Markus Wörgötter

 

Bilder

  • Richard Anuszkiewicz, Convex & Concave, 1966 (Privatsammlung, Mailand)
Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.