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Paris | Fondation Cartier: Bäume Bäumen eine Stimme geben

NOUS, LES ARBRES in der Fondation Cartier pour l’art contemporain, 2019

NOUS, LES ARBRES in der Fondation Cartier pour l’art contemporain, 2019

Den etwa drei Trillionen Bäumen der Welt eine Stimme zu verleihen, ist das erklärte und erreichte Ziel der Ausstellung „Nous, les arbres [Wir, die Bäume]“ in der Fondation Cartier pour l’art contemporain. Vor 475 Millionen Jahren verließen die Pflanzen das Wasser und kolonialisierten das Land. Die ältesten Baum-Fossilien können immerhin auf ein Alter von 385 Millionen Jahren datiert werden! Jüngste wissenschaftliche Forschungen beschreiben Bäume als die ältesten Mitglieder der Gemeinschaft der Lebenden und konnten eine wahre „pflanzliche Intelligenz“ aufdecken.

Die Ausstellung „Nous les arbres“ verbindet die Arbeit von Künstlern, Botanikern und Philosophen, die von der engen Verbindung der Menschheit mit dem Baum zeugen. Begleitet von Zeichnungen, Malereien, Filmen, Fotografien und Kunstwerken aus der ganzen Welt bieten sie einen neuen Blick auf Umwelt- und Beziehungsfragen.

„Ich frage mich, ob unsere anfängliche Beziehung zu Bäumen nicht eher ästhetisch als wissenschaftlich ist. Wenn wir auf einen schönen Baum stoßen, ist das etwas Außergewöhnliches.“ (Francis Hallé)

 

 

Bäume in der Fondation Cartier, Paris

Ausgangspunkt für die Ausstellung in der Fondation Cartier ist die enge Verbindung des Menschen mit dem Baum. Dies wird bereits im ersten Raum (Grande Salle) deutlich, den der brasilianische Künstler Luiz Zerbini rund um die Installation „Natureza Espiritual da Realidade“ (2002–2019), ein Tischherbarium, organisiert. Die Sammlung von Produkten des Waldes – Blätter, Pflanzen, Steine, Kokosnuss, Fruchtschalen bis zu Muscheln – ist rund um einen Baum arrangiert. Seine im Raum freischwebend installierten Gemälde verbinden die reiche Vegetation Südamerikas mit Symbolen der brasilianischen Moderne (Abstraktion, Farben). Dabei wird er mehr von ästhetischen Entscheidungen gelenkt als von der Wissenschaft. Zerbini erschafft Landschaften, wo Bäume aus tropischen Gärten und die städtischen Moderne aufeinandertreffen und eine natürlich-abstrakte Umwelt bilden.

Zudem greift Zerbini auf das Wissen der indigenen Völker zurück, leben die doch seit Jahrhunderten in den Urwäldern am Amazonas: der Nivaclé und Guaraní aus Gran Chaco, Paraguay, wie der Yanomami Indianer. In ihren Zeichnungen dokumentieren sie Tier- und Pflanzenwelt, die für ihre Ernährung, Medizin und schamanistischen Rituale von Bedeutung aber auch die Wohnorte der gefährlichen Geister sind.

In der Petite Salle stellen vier Künstler – Fabrice Hyber, Raymond Depardon und Claudine Nougaret, Afonso Tostes und Ex-Voto – aus. Der Künstler und „Baumpflanzer“ Fabrice Hyber setzte 300.000 Bäume in seinem Tal in Vendée. Seine Gemälde zeigen eine poetische und persönliche Beobachtung der Pflanzenwelt, darunter Fragen zu den Prinzipien des Wurzelwachstums, Energie und Mutation, Bewegung und Metamorphose. Diese führt er in der Fondation Cartier in teils großformatigen Gemälden zusammen, in denen er skizzenhafte Darstellungen mit Worten und geometrischen Abstraktionen verbindet.

 

 

Raymond Depardons und Claudine Nougarets Film „Mon Arbre“ handelt u.a. von einer Platane, einem Walnussbaum, einer immergrünen Eiche, einer Pinie, einer Libanesischen Zeder, einen Erdbeerbaum, einen Tulpenbaum, einer Zeder, die auf Plätzen Schatten spenden. Die Anwohner erzählen über die Bäume, mischen ihre Geschichte mit jener der Pflanzen und der Stadt. Wer beim Schauen des Films seinen Kopf nach links dreht sieht eine Wand voller Werkzeug, die „Trabalho“ (2019) von Afonso Tostes. Rechen, Hacken und Schaufeln, aber auch Sense, Säge und Axt entfalten plötzlich eine martialische Stimmung, einer mittelalterlichen Folterkammer gleich. Offensichtlich hat der Perspektivwechsel vom Objekt zum fühlenden Subjekt bei mir schon seine Wirkung gezeigt. Die spirituelle Ebene deutet die Installation „Ex-voto“ (um 1960–1980) an, die hölzerne Körperteile dicht aneinandergedrängt repräsentiert. Jedes Ex-voto zeigt einen Körperteil, der geheilt werden sollte oder bereits geheilt wurde.

 

 

Im Untergeschoss entfaltet die Kunstausstellung eine ästhetische Kraft, die absolut überzeugt! Der Schulterschluss von Wissenschaftlern und Künstlern führt zu einer Zusammenschau, in der sich die Achtung vor der Schönheit und majestätischen Größe der Bäume mit der Gefahr der Zerstörung verbindet. Der Reisebotaniker Francis Hallé zeigt seine Skizzenbücher, die voller Bewunderung für die Spezies Baum sind und dessen Zeichnungen, sein tiefgreifendes Wissen darüber vermitteln. Cesare Leonardi und Franca Stagi arbeiten gemeinsam an einer Typologie der Baumwelt, indem sie ihren Formen und Farbveränderungen analysieren. Ihr Corpus wird für die Bepflanzung von städtischen Parks eingesetzt. Die Regenwald-Fotografien von Cássio Vasconcellos schließen ästhetisch an Reiseberichte des 19. Jahrhunderts an. Gleich daneben analysiert Charles Gaines in zwei Acryl-Gemälden Bäume als abstrahierte und farbcodierte Verzweigungen. Johanna Calle stellt sie in Computergrafiken dar. Die starke Stilisierung und die Reduktion auf Schwarz-Weiß ihrer Grafiken lässt an die Ästhetik von Jugendstil-Holzschnitten (vor allem der Wiener Secession und der frühen „Brücke“-Künstler) denken.

 

Bäume, eine intelligente Spezies!

In der Biologie wurden Bäume lange Zeit unterschätzt, wie die Ausstellungsmacher betonen. In den letzten Jahren ließen wissenschaftliche Entdeckungen die ältesten Bewohner der Erde in einem neuen Licht erscheinen. Erstmals war es möglich, den Bäumen sensorische Fähigkeiten und Erinnerungspotential zuzuschreiben, wie auch die Kommunikation zwischen einzelnen Bäumen aber auch anderen Spezies wie Insekten nachzuweisen. Bäume sind, so die Forschung, mit unerwarteten Fähigkeiten ausgestattet, deren Entdeckung zur Annahme einer „Pflanzenintelligenz“ führte. Diese Intelligenz könnte die Antwort auf viele unserer Umweltprobleme liefern.

Lothar Baumgarten legte 1994 den Garten der Fondation Cartier als Arboretum an, in dem 24 verschiedene Baumarten wachsen. Rund um die bereits 1823 von Chateaubriand gepflanzte Libanesische Zeder ließ sich Jean Nouvel zu einer Architektur inspirieren, die Transparenz und Natürlichkeit miteinander verbindet. Das Innere mit dem Äußeren in Einklang zu bringen, gelang dem Architekten, indem er die Idee des Glashauses weiterentwickelte. Eine Glaswand hält den Straßenlärm ab, das Gebäude steht inmitten einer Waldeinsamkeit.

Zum Team gehört aber auch der Botaniker Stefano Mancuso, ein Pionier der Pflanzen-Neurobiologie und Advokat des Konzepts der Pflanzenintelligenz. Mancuso hat gemeinsam mit Thijs Biersteker eine Installation gebaut, die mit Hilfe von Sensoren Bäumen eine Stimme verleiht („Symbiosia“, 2019). Dadurch wird ihre Reaktion auf die Umwelt und Verschmutzung enthüllt, genauso wie die Photosynthese, Wurzelkommunikation und die Hypothese des Pflanzengedächtnisses gestützt. Mit geübtem Auge kann man inmitten ihrer natürlichen Vorbilder Giuseppe Penones bronzene Baumskulptur, „Biforcazione“ (1987–1992), entdecken.

 

 

Teilnehmende Künstlerinnen und Künstler

Efacio Álvarez, Herman Álvarez, Fernando Allen, Fredi Casco, Claudia Andujar, Eurides Asque Gómez, Thijs Biersteker, Jake Bryant, José Cabral, Johanna Calle, Jorge Carema, Alex Cerveny, Raymond Depardon, Claudine Nougaret, Diller Scofidio + Renfro, Mark Hansen, Laura Kurgan, Ben Rubin, Robert Gerard Pietrusko , Ehuana Yaira, Paz Encina, Charles Gaines, Francis Hallé, Fabrice Hyber, Joseca, Clemente Juliuz, Kalepi, Salim Karami, Mahmoud Khan, Angélica Klassen, Esteban Klassen, George Leary Love, Cesare Leonardi, Franca Stagi, Stefano Mancuso, Sebastián Mejía, Ógwa, Marcos Ortiz, Tony Oursler, Giuseppe Penone, Santídio Pereira, Nilson Pimenta, Osvaldo Pitoe, Miguel Rio Branco, Afonso Tostes, Agnès Varda, Adriana Varejão, Cássio Vasconcellos , Luiz Zerbini

Kuratiert von Bruce Albert, Hervé Chandès, Isabelle Gaudefroy
Kuratorische Assistentinnen: Hélène Kelmachter, Marie Perennes
Projectkoordinatorin: Juliette Lecorne

 

Bäume in Paris: Bilder

  • Luiz Zerbini, Lago Quadrado, 2010, Acrylic on canvas, 300 × 300 cm (Collection of Romero Pimenta, Nova Lima. © Luiz Zerbini. Photo © Eduardo Ortega)
  • Charles Gaines, Tree #2, Michael, series Tiergarten, 2018, Acrylic on paper, lacquer, and wood, 199 × 151 × 14,6 cm (Collection of Andrew Xue, Singapour. © Charles Gaines. Photo © Frederik Nilsen)
  • Francis Hallé, Sophora Japonica, Garden of the Fondation Cartier pour l’art contemporain, Paris, 2019, Ink and watercolor on paper, 42 × 30 cm (Created for the Fondation Cartier pour l’art contemporain. Collection of Francis Hallé, Montpellier. © Francis Hallé)
  • Johanna Calle, Sangregado, série Perímetros, 2014, Ausstellungsansicht Fondation Cartier 2019, Foto: Luc Boegly
  • NOUS, LES ARBRES in der Fondation Cartier pour l’art contemporain, 2019
  • Luiz Zerbini, Natureza Espiritual da Realidade, 2002–2019, Installationsansicht der-Fondation Cartier, Nous, Les Arbres 2019, Foto: Thibaut Voisin
  • Luiz Zerbini, Natureza Espiritual da Realidade, 2002–2019, Installationsansicht der-Fondation Cartier, Nous, Les Arbres 2019, Foto: Luc Boegly
  • Fabrice Hyber, , Installationsansicht der-Fondation Cartier, Nous, Les Arbres 2019, Foto: Luc Boegly

Aktuelle Ausstellungen

2. Dezember 2019
Sofonisba Anguissola, Porträt von Königin Anne von Österreich, Detail, 1573, Öl/Lw, 86 x 67,5 cm (Madrid, Museo Nacional del Prado)

Madrid | Prado: Sofonisba Anguissola und Lavinia Fontana Renaissance-Malerinnen aus Cremona und Bologna

Sofonisba Anguissola (um 1535–1625) und Lavinia Fontana (1552–1614) sind zwei der herausragendsten Malerinnen der Renaissance. Mit insgesamt 60 Werken präsentiert der Prado erstmals die wichtigsten Gemälde der beiden Spezialistinnen für Porträt und Historienmalerei.
14. November 2019
Max Pechstein, Tänzerin in einer Bar, 1923/31, Detail, Öl auf Leinwand, 90 x 90,5 cm (Privatbesitz © 2019 Pechstein – Hamburg/Tökendorf)

Tübingen | Kunsthalle Tübingen: Max Pechstein. Tanz! Bühne, Parkett und Manege im Werk Pechsteins

Tanz, Varieté und Zirkusdarstellungen im Werk von Max Pechstein werden erstmals auf ihre stilistische und inhaltliche Funktion untersucht: ausgehend von expressionistischen Tanzdarstellungen, über exotische rituelle Tänze aus Palau, Darstellungen von Gesellschaftstänzen der Goldenen 1920er Jahre, die Pechstein in Berlin erlebte, bis zu den Erinnerungen an Palau in seinem Spätwerk.
12. November 2019
El Greco, Aufnahme Mariens in den Himmel, Detail, 1577–1579, Öl/Lw, 403,2 x 211,8 cm (Chicago, The Art Institute of Chicago / Photo © Art Institute of Chicago)

Paris | Grand Palais: El Greco Spanischer Maler des Manierismus zum ersten Mal in Frankreich ausgestellt

Ziel der Ausstellung, die gemeinsam mit dem Louvre und dem Art Institute of Chicago entwickelt wird, ist, den Werdegang des Malers vorzustellen. Es lässt sich von einer beeindruckenden Wandlung des Malers an den Anfängen seiner Karriere sprechen, die ihn von der Ikone bis zu seiner künstlerischen Bindung an die venezianische und römische Renaissance-Malerei führte.
5. November 2019
William Turner, Peace - Burial at Sea, Detail, Exhibited 1842 (© Tate: Accepted by the nation as part of the Turner Bequest 1856. Foto © Tate, London 2018)

William Turner in Münster: erhabene Berge, pittoreskes Italien und das Meer Große Turner-Ausstellung 2019 in Deutschland

Nach 20 Jahren zeigt das LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster 2019 eine große Turner-Ausstellung in Deutschland. Der Romantiker veränderte das Landschaftsbild seiner Eopche radikal und beeinflusste damit maßgeblich die sich formierenden Impressionisten. Erhabene Berge, das pittoreske Italien und das Meer sind die Leitthemen der Schau.
25. Oktober 2019
Vincent van Gogh, Stillleben mit Zwiebel, Detail, 1889, Öl/Lw (Kröller-Müller Museum, Otterlo)

Museum Barberini: Van Gogh. Stillleben Reflexionen über den Alltag: Schuhe, Blumen und Theos Briefe

Von seinem ersten Gemälde bis zu den farbstarken Blumenbildern der späten Jahre hat Vincent van Gogh (1853–1890) immer wieder Stillleben gemalt. In diesem Genre konnte er malerische Mittel und Möglichkeiten erproben: von der Erfassung des Raums mit Licht und Schatten bis zum Experimentieren mit Farbe. Die erste Ausstellung zu diesem Thema analysiert anhand von über 20 Gemälden die entscheidenden Etappen im Werk und Leben van Goghs.
22. Oktober 2019
Leonardo, La belle Ferronnière, Detail, 1490–1495, Öl auf Holz, 62 x 44 cm (Paris, Musée du Louvre)

Louvre: Leonardo da Vinci Mona Lisa, Felsgrottenmadonna, Belle Ferronnière, Hl. Johannes der Täufer, Hl. Anna selbdritt

Der Louvre besitzt mit fünf Gemälden und 22 Zeichnungen die weltweit größte Sammlung von Leonardos Werken: die „Felsgrottenmadonna“ (erste Fassung), die „Belle Ferronnière“, die „Mona Lisa“, der „Hl. Johannes der Täufer“ und die „Hl. Anna selbdritt“. 2019 zeigt man sie im Kontext von Leonardos Zeitgenossen, Schülern und Nachfolgern.
Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.