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Paris | Musée Carnavalet: Régence in Paris Wiege der Aufklärung | 2023/24

Pierre-Denis Martin, Ludwig XV. verlässt am 12. September 1715 das Lit de justice im Parlament (Musée Carnavalet, Paris)

Pierre-Denis Martin, Ludwig XV. verlässt am 12. September 1715 das Lit de justice im Parlament (Musée Carnavalet, Paris)

Das Musée Carnavalet – Histoire de Paris präsentiert eine Ausstellung zur Régence (1715–1723). In dieser Phase kehrte der König und das politische, wirtschaftliche und kulturelle Leben nach Paris zurück. In den acht Jahren der Regentschaft von Philippe II. d'Orléans wurden die Grundlagen für Aufklärung und die Kunst des Rokoko gelegt.

Was ist die Régence?

Ludwig XIV. starb am 1. September 1715 in Versailles an den Folgen von Wundbrand – nach über 70 Regierungsjahren. Der Sonnenkönig hinterließ – vor allem aufgrund der Pfälzischen und Spanischen Erbfolgekriege – ein hochverschuldetes Frankreich und als Erbe ein fünf Jahre altes Kind, inthronisiert als König Ludwig XV. An seiner statt regiert Herzog Philippe II. d'Orléans (1674–1723): „Le Régent“ prägte die Herrschaft des unmündigen Königs maßgeblich, auch wenn der Herzog bereits am 2. September 1723 wieder verstarb. Die Ausstellung erinnert anlässlich der 300. Wiederkehr des Todestags des Regenten an jene Periode der französischen Geschichte, in der die Krone nach 33-jähriger Absenz wieder nach Paris zurückkehrte.

Im Jahr 1715 kehrten der Hof, die Regierung und die Verwaltung wieder nach Paris zurück, in die zweitgrößte Stadt Europas mit stark ansteigender Bevölkerung. Die Stadt, insbesondere das Palais-Royal als Residenz des Regenten, wurde zum Zentrum des politischen Lebens und der kulturellen Entwicklung.

John Law & Frankreichs erste Aktienblase

Die französische Wirtschafts- und Finanzwelt ging mit der Einführung des Papiergeldes durch den Schotten John Law völlig neue Wege, erlebte einen Aktienboom und musste den Staatsbankrott von 1720 verarbeiten.

Im Jahr 1716 durfte Law – erst einmal auf eigenes Risiko – die private Banque Générale gründen und Papiernoten herausgeben. Diese deckte Law mit Gold- und Silbermünzen sowie dem Versprechen, die Papiere jederzeit wieder gegen Hartgeld einzutauschen. Was seine Anleger nicht wussten: Law gab mehr Papiergeld aus, als er sichern konnte. Philippe II. d'Orléans war so begeistert von dem Konzept, dass er Steuern nur noch in Papiergeld eintreiben ließ.

Doch damit nicht genug: Law gründete 1717 die „Compagnie d’Occident“, ein Handelshaus, das bald als Mississippi-Kompanie bekannt wurde. Sie hatte die Nutzungsrechte für das „Ludwigsland“ Louisiana und damit für die Hälfte der heutigen Südstaaten der USA. Die Gründung von La Nouvelle-Orléans, das heutige New Orleans, erinnert an die ehemalige Kolonialmacht. Anleger:innen konnten Anleihen an den Kolonialgewinnen zeichnen. Law pokerte hoch und löste einen ersten Aktienrun in Paris aus. Als jedoch durchsickerte, dass das Land rund um den Mississippi wenig ertragreich war, war es schon zu spät. Die Spekulationsblase platzte Ende 1720. In kaum drei Jahren hatten die Pariser:innen gelernt, dass man über Nacht reich werden und die soziale Hierarchie (fast) auf den Kopf stellen konnte. Auch wenn der Regent sich schlussendlich von seinem Protegé distanzieren musste, war die „göttliche Ordnung“ als soziales Regime enttarnt.

Frühaufklärung

Es folgte auf den Tod von Ludwig XIV. aber auch eine Zeit intensiver Kulturförderung durch Regenten Philippe II. d‘Orleans, der sich persönlich mit philosophischen, wirtschaftlichen und künstlerischen Innovationen beschäftigte. Während der Régence entstand eine neue Freiheit der Kritik, die den Geist der Aufklärung verkörpert und im deutschen Sprachraum als Frühaufklärung bezeichnet wird. Die berühmtesten Schriftsteller, Künstler und Denker dieser Jahre waren: Voltaire, Pierre Carlet de Marivaux, Montesquieu – neben vielen weniger bekannten Persönlichkeiten.

Kunst des Régence

Antoine Watteau und Jean Baptiste Oudry zählen heute zu den bekanntesten Malern des Rokoko, das in der Phase der Régence seinen Anfang nahm. Pastellige Töne und pittoreske Szenen prägen die Bilder; Harmonie im gesellschaftlichen Umgang, bei Tanz und Musik galten den Künstlern als wichtiges Ziel.

Vielleicht wichtiger noch als die Malerei ist die Möbelkunst und die Innendekoration des Régence. Régence gilt als Übergangsstil zwischen dem massiv-wuchtigen Louis XIV-Stil und der rokokohaften Leichtigkeit der Louis XV-Periode. Königliche Hoftischler und Ebenisten prägten neue Möbelformen wie den Konsoltisch, der im 18. Jahrhundert europaweit kopiert und abgewandelt wurde. Dazu kamen noch der flache Bürotisch und der Toilette-Tisch für die noble Dame. Das gesellige Beisammensein im Salon ließ neue Sesselformen entstehen. Möbel weisen nun eine geschwungene Linie und exotische Hölzer aus den Kolonien auf. Einflüsse aus Fernost in Form von Chinoiserien, begleitete von bewegtem Laubwerk, Rosetten, Voluten, Arabesken und Espagnoletten (lachende Frauenköpfe) sind häufig anzutreffen.

Le Régence im Musée Carnavalet

Die kurze, aber fruchtbare Zeit des Régence wird im Musée Carnavalet anhand von thematischen Kapiteln beleuchtet, welche die Innovationen der Zeit und ihre historische Bedeutung vorstellt. Mehr als 200 Werke – Gemälde, Skulpturen, Grafiken, Dekorationen und Möbelstücke – aus öffentlichen und privaten Sammlungen geben einen Einblick in den kurzen Zeitraum des Régence. Die Veränderungen in der Gesellschaft zu einer Zeit, in der sich Paris als Kulturhauptstadt Frankreichs etablierte, waren jedoch tiefgreifend und nachhaltig, wie sich 1789 zeigen sollte.

Quelle: Musée Carnavalet, Paris

Bilder

  • Pierre-Denis Martin, Ludwig XV. verlässt am 12. September 1715 das Lit de justice im Parlament (Musée Carnavalet, Paris)
  • Louis de Boullogne, Ludwig XV. verleiht der Stadt Adelsbriefe, 1716 (Musée Carnavalet, Paris)
  • Konsoltisch mit Chimären, Paris, um 1720 (Musée Carnavalet, Paris)
  • Jean Baptiste Oudry, Schauspieler in einem Park, um 1719 (Musée Carnavalet, Paris)

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Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.