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Paris | Musée du Luxembourg: Pionierinnen. Künstlerinnen im Paris der 1920er Revolutionen in Kunst und Geschlechterbild | 2022

Tamara de Lempicka (© Tamara de Lempicka Estate, LLC / Adagp, Paris, 2021 / photo François Fernandez)

Tamara de Lempicka (© Tamara de Lempicka Estate, LLC / Adagp, Paris, 2021 / photo François Fernandez)

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden Künstlerinnen marginalisiert. Erst vor kurzem begann man, ihre Rolle in der Avantgarde zu erforschen: Tatsächlich ist zu erwarten, dass sich diese Bewegungen tiefgreifend verändern werden, wenn die Rolle dieser Frauen gebührend anerkannt wird. Die Ausstellung im Musée du Luxembourg lädt ein, sie in diese Kunstgeschichte der Moderne einzuschreiben: vom Fauvismus zur Abstrakten Kunst, darunter KubismusDadaismus und Surrealismus insbesondere, aber auch in die Welt der Architektur, des Tanzes, des Designs, der Literatur und Mode sowie der wissenschaftlichen Entdeckungen.

Künstlerinnen der Moderne – wider das Vergessen

Die vielen Umbrüche des frühen 20. Jahrhunderts brachten die Durchsetzung einiger großer Künstlerinnen. Nach der Russischen Revolution und dem Ersten Weltkrieg ließen sie sich nicht mehr in die traditionelle Rolle als Ehefrau und Mutter zurückdrängen, was die Infragestellung des patriarchalen Modells aus praktischen, politischen und soziologischen Gründen beschleunigte. Frauen gewannen an Macht und Sichtbarkeit; Künstlerinnen wurden Pionierinnen.

Ein Jahrhundert später ist es an der Zeit, sich an diesen außergewöhnlichen Moment in der Geschichte der Künstlerinnen zu erinnern. Die 1920er Jahre waren eine Zeit kultureller Turbulenzen. Und doch stehen die Roaring Twenties auch für Feiern, Ausgelassenheit, starkes Wirtschaftswachstum. Nun ist es an der Zeit zu hinterfragen, was wir heute „Geschlechterrollen“ nennen, und welche Erfindungen und gelebten Erfahrungen der „dritten Art“ es gab. Ein Jahrhundert vor der Popularisierung des Wortes „queer“, der Möglichkeit des Übergangs zwischen zwei Geschlechtern, hatten die Künstler:innen der 1920er Jahre diese Identitätsrevolution bereits geprägt.

Wirtschaftskrise, Aufstieg des Populismus, dann Zweiter Weltkrieg schränkten die Sichtbarkeit von Frauen ein, und ließendie Menschen diesen außergewöhnlichen Moment der 1920er Jahre vergessen lassen. Die Euphorie vor dem Sturm spielte sich vor allem in einigen Hauptstädten ab, in denen Paris eine zentrale Rolle spielte, genauer gesagt in den Vierteln Montparnasse und Montmartre.

Künstlerinnen im Paris der Goldenen Zwanziger Jahre

Die Ausstellung „Pionierinnen. Künstlerinnen im Paris der Goldenen Zwanziger“ präsentiert 45 Künstlerinnen aus den Gattungen Malerei, Bildhauerei, Film sowie neuen Techniken (Textilmalerei, Puppen und Marionetten). Berühmte Künstlerinnen wie Suzanne Valadon, Tamara de Lempicka, Marie Laurencin treffen auf vergessene Persönlichkeiten wie Mela Muter, Anton Prinner, Gerda Wegener. Diese Frauen kommen aus der ganzen Welt, auch aus anderen Kontinenten, wo manche dann die Idee der Moderne exportieren werden: wie Tarsila do Amaral in Brasilien, Amrita Sher-Gil in Indien oder Pan Yuliang in China.

Die Ausstellung will so reichhaltig sein wie die 1920er Jahre. Sie versammelt Künstlerinnen und Kunstfrauen, Amazonen, Mütter, Androgyne. Eine Auswahl von Filmen, Liedern, Partituren, Romanen und Zeitschriften erinnern an die großen Frauenfiguren aus Sport, Wissenschaft, Literatur und Mode.

Frauen an allen Fronten

Die Einleitung untersucht, wie der Krieg freiwillige Frauen als Krankenschwestern an der Front beförderte, aber auch Männer ersetzte, die durch einen tödlichen Krieg dezimiert wurden, wo immer ihre Anwesenheit erforderlich war. Eine Galerie mit Porträts von Berenice Abbott aus ihren Pariser Jahren zeichnet ein Bild der kosmopolitischen Stadt, in der sich soziale Hintergründe, aristokratische und künstlerische Eliten vermischen.

Warum Paris?

Paris ist die Stadt der privaten Akademien, in der Frauen willkommen waren; die Stadt der Avantgarde-Buchhandlungen, Cafés, in denen Künstler:innen auf Dichter:innen und Romanautor:innen trafen, in denen das experimentelle Kino erfunden wurde u.v.m. Alle diese Stellen werden von Frauen besetzt; sie sind in aller Avantgarde und allen Formen der Abstraktion (→ Marcelle Cahn). In Paris sind sie die Protagonistinnen der neuen Sprachen (Kino, Literatur, Malerei und Skulptur).

Von der Kunst leben

Für diese befreiten und autonomen Frauen war „Von der Kunst leben“ ein wesentlicher Imperativ: Sie entwickelten Punkte zwischen Kunst und angewandter Kunst, Malerei und Mode, erfanden Innenräume und Architekturen oder gar Theaterkulissen und entwickelten schließlich neue Objekttypologien wie Puppen/Porträts, Puppen/Skulpturen, Textilmalerei. Sonia Delaunay-Terk eröffnete einen eigenen Laden ebenso wie Sarah Lipska (→ Sonia Delaunay. Malerei, Design und Mode).

Neue Eva

Sie begnügten sich nicht damit, den Beruf des Künstlers neu zu erfinden, sondern nutzten die Freizeit und repräsentierten ihre muskulösen Körper unter der Sonne. Sie betätigten sich sportlich, machten den Männersport zu einem gleichermaßen eleganten, ambitionierten und lässig-femininen Äquivalent: Die „Neue Eva“ entdeckte die Freuden des Nichtstuns in der Sonne (Heliotherapie), meldete sich für die Olympischen Spiele an oder warb mit Derivaten für ihren berühmten Namen, übte nachts sowohl in Musikhalle als auch tagsüber Golf: Sie hieß Josephine Baker.

Naturalistische Akte und weiblicher Blick

Während sich der Körper unter der Sonne in neuen Posen frei entfaltete, erfand er sich auch zu Hause ungeschminkt neu. Diese modernen Odalisken sind in ihren Innenräumen mit Naturalismus vertreten. Sie müssen nicht mehr erscheinen oder so tun, als ob: Mutterschaft kann langweilig und ermüdend sein; die exzentrischen Aktposen, das Entkleiden eine Flucht vor dem Diktat des Blicks der Welt.

So entwickelte sich in den 1920er Jahren eine neue komplexe und informierte Sichtweise gebildeter und ehrgeiziger Frauen, die entschlossen waren, die Welt so zu repräsentieren, wie sie sie sahen, beginnend mit ihrem Körper. Hier schärfte sich ihr Blick, maß sich an der Vergangenheit, träumte von einer anderen Zukunft. Der weibliche Blick der 1920er Jahre diente dazu, den Körper auf andere Weise darzustellen.

Zwei Freundinnen

Unter den Tropen, die diese Goldenen Zwanziger erfunden und vor allem in die Tat umgesetzt haben, bezeichnet die der „zwei Freundinnen“ eine starke Freundschaft zwischen zwei Frauen ohne die Anwesenheit von Männern. Die Freundinnen können in einer Liebesgeschichte miteinander verstrickt sein, oder eine Mischung aus Freundschaft und Begierde empfinden, ermöglicht Frauen eine angenommene Bisexualität. Die „zwei Freundinnen“ sind eine Erfindung der 1920er Jahre, die Malerei (Tamara de Lempicka, Gerda Wegener), Literatur und weltoffene Gesellschaft repräsentieren, willkommen heißen und deren Erinnerung sie weitergeben werden.

Das dritte Geschlecht

Weder die Flapper, die der Mode erlagen, sich die Haare zu schnitten, noch die Amazonen, die das Anziehen männlicher Kostüme nicht verschmähten, wie es Claude Cahun vormachte, noch die gelegentlichen Transvestiten oder gewöhnlichen Maskenbälle verdeckten die wesentliche Entstehung eines „dritten Geschlechts“.

Das Andere

Abschließend wird uns die Ausstellung daran erinnern, dass diese Künstlerinnen auch Reisende waren: von einem Kontinent zum anderen, um Avantgarde-Bewegungen in ihrem Land auszubilden und zu starten. Sie können auch Entdeckerinnen unbekannter Länder, Malerinnen und Bildhauerinnen auf der Suche nach etwas „Anderem“ sein, dessen Identität sie ohne die Klischees des kolonialen Blicks zu erfassen versuchten. Viele dieser Pionierinnen litten unter der Unsichtbarkeit in ihrem Land, was ihnen half, sich in marginalisierte „Andere“ hineinzuversetzen.

Kuratiert von Camille Morineau, Conservator of Heritage und Direktorin von AWARE (Archives of WOmen Artists, Research and Exhibitions), unterstützt von Kuratorin Lucia Pesapane, Kunsthistorikerin.

Künstlerinnen der Moderne: Bilder

  • Tamara de Lempicka (© Tamara de Lempicka Estate, LLC)