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Paris: Notre-Dame in Feuer Berühmte gotische Kathedrale auf der Île-de-la-Cité brennt!

Paris, Notre-Dame, Ansicht von Südosten

Paris, Notre-Dame, Ansicht von Südosten

Am Montagabend, dem 15. April 2019, brach gegen 18:50 ein Feuer in der berühmten gotischen Kathedrale Notre-Dame in Paris aus (→ Gotik). Videos zeigen Flammen aus dem Dachstuhl schlagen. Kurz vor 20:00 stürzte der Dachreiter ein. Die in vier Bauphasen von 1163 bis 1345 errichtete Kirche maß nahezu 100 Meter: die Türme an der Fassade sind 69 Meter hoch und der eben eingestürzte Dachreiter brachte es auf 96 Meter. Bilder zeigen, dass der Dachstuhl über dem Querschiff und der Vierung in Vollbrand stehen – er ist in der Zwischenzeit bereits eingebrochen.

Um 20:30 ist der Dachstuhl nahezu ausgebrannt. Kurz vor 22:00 hat das Feuer bereits einen der beiden Türme der Westfassade erreicht. Noch in der Nacht konnte der Brand unter Kontrolle gebracht und Großteils gelöscht werden. Er dürfte von den Renovierungsarbeiten - vermutlich durch das Flämmen - verursacht worden sein, berichtet die französische Presseagentur. Erste Bilder des Inneren zeigen, dass einige Joche im Bereich der Vierung eingestürzt sind. Die beiden Türme der Westfassade konnten erhalten bleiben, wenn auch der gesamte Dachstuhl und die Giebel des Querhauses ausbrannten.

 

Notre-Dame de Paris wird wieder aufgebaut!

Nationaler Schulterschluss angesichts des kulturellen Verlusts: Notre-Dame de Paris wird wieder aufgebaut! Inzwischen gibt es eine Zusage über 360 Millionen EURO Soforthilfe: 50 Millionen von der Stadt Paris, 10 von der Region Île-de-France. 300 Millionen kommen von Familien, denen die beiden Luxusgüter-Konzerne LVMH und Kering gehören.

12 bis 14 Millionen Besucherinnen und Besucher besichtigen die mittelalterliche Kirche jedes Jahr, was Notre-Dame zu einer der wichtigsten Sehenswürdigkeiten in Paris macht. Darüber hinaus steht die Kirche für den Beginn der französischen Hochgotik wie auch die Wiederentdeckung des gotischen Baustils durch Viollet-le-Duc im 19. Jahrhundert. Da in Frankreich Religion und Staat deutlich voneinander getrennt sind, wird in den Kommentaren immer wieder das nationale Erbe und die indentitätsstiftende Funktion des Kathedralbaus herausgestrichen.

 

Warum ist Notre-Dame so berühmt?

Sie ist die Wiege der frühgotischen Architektur in Paris!
Für den Neubau der Kirche gegenüber dem Palast stiftete König Ludwig VII. 200 Livres, was allerdings die Kosten nicht deckte. Der Bauherr, Bischof Maurice de Sully, hat daraufhin „die Kirche mehr mit eigenen Mitteln als mit fremden in einem höchst angemessenen und aufwendigen Werk erneuert“ (Sigebert de Gembloux). Der Gründungsbau der französischen Gotik ist die Abteikirche St. Denis, die Grablege der französischen  Könige (→ Abteikirche von Saint-Denis).

Der Chor von Notre-Dame in Paris war um 1163 begonnen und 1177 – ohne Gewölbe – vollendet worden. Die östlichen Teile des Langhauses entstanden um 1175 bis kurz nach 1196. Die Weihe des Chores fand im Jahr 1182 statt. Um 1200 bis um 1215 wurde die berühmte Doppelturmfassade im Westen mit den tief eingeschnittenen Portalen und die Langhausjoche des Mittelschiffs ausgeführt. Um 1220/25 wurden die Arbeiten an den Türmen abgeschlossen. Kurz danach müssen die Kapellen an den Chor und den Seitenschiffen angebaut sowie die Obergadenfenster vergrößert worden sein.

Auffallend an der Realisierung von Notre-Dame in Paris ist die lange, fast fünfzigjährige Bauzeit zwischen 1163 bis 1220. Dennoch stellt sie den Prototyp des einheitlich errichteten Baus dar. Als Königskathedrale weist sie besonders große Dimensionen auf: Sie ist 130 Meter lang und 35 Meter hoch. Das Langhaus der Emporenbasilika ist fünfschiffig, was allerdings durch die dreiteilige Fassade nicht widergespiegelt wird. Neu am Kathedralbau ist die Königsgalerie der Fassade zwischen der Rose und den Portalen. Die Portalzone springt nicht vor, sondern ist in die Wand integriert. Dadurch wirken die Öffnungen wie Einschnitte. Die Langhauswand dominiert ebenso. Der Wandaufriss in Paris ist viergeschossig, zeigt jedoch anstelle des Triforiums eine Rundöffnung mit Fünfpass. Erst in der Emporenzone wird sie durch Öffnungen aufgebrochen. Ursprünglich war unter dem Obergaden eine Art kleine Fensterrose konzipiert. Um 1230 waren die Rundöffnungen zugunsten der vergrößerten Obergadenfenster entfernt worden. Diesen älteren Zustand rekonstruierte Eugène Viollet-le-Duc im 19. Jahrhundert im östlichsten Langhausjoch. Das sechsteilige Gewölbe ist (oder war?) noch eine Vorform des vierteiligen Gewölbejochs der klassischen Kathedrale der Folgezeit.

 

 

Der Chor der Kathedrale Notre-Dame in Paris hat einen doppelten Umgang, womit die doppelten Seitenschiffe um den Chor geführt werden. Die Bedeutung von Notre-Dame zeigt sich in der konsequenten Verwendung des gotischen Gliederpfeilers, der in Chartre entwickelt worden war.

 

Pariser Rosenfenster in Gefahr

Notre-Dame ist berühmt für ihre Glasfenster, allen voran für die Rosenfenster. Aufgrund des Kapelleneinbaus am Langhaus, mussten um 1250 beide Querhausfassaden im Stil der Rayonnant-Gotik, dem Pariser Hofstil, erneuert werden. Die nördliche und die südliche Querhausrose der Kathedrale von Paris sind um 1245 bis 1258 bzw. nach 1258 entstanden. Hier folgten die Entwerfer dem Vorbild von Chartres (Nordquerhausrose, um 1230) und lösten die verbindenden Ecken in Glas und Stege auf. Jean de Chelles war für die Rose im Nordquerhaus verantwortlich, deren 16-teilige Rose einen Durchmesser von 13 Meter hat. Pierre de Montreuil errichtete nach 1258 die südliche Querhausfassade (gleichzeitig mit der gegenüberliegenden Sainte Chapelle). Die feingliedrige Rose wurde in den Jahren 1725 und 1860/61 erneuert. Sie ist wesentlich filigraner als die massiver wirkende Rose an der Nordquerhausfassade. Die Rose an der Westfassade ist 9,6 Meter groß, darunter befindet sich die sogenannte Königsgalerie.

Erst im gotischen Kirchenraum wurden die Fenster zu einem die Raumgestalt mitbestimmenden Element. Die Raumgrenze wird durch Maßwerkstäbe strukturiert und geöffnet. Gotische Kirchen bestechen durch die Lichtintensität und die Leuchtkraft der Fenster – so auch Notre-Dame. Der Brand des Dachstuhls wird wohl diese berühmten Fenster stark beschädigen, wenn sie überhaupt den Brand überstehen sollten.

 

Beiträge zur Gotik

24. März 2019
Meister von Heiligenkreuz, Verkündigung, Detail, Diptychon, um 1415/20, Eichenholz, Goldgrund, 72 × 43,5 cm (© KHM-Museumsverband)

KHM: Der Meister von Heiligenkreuz Spätgotische Tafelbilder eines französischen Meisters in Wien

Wer war der Meister von Heiligenkreuz? Die in Wien, Cleveland, Washington erhaltenen Tafeln lassen den Maler als Vertreter der „Internationalen Gotik“ mit einer Ausbildung im Paris um 1400 erscheinen. Bald danach muss er in den Osten des deutschen Sprachraums gezogen sein, um für höfische Auftraggeber Altarbilder und auch Porträts zu malen.
6. Dezember 2017
Meister von Großgmain, Hl. Ambrosius, Detail, um 1498, Fichtenholz, 67 x 39,5 cm (© Belvedere, Wien)

Meister von Großgmain, Hl. Ambrosius Exzellenter Rhetoriker am Lesestuhl

Der unter dem Notnamen bekannte Meister von Großgmain stellte um 1498 für einen nicht näher bekannten, mehrteiligen Altar die Kirchenväter dar. Zwei der Tafeln, die der hll. Ambrosius und Augustinus, befinden sich im Belvedere. Zu ergänzen ist ein hl. Gregor.
3. Dezember 2017
Michael Pacher-Werkstatt, Hl. Barbara, Detail, um 1480/1490, Zirbenholz, 54,5 x 41 cm (Belvedere, Wien, Inv.-Nr. 4848)

Michael Pacher-Werkstatt, Hl. Barbara Spätgotischer Meister mit europäischer Bedeutung

Michael Pacher (um 1435–1498) lebte und arbeitete in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts in Bruneck im heutigen Südtirol. Er ist einer der Hauptmeister der Spätgotik – von gesamteuropäischer Bedeutung und wird in der Generation von Albrecht Dürer mit Martin Schongauer und Nicolaus Gerhaert van Leyden verglichen.
Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.