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Potsdam | Museum Barberini: Fotografie und Impressionismus Unschärfe und Bildkomposition | 2022

Heinrich Kühn, Miss Mary Warner, Gouvernante der Kinder, Detail, um 1910, Épreuve photomécanique sur papier Japon, 40,5 x 53 cm (Paris, Musée d'Orsay © Droits Réservés © Musée d'Orsay, Dist. RMN / Patrice Schmidt)

Heinrich Kühn, Miss Mary Warner, Gouvernante der Kinder, Detail, um 1910, Épreuve photomécanique sur papier Japon, 40,5 x 53 cm (Paris, Musée d'Orsay © Droits Réservés © Musée d'Orsay, Dist. RMN / Patrice Schmidt)

Im 19. Jahrhundert wählten zahlreiche Fotografen die gleichen Motive wie die Maler des Impressionismus: Den Wald von Fontainebleau, die Steilküste von Étretat oder die moderne Metropole Paris. Auch sie studierten die wechselnden Lichtsituationen, die Jahreszeiten und Wetterverhältnisse. Von Anfang an verfolgte die Fotografie durch Erprobung von Komposition und Perspektive sowie mit Hilfe unterschiedlicher Techniken einen künstlerischen Anspruch. Ihr Verhältnis zur Malerei war bis zum Ersten Weltkrieg sowohl von Konkurrenz als auch von Einflussnahme geprägt.

Das neue Medium der Fotografie war zugleich Teil der industriellen Revolution und Beginn der modernen Wissensgesellschaft. Auf den Weltausstellungen wurde es einem internationalen Publikum vorgestellt. Die fotografischen Aufnahme- und Reproduktionstechniken bedienten sowohl den zeitspezifischen Blick als auch den enzyklopädischen Dokumentationswillen: Die Möglichkeit, mit Fotografien Sammlungen beliebiger Themengebiete anzulegen, entsprach dem neuen Bedürfnis, Wissen zugänglich zu machen und zu archivieren. Wie die umgestalteten Stadtzentren von Paris, London, Wien oder München im Historismus der Architektur, so brachte auch das neue Medium Tradition und Moderne zusammen: Museen, Bibliotheken und Archive entstanden, Reisebeschreibungen, Vermessung und Kartierung prägten das Zeitalter. Parallel zur Soziologie entstand neben dem Gesellschaftsroman des literarischen Realismus die Sozialreportage in der Fotografie. Die sich ausdifferenzierenden Naturwissenschaften beschrieben die Gegenwart.

Fotografie – eine neue Kunst?

Was lag somit näher, als die Exaktheit der Fotografie zu nutzen? Sollte sich gar das neue Medium zu mehr als einer Hilfswissenschaft der Malerei entwickeln? Zum ersten Pariser Salon, auf dem auch Fotografien ausgestellt wurden, schrieb Charles Baudelaire 1859 eine vernichtende Kritik. In einem fiktiven Streitgespräch ließ er einen Fotografen sagen:

„Ich will die Dinge so wiedergeben, wie sie sind, oder besser: wie sie wären, wenn ich nicht da wäre.“

Dagegen setzte Baudelaire die Antwort eines Malers aus der von ihm favorisierten „Gruppe der Phantasiereichen“:

„Ich möchte die Dinge durch meinen Geist erleuchten und ihren Widerschein auf die anderen Geister abstrahlen.“

Damit legte Baudelaire, Vordenker und Freund der Impressionisten, den Antagonismus zwischen Maschine und Geist auf lange Sicht fest. Noch Walter Benjamins Überlegungen zum Verlust der Aura des „Kunstwerks im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ aus dem Jahr 1936 geht auf diese Unterscheidung zurück.

Wechselspiel von Fotografie und Impressionismus

Claude Monet wie Berthe MorisotCamille Pissarro und Pierre-Auguste Renoir arbeiteten unter freiem Himmel, um die neue Beziehung von Mensch und Natur zu thematisieren. Die Impressionisten widmeten ihre Malerei dem Augenblick. Ihre Malerei war pure Gegenwart, die individuelle Reaktionen auf im Wechsel begriffene Licht- und Wetterphänomene thematisierte. Das machte sie zu Verbündeten der Fotografen. Auch sie wählten die gleichen Motive wie die Impressionist:innen und studierten die wechselnden Lichtsituationen, Jahreszeiten und Wetterverhältnisse. Von Anfang an verfolgten sie durch Erprobung von Komposition und Perspektive, mithilfe unterschiedlicher Techniken und Materialien sowie mit Unschärfe, Dramatisierung und Montage einen künstlerischen Anspruch. Licht – Grundlage der Fotografie – war wie das Sehen selbst gemeinsames Thema von Malerei und Fotografie. Die Ausstellung "Before Photography. Painting and the Invention of Photography" im New Yorker Museum of Modern Art verdeutlichte bereits 1981, dass die Photographie nicht aus dem Wissenschaftskontext hervorging, sondern aus der Landschaftsmalerei. Die Erforschung des perspektivischen und subjektiven Charakters des Mediums stand seither im Fokus und ermöglichte so grundlegende Ausstellungen wie "Gustave Caillebotte. Ein Impressionist und die Fotografie" (Schirn, Frankfurt am Main, 2012) und "The Impressionists and Photography" (Museo Nacional Thyssen-Bornemisza, Madrid 2019).

Das Wechselspiel von Fotografie und Impressionismus ist jedoch immer noch unzureichend erforscht. "Eine neue Kunst. Photographie und Impressionismus" im Museum Barberini setzt hier an und beleuchtet mit über 150 Arbeiten den Austausch zwischen Maler:innen und Fotografen.

Fotografie und Impressionismus im Museum Barberini

Die Ausstellung mit Werken von Gustave Le Gray, Alfred Stieglitz und Heinrich Kühn untersucht diese Wechselwirkungen und beleuchtet die Entwicklung des neuen Mediums von den 1850er Jahren zu einer autonomen Kunstform um 1900. Zu den mehr als 30 internationalen Leihgebern zählen das Photoinstitut Bonartes in Wien sowie die Société Française de Photographie in Paris.

Ausgestellte Fotografen

Stéphanie Breton, Auguste Hippolyte Collard, Eugène Cuvelier, Louis-Alphonse Davanne, Robert Demachy, Peter Henry Emerson, Gustave Le Gray, Henri Le Secq, Heinrich Kühn, Charles Marville, Constant Puyo, Henry Peach Robinson, Alfred Stieglitz, Carl Teufel und Alphonse Taupin

Quelle: Museum Barberini, Potsdam

Eine neue Kunst. Fotografie und Impressionismus im Museum Barberini: Bilder

  • Heinrich Kühn, Miss Mary Warner, Gouvernante der Kinder, um 1910, Épreuve photomécanique sur papier Japon, 40,5 x 53 cm (Paris, Musée d'Orsay © Droits Réservés © Musée d'Orsay, Dist. RMN / Patrice Schmidt)

Beiträge zur Fotografie

6. Mai 2022
Annelise Kretschmer

Münster | LWL-Museum: Annelise Kretschmer Wiederentdeckung einer Fotografin | 2022

Umfangreiche Sonderausstellung zum Lebenswerk der in Dortmund geborenen Fotografin, die alle Schaffensphasen beleuchtet und ihrem bevorzugten Motiv – dem Porträt – einen besonderen Schwerpunkt einräumt.
1. April 2022

Wien | Albertina: Michael Schmidt Berlin und die Berliner:innen | 2022

Michael Schmidt (1945–2014) ist einer der bedeutendsten deutschen Fotografen der Nachkriegszeit. Anhand ausgewählter Werkgruppen stellt die Albertina die Entwicklung Michael Schmidts vor: von radikal subjektiven Fotos aus dem geteilten Berlin zur Konsumkritik mit Hilfe normierter Waren und ihrer Produktionsbedingungen.
19. März 2022
Misha Vallejo Prut, Sarayaku, aus der Serie Secret Sarayaku, 2019

Mannheim | Kunsthalle Mannheim: Contested Landscapes Biennale für Aktuelle Fotografie | 2022

Künstler:innen führen uns von der Ostsee bis nach Südamerika, um die Folgen von Meeresverschmutzung, Abfallwirtschaft und Mineralienabbau aufzuzeigen.

Beiträge zum Impressionismus

6. März 2022
Anna Ancher, Sonnenlicht im blauen Raum, Detail, 1891 (Kunstmuseen von Skagen)

Alkersum | Museum Kunst der Westküste: Anna Ancher Sonne. Licht. Skagen | 2022

Mit rund 80 Ölgemälden und -skizzen eröffnet diese Ausstellung einzigartige Einblicke in Anchers atmosphärische Licht- und Farbwelten.
2. März 2022
Edouard Manet, Eva Gonzalès, Detail, 1870, Öl/Lw, 191.1 x 133.4 cm (Sir Hugh Lane Bequest, 1917, The National Gallery, London. In partnership with Hugh Lane Gallery, Dublin)

London | National Gallery: Manet und Eva Gonzalès Kontext und Maltechnik eines Malerinnenporträts | 2022

Monet malt Eva Gonzalès – die Künstlerin im Kontext, das Gemälde kunsttechnologisch untersucht und die Entstehungsgeschichte enthüllt.
8. Februar 2022
Pierre-Auguste Renoir, Nach dem Frühstück, Detail, 1879, Öl auf Leinwand, 100.5 × 81.3 cm (Frankfurt am Main, Städel Museum D219 © Städel Museum - U. Edelmann - ARTOTHEK)

Frankfurt | Städel Museum: RENOIR. Rococo Revival Begeisterung des Impressionisten für das 18. Jahrhundert | 2022

Durch Gegenüberstellungen von Pierre-Auguste Renoir mit Künstlern des 18. Jahrhunderts wie Fragonard und Watteau, oder Zeitgenossen wie Manet, Degas und Cézanne ermöglicht die Ausstellung, das Werk des Impressionisten neu zu entdecken.