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Potsdam | Museum Barberini: Modigliani Moderne Blicke | 2024

Amedeo Modigliani, Chaim Soutine

Amedeo Modigliani, Chaim Soutine

Im Jahr 1920 starb Amedeo Modigliani mit erst 35 Jahren. Trotz des frühen Todes hinterließ er ein umfangreiches künstlerisches Werk als Bildhauer und Maler. Dabei widmete er sich fast ausschließlich dem Menschen als Motiv. Berühmt sind seine Porträts ebenso wie die weiblichen Akte, die seit 100 Jahren zum Kanon der Moderne gehören, heute aber auf ihr Frauenbild hin wieder neu befragt werden müssen.

Erst die Traumata des Ersten Weltkriegs brachten in der europäischen Malerei der 1920er Jahre einen Kult der Kühle hervor. Den später Neue Sachlichkeit genannten Zeitgeist prägten auch Schriftstellerinnen, Modeschöpferinnen und Malerinnen (→ Neue Sachlichkeit). Mit Kurzhaarfrisur und maskuliner Kleidung waren einige von ihnen modisch ihrer Zeit voraus und lebten die Emanzipation. Die als modern bürgerlich assoziierten Frauen dieser Zeit waren Modigliani bereits im Kreis der Pariser Avantgarde begegnet. Als Kind gefördert von Mutter und Tante, die Sprachen unterrichteten und literarisch beschlagen waren, suchte Modigliani vor und nach dem Ersten Weltkrieg die Nähe intellektueller und musisch gebildeter Frauen, die im Pariser Künstlerleben neue Spielräume ausloteten. Reflexionen dieser Beziehungen übertrug Modigliani auf seine Bilder und portraitierte beide Geschlechter der Pariser Avantgarde als kosmopolitische Künstlerfreunde über Grenzen hinweg. Die stoische Noblesse seiner Portraits nahmen die Neue Sachlichkeit bereits vorweg. Modigliani stellte das neue Menschenbild ohne expressive Tendenzen dar, portraitierte die emanzipierte Frau ohne die kalte Distanz der Neuen Sachlichkeit oder den sezierenden Blick auf die Gesellschaft der Nachkriegszeit. Selbst die Hinweise auf den sozialen Hintergrund der Dargestellten reduzierte Modigliani auf ein Minimum. Seine Frauen- und Aktbildnisse zeigten die selbstbewusste Selbstverständlichkeit einer femme moderne.

Modigliani im Museum Barberini 2024

Die bislang letzte Modigliani-Retrospektive in Deutschland fand 2009 in der Bundeskunsthalle in Bonn statt. Ausstellungen, ob in Madrid, London, Helsinki oder New York nahmen Modiglianis Pariser Umfeld in den Blick und Modiglianis Freundschaften zu Schriftstellern und Sammlern. Doch noch fehlt eine Ausstellung, die im Zusammenhang der internationalen Moderne danach fragt, worin die spezifische Provokation von Modiglianis Werken lag. Unsere Ausstellung erweitert den Kontext von Modiglianis Kunst erstmals über dessen Pariser Umfeld hinaus und weist Bezüge zu Paula Modersohn-Becker, Egon Schiele, Gustav Klimt, Wilhelm Lehmbruck und Ernst Ludwig Kirchner auf. (Ortrud Westheider, Museum Barberini, und Christiane Lange, Staatsgalerie Stuttgart)

Rund 100 Gemälde und Arbeiten auf Papier des italienischen Künstlers werden Werken aus Modiglianis Pariser Umfeld gegenübergesellt, darunter Arbeiten von Gustav Klimt, Ernst Ludwig Kirchner, Jeanne Mammen und Paula Modersohn-Becker, Pablo Picasso, Natalja GontscharowaEgon Schiele und Wilhelm Lehmbruck. Dabei werden nicht nur erstaunliche Parallelen, sondern auch die Außergewöhnlichkeit von Modiglianis Kunst sichtbar.

Die Ausstellung wird in Kooperation mit der Staatsgalerie Stuttgart organisiert → Stuttgart | Staatsgalerie: Amedeo Modigliani
Ausstellungskonzeption von Christiane Lange, Nathalie Lachmann und Ortrud Westheider.