Rodins Bewunderung für Phidias' Parthenon Skulpturen im British Museum
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Rodins Bewunderung für Phidias „Der Kuss“ und die Parthenon Skulpturen im British Museum

Auguste Rodin, Studie nach den Reitern am südlichen Parthenon Fries, Grafit, Feder und Tinte, vor 1870 (Musée Rodin, Foto Jean de Calan)

Auguste Rodin, Studie nach den Reitern am südlichen Parthenon Fries, Grafit, Feder und Tinte, vor 1870 (Musée Rodin, Foto Jean de Calan)

Auguste Rodin (1840–1917) ist einer der wichtigsten und innovativsten Bildhauer der Klassischen Moderne. Dennoch ist wenig bekannt, dass er seine Ideen aus den Werken des antiken Bildhauers Phidias (Φειδίας Pheidías; um 500/490–um 420 v.Chr. / v.u.Z.) zog. Mit der Konzeption und Ausführung der Parthenon Skulpturen war Phidias in die Geschichte eingegangen – und wurde Jahrtausende später zum künstlerischen Mentor Rodins. Auf der Suche nach Inspiration studierte Rodin diese berühmten Skulpturen mehrere Male, nachdem er sie 1881 auf seiner ersten London-Reise entdeckt hatte.

Das British Museum stellt eine präzise, mehr als 80 Werke umfassende Auswahl aus Rodins Œuvre in einem neuen Licht aus (→ Auguste Rodin: Werke). Darunter befinden sich so ikonische Skulpturen wie „Der Denker“ und „Der Kuss“ (1882). Das Musée Rodin in Paris borgt originale Gips-, Bronze- und Marmorskulpturen nach London, um sie erstmals neben den Parthenon Skulpturen zu präsentieren. Dazu vermitteln antike Objekte aus Rodins persönlicher Sammlung dessen Leidenschaft an und Interesse für die Antike. Sowohl in Meudon wie auch in Paris positionierte Auguste Rodin seine antiken Sammlungsstücke zwischen seinen eigenen Werken, auf Kisten, Sockeln oder Gipssäulen positioniert.

 

 

Rodin und die Parthenon Skulpturen

Im Jahr 1881 besuchte der französische Bildhauer Auguste Rodin zum ersten Mal London. Als er die Parthenon Skulpturen im British Museum entdeckte, war er sofort von ihrer Schönheit, ihrer Ausdruckskraft und ihrem Naturalismus gefangengenommen. Die antiken griechischen Meisterwerke war zwar – wie viele archäologische Artefakte – zerbrochen und verwittert, aber Rodin ließ sich dennoch von ihrer Ausdruckskraft inspirieren. Nur durch ihre Körper sprechen diese Figuren des Phidias, sind doch die meisten Köpfe verloren gegangen. Der französische Bildhauer lebte sich derart in die Figuren ein, dass er Phidias durch sie quasi zum Leben erweckte. Er schrieb und sprach über seinen antiken Vorläufer, als ob er ein Freund wäre, dem er seine tiefe Bewunderung ausdrückte.

 

„Kein Künstler wird jemals Phidias übertreffen. [… Dem Größten aller Bildhauer, der in einer Zeit erschien, als der gesamte menschliche Traum im Giebel eines Tempels ausgedrückt werden konnte, wird nie jemand gleichen.“ (Auguste Rodin, 1911)

 

Bis kurz vor seinem Tod 1917 kehrte Rodin immer wieder in das British Museum zurück, zeichnete und skizzierte nach den nur fragmentarisch erhaltenen Objekten. Das Musée Rodin leiht 13 Skizzen nach dem Parthenon Skulpturen nach London. Einige davon führte der berühmte Bildhauer auf Notizzetteln aus dem Thackeray Hotel aus, wo er sich eingemietet hatte. Das Hotel befand sich genau gegenüber des British Museum. Skulpierte Kopien fertigte Rodin allerdings nie.

 

„In meiner Freizeit jage ich dem British Museum hinterher.“ (Auguste Rodin, 1902)

 

Erste Übernahmen von Phidias’ Kompositionen lassen sich bereits anhand „Das Eherne Zeitalter“ (1877) nachweisen. Die Schrittstellung des nachdenklichen Jünglings erinnert an eine Pose einer Figur der Reiterdarstellungen des Parthenon Fries.

Rodin begann kurz darauf ebenfalls Köpfe und Extremitäten seiner eigenen Figuren zu entfernen, um sie den zerbrochenen Relikten der Vergangenheit anzunähern. Die Gegenüberstellung im British Museum ermöglicht den „Schreitenden Mann“ mit einer Göttin (Figur K) vom Ostgiebel des Parthenon miteinander zu vergleichen. Beide Skulpturen sind kopf- und armlos. Die antike Statue aufgrund ihrer Erhaltung; Rodins „Schreitender“ aufgrund der fragmentarischen Behandlung der menschlichen Figur. Indem er das tat, erfand Auguste Rodin eine neue Darstellungsform in der modernen Kunst – den Torso.

 

 

Rodins „Kuss“ und die Antike

„Der Kuss“ (1882) ist jene Skulptur, für die Rodin heute am bekanntesten ist. Ein küssendes Liebespaar scheint miteinander zu verschmelzen. Der im British Museum ausgestellte Gipsguss entstand nach der ersten Marmorversion des Bildhauers und wurde von diesem auf Ausstellungen gezeigt. Nach diesem Gips fertigte Rodin mit seinem Atelier alle anderen Versionen an. Wie Phidias – und das mag eine überraschende Parallele zwischen den beiden Bildhauern sein – schuf Rodin seine Marmorskulpturen nicht eigenhändig. Stattdessen zog er es vor, seine Kompositionen in Ton zu modellieren, danach wurde ein Gipsmodell oder eine Bronzestatue hergestellt. Wenn eine Fassung in Marmor bestellt wurde, überließ Rodin diese Arbeit gerne den Steinmetzen, die unter seiner Aufsicht arbeiteten. Ähnlich darf man sich wohl auch die Werkstattpraxis von Phidias vorstellen.

 

 

Die Gegenüberstellung von Rodins Werken und den Skulpturen des Parthenon Frieses bringt eine vergessene Verbindung ans Tageslicht. Die beiden ineinander verschlungenen Figuren erinnern an zwei weibliche Gottheiten vom Ostgiebel des Parthenon. Eine der beiden Damen liegt genießerisch in den Armen ihrer Gefährtin. Sowohl die Gruppe aus dem Parthenongiebel wie auch Rodins  „Kuss“ sind aus einem Stück Stein geschlagen. Beide Werke visualisieren die Vereinigung der Liebenden, indem der Moment des Verschmelzens formal überzeugend gelöst wurde.

Kuratiert von Ian Jenkins.

 

 

Rodin und die Parthenon Skulpturen: Bilder

  • Auguste Rodin, Das Eherne Zeitalter, 1877, Bronze, Sandguss, 180,5 x 68,5 x 54,5 cm (Musée Rodin, Paris)
  • Rodins Sammlung antiker Skulpturen in Meudon (Musée Rodin, Foto: Jean de Calan)

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Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.