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Sonia Delaunay. Malerei, Design und Mode Leben und Werk der russisch-französischen Malerin und Designerin im Museo Thyssen-Bornemisza, Madrid

Sonia Delaunay, Simultanistische Kleider (Drei Frauen, Formen, Farben), 1925, Öl auf Leinwand, 146 x 114 cm (Museo Thyssen-Bornemisza, Madrid © Pracusa) und Mantel für Gloria Swanson, um 1925, Baumwolle, Wolle (p0rivatsammlung)

Sonia Delaunay, Simultanistische Kleider (Drei Frauen, Formen, Farben), 1925, Öl auf Leinwand, 146 x 114 cm (Museo Thyssen-Bornemisza, Madrid © Pracusa) und Mantel für Gloria Swanson, um 1925, Baumwolle, Wolle (p0rivatsammlung)

Sonia Delaunay (1885–1979) war eine bedeutende Künstlerin der Abstraktion, Modedesignerin und mit ihrem zweiten Ehemann Robert Delaunay (1885–1941) eine Förderin der Abstrakten Kunst in Form des Simultanismus (Orphismus). Die Avantgardistin verstand es, ihre ästhetischen Ideale auf Alltagsgegenstände, vor allem Kleidung, zu übertragen, was sie vom Werk ihres Mannes deutlich unterschied. Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs flohen beide 1917 nach Madrid, wo Sonia Delaunay eine Boutique eröffnete und die avantgardistische Farbtheorie und Kunstästhetik erstmals in Form von verkaufbarer Mode, Möbel und Bühnendesign ein breites Publikum fanden.

Dennoch ist in der öffentlichen Wahrnehmung Robert Delaunay präsenter als seine Ehefrau. Dafür ist zum einen die Unterordnung Sonia Delaunays unter das Werk ihres Mannes mitverantwortlich. Die Erziehung des gemeinsamen Kindes lag größtenteils in ihren Händen, zudem sicherte sie mit ihren kunstgewerblichen Arbeiten den Lebensunterhalt der Familie. Da erst in jüngster Zeit der multimediale Anspruch der Avantgarde herausgearbeitet und Kunsthandwerk neu bewertet wird, ist es auch der aktuellen Kunstgeschichtsschreibung zu verdanken, Positionen wie jene von Sonia Delaunay zu überdenken und wiederzuentdecken.

Die Ausstellung im Museo Thyssen-Bornemisza ist die erste Einzelausstellung der Künstlerin in Spanien und versammelt mehr als 200 Exponate von Gemälden, Entwürfen, Bühnenbildern, Werbung, Einrichtungsgegenständen und Mode1 Einhundert Jahre nach der Flucht des berühmten Ehepaares nach Madrid (1917) zollt die Stadt Sonia Delaunay Tribut für die Propagierung avantgardistischer Konzepte. Gleichzeitig erwies sich der Madrid-Aufenthalt für die Künstlerin als prägend.

 

 

 

Ausbildung und erste Jahre in Paris

Sonia Delaunay kam 1885 als Tochter einer jüdischen Mittelklassefamilie in Odessa zur Welt. Da sie von einem Onkel mütterlicherseits in St. Petersburg adoptiert wurde, erhielt sie jedoch früh Förderung und eine kosmopolitische Erziehung. Als 19jährige begann Sonia Terk, wie sie seit ihrer Adoption hieß, ein Kunststudium in Karlsruhe (1904), das sie zwei Jahre später in Richtung Paris abbrach. Die Stadt an der Seine versprach nicht nur Aufbruchsstimmung, sondern wurde für Sonia zum Lebensmittelpunkt. Anstatt die Pariser Académie de La Palette in Montparnasse zu besuchen, streunte sie viel lieber durch die Galerien und Ausstellungen von Paris. Die Avantgarde der Zeit inspirierte die junge Malerin zutiefst: Frühe Gemälde zeigen den Einfluss der Post-Impressionisten Vincent van Gogh, Paul Gauguin und Henri Rousseau, aber auch bereits der Fauves (→ Matisse und die Künstler des Fauvismus). Bereits 1908 stellte Sonia Terk erstmals in der Galerie des deutschen Kunsthändlers Wilhelm Uhde aus. Um in Paris bleiben zu können, heiratete sie den homosexuellen Galeristen, der ihr den Kontakt zu den Avantgarde-Künstlern (→ Klassische Moderne) herstellte. Unter den neuen Bekannten waren nicht nur Pablo Picasso und Georges Braque, sondern auch Robert Delaunay, den Sonia 1910 nach ihrer Scheidung von Uhde ehelichte.

Anfang 1909 traf Sonia Terk erstmals Robert Delaunay, der seine Mutter Comtesse de Rose häufig in Uhdes Galerie begleitete. Im April wurden die beiden ein Liebespar, und im August die Scheidung ausgesprochen. Ab ihrer Hochzeit am 15. November 1910 bildeten das Ehepaar Sonia und Robert Delaunay einen Fixstern in der Kunstszene der Stadt. Die beiden standen in künstlerischem Austausch, beeinflussten und inspirierten einander im Diskurs. So könnten di8e leuchtenden, reinen Farben, die Sonia und Robert Delaunay in ihren Werken einsetzten, u.a. auf ihre russische Abstammung zurückzuführen sein.

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Erfindung der Abstraktion 1911/12

Gemeinsam mit ihrem Ehemann Robert näherte sich Sonia Delaunay um 1912 der Abstraktion an. Beide verstanden Farbe als Ausdrucksmittel und wandten sich von der Wiedergabe gesehener Dinge ab. Nachdem Robert Delaunay jahrelang Michel-Eugène Chevreuls Traktat „Über den Simultankontrast der Farben“ (1839) studiert hatte, leitete er von dessen Beobachtungen über das Verhältnis der drei Grundfarben zu den Mischfarben die Theorie des Simultanismus (Orphismus) ab. Sonia Delaunay stand ihrem Mann bei dieser Arbeit als Diskurspartnerin zu Seite, den theoretischen Text dazu verfasste jedoch nur er. Basis der gemeinsamen Ästhetik war nicht nur der Einsatz von reinen und leuchtenden Farben in Flächen (farbiges Licht), sondern auch die Überzeugung damit Bewegung illusionieren zu können. Für beide stellte Paris die simultanistische Stadt par excellence dar.

Abstrakte Malerei und die Erfahrung von Zeit ergänzte Sonia Delaunay in ihren Kompositionen durch poetische Inspiration, die sie von Dichterfreunden wie Apollinaire Guillaume, Blaise Cendrars und Canudo erhielt. Ihre häufig aus runden, bunten Formen komponierten Bilder bzw. Illustrationen scheinen zur Musik der Worte zu tanzen. Rhythmus, Formen, Farbvariationen spielen eine große Rolle in der Entwicklung dieser Bilder, was sie bei der Analyse der Lichteffekte in der Stadt studierte. Sonia Denlaunay übertrug diese Lektion auch auf literarische Texte und schuf gemeinsam mit Blaise Cendrars 1913 „Prosa über die Transsibirische Eisenbahn“ (1913, kolorierte Druckgrafik, Privatsammlung). Für das nahezu zwei Meter hohe Werk verbanden Autor und Malerin Bild, Farben, Strukturen und Text bzw. Typografie gleichberechtigt zu einem Klang-Wort-Rhythmus, bei dem sogar der Text seine Farbe ändert. Das „Buch“ entfaltet sich als vertikaler Leporello, den die Leserinnen und Leser simultan farbig erfassen. Während die Verse in Absätze gegliedert sind, greifen Sonia Delaunays farbige Formen ineinander und vermitteln so den Eindruck ständiger Bewegung einer Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn.

 

 

Mode und Kunsthandwerk

 

„Donnerstags und sonntags sollte man sich im „Bal Bullier“ Herrn und Frau Robert Delaunay ansehen, die eine Kleiderform vorführen. Der simultane Orphismus hat im Bereich der Kleidung Neuerungen hervorgebracht, die nicht zu verachten sind […]. Herr und Frau Delaunay sind Wegbereiter. Sie belasten sich nicht mit der Imitation vergangener Moden, und da sie auf der Höhe der Zeit sein wollen, versuchen sie gar nicht, die Form des Kleiderschnittes zu erneuern und so der zeitgenössischen Mode zu folgen, sondern sie versuchen dadurch Einfluss zu nehmen, dass sie neue, in ihrer Farbgebung unendlich variierte Materialien verwenden […]. Und hier die Beschreibung eines Simultankleides von Frau Sonia Delaunay Terck: violettes Kostüm mit breitem violetten und grünem Gürtel, und unter der Jacke eine in lebhafte, zarte und verblichene Farbfelder unterteilte Bluse, wo sich Altrosa, Orange, Nattier-Blau, Scharlachrot usw. vermischen, und auf Tuch, Taft, Tüll, Flanell, Moiré und Seidenrips erscheinen. Eine solche Vielfalt muss auffallen. So würde Eleganz phantasievoll.“2 (Guillaume Apollinaire)

Im Gegensatz zu ihrem Ehemann begnügte sich Sonia Delaunay aber nicht mit der Malerei, sondern suchte Kunst und Leben miteinander zu verbinden, indem sie sich anderen Disziplinen öffnete. Die multimedial arbeitende Künstlerin interessierte sich für Stickerei, Inneneinrichtung und Modedesign.

Eine Tagesdecke für das Gitterbett ihres Sohnes soll das erste simultane Kunstwerk gewesen sein. Der Decke folgten eine bemalte Spielzeugschachtel, Bucheinbände und Kleidungsstücke, die Sonia Delaunay selbst nähte. In diesen Arbeiten konnte die russischstämmige Künstlerin ihre modernen Experimente mit russischer Volkskunst verbunden. Schlussendlich stand aber ihr Wunsch dahinter, den Simultanismus (Orphismus) populär zu machen. Da sich sonntags in der Wohnung der Delaunays Künstler und Intellektuelle trafen, wurden ihre vier Wände zu einer ersten Kunstgalerie der Abstraktion. Bereits am Berliner Herbstsalon 1913 war sie mit Gemälden, Werbung, Bucheinbänden und Haushaltsgegenständen vertreten – daneben stellen Robert Delaunay, Marc Chagall, Max Ernst, Lyonel Feininger, Franz Marc und Paul Klee aus.

Das „Simultanistische Kleid“ sollte das Publikum mit der neuen Ästhetik vertraut machen. Mit ihren gewagten Mischungen von Farben und Texturen wurde das Ehepaar zu „Reformern des guten Geschmacks“ und verursachten so manche Sensation. Gleichzeitig schuf Sonia Delaunay weiterhin Gemälde, die zu ihren besten zählen, wie die „Prosa über die Transsibirische Eisenbahn“ (1913, Privatsammlung).

 

„Flucht“ nach Madrid

Als der Erste Weltkrieg ausbrach, befanden sich die Delaunays gerade auf Urlaub in Spanien. Ende des Jahres entschied sich das Ehepaar sich in Madrid niederzulassen. Da sie von der Pariser Avantgarde abgeschnitten waren, wandte sich Sonia Delaunay dem Studium der Alten Meister zu. Schon 1915 war sie als Kopistin im Louvre eingetragen. Darüber hinaus interessierte sie sich für die Kleider der Flamenco-Sängerinnen und Tänzerinnen, wodurch sich die Avantgardistin wieder der Figuration zuwandte. Dieses Jahr in Madrid wurde für Sonia Delaunay eines der wichtigsten, weil freiesten und experimentellsten ihrer Kunst – zumindest solange bis zur russischen Oktoberrevolution das Geld aus St. Petersburg geschickt wurde. In dieser Phase legte sie den Grundstein für ihre künstlerische Entwicklung der 1920er Jahre.

Im Sommer 1915 lud eine Gruppe Futuristen die Delaunays nach Portugal ein. Das Dorf Vila do Conde im Norden des Landes wurde für kurze Zeit ihre neue Heimat. Nichtsdestotrotz führte Sonia Delaunay ihre Spanienliebe weiter mit sich, wie „Großer Flamenco“ (1915/16) and „Kleiner Flamenco“ (1916).

 

1917 – zweite Madrider Periode

Nach dem Sieg der Oktoberrevolution in Russland, durch die der konstante Geldfluss aus St. Petersburg eingestellt wurde, eröffnete Sonia Delaunay eine Boutique für Mode und Möbel. Zudem begann sich die Künstlerin mit Bühnenbild und Kostümen zu beschäftigen, da sich auch der russische Emigré Sergei Diaghilev nach Spanien geflüchtet hatte. Es ist somit ihr Verdienst, dass die Theorie des Simultanismus (Orphismus) erstmals und erfolgreich einem breiten Publikum vorgestellt wurde.

Bühnenkreationen wie die Kostüme für „Kleopatra“ (1918, Uraufführung in London) für das Ballets Russes, der Umbau des alten Teatro Benavente zum Petit Casino in Madrid (1919, Fotografien) und die Eröffnung ihrer Boutique machten aus der Avantgardekünstlerin rasch eine erfolgreiche Geschäftsfrau. Wenn Sonia Delaunay auch 1921 wieder nach Paris zurückkehrte, so stellten doch diese Jahre in Madrid, wie die Ausstellung hervorhebt, eine wichtige Wendezeit im Leben der Künstlerin dar.

 

Kunst, Mode und Literatur

Während ihres Aufenthalts in Madrid schloss das Ehepaar Delaunay viele Kontakte zu Schriftstellern wie Ramón Gómez de la Serna und Guillermo de la Torre. Auch nach ihrer Rückkehr nach Paris 1921 und vom Geist des Dadaismus eingenommen, dekorierte Sonia Delaunay die Wände ihres Hauses mit Gedichten von ihren vielen Schriftstellerfreunden, darunter Gómez de la Sernas „Fächer-Gedicht” (1922). Dazu kamen Designs für so genannte „Kleider-Gedichte”. Kleider aus Stoffen, die Texte oder Gemälde von Sonia Delaunay trugen, waren Anfang der 1920er Jahre die Eintrittskarte, um mit Künstler des Dadaismus und des Surrealismus zusammenzuarbeiten. Theater- und Filmprojekte dieser Zeit sind u.a. „Le P’tit Parigot“ (1926) von Le Somptier.

Sonia Delaunay feierte gleichzeitig mit ihrer Teilnahme an der Ausstellung dekorativer Kunst 1925 in Paris, besser bekannt als Art-Deco-Ausstellung, einen riesigen Erfolg. Eine Folge war ihre Zusammenarbeit mit dem holländischen Warenhaus Metz & Co., die bis in die 1950er Jahre andauerte. Zahllose Entwürfe für Muster und Designs sowie die ausführliche Korrespondenz mit dem Erzeuger geben einen Einblick in den kreativen Prozess der Modegestaltung. Die aufkommende Modefotografie wusste die aufgeschlossene Künstlerin genauso einzusetzen wie ein Farbvideo aus dem Jahr 1925, mit dem sie ihre Entwürfe bewerben wollte.

 

 

 

 

Späte Anerkennung

Im Jahr 1937 nahm Sonia gemeinsam mit Robert an der Dekoration von zwei großen Pavillons auf der Weltausstellung in Paris teil: Im Eisenbahn-Pavillon ließ Sonia Delaunay ihre Reise auf die Iberische Halbinsel Revue passieren, wodurch die dieser Phase in ihrem Leben einmal mehr Bedeutung verlieh. Nach Robert Delaunays Krebs-Tod 1941 setzte Sonia ihre Arbeit und den Kampf für die Abstrakte Kunst fort. Im Jahr 1964 wurde sie als erste lebende Künstlerin mit einer Retrospektive im Musée du Louvre geehrt – nachdem sie etwa einhundert ihrer und Roberts Werken dem Museum geschenkt hatte. „Farbiger Rhythmus Nr. 694“, „Rhythmus Farbe“ (1964) und „Horizontales Mosaik“ sind drei der spätesten Abstraktionen in Sonia Delaunays Werk.

Kuratiert von Marta Ruiz del Árbol

 

 

Biografie von Sonia Delaunay (1885–1979)

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  • 1885

    Sonia Delaunay wurde am 14. November 1885 in eine mittelständige, jüdische Familie in Odessa (heute: Ukraine) geboren und auf den Namen Sarah Ilinitchna Stern getauft.
  • 1890

    Adoption durch ihren Onkel mütterlicherseits und Annahme des Namens Sonia Terk. Als Kind lebte sie mit daher mit Henri Terk und dessen Ehefrau Anna in Sankt Petersburg, wo sie eine vielsprachige, kosmopolitische Erziehung erhielt. Der erfolgreiche Rechtsanwalt interessierte sich besonders für Malerei, weshalb er sich seiner Nichte und ihrem Talent besonders annahm. Die Sommermonate verbrachte die großbürgerliche Familie in Finnland und reiste durch Europa, um die großen Museen zu besuchen.
  • 1903/04

    Beginn ihres Kunststudiums an der Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe (Deutschland).
  • 1905/06

    Umzug nach Paris, um ihr Ausbildung an der Académie de la Palette fortzusetzen.
  • 1908

    Erste Ausstellung ihres Werks in der Galerie von Wilhelm Uhde. Um in Frankreich bleiben zu können, heiratete sie den deutschen Kunsthändler Wilhelm Uhde. Über den Galeristen und ihren ersten Ehemann lernte Sonia die Pariser Avantgarde kennen: Pablo Picasso, Georges Braque, Henri Matisse und Robert Delaunay (1885–1941). In der Galerie lernte sie auch Werke von Vincent van Gogh, Paul Gauguin und den Fauves kennen, die sie zur Steigerung ihrer Palette inspirierten.
  • 1909

    Anfang des Jahres lernte Sonia Uhde-Terk ihren späteren Ehemann Robert Delaunay kennen. Im April wurden sie ein Liebespaar.
  • 1910

    Sonia wurde schwanger; Scheidung von Wilhelm Uhde (August) und Hochzeit mit Robert Delaunay (15.11.).
  • 1911

    Geburt des gemeinsam Sohnes Charles (18.1.). Sonia Delaunay nähte eine Tagesdecke für das Gitterbett ihres Sohnes, für die die abstrakte Formen und bunte Farben verwendete. Die Nähe zu kubistischen Raum- und Zeitdarstellungen ermutigte sie in diese Richtung weiterzuforschen. Dieses kunsthandwerkliche Stück (Musée National d’Art Moderne, Paris) gilt daher als das erste Werk des Simultanismus (Orphismus).
  • 1912

    Um 1912 wandte sich das Ehepaar Delaunay der Abstrakten Kunst zu, deren Ausdruck mit Hilfe der Farbe und ihren Kontrasten erzielt werden musste. Robert Delaunay entwickelte die Theorie des Simultanismus (Orphismus), wobei er das Wort aus Eugène Chevreuls Traktat „Über des Gesetz des Simultankontrasts der Farben“ (1839) ableitete. Er wollte damit ausdrücken, dass ein solcherart konstruiertes Gemälde auch die Illusion von Bewegung vermitteln könnte. In der „Fenster“-Serie entwickelte Robert Delaunay dieses Konzept weiter. Er malte nicht mehr Dinge, sondern interessierte sich für optische Effekte, die für ihn größere Wahrhaftigkeit hatten. Im Herbst besuchte Franz Marc die Delaunays und vermittelte deren Konzept in München den Künstlern des Blauen Reiter.
  • 1913

    Sonia Delaunay war mit einer Viezahl von Werken – darunter der Zusammenarbeit mit Blaise Cendrars „Prosa über die Transsibirische Eisenbahn und die kleine Jeanne d’Arc“ (1913) – am Herbstsalon in Berlin vertreten.
  • 1914

    Als der Erste Weltkrieg ausbrach, hielten sich die Delaunays zufälligerweise bei Freunden in Madrid auf. Sonia Delaunay und ihr Mann entschieden sich, in Madrid (Spanien) zu bleiben.
  • 1915

    Im August übersiedelten sie nach Portugal. Hier ließ sie sich von Flamenco-Sängerinnen inspirieren und kehrte teilweise zur figurativen Malerei zurück.
  • 1916

    Erste Einzelausstellung von Sonia Delaunay in Stockholm.
  • 1917

    Rückkehr nach Madrid, wo sie Serge Diaghilev traf.
  • 1918

    Nach der Russischen Revolution versiegte der Geldfluss aus St. Petersburg, und Sonia Delaunay musste erstmals mit ihren Arbeiten Geld verdienen. Die Künstlerin eröffnete die Boutique „Casa Sonia“ für Mode, Accessoires und Möbel. Zudem begann sich die Künstlerin mit Bühnenbild und Kostümen zu beschäftigen: Entwarf für Serge Diaghilev und das Baletts Russes erfolgreiche Kostüme für „Kleopatra“ (1918, Uraufführung in London). Die Theorie des Simultanismus (Orphismus) wurde damit erst einem breiten Publikum vorgestellt. Dieses Jahr in Madrid wurde für Sonia Delaunay eines der wichtigsten, weil freiesten und experimentellsten ihrer Kunst. In dieser Phase legte sie den Grundstein für ihre künstlerische Entwicklung der 1920er Jahre. Eröffnung einer Dependance in Bilbao.
  • 1920

    Kontaktierte Paul Poiret, um in ihrem Madrider Geschäft Arbeiten aus seinem Atelier Martine anzubieten, was dieser empört zurückwies. Ausstellung von Werken Sonia und Robert Delaunays in Herwarth Waldens Sturm-Galerie in Berlin. Zwei Reisen nach Paris, um sich wirtschaftlich neu zu orientieren.
  • 1921

    Umzug nach Paris, Boulevard Malesherbes 19. Ihre gröbsten finanziellen Probleme wurden durch den Verkauf von Henri Rousseaus „Schlangenbeschwörerin“ an Jacques Doucet behoben.
  • 1923

    Sonia Delaunay entwarf Kostüme für Tristan Tzaras Theaterstück „Cœure á gaz“; gemeinsam entwickelten sie auch die Robes poèmes [Kleider-Gedichte], deren Stoffmuster und Umsäumungen Wörter aus Tzaras Gedichten zitieren.
  • 1924

    Eröffnung der Pariser Boutique „Sonia“, in der sich die ganze Familie einkleiden konnte. Die Delaunays meldeten die Marke „Simultané“ als französisches und amerikanisches Patent an. Großer Erfolg bei der Teilnahme an der „Exposition des Arts décoratifs et industriels modernes“ in Paris: Der Architekt Gabriel Guévrékian errichtete aus der Brücke Alexandre III. eine Simultanboutique, die eine der Hauptattraktionen der Ausstellung wurde. Einsatz von Modefotografie, welche die moderne Frau mit Kurzhaarschnitt, Zigarette in der Hand im großstädtischen Ambiente zeigt.
  • 1929

    Sommerurlaub gemeinsam mit den Familien Arp, Huidobro und Tzara im bretonischen Carnac (August). Die Wirtschaftskrise dezimierte die Kundschaft von Sonia Delaunays Geschäft merklich.
  • 1930

    Delaunay musste ihre Boutique schließen, was sie jedoch als große Erleichterung empfand. Verdiente ihren Lebensunterhalt weiterhin als Stoffdesignerin und konnte sich wieder mehr auf die Malerei konzentrieren.
  • 1931

    Gründung der Künstlervereinigung Abstraction-Création, der Sonia Delaunay beitrat.
  • 1937

    Sonia nahm gemeinsam mit Robert Delaunay an der Dekoration von zwei großen Pavillons, dem Pavillon des Chemins de Fer und dem Palais de l'Air, auf der Weltausstellung in Paris teil. Die Wandmalereien und bemalten Platten für die Ausstellung wurden von fünfzig Künstlern ausgeführt, darunter Albert Gleizes, Léopold Survage, Jacques Villon, Roger Bissière und Jean Crotti.
  • 1941

    Tod von Robert Delaunay an Krebs (Oktober). Sonia Delaunay zog danach zu Sophie Taeuber-Arp und Hans Arp nach Grasse, wo sie fast bis zum Ende des Krieges blieben.
  • 1964

    Sonia Delaunay wurde als erste lebende Künstlerin mit einer Retrospektive im Musée du Louvre geehrt – nachdem sie etwa einhundert ihrer und Roberts Werken dem Museum geschenkt hatte.
  • 1975

    Sonia Delaunay wurde in die Französische Ehrenlegion aufgenommen.
  • 1979

    Am 5. Dezember 1979 starb Sonia Delaunay in Paris.

Sonia Delaunay: Bilder

  • Sonia Delaunay, Philomène, 1907, Öl auf Leinwand, 92 x 54,5 cm (Centre Pompidou, Paris, Foto © Centre Pompidou, Philippe Migeat)
  • Sonia Delaunay und Blaise Cendrars, Prosa über die Transsibirische Eisenbahn und die kleine Jeanne d’Arc, 1913, Typografie, Aquarell und Schablone auf Papier, 193,5 x 18,5 cm (Privatsammlung)
  • Sonia Delaunay, Bal Bullier, 1913, Öl auf Leinwand, 50,2 x 73 cm (© Merzbacher Kunststiftung)
  • Sonia Delaunay, Simultanistisches Kleid, 1913, verschiedene Stoffe (Privatsammlung)
  • Sonia Delaunay, Flamencosängerinnen (Großer Flamenco), 1915/16, Öl und Enkaustik (Wachs) auf Leinwand, 174,5 x 143 cm (Museu Calouste Gulbenkian, Lissabon)
  • Sonia Delaunay, Flamencosängerinnen, 1916, Gouache, Öl und Enkaustik auf Papier, 36,1 x 42,1 cm (Museu Calouste Gulbenkian, Lissabon)
  • Zockoll (zg.), Sonia Delaunay mit bestickter Raffia, einer Tunica, Hut und Schirm der Casa Sonia, Madrid um 1920
  • Sonia Delaunay, Kleid-Gedicht: „La ventilateur tourne dans le cœur de la tête“ (Text von Tristan Tzara), 1922, Aquarell auf Papier, 30 x 23,5 cm (Courtesy Galeria Guillermo de Osma, Madrid)
  • Sonia Delaunay, Simultanistische Kleider (Drei Frauen, Formen, Farben), 1925, Öl auf Leinwand, 146 x 114 cm (Museo Thyssen-Bornemisza, Madrid) und Mantel für Gloria Swanson, um 1925, Baumwolle, Wolle (Privatsammlung)
  • Sonia Delaunay, Stillleben. Ferne Reisen, 1937 (Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía, Madrid. Temporary loan of D. Pedro and Dña. Ary Altamiranda, Panama, 2010)
  • Sonia Delaunay, Rhythmus Farbe, 1964, Öl auf Leinwand, 97,5 x 195,5 cm (Musée d’Art moderne de la Ville de Paris © Foto: Roger-Viollet)
  1. Die wichtigsten Leihgeber sind: das Centre Pompidou, die Bibliothèque nationale de France, das Musée de la Mode de Paris und das Museo Reina Sofía in Madrid neben verschiedenen Privatsammlungen.
  2. Guillaume Apollinaire, Die Kleiderreform, zitiert nach: Walburga Krupp, Sonia Delaunay – Sophie Taeuber-Arp, in: Die andere Seite des Mondes. Künstlerinnen der Avantgarde (Ausst.-Kat. K20 Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf, 22.10.2011–15.1.2012), Düsseldorf 2011, S. 131–132.
Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.