Thalheim | Museum Angerlehner: Lena Göbel & Maria Moser
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Thalheim | Museum Angerlehner: Lena Göbel & Maria Moser 2 Captains – 1 Mission

Maria Moser, Materie in spiritu, Detail, 2018/19, Öl/Lw, 390 x 390 cm, Foto: Alexandra Matzner | ARTinWORDS

Maria Moser, Materie in spiritu, Detail, 2018/19, Öl/Lw, 390 x 390 cm, Foto: Alexandra Matzner | ARTinWORDS

Lena Göbel (* 1983) und Maria Moser (* 1948) präsentierten in der großzügigen Halle des Museum Angerlehner in Thalheim bei Wels (OÖ) großformatige Holzschnitte und Abstraktionen. Mutter (Moser) und Tochter (Göbel) werden von Günther Oberhollenzer im spannungsreichen Dialog – Moser arbeitet gestisch-abstrakt und Göbel figurativ – einander gegenübergestellt. Großformatige Leinwände wechseln sich mit „Druckstöcken“ mit skulptural-bildhafter Wirkung ab. Genauer handelt es sich um markige Holzplanken, die von Lena Göbel großflächig bearbeitet werden. Die Holzschnitte bilden in ihrem Werk gleichsam den Grundstock der Aussage, werden sie doch in der folgenden Übermalung mit Ölfarben und Lacken akzentuiert, ausgelöscht oder vertieft.

Maria Moser – Dompteuse ihrer selbst

Maria Moser studierte während der 1970er Jahre an der Wiener Akademie. Ihre großflächigen Abstraktionen entstehen in mehreren Phasen. Ausgangspunkt ihres Arbeitens ist die auf dem Boden legende Leinwand, die sie intuitiv und sichtlich mit Freude an der großzügigen, aktiven Bewegung bemalt und beschüttet. Fußspuren an den Leinwänden bezeugen, wie die Künstlerin sich über ihre Werke bewegt, um die Farbmaterie mit Besen, Bürsten zu verteilen. Nachdem diese erste Schicht des „freien Arbeitens“ getrocknet ist, stellt Moser die Leinwände auf und reagiert auf das einmal Geschaffene. Die Künstlerin beschreibt diesen Moment als einen „inneren Dialog“ mit ihrem Werk, „bei dem es darum geht, geordneter ans Werk zu gehen“. Eine freudvolle „Bändigung der Kräfte“ wäre dieser Prozess, so Maria Moser. Das Resultat changiert zwischen emphatisch-gestischer Malerei und kontrolliertem Farbauftrag, zwischen dem Zufall einer Rinnspur und kraftvollem, subjektivem Strich. Der Bildträger spricht dabei immer mit, speichert die Erinnerung an den Werkprozess und bildet die Folie, vor der sich Farbtöne, aber auch das tiefe Schwarz der Maria Moser entfalten können. Geschüttet, gebürstet, gestrichen – wilde Malerei wieder eingefangen und gezähmt – so zeigen sich die Abstraktionen der Maria Moser. Das Resultat ist ein beständiges Changieren zwischen eruptivem Farbauftrag und leuchtenden Farbtönen, zwischen kontrolliert gesetzten und von der Umwelt geprägten Stellen.

„Ich gehe schon mit einer gewissen Vorstellung [an das Bild, Anm. AM] heran, aber diese wird wieder verworfen, und dann kommt etwas Neues. Der Arbeitsprozess ist sehr fordernd und das eigentliche Um und Auf.“

Lena Göbel – ironischer Blick auf Heimatkommerz

Lena Göbel arbeitet mit der Technik des Holzschnitts, um ihre in Trachten gekleideten Tiere zuerst in die Holzplanke, dann aufs Papier und schlussendlich in überarbeiteter Form auf die Leinwand zu bekommen. Als Schülerin von Gunter Damisch an der Wiener Akademie (2003–2008) tritt sie in die Fußstapfen eines der profiliertesten Druckgrafiker der österreichischen jüngeren Kunstgeschichte (→ Gunter Damisch. MACRO. MICRO). Im Interview mit Günther Oberhollenzer erläutert Göbel ihre Präferenz für das Medium wegen dessen expressionistischen Charakters, wobei sie „das Plakative, Starke und Wilde“1 an ihm schätzt. Mit ihren vermenschlichten, in Trachten gehüllten Tierdarstellungen nimmt Göbel Themen wie heimatverbundene Kultur und Selphy-Manie auf. Stolz präsentieren sich die Protagonisten, wobei Göbel durch die Behandlung ihrer posierenden Tiere – Ergänzung, Akzentuierung bis Übermalung – eine ironische Note einführt. Mitnichten geht es der oberösterreichischen Künstlerin um ein Akklamieren trachtiger Zustände. Stattdessen zeigen sich Hamster, Karpfen und Vogel in ihrem Selbst bedroht, als wären die Porträts Erinnerungsbilder aus längst vergangenen Zeiten. Dahinter stehen Ironie und Kritik – allerdings nicht an einer altbackenen oder nationalistisch vereinnahmten Heimatverbundenheit, sondern an der Kommerzialisierung derselben. Lena Göbel ist eine Künstlerin, die gerne am Land lebt, wie sie betont – und daher das Ursprüngliche der Tradition zu schätzen weiß. Ihr Antrieb, figurativ zu arbeiten und sich mit dem politisch hochbrisanten Thema auseinanderzusetzen, ist der Umgang damit:

„Es ist wichtig, dass man nicht vergisst, wo etwas herkommt, aber man kann sich auf der gleichen Ebene auch wieder lustig darüber machen. Was mich stört, sind nicht Leuchte, die sich darüber lustig machen, sondern solche, die einfach absolut keine Ahnung haben. Diese Oberflächlichkeiten stören mich am meisten.“

Kuratiert von Günther Oberhollenzer.

2 Captains – 1 Mission. Lena Göbel & Maria Moser: Ausstellungskatalog

Lena Göbel, Maria Moser (Hg.)
mit Beiträgen von Björn Engholm, Florian Steininger und einem Interview zwischen Lena Göbel, Maria Moser und Günther Oberhollenzer
128 Seiten
ISBN 978-3-99028-841-2
artedition Verlag Bibliothek der Provinz

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  1. Über die Mission ein Bild mit Kraft und Leben zu beseelen. Günther Oberhollenzer im Gespräch mit Lena Göbel und Maria Moser, in: 2. Captains – 1 Mission. Lena Göbel & Maria Mose, Weitra 2019 (Ausst.-Kat. Museum Angerlehner, Thalheim, 24.2.–22.9.2019), Weitra 2019, S. 60–78, hier S. 62.
Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.