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Traumlandschaften Symbolistische Malerei von Van Gogh bis Kandinsky

Richard Thomson, Rodolphe Rapetti, Frances Fowle: Traumlandschaften. Symbolistische Malerei von Van Gogh bis Kandinsky, Stuttgart 2012 (Belser Verlag)

Richard Thomson, Rodolphe Rapetti, Frances Fowle: Traumlandschaften. Symbolistische Malerei von Van Gogh bis Kandinsky, Stuttgart 2012 (Belser Verlag)

Die Landschaftsmaalerei lag den Symbolisten sehr am Herzen, soweit bekannt. Ihr Ziel war, damit Stimmungen, Gefühle und Nachdenken auszulösen. Die Mittel waren jedoch, und das belegt der Katalog in einmaliger Weise, je nach Künstler und seiner Herkunft verschieden. Der Belser Verlag legt mit „Traumlandschaften. Symbolistische Malerei von Van Gogh bis Kandinsky“ den deutschsprachigen Ausstellungskatalog zu einer international kuratierten Schau vor, die bereits in Edinburgh, Helsinki und Amsterdam zu sehen war bzw. sein wird.

Traumlandschaften.
Symbolistische Malerei von Van Gogh bis Kandinsky

Niederlande / Amsterdam: Van Gogh Museum
24.2. – 17.6.2012

Großbritannien / Edinburgh: The National Galleries of Scotland
14.7. – 14.10.2012

Finnland / Helsinki: Ateneum Art Museum, Finnish National Gallery
16.11.2012 – 17.2.2013

 

Symbolismus – eine Stilfrage?

So wie der Symbolismus kein Stil im herkömmlichen Sinn ist, d.h. sich über eine Malweise definieren ließe, sondern eine geistige Strömung, so sind die symbolistischen Landschaften höchst unterschiedlich gestaltet. Der Verzicht auf Äußerlichkeiten oder deren Reduktion würde, wie Moreas 1886 im Aufsatz „Le symbolisme“ in Le Figaro herausarbeitete, ein Vordringen zur neuplatonischen „Idee“ eines Objekts, einer Landschaft oder einer Figur versprechen. Die kräftigen Umrisslinien und exaltierten, nicht realistischen Farben versinnbildlichen daher die Vorherrschaft der Gedanken über die sinnliche Wahrnehmung.

 

 

Symbolismus und die Landschaftsmalerei

Bei aller Unterschiedlichkeit ist den symbolistischen Landschaftsbildern jedoch gemein, dass ihre Schöpfer die unberührte Natur bevorzugten, keine Menschen oder Zeichen der Moderne integrierten, die Stille suchten. So stehen verlassene Städte symbolhaft für die Einsamkeit des Ich, die Traumlandschaft kann nur allzu leicht in einem Albtraum kippen. Der kontemplative oder suggestive Charakter der Bilder macht sie auch heute noch zu wichtigen Interpretationen des Verhältnisses von Mensch und Natur. Der Bildraum wird zu einer Metapher für den Kosmos: Der Mensch ist Teil eines sich in ewigem Wandel befindlichen Universums, er ist dem Werden und Vergehen unterworfen.

Anrold Böcklins „Toteninsel“ spricht Thomson als erste symbolistische Landschaft an und vermutet, dass es das einflussreichste Bild des 19. Jahrhunderts sei. 1880 im Auftrag der Gräfin von Oriola geschaffen, sollte es der Auftraggeberin als „ein Bild zum Träumen“ und zum Gedenken an ihren verstorbenen Ehemann dienen. Die Landschaft wird bei Böcklin zur Ausdrucksträgerin. Er ist sich der Zerbrechlichkeit der Kultur bewusst und setzt ihr die Erhabenheit der Felseninsel mit ihren Wandgräbern entgegen. Die von Rodolphe Rapetti definierten Merkmale des Symbolismus finden sich im Sujet, in seinen zeitlosen Qualitäten, seinem „Primitivismus“, seiner Anti-Fortschrittshaltung. Der „Flucht ins Mystische“ (Thomson) entspricht das Parallelsetzen der Malerei mit der Musik, Farben werden zu Tönen und Harmonien. Sie sollen, ergänzt durch die Wiedergabe von stillen Orten und imaginierten Siedlungsstätten ohne Menschen oder Zeichen der Moderne, Stimmungen, Gefühle und Reflexionen auslösen.

 

 

Stilisierung über alles!

Da es den Symbolisten ab den 1880er Jahren um die Vorstellungskraft, den kontemplativen Charakter der Werke und das Primat der Idee ging, fanden die Künstler in der ostasiatischen und ägyptischen Kunst wesensverwandte Eigenschaften: Die Reduktion auf kräftige Umrisslinien und intensive Farben, als Klarheit und Einfachheit auf formaler Seite, sowie die Versenkung in die Natur in der japanischen Zen-Malerei wurden wichtige Impulsgeber für die stilistische Entwicklung im Cloisonismus und Synthetismus.

 

 

Symbolisten als Suchende im ewigen Mysterium

Vincent van Gogh fand mit seinem Sämann-Motiv vielleicht die einprägsamste Umsetzung von Werden und Vergehen, der Verbindung des Menschen mit der Natur. Der Holländer in Südfrankreich wollte wie viele seiner Zeitgenossen die göttliche Fügung nicht außer Acht gelassen haben wollen (→ Vincent van Gogh : Paul Gauguin in Arles). In den Werken von Mondrian und Kupka lässt sich ihr Interesse an der Theosophie deutlich nachweisen: Kunst ist in ihren Augen eine Art Parallelordnung zur Naturwissenschaft. Sie wandten sich vehement gegen den Materialismus (teils auch dezidiert gegen den Kapitalismus wie Signac und Gauguin), den absoluten Fortschrittsglauben der Gründerzeit und eine positivistische Wissenschaft ohne Platz für Geheimnisse. Ihrer Ansicht nach waren die Realisten zu sehr an der trivialen Aktualität interessiert und ihre Bilder durch die Nähe zur faktischen Wirklichkeit nahezu platt. Stattdessen suchten die Symbolisten zeitlose Qualitäten zu erreichen, förderten das ästhetisch Unfertige, Unraffinierte und den „Primitivismus“.

 

 

Traumlandschaften. Symbolistische Malerei von Van Gogh bis Kandinsky: Ausstellungskatalog

R. Thomson, R. Rapetti, F. Fowle
27,2 x 25,3 cm, 208 Seiten, Fester Einband
€ 39,95 [D] / 41,10 [A] / 56,90  CHF
ISBN: 978-3-7630-2612-8
Belser Verlag

Fazit: Ein wirklich gelungenes Katalogbuch, das viele Forschungsergebnisse zusammenführt und mithilfe einer reichen Bebilderung schlüssig vor Augen führt. Die Fülle der künstlerischen Positionen wird durch eine additive Behandlung der wichtigsten Exponenten dargestellt.

 

Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.