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Zwei gestohlene Frühwerke Van Goghs wieder zurück in Amsterdam

Holland / Amsterdam: Van Gogh Museum
21.3.–14.5.2017

„Kongregation verlässt die reformierte Kirche in Nuenen“ (1884) und „Sturm – Strand von Scheveningen“ (August 1882) sind zwei Frühwerke des aus den Niederlanden stammenden Vincent van Gogh, der sich 1880 seiner Leidenschaft – der Malerei – zuwandte. Im Selbststudium und kaum akademischer Unterstützung wollte er die Heimat und ihre Bevölkerung, der er sich stark verbunden fühlte, in ausdrucksstarke Gemälde fassen.

 

„Ich fühle, dass meine Arbeit im Herzen der Leute liegt, dass ich mich nahe am Boden aufhalten muss, dass ich tief in das Leben eintauchen muss und mit Hilfe des sorgsamen und schwierigen Kopierens vorwärtskommen muss. Ich kann mit keinen anderen Weg vorstellen ….“[1]„ I feel that my work lies in the heart of the people, that I must keep close to the ground, that I must delve deeply into life and must get ahead by coping with great cares and difficulties. I can’t imagine any other way,…“ Das Original liegt im Van Gogh Museum, Amsterdam, Br. 1990: 225 | CL: 197.  (Vincent van Gogh in einem Brief an Theo van Gogh, Den Haag, Freitag, 12. oder Samstag, 13. Mai 1882)

 

Vincent van Goghs Anfänge

Der Niederländer zog kurz nach Weihnachten 1881 nach Den Haag, wo er bis September 1883 lebte. Hier wollte er sich von seinem Schwager Anton Mauve, einem renommierten Maler der Haager Schule unterrichten lassen. Die neue niederländische Landschaftsmalerei hatte um 1880 bereits internationales Aufsehen erregt und galt bei Zeitgenossen als Verbindung einer präzisen Naturschilderung mit „einem bemerkenswerten Gefühl für den genius loci[2]So urteilte ein Kritiker anlässlich der Präsentation holländischer Gemälde auf der Wiener Weltausstellung 1873 in der „Gazette des Beaux-Arts“. Zitiert nach: John Sillevis, Vincent van Gogh und die Haager Schule, in: Roland Dorn, Klaus Albrecht Schröder, John Sillevis (Hg.), Van Gogh und die Haager Schule (Ausst.-Kat. Bank Austria Kunstforum 28.2.–27.5.1996), Mailand 1996, S. 15–29, hier S. 15.. Eine andere Kritikerstimme sah in Werken von Jozef Israëls eine Schwesternschaft von Schatten und Schmerz, womit er auch Vincent van Goghs Haager Gemälde hätte beschreiben können.

Inspiriert durch den Realismus der Schule von Barbizon und der Haager Schule wagte sich Vincent van Gogh erst im August 1882 an erste Ölstudien. Zuvor hatte er versucht, seine Fähigkeiten als Zeichner zu schulen. Durch einen Brief an seinen Bruder Theo van Gogh ist überliefert, dass der angehende Künstler sich vornahm, am Montag, dem 7. August 1882 „mit dem Malen kleiner Studien“ zu beginnen.[3]Ebenda, S. 95. In den nun entstehenden Studien wandte er sich dem städtischen Leben („Studie von einem Kohlenweg“), der Natur (Studien von Kopfweiden) und bereits dem Küstenort Scheveningen zu. Erhalten ist nur ein Bruchteil der entstandenen kleinformatigen Ölgemälde, die die ersten Schritte Van Goghs in die Malerei dokumentieren. Umso erfreulicher ist der Fund der gestohlenen Werke des Van Gogh Museums.

 

Van Gogh in Scheveningen

 

„Die See war vor dem Sturm beinahe noch imposanter als während des eigentlichen Sturms. Solange der Sturm anhielt, sah man die Wellen viel weniger und hatte weniger als zuvor den Eindruck gepflügten Landes. Die Wellen folgten so schnell aufeinander, dass eine die andere verdrängte und es entstand durch den Zusammenprall der Wassermassen eine Art Schaum, wie Flugsand, der die See im Vordergrund in eine Art Schleier hüllte. Sonst aber war es ein grimmiges Lüftchen – umso grimmiger und, wenn man länger zusah, umso eindrucksvoller, als es so wenig Lärm machte. Die See hatte die Farbe von schmutziger Seifenlauge. Just an der Stele war ein Fischerboot, das letzte in der Reihe, und einige dunkle Figürchen.“[4]Das Original liegt im Van Gogh Museum, Amsterdam, Br. 1990: 259 | CL: 226. (Vincent van Gogh in einem Brief an Theo van Gogh, Den Haag, Freitag, Samstag, 26. August 1882)

 

Mit diesen Worten beschrieb Vincent van Gogh am 26. August 1882 seine Skizze des aufgewühlten Meeres mit den heranrollenden Wellen, dem schweren Himmel, den Fischern am Strand und sich selbst in den Dünen hockend. Zwei Mal, so begann er den Brief, hätte er alle Farbe von der Leinwand kratzen müssen, da eine dicke Sandschicht alles bedeckte. Erst als er sein Atelier in ein nahegelegenes Gasthaus verlegte, hätte er die Komposition ausführen können. Immer besorgt um die Authentizität des Eindrucks, war er in den Sturm hinausgeeilt. Das Ergebnis war nicht nur diese eindrucksvolle erste Studie des tosenden Meeres, der Gewalt der Natur, dem die kleinen Menschen ausgeliefert scheinen, sondern auch eine Erkältung, die den fanatischen Pleinairisten Van Gogh für ein paar Tage ins Bett fesselte. Ein halbes Jahr später brach Vincent van Gogh mit den Haager Künstlern, allen voran mit dem von ihm verehrten Anton Mauve. Dahinter standen sowohl seine Ablehnung, nach Gipsen zu zeichnen (stattdessen wandte er sich Typen aus dem einfachen Volk zu), und dass er eine schwangere Frau, Clasina Maria Horrnik, genannt Sien, bei sich aufgenommen hatte.

 

 

Van Gogh in Nuenen

Nach Vincent van Goghs Krise mit Sien, einer überstandenen Tripper-Infektion und seiner Distanzierung von den Landschaftsmalern der Haager Schule zog er nach Nuenen, wo er zwischen Dezember 1883 und November 1885 lebte. Die Stadt bei Eindhoven bot sich an, weil Van Goghs Vater zum Pfarrer der reformierten Gemeinde berufen worden war. Vincent van Gogh zog widerwillig wieder bei seinen Eltern ein. Die Kirche von Nuen zog vor allem im Frühjahr 1884 sein, Interesse auf sich. In mehreren Skizzen und Zeichnungen hielt er den „alten Turm“, die Felder ringsherum, den Weiher, Kopfweiden und Hecken fest. In dieser Phase wählte Vincent van Gogh dunkle, erdige Töne, die wenig später in sein Hauptwerk der holländischen Zeit mündeten: „Die Kartoffelesser“ (→ Vincent van Gogh im Borinage. Die Geburt eines Künstlers).

 

Blitz-Coup

Vor vierzehn Jahren (2002) stahlen zwei Diebe die nun zurückgekehrten Gemälde aus dem Museum. Im September 2016 wurden sie bei einer Razzia der italienischen Guardia di Finanza in der Nähe von Neapel wiedergefunden. Sie befanden sich in einem Haus, das die Eltern des flüchtigen Camorra Chefs Raffaele Imperiale bewohnten, hinter einer zweiten Wand. Jetzt wurden sie dem niederländischen Museum zurückgegeben und von den Restauratoren des Van Gogh Museums erstmals in Augenschein genommen. Die beiden frühen Gemälde Vincent van Goghs haben glücklicherweise wenig gelitten – der gravierendste Schaden wurde kurz nach dem Diebstahl beim Ablösen des Bilderrahmens verursacht – und sind in relativ gutem Zustand. Dennoch werden sie nach der Erstpräsentation von den Restauratoren erneut untersucht und behandelt werden, da von dem bereits zuvor stark restaurierten Gemälde „Das Meer bei Scheveningen“ eine Ecke abgerissen wurde.

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1. „ I feel that my work lies in the heart of the people, that I must keep close to the ground, that I must delve deeply into life and must get ahead by coping with great cares and difficulties. I can’t imagine any other way,…“ Das Original liegt im Van Gogh Museum, Amsterdam, Br. 1990: 225 | CL: 197.
2. So urteilte ein Kritiker anlässlich der Präsentation holländischer Gemälde auf der Wiener Weltausstellung 1873 in der „Gazette des Beaux-Arts“. Zitiert nach: John Sillevis, Vincent van Gogh und die Haager Schule, in: Roland Dorn, Klaus Albrecht Schröder, John Sillevis (Hg.), Van Gogh und die Haager Schule (Ausst.-Kat. Bank Austria Kunstforum 28.2.–27.5.1996), Mailand 1996, S. 15–29, hier S. 15.
3. Ebenda, S. 95.
4. Das Original liegt im Van Gogh Museum, Amsterdam, Br. 1990: 259 | CL: 226.