0

Wander Bertoni schenkt Albertina bedeutende Skulptur „Das Rhythmische B“ ist bis auf weiteres in der Dauerausstellung zu sehen

Wander Bertoni und Klaus Albrecht Schröder in der Albertina 2019, Foto: Alexandra Matzner, ARTinWORDS

Wander Bertoni und Klaus Albrecht Schröder in der Albertina 2019, Foto: Alexandra Matzner, ARTinWORDS

Wander Bertoni und Klaus-Albrecht Schröder präsentierten heute die Schenkung des Künstlers an die Albertina: „Das Rhythmische B“ (Entwurf 1954) aus der Serie „Das imaginäre Alphabet“ (Entwurf 1954/55) ist erstmals neben Hauptwerken des Surrealismus und der Modernen Kunst zu sehen. Der Bildhauer feiert am 11. Oktober seinen 94. Geburtstag – und macht sich und Österreich ein Geschenk.

Für Direktor Klaus Albrecht Schröder ist die Faszination für das Ei ist etwas Essentielles, das sich in ikonischen Werken von Constantin Brancuşi, Joan Miró und Max Ernst ebenso nachweisen lässt.

„Wander Bertonis Faszination für das Ei teilt er mit Brancuşi und Jean Arp. Letzten Endes ist das ein Faszination für den Ursprung des Lebens, der Natur. Gerade diese Skulpturen, die so völlig in der Abstraktion zu verharren scheinen, sind ein Symbol der ständigen Veränderung der Natur, des sich Dehnens, des sich Bewegens, als ob ein Fluss der ständigen Veränderung plötzlich erstarrt“, so Schröder

Offensichtlich interpretiert Klaus Albrecht Schröder die Plastik als abstrakt und ungegenständlich. Auf die Frage, wie diese Überzeugung damit zusammenpasst, dass das Werk einen Titel – „Das Rhythmische B“ – trägt und Teil einer Serie ist, antwortete er:

„Der Titel ist nicht unglaublich sprechend, so dass man sich davor etwa ein blau bemaltes Haus mit Ziegeldach vorstellen kann. „Das Rhythmische B“ gehört zu einer Serie, in der sich Bertoni anhand von Buchstaben durch das Alphabet der Natur arbeitet.“

„Das Rhythmische B“

Das in einer Auflage von sieben Stück als polierte Bronzeskulptur ausgeführte „Rhythmische B“ gehört zu Wander Bertonis berühmter Serie „Das imaginäre Alphabet“. Die Mitte der 1950er Jahre entstandene Zyklus gibt beredt Zeugnis darüber, wie sich Wander Bertoni von kubistischen Anfängen zu einem Künstler der ungegenständlichen Abstraktion weiterentwickelt hatte. Zum einen spielen die Titel auf Buchstaben und deren Formen an, auf der anderen Seite rezipierte Bertoni darin die Überzeugungen der Konkreten Poesie über die Bedeutung hinauszugehen und zu einem ästhetisch-formalen Ausgangspunkt für weitere Raum- und Rhythmusforschungen zu machen. Bewegung, oder besser Dynamik, das Schwingen von Formen, das Umfassen von Raum werden zu wichtigen Kriterien seiner Kunst, was während der 1950er Jahre international wahrgenommen wurde.

Wer ist Wander Bertoni?

Der 1925 in Codisotto (Italien) geborene Künstler wurde 1943 im Alter von 18 Jahren als Zwangsarbeiter nach Wien verschleppt. Noch während des Kriegs lernte er den impressionistischen Maler Gibello und die Bildhauerin Maria Biljan-Bilger kennen. Die Malerei wurde in den Tagen des Zweiten Weltkriegs zu seiner „Lebensrettung“. Als erster Schüler von Fritz Wotruba (1907–1975), der auf Einladung von Herbert Boeckl die Meisterklasse für Bildhauerei an der Akademie der bildenden Künste übernommen hatte, gelang dem Italiener Wander Bertoni ein Neuanfang unter dem Banner des Kubismus (1946–1952). Frühe Werke zeigen die Beschäftigung des Plastikers mit der Geometrisierung des Körpers, mit Fläche und Raum, mit Volumen und Negativform, mit Bewegung und Ruhe. Gleichzeitig restaurierte er durch Bombardierung geschädigte Denkmaler wie die Pestsäule am Wiener Graben aber auch die Skulpturen am Burgtheater und im Belvedere Wien. Bereits 1947 zählte er zu den Gründungsmitgliedern des Internationalen Art Club (gemeinsam mit Heinz Leinfellner, Maria Biljan-Bilger).

Die erste Einzelausstellung Wander Bertonis fand 1951 in der erst notdürftig wieder hergerichteten Secession statt (in den letzten Kriegstagen brannte die Ausstellungshalle ab). Der künstlerische wie wirtschaftliche Erfolg ermöglichte ihm, sich von Roland Rainer ein Atelier in Grinzing errichten zu lassen (1951/52). Dieser Kontakt brachte Bertoni den Auftrag ein, die abstrakte Skulptur „Bewegung“ (1958) für die von Rainer errichtete Stadthalle zu realisieren. Für das Foyer des Großen Salzburger Festspielhauses schuf Wander Bertoni die Skulpturen „Musik“ und „Theater“ aus Carrara-Marmor.

Als einer der führenden Bildhauer und Plastiker der österreichischen Kunst der 1950er Jahre wurde Bertoni eingeladen eine 18 Meter hohe Stahlplastik für die New Yorker Weltausstellung 1964 zu konzipieren. Heute steht diese Monumentalskulptur in Winden am Neusiedlersee (Burgenland, Österreich), wo der Bildhauer seit 1965 in der sogenannten „Gritsch-Mühle“ lebt. Zur gleichen Zeit übernahm er die Leistung der Meisterklasse für Bildhauerei an der Universität für angewandte Kunst Wien. Diese Funktion füllte er bis 1994 aus.

Die Bedeutung Bertonis für die österreichische Kunst der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Vier Mal war er auf der Biennale von Venedig vertreten (1950, 1952, 1954 und 1966), einmal auf die Biennale von São Paulo (1953) und drei Mal auf die Biennale Middelheim – Antwerpen (1959, 1961, 1963).

Literatur

  • Wander Bertoni (Ausst.-Kat. Galerie bei der Albertina Zetter und galerie artzwina, Wien, 6.5.–1.6.2019), Wien 2019. Mit Beiträgen von Klaus Albrecht Schröder und Andrea Schuster.
  • Kristian Sotriffer, Wander Bertoni. Das plastische Werk 1945 bis 1980, Wien 1981.

Wander Bertoni in der Albertina: Bilder

  • Wander Bertoni, Rhythmisches B, 1954, Bronze, poliert (ALBERTINA, Wien – Schenkung Wander Bertoni © Albertina, Wien)
  • Wander Bertoni, Rhythmisches B, 1954, Bronze, poliert (ALBERTINA, Wien – Schenkung Wander Bertoni © Albertina, Wien)
  • Ausstellungsansicht Albertina mit Wander Bertonis „Rhythmischem B“, 1954, Bronze, poliert (ALBERTINA, Wien – Schenkung Wander Bertoni © Albertina, Wien)

Aktuelle Ausstellungen

19. Oktober 2020
Wassily Kandinsky, Kallmünz – Gabriele Münter beim Malen I, Detail, Sommer 1903 (Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München)

München | Lenbachhaus: Wassily Kandinsky – Gabriele Münter Frühe Reisen des Künstlerpaars zwischen 1904 und 1908

Wassily Kandinsky und Gabriele Münter – wir kennen sie als zentrale Figuren der Künstlerformation „Der Blaue Reiter“. Bereits vor dieser Zeit verband die beiden eine enge künstlerische Beziehung. Die Ausstellung widmet sich erstmals ihren gemeinsamen Wegen in den Jahren von 1902 bis 1908.
16. Oktober 2020
Pierre Soulages, Peinture , 13 juin 1971, Öl/Leinwand, 111 x 162 cm (Sammlung Domnick © VG Bild-Kunst, Bonn 2020)

Baden-Baden | Museum Frieder Burda: Pierre Soulages Lichtbilder in Schwarz von 1946 bis 2019

Die Ausstellung zeigt Werke aus dem 80-jährigen Schaffen von Pierre Soulages - und wirft einen Blick in die Zukunft des 100jährigen Malers.
15. Oktober 2020
Pierre-Auguste Renoir, Das Gewächshaus [La Serre], Detail, um 1876 (Leihgabe aus Privatbesitz, Foto: © Staatsgalerie Stuttgart)

Stuttgart | Staatsgalerie: Impressionismus Herbst 2020/21 wird farbenfroh: Mit allen Sinnen! Französische Malerei

Dank einer Auswahl von etwa 60 Exponaten, darunter 33 selten bis nie ausgestellte Leihgaben aus Privatbesitz, welche ihre eigenen Bestände ergänzen und abrunden, kann die Staatsgalerie mit dieser Ausstellung die ganze Entwicklungsgeschichte dieser Epoche nachvollziehbar machen.
15. Oktober 2020
Caravaggio, Hl. Johannes der Täufer (Knabe mit Widder), Detail, 1602, Öl/Lw, 129 × 94 cm (Musei Capitolini, Pinacoteca Capitolina, Rom – Archivio Fotografico dei Musei Capitolini © Roma, Sovrintendenza Capitolina ai Beni Culturali)

Dresden | Zwinger: Caravaggio Das Menschliche und das Göttliche konfrontiert Caravaggio mit seinen Nachfolgern

Michelangelo Merisi da Caravaggio (1571–1610) schuf 1602 das Gemälde „Johannes der Täufer“, das heute in der Sammlung der Kapitolinischen Museen in Rom hängt – im Herbst/Winter 2020/21 in Dresden zu Gast ist. Mehr als 50 Werke aus der eigenen Sammlung belegen Caravaggios weitreichenden Einfluss auf die Kunst – über Generationen und Landesgrenzen hinweg.
15. Oktober 2020
Felix Salten. Im Schatten von Bambi, Ausstellung im Wien Museum MUSA & Wienbibliothek, Plakat, Grafik: Olaf Osten

Wien | Wien Museum MUSA + Wienbibliothek: Felix Salten Autor von Bambi entdeckt die Moderne

Als Autor von „Bambi“ ist Felix Salten (1869–1945) weltberühmt - doch der Wiener war auch einflussreicher Journalist, mächtiger Kulturkritiker, experimentierfreudiger Theatergründer, engagierter Repräsentant des Judentums, umstrittener Literaturfunktionär und Mitstreiter des literarischen Netzwerks Jung-Wien.
14. Oktober 2020
Caspar David Friedrich, Lebensstufen, Detail, um 1834, Öl/Lw, 72,5 x 94 cm (Museum der bildenden Künste, Leipzig, Foto: InGestalt Michael Ehritt)

Düsseldorf | Museum Kunstpalast: Caspar David Friedrich Friedrichs Landschaftsmalerei und die Düsseldorfer Romantiker

Zu Lebzeiten stand Caspar David Friedrich (1774–1840) in einer spannungsvollen Beziehung zu den Vertretern der Düsseldorfer Landschaftsmalerei. Der künstlerische Austausch war von Gegensätzen und Kritik, aber auch von erstaunlichen Korrespondenzen geprägt. Mitte der 1830er Jahre geriet Friedrichs Werk zunehmend in den Schatten der Düsseldorfer Malerschule.
Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.