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Wien | MAK: Otto Prutscher Allgestalter der Wiener Moderne: Designer, Architekt, Lehrer

Otto Prutscher, Kaffeeservice Nr. 1321 für die Firma Klinkosch, um 1915 © Otto Prutscher Archiv, Baden/Peter Kainz

Otto Prutscher, Kaffeeservice Nr. 1321 für die Firma Klinkosch, um 1915 © Otto Prutscher Archiv, Baden/Peter Kainz

Otto Prutscher (1880–1949) war Architekt und Designer, Ausstellungsgestalter, Lehrer und Mitglied aller wichtigen Reformkunstbewegungen von Secession und Wiener Werkstätte bis zum Werkbund. Prutscher gehörte zu den ersten Schülern der Wiener Kunstgewerbeschule. Der Unterricht bei Josef Hoffmann und dem Maler Franz Matsch hinterließ Spuren: Seine Entwürfe weisen eine hohe zeichnerische Qualität auf; sie orientierten sich an den jeweils aktuellen Tendenzen der Architektur.

Prutschers heute bekanntes Werk umfasst mehr als 50 Bauwerke (Villen, Wohnhäuser, Portale), knapp 50 Ausstellungen, die er künstlerisch und organisatorisch gestaltete oder mitgestaltete, rund 170 Einrichtungen, über 300 Entwürfe dafür sowie über 200 Einzelmöbel und Garnituren. Mehr als 200 Unternehmen setzten seine Designs um, allen voran die Wiener Werkstätte und Betriebe wie Backhausen oder Augarten.

 

 

Der Wiener Jugendstil war die Wiege, in der Otto Prutscher heranwuchs und sich entwickelte. Zehn Jahre jünger als Josef Hoffmann und Adolf Loos, zählte Prutscher zur ersten Generation der SchülerInnen an der Wiener Kunstgewerbeschule, die von der Reform des Unterrichts im Sinne der Reformkunst unter der Direktion Felician von Myrbachs und von jungen Professoren wie Josef Hoffmann und Koloman Moser profitierten. Materialbeherrschung eignete sich Prutscher in der Kunsttischlerei seines Vaters Johann Prutscher sowie im Zuge einer Maurerlehre und einer Zimmermannspraxis an, die er in den vorlesungsfrei-en Sommermonaten absolvierte.

Nach der Aufnahme an der Wiener Kunstgewerbeschule 1897 belegte Prutscher einen Kurs für ornamentales Zeichnen bei Willibald Schulmeister und studierte später zwei Semester in Josef Hoffmanns Fachschule für Architektur. Anschließend belegte er zwei Semester bei Franz Matsch in der Klasse für Zeichnen und Malen. Der Unterricht beim secessionistischen Architekten Hoffmann und beim vormodernen Maler Matsch hinterließ Spuren: Prutschers Entwürfe und ausgeführte Werke weisen einerseits eine hohe zeichnerische Qualität auf, andererseits orientieren sie sich an den jeweils aktuellen Tendenzen der Architektur. Von 1903 bis 1907 war Prutscher Assistent an der k. k. graphischen Lehr- und Versuchsanstalt, ab 1908 Lehrer am k. k. Lehrmittel Bureau in Wien. Ab 1907 wurde er für die Wiener Werkstätte aktiv. Sein Lehrer Josef Hoffmann schlug ihn 1909 erfolgreich als Professor an der k. k. Kunstgewerbeschule vor: Dort leitete er bis zu seiner Zwangspensionierung auf-grund der jüdischen Herkunft seiner Ehefrau im Jahr 1939 den offenen Entwurfszeichensaal für Gewerbetreibende.

 

 

Otto Prutscher im MAK

70 Jahre nach Prutschers Tod diskutiert die Ausstellung sein komplexes Schaffen und dessen Rolle für die Entwicklung der Wiener Moderne. Anlass dafür bietet die großzügige Schenkung von 139 Entwürfen, Objekten und Möbeln Prutschers durch die Sammlerin Hermi Schedlmayer.

Die Ausstellung bietet mit rund 200 Entwürfen aus dem Otto-Prutscher-Nachlass im MAK, der Sammlung Schedlmayer und dem Familienarchiv Otto Prutschers in Mailand sowie ausgeführten Objekten und Möbeln aus den Sammlungen des MAK und der Familie Schedlmayer sowie von privaten Leihgebern einen Überblick über das Werk des „Allgestalters“. Viele der Entwürfe – auch für Objekte im Besitz des MAK – werden erstmals gezeigt und konnten bei Recherchen im Zuge der Ausstellungsvorbereitungen im Familienarchiv Otto Prutschers, das im Besitz seiner Enkelin Beba Restelli steht, in Mailand identifiziert werden. Highlight der Präsentation ist die von Otto Prutscher entworfene Vitrine für den „Raum für einen Kunstliebhaber“ aus der Wiener Kunstschau 1908, die dem MAK von Hermi Schedlmayer geschenkt wurde.

Kuratiert von Rainald Franz, Kustode MAK-Sammlung Glas und Keramik

 

Otto Prutscher. Allgestalter der Wiener Moderne: Ausstellungskatalog

OTTO PRUTSCHER. Allgestalter der Wiener Moderne (MAK Studies 26)
Christoph Thun-Hohenstein und Rainald Franz (Hg.)
Mit Beiträgen von Silvia Colombari, Claas Duit, Rainald Franz, Aline Müller, Kathrin Pokorny-Nagel, Beba Restelli, Elisabeth Schmuttermeier und Christoph Thun-Hohenstein
160 Seiten mit zahlreichen Farbabbildungen
Klappenbroschur
ISBN 9783897905696 (Deutsch/Englisch)
MAK, Wien/Arnoldsche Art Publishers, Stuttgart 2019

 

Otto Prutscher: Werke

  • Otto Prutscher, Vitrine für den Raum für einen Kunstliebhaber in der Wiener Kunstschau 1908 © Otto Prutscher Archiv, Baden, Peter Kainz
  • Perlglasvase nach Entwurf von Otto Prutscher, 1908, Ausführung Joh. Loetz Witwe, Klostermühle (Klášterský Mlýn, CZ) © Otto Prutscher Archiv, Baden, Peter Kainz
  • Otto Prutscher, Musterzimmer mit Lampen, Tapeten und Stoffen der Wiener Werkstätte, um 1910 © Archivio Famiglia Otto Prutscher, Mailand
  • Otto Prutscher, Tischtuch, um 1910, Ausführung Herrburger & Rhomberg, Wien-Dornbirn, Baumwolle, gewebt © MAK, Katrin Wißkirchen
  • Otto Prutscher, Innenraum der Apotheke „Zum goldenen Adler“, 1911, © Archivio Famiglia Otto Prutscher, Mailand
  • Otto Prutscher in einem Sessel von Josef Zotti, 1913, Fotografie: Karl Ehn © Archivio Famiglia Otto Prutscher, Mailand
  • Otto Prutscher, Interieur des Café Ronacher, Schottenring, Wien I., Wien, 1913 © Archivio Famiglia Otto Prutscher, Mailand
  • Otto Prutscher, Detail des Warmwasserbeckenraums im Dianabad (gemeinsam mit Gebrüder Schwadron und Michael Powolny), Wien, 1913/14 © Archivio Famiglia Otto Prutscher, Mailand
  • Otto Prutscher, Service für Carl Schappel, Haida (Nový Bor, CZ), vor 1915 © Archivio Famiglia Otto Prutscher, Mailand
  • Otto Prutscher, Kaffeeservice Nr. 1321 für die Firma Klinkosch, um 1915 © Otto Prutscher Archiv, Baden/Peter Kainz
  • Otto Prutscher, Fauteuil, Wien, um 1919, Ausführung Gebrüder Thonet, Eichenholz, geschnitzt; Buchenholz, gebogen; Polsterung mit Textilbezug © MAK/Georg Mayer
  • Otto Prutscher, Kamintüren für die Wohnung Jakob Nowak, um 1920 © Otto Prutscher Archiv, Baden, Peter Kainz
  • Otto Prutscher, Deckelpokal, Wien, 1927/28, Ausführung: Josef Carl Klinkosch, Silber, vergoldet, getrieben, gehämmert, gegossen © MAK
  • Otto Prutscher, Joh. Loetz Witwe, Serie II und III, Ausstellung der Genossenschaft der bildenden Künstler Wiens, Oktober 1929 © Archivio Famiglia Otto Prutscher, Mailand
  • Otto Prutscher, Vase II 5469 mit Blumensäule, Joh. Loetz Witwe für Bakalowits, © Otto Prutscher Archiv, Baden, Peter Kainz
  • Otto Prutscher, Entwurf einer silbernen Teekanne für L. Jarosinski & J. Vaugoin, Wien, 1924 Aquafix, Bleistift © MAK
  • Otto Prutscher, Fassade des Gemeindebaus Lorenshof, Längenfeldgasse, Wien XII., 1927 © Archivio Famiglia Otto Prutscher, Mailand
  • Otto Prutscher, Innenansicht für das Café-Restaurant Hotel Imperial, Wien I. (gemeinsam mit Anton Schuwerk und August Röben), 1937, Karton, Transparentpapier, Aquarellfarbe, Tusche, Buntstift, Bleistift © MAK
  • Otto Prutscher, 1930–1948 © Archivio Famiglia Otto Prutscher, Mailand

Aktuelle Ausstellungen

17. Oktober 2019
Werner Scholz, Am Bülowbogen, Detail, um 1930, Farblithographie (© Berlinische Galerie – Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur. Leihgabe aus Privatbesitz, Hamburg)

Köln | Käthe Kollwitz Museum: Berliner Realismus Von Käthe Kollwitz bis Otto Dix. Sozialkritik – Satire – Revolution

Rau, ruppig und politisch unbequem: Die Berliner Kunst zur Kaiserzeit besitzt Sprengkraft! „Von Käthe Kollwitz bis Otto Dix“ zeigt politisch engagierte Kunst zwischen Realismus und Verismus.
14. Oktober 2019
Caravaggio, David mit dem Haupt des Goliath, Detail, um 1600/01, Pappelholz, 91,2 × 116,2 cm (Kunsthistorisches Museum Wien, Gemäldegalerie © KHM-Museumsverband)

Wien | KHM: Caravaggio & Bernini Barocke Genies in Wien

Das Kunsthistorische Museum Wien präsentiert erstmals ein visuelles Barockspektakel. Im Zentrum stehen dabei bahnbrechende Werke des Malers Michelangelo Merisi da Caravaggio, genannt Caravaggio (1571–1610), und des Bildhauers Gian Lorenzo Bernini (1598–1680).
10. Oktober 2019
Edvard Munch, Unter den Sternen, Detail, 1900-1905, Öl/Lw, 90 x 129 cm (Munchmuseet Oslo)

K20: Edvard Munch gesehen von Karl Ove Knausgård Schriftsteller zeigt unbekannten Munch

Düsseldorf, Herbst 2019: Der umtrittene norwegische Schriftsteller zeigt den "unbekannten" Munch aus dem Archiv und dem Kunstdepot des Munch Museum in Oslo.
9. Oktober 2019
Pierre Bonnard, Speisezimmer am Land, Detail, 1913, Öl/Lw, 164,5 x 205,7 cm (Minneapolis Institute of Art)

Pierre Bonnard. Die Farbe der Erinnerung Farbenfrohe Moderne mit südfranzösischem Licht

Pierre Bonnards (1867–1947) reifes Werk ab 1909 in leuchtenden Farben, seine Freundschaften mit Vuillard & Matisse und seine Reaktionen auf politisches Zeitgeschehen neu gesehen. Wie zeitgenössisch ist das Werk des französischen Postimpressionisten?
8. Oktober 2019
Mark Dion, The Shipwreck, 2001, Buntstift auf Papier, 27,5 x 34,8 cm (Schenkung der Sammlung Florence und Daniel Guerlain, 2012 | Centre Pompidou – Musée National d’Art Moderne, Paris)

Albertina: Zeichnungen aus der Sammlung Guerlain Zeichnen heute: Internationale Positionen seit 2000

Die Albertina zeigt eine Auswahl an zeitgenössischen Zeichnungen aus der Sammlung von Florence und Daniel Guerlain, Stifter des Prix de dessin, die vor einigen Jahren dem Centre Pompidou 1.200 Arbeiten auf Papier schenkten.
7. Oktober 2019
August Macke, Café am See, Detail, 1913 (Franz Marc Museum, Kochel a. See, Dauerleihgabe aus Privatbesitz)

Kochel am See | Franz Marc Museum: Blauer Reiter – Das Moment der Abstraktion August Mackes „Café am See“ und die Abstraktion im „Blauen Reiter“

Eine neue, bedeutende Dauerleihgabe, das Gemälde August Mackes, „Café am See“ von 1913 ist Anlass, die verschiedenen Abstraktionstendenzen, die die Künstler des „Blauen Reiters“ in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg entwickelten, nebeneinanderzustellen.
Alexandra Matzner
Gründerin von ARTinWORDS * 1974 in Linz, Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Romanistik in Wien und Rom. Seit 1999 Kunstvermittlerin in Wien, seit 2004 Autorin für verschiedene Kunstzeitschriften. Jüngste Publiktionen entstanden für das Kunsthaus Zürich, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Albertina und Belvedere in Wien.