Willem de Kooning

Wer war Willem de Kooning?

Willem de Kooning (Rotterdam 24.4.1904–19.3.1997 East Hampton, Long Island, New York) war ein US-amerikanischer Maler mit niederländischen Wurzeln und ein Hauptvertreter des Abstrakten Expressionismus (→ Abstrakter Expressionismus | Informel). In den 1940er Jahren malte de Kooning einige der bedeutendsten Bilder der Abstraktion, die er 1948 in seiner ersten Einzelausstellung der Öffentlichkeit vorstellte. Zu seinen berühmtesten Werken zählten die Gemälde der „Woman“-Serie. Ende der 1950er Jahre zählte der Maler und Zeichner aus Rotterdam zu den bekanntesten Künstlern Amerikas. Er nahm für sich und seine Kunst eine radikale Subjektivität in Anspruch.

Kindheit und Ausbildung

Willem de Kooning wurde am 24. April 1904 in Rotterdam, Niederlande, geboren. Er war der Sohn von Leendert de Kooning, einem Wein- und Getränke-Zwischenhändler, und Cornelia Nobel, die eine Bar besaß. Als er etwa fünf Jahre at war, ließen sich seine Eltern scheiden. Das Gericht entschied, dass er bei seinem Vater bleiben könnte. Seine Mutter wollte sich dem Urteil nicht beugen, nahm ihren Sohn einfach mit und focht die Entscheidung erfolgreich an. Später heirateten de Koonings Eltern wieder und bekamen weitere Kinder mit ihren neue Ehepartnern.

Nachdem de Kooning 1916 das Gymnasium verlassen hatte, begann er eine Ausbildung für Kunstgewerbe. In diesen Jahren arbeitete er bei der Dekorationsfirma Jan und Jaap Gidding, unter anderem als Schildermaler. Daneben besuchte er Abendklassen an der Rotterdamer Akademie für Bildende Kunst und Technologie [Academie van Beeldende Kunsten en Technische Wetenschappen te Rotterdam, seit 1998: Willem de Kooning Academie], wo er mit der De Stijl-Bewegung, den Werke von Theo van Doesburgs und Piet Mondrians in Berührung kam (bis 1921). Im Jahr 1920 verließt Willem de Kooning Giddings Betrieb, um bei Bernard Romein, der als Art Director und Designer für ein Rotterdamer Einkaufshaus arbeitete, tätig zu sein. 1924 reiste de Kooning mit einigen Freunden nach Belgien, wo er einige Werke der aktuell arbeitenden Expressionisten kennenlernte. Es gibt allerdings keine Hinweise auf eine Beeinflussung. Vermutlich handelte es sich um einen ersten Versuch auf eigenen Beinen zu stehen. Der Student begeisterte sich für die USA hatte Whitman gelesen und Frank Lloyd Wright studiert.

Der 22-jährige de Kooning wanderte 1926 illegal in die Vereinigten Staaten aus, indem er ohne Pass oder Visum zu haben, als Matrose auf einem Dampfer anheuerte.[not]Er brauchte sechs Anläufe bevor er ein Schiff fand, das ihn mitnehmen wollte.[/note] Die Crew versteckte de Kooning in ihre Quartier. Am 15. August 1926 kam er in Newport News, Virginia, an. Dort ging er an Bord eines Kohleschiffs, das ihn nach Boston brachte. Willem de Kooning ließ sich in Hoboken, New Jersey, nieder. Anfangs arbeitete er als Maler und Anstreicher. Mit 24 Jahren hielt es sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser und hatte noch keine ernstzunehmenden künstlerischen Ambitionen.

New York: Künstler werden

Willem de Kooning zog 1927 nach New York und wohnte in der 42nd Street West. In Manhattan verdiente er Geld mit Werbung, Schaufenstergestaltung, Schildermalen und Möbelbau. Zwei Jahre später lernte er den Kunstkritiker John Graham, den Galeristen Sidney Janis und die Künstler Stuart Davis (1894–1964), David Smith (1906–1965) und im Winter 1928/29 Arshile Gorky (1904–1948) kennen. Insbesondere der gleichaltrige Gorky wurde ein enger Freund und Vertrauter, der das frühe Werk von Willem de Kooning intensiv prägte.

Während der Großen Depression wurde Willem de Kooning Mitglied der Artists‘ Union (1934) und nahm 1935 am WPA Federal Art Projekt teil, das während der Wirtschaftskrise von Theodor Roosevelt als Unterstützungsprogramm für die amerikanischen Künstler eingeführt wurde. Er arbeitete am Wandbild für das Williamsburg Federal Housing-Projekt in Brooklyn. Nach einem Jahr musste er das Projekt verlassen, da er kein amerikanischer Staatsbürger war. Dennoch bewies ihm die Arbeit an dem Werk, dass ein Leben als Künstler möglich wäre. Das Museum of Modern Art stellte 1936 eine Studie de Koonings mit dem Titel „Abstraction“ (zerstört) aus. 1937 entstand das Ölgemälde „Father, Mother, Sister, and Brother“, welches schematische Figuren mit einer Gitterstruktur verbindet, die an Mondrians gerasterten Kompositionen geschult ist. Gleichzeitig entwarf er ein Wandgemälde für den Apothekersaal der New Yorker Weltausstellung.

Für die weitere Entwicklung von Willem de Kooning war seine Bekanntschaft mit der Malereistudentin Elaine Fried wichtig. Das Paar heiratete 1943. Elaine de Kooning wurde selbst eine bekannte Malerin und schrieb in den 1950ern über amerikanische Kunst. In dieser Phase erhielt der Maler den Auftrag, einen Teil des Wandbildes „Medicine“ für die New Yorker Weltausstellung im Jahr 1939 zu gestalten. Künstlerisch setzte sich de Kooning im Jahr 1938 mit Porträts in erdigen Farbtönen auseinander, in denen er das soziale Elend und die Isolation zeigte.

Vom Surrealismus zum Abstrakten Expressionismus

Im Jahr 1938 begann de Kooning seine bekannte Serie „Woman [Frau]“, Gemälde mit nackten weiblichen Figuren als wiederkehrendes Thema. Trotz des improvisiert wirkenden Erscheinungsbildes der größeren Gemälde in dieser Serie arbeitete de Kooning mit mehr als 200 Skizzen und Studien, bevor er sein inzwischen ikonisches Werk „Woman I [Frau I]“ (Juni 1950‒1952) vollendete.

„Als ich an diesen Frauen arbeitete, hatte ich viele Münder aus Zeitschriften, und ich bemerkte, dass wenn ich etwas hatte, ein fotografisches Bild wie ein Mund, es mir einen Bezugspunkt gab. Es war etwas, an dem ich mich festhalten konnte. Ich hatte auch das Gefühl, dass alles einen Mund haben sollte, [...] ich klebte ihn auf die Leinwand. Es war ein Schock. Dann wusste ich, wohin ich gehen musste“ (Willem de Kooning)

„Woman I“ arbeitete mehr als 18 Monate an den Bild, immer wieder übermalte er es und ließ es dann monatelang im Atelier liegen. Sechs Fotografien von Rudolph Burckhardt dokumentieren die Zustände. Der Kunsthistoriker Meyer Schapiro riet ihm, das bereits verworfene Bild wieder aufzugreifen. 1952 erhielt das zwei Jahre zuvor begonnene Werk seine endgültige Fassung. Fünf weitere „Woman“-Gemälde und eine Reihe von Arbeiten auf Papier entstanden bis 1953, als der Maler in seiner zweiten Einzelausstellung die Serie dem Publikum vorstellte. Im Gegensatz zu den „Black and White Paintings“ ließen sich die rohen Frauendarstellungen anfangs auch kaum verkaufen. Mit der „Woman“-Serie schloss de Kooning bewusst an die kunstgeschichtliche Tradition des Frauenakts an und bezog sich in Interviews auf Venus-Darstellungen und Edouard Manets „Olympia“ (→ Edouard Manet und Venedig). Die Interpretationen zu de Koonings Frauen-Bilder verraten mehr etwas über die Offenheit der Werke, und dass sie sich als Projektionsfläche eignen, denn über die Intentionen des Malers. Dieser bekannte sich, ein Anhänger schöner Frauen zu sein – und doch zeigte er sie als dominante, teils entstellte, muskulöse Figuren.

Gleichzeitig entstanden Bilder mit surrealistisch-biomorpher Formensprache, wie „Elegy“ (um 1939, Privatsammlung) oder „Untitled (The Cow jumps over the Moon)“ (1937/38, Fogg Art Museum). Auffallend ist die Betonung der Fläche und die erdige Farbigkeit, welche auf pompejanische Wandmalereien verweist, die Willem de Kooning im Metropolitan Museum bewundert hatte. Formal orientierte sich de Kooning in diesen Werken an Joan Miró und Gorky; gleichzeitig arbeitete er sich an surrealistischen Tendenzen der 1930er Jahre ab (→ Surrealismus). Als Gemeinsamkeiten von de Kooning und Gorky werden Automatismus, prozessualer Malvorgang, sexuell konnotierte Körperformen und die Tendenz zur Abstraktion genannt.1
Als im Mai 1939 die New Yorker Valentine Gallery erstmals Pablo Picassos „Guernica“ zeigte (→ Picasso: Guernica), beeinflusste die Begegnung mit dem monumentalen Gemälde de Koonings malerisches Werk der 1940er Jahre immens.

„De Koonings bildnerisches Problem ist der Raum. Die Umrisse sind offen, so dass Fleisch und Umgebung ineinanderfließen; außerdem sind die anatomischen Formen zerstückelt; es ist also nicht deutlich gemacht, wo genau die Figur sich im Raum befindet. Diesem unbestimmten Raum hat de Kooning die Bezeichnung ‚Nicht-Umgebung‘ gegeben, eine Metapher für den ‚verrücken‘ Raum, in dem das moderne Leben sich abspielt.“2 (Barbara Rose über Willem de Kooning, 1969)

Willem de Kooning und der Amerikanische Abstrakte Expressionismus

Um 1940 lernte Willem de Kooning Franz Kline im Conrad Marca-Reil’s Atelier kennen. Kline wurde zu seinem besten Freund in dieser Phase. De Kooning wurde beauftragt, Kleider und Bühnenbilder für Nini Theilades Ballet „Les Nuages“ zur Musik von Claude Debussy, aufgeführt vom Ballets Russes in Monte Carlo.

John Graham organisierte bei der Galerie McMillen, Inc. eine Gruppenausstellung und lud Willem de Kooning ein, gemeinsam mit Stuart Davis, Lee KrasnerJackson Pollock und Henri Matisse aber auch Pablo Picasso und Georges Braque unter dem Titel „American and French Paintings“ auszustellen (Januar 1942). Das war de Koonings erste Ausstellungsbeteiligung. Im Rahmen der Vorbereitung freundete er sich mit Jackson Pollock an, was in den späten 1940er Jahren in eine Künstlerrivalität umschlug. Zwei Jahre später stellte die Sidney Janis Gallery die Ausstellung „Abstract and Surrealist Art in America“ mit Werken von Willem de Kooning, William Baziotes, Adolph Gottlieb, Robert Motherwell und Mark Rothko. Im Anschluss tourte die Schau durch die ganze USA. Das um 1942/44 entstandene Gemälde „The Wave“ (National Museum of American Art, Smithsonian Institution) gilt als Wendepunkt in de Koonings Werk. Er entdeckte einige Werke von Wassily Kandinsky, die er nach eigenem Bekunden bewunderte. Vor allem die dynamischen Kompositionen der Jahr zwischen 1910 und 1918 dürften dabei für de Kooning wichtig geworden sein. Der zuvor problematisierten Ordnung tritt nun Unordnung entgegen, dem perspektivisch konstruierten Raum anfangs die Flächigkeit und später der gewalttätige, aperspektivische, nicht mimetische, radikal expressive Nicht-Raum – zu finden in der „Woman“-Serie.

Im Jahr 1945 begann Willem de Kooning abstrakte biomorphe Kompositionen zu malen, die von der Kenntnis des Gemäldes „Guernica“ beeinflusst sind. Auch in Hinblick auf die Technik sind diese Werke interessant, hatte er sie doch mit dünnflüssigem Lack auf Papier expressiv gespritzt und geschüttet und danach auf Holztafeln aufgeklebt. Ab 1946 arbeitete de Kooning an den „Black and White Paintings“ (1946–1949), von denen er zehn Schwarzweiß-Abstraktionen im April 1948 in der Egan Gallery, New York, ausstellte (12.4.–12.5.1948). Aus dieser Schau erwarb das Museum of Modern Art in diesem Jahr das erste Werk: „Painting“ (1948). Kritiker setzten sein Werk in Beziehung zum Kubismus, was der Künstler allerdings vehement ablehnte. Der einflussreiche Kritiker Clement Greenberg ordnete Willem de Kooning unter „die vier oder fünf wichtigsten Maler“ der USA. Von Anfang an standen de Koonings seine handwerkliche Perfektion und seine Zeichenkunst, Ergebnisse seiner klassischen Ausbildung in Europa, im Zentrum der Bewunderung. Diesem Urteil steht die heutige Annahme gegenüber, dass Picassos „Guernica“ und Henri Matisses Beobachtung gegenüber, wonach Schwarze eine malerisch eigenständige Farbe wäre.

Zwischen 1947 und 1949 entstand die zweite Serie von „Woman“-Bildern, die das abstrakt expressive Formenvokabular weiterentwickeln. In dieser Phase wurde er von Josef Albers eingeladen, bildende Kunst am Black Mountain College in North Carolina zu unterrichten, wo er John Cage kennenlernte. Allerdings beging sein Freund Arshile Gorky im Juli 1948 Selbstmord.

Den internationalen Durchbruch feierte Willem de Kooning, als er das Bild „Excavation“ (1950, The Art Institute of Chicago) auf der 25. Biennale von Venedig ausstellte. Gleichzeitig wandte er sich erneut seinem „Leitmotiv“ zu: Mit „Woman I“ (1950–1952) beginnt 1950 die dritte Phase der „Woman“-Serie, die bis ca. 1955 anhielt. Die Sidney Janis Gallery präsentierte die aktuellen „Woman“-Bilder erstmals 1953 unter dem Titel „Willem de Kooning: Paintings on the Theme of the Woman“ (16.3.–11.4.1953); das MoMA kaufte „Woman I“. „Woman IV“ (1953) stellte er 1955 aus der „Pittsburgh International Exhibition of Contemporary Painting“ im Museum of Art, Carnegie Institute, Pittsburgh, aus, von wo es angekauft wurde.

Robert Motherwell lud Willem de Kooning ein im Studio 35, einem Künstlerclub in Greenwich Village, den Vortrag „The Renaissance and Order“ zu halten (18.2.1949). Darin hielt er fest, dass in der Renaissance-Kunst die Exaktheit der Raumdarstellung mithilfe der Perspektive im Vordergrund stand. Erst die Tiefenillusion hätte es den Künstlern ermöglicht, in den Schachtelräumen Geschichten zu erzählen. Daraus resultierte für ihn, dass die Vorstellung eines ordnenden Künstlers (in einem chaotischen Naturzustand) völlig absurd wäre. Im Museum of Modern Art besuchte de Kooning die Ausstellung von Werken Chaim Soutines, welche ihn stark beeindruckten und seine figurative Malerei beeinflussten. Er selbst übte ebenfalls Einfluss auf die zweite Generation Abstrakter Expressionisten aus: So ließ sich Joan Mitchell von Franz Kline ins Atelier de Koonings bringen, um diesen persönlich kennenzulernen, nachdem sie eines seiner Bilder im Whitney Museum gesehen hatte.

Die vom Museum of Modern Art, New York, organisierte 1951 die Ausstellung „Abstract Painting and Sculpture in America“ zeigte „Excavation“ (1950) als ein Hauptwerk der neueren amerikanischen Malerei. De Kooning schrieb den Essay „What Abstract Art Means to Me“. In diesem Text machte er deutlich, dass der wissenschaftlich vermessene Raum ihm die emotionale Qualität fehlte. Er sprach hingegen vom „Verlorensein im Raum“, was „Zittern“ auslösen würde. Dennoch begann sich in diesem Jahr eine Wende zur Figuration abzuzeichnen, was viele überraschte. Eine weitere wichtige Ausstellungsbeteiligung war 1954 „The New Decade: 35 American Painters and Sculptors“ im Whitney Museum of American Art, New York.

Seine erste museale Einzelausstellung (Retrospektive) erhielt Willem de Kooning 1953, organisiert von der School of the Museum of Fine Arts, Boston, die danach in das Workshop Art Center in Washington reiste. De Kooning war in Anspielung auf seinen Nachnamen als der „König“ der New Yorker Kunstszene bekannt und wurde im Vorwort von Clement Greenberg mit den Klassikern der Kunstgeschichte verglichen. Damit prägte der amerikanische Kunstkritiker die Wahrnehmung von de Koonings Kunst über Jahrzehnte hinweg, sah er in ihr doch die Verbindung als „Synthese aus Modernismus und Tradition“.3 Willem de Kooning wandte sich dezidiert gegen die Annahme eines Neubeginns der Malerei mit dem Zweiten Weltkrieg. Stattdessen verglich er die Kunstgeschichte 1944 in einem Gespräch mit Barnett Newman mit einer Alphabet-Suppe, aus der sich der Künstler seine Lieblingsbuchstaben wählen könnte. Der hier angedeutete Eklektizismus, das Zusammenstellen alter Konzepte zu neuen Schöpfungen, wurde de Kooning häufig zum Vorwurf gemacht. Häufig fällt in diesem Zusammenhang der Name Paul Cézanne, da der Künstler ihn selbst ins Spiel gebracht hat.4 (Thomas Hess) stellte die Sidney Janis Gallery 1956 erstmals aus. Im gleichen Jahr stellte de Kooning auch auf der Biennale von Venedig aus; Jackson Pollock starb in einem Autounfall.

Abstract Parkway Landscapes, 1957–1961

1957 radikalisierte Willem de Kooning seine Pinselspur. Sie wurde ausladender und monumentaler, wobei der Künstler alla prima malte, also die Bilder in einem Guss auf die Leinwand brachte. Auch in Selbstbeschreibungen gab sich de Kooning selbstbewusster und war sich der eingesetzten Mittel gewahr. In den Bildern setzte er dem Autofahren, das er liebte und das Teil des amerikanischen Lifestyle ist, ein Denkmal. Seine Eindrücke von den „Landpartien“ hielt er mit schnellten Pinselstrichen und heller werdenden Farben fest.

Abstract Pastoral Landscapes, 1960–1963

Die Gemälde zeigen deutlich die Hinwendung des Malers zu Natur. Erneut sind die Strukturen kleinteiliger und organischer. Mitte 1963 verließ de Kooning endgültig Manhattan und zog nach Long Island.

De Kooning in Long Island

Im Jahr 1963 entstand „Pastorale“ das letzte Werk der monumentalen „Abstract Landscapes“, die er noch in New York malte. Im März 1963 bezog er sein Haus auf Long Island. De Kooning wechselte in den Sommermonaten ständig den Wohnsitz zwischen Manhattan und Southhampton. Neuerlich kehrte er zur Figur zurück und arbeitete ab 1964 an der vierten „Woman“-Serie: „Women in the Country“, darunter „Clam Diggers“, 1964, „Women Singing I–III“ (1965/66) und „The Visit“ (1966/67). Im Vergleich zu den früheren Frauenbildern ging der Maler freier und lockerer an den Malakt. Diese neue Haltung lässt sich mit der Malerei von Chaim Soutine in Verbindung bringen.

Anfang der 1970er Jahre zog sich Willem de Kooning immer mehr zurück. Auf stundenlangen Exkursionen in der Abgeschiedenheit der Küstenregionen von Long Island. Im Atelier suchte er Entsprechungen in den Medien Malerei, Zeichnung, Lithografie, Skulptur zu finden. Selbstzweifel und Alkoholmissbrauch führten immer wieder zu schweren Schaffenskrisen. Dennoch lösten 1975 abstrakte Landschaftsbilder mit pastoser Farbtextur die Frauenmotive ab. Willem de Kooning schuf ab Mitte der 1970er Jahre flüchtige Impressionen von Long Island.

Internationaler Erfolg

Auch 1959 präsentierte de Kooning erneut in der Sidney Janis Gallery abstrakte Bilder, die ihm großen künstlerischen und kommerziellen Erfolg brachten. Damit stieg Willem de Kooning zum neuen Star der New Yorker Kunstszene auf und war auch auf die „documenta 2“ in Kassel eingeladen. Den Sommer 1959 verbrachte de Kooning in Southhampton auf Long Island; den Winter 1959/60 lebte er in Rom. Dort schuf er schwarze Lack-Arbeiten auf Papier und besuchte u.a. den Maler Piero Dorazio.

Die wichtigste Ausstellung des Jahres 1961 war „American Abstract Expressionists and Imagists“ im Solomon R. Guggenheim Museum, New York. Mit dem Erfolg seiner Bilder konnte sich der Maler ein Haus in Springs, East Hampton, kaufen und sich dort bis 1969 ein gläsernes Atelier nach eigenem Entwurf einrichten. Im folgenden Jahr erhielt de Kooning die US-amerikanische Staatsbürgerschaft und stellte gemeinsam mit Barnett Newman in der Allan Stone Gallery aus (1962).

Mitte der 1960er Jahre erfuhr Willem de Kooning große Anerkennung in den USA: Präsident Lyndon B. Johnson überreichte dem Maler die Auszeichnung „The Presidential Medal of Freedom“ (1964). Die drei wichtigsten Ausstellungsteilnahmen und Retrospektiven waren de Koonings Teilnahme an der „documenta III“ in Kassel (1964), seine Teilnahme am „Guggenheim International Award 1964“ im Solomon R. Guggenheim Museum und die umfassende Retrospektive im Smith College Museum of Art, Northampton, Massachusetts (8.4.–2.5.1965) mir ihrer zweiten Station in der Haydn Gallery, Massachusetts Institute of Technology, Cambridge (10.5.–16.6.1965). Als Joseph B. Hess 1966 dem Hirshhorn Museum and Sculpture Garden, Smithsonian Institution, Washington D. C. eine große Zahl an Schlüsselwerken aus verschiedenen Werkphasen von Willem de Kooning vererbte, wurde diese Institution zur wichtigsten öffentlichen Sammlung für dessen Werk.

Seine erste europäische Einzelausstellung wurde 1968 in der Galerie M Knoedler & Co. präsentiert. Aus diesem Anlass besuchte Willem de Kooning gemeinsam mit dem Kunstkritiker Thomas B. Hess und dem Galeristen Xavier Fourcade Paris. Dort besuchte er eine Ausstellung zu Ingres und den Louvre. Auf dem Weg nach Paris traf er in London Francis Bacon. Für seine Personale im Stedelijk Museum Amsterdam kehrte Willem de Kooning zum ersten Mal seit 1926 in die Niederlande zurück. Die von Thomas B. Hess kuratierte Retrospektive reiste weiter in die Tate Gallery, London, das Museum of Modern Art, New York, in Art Institute of Chicago und das Los Angeles County Museum of Art (19.9.1968–14.9.1969).

1969 besuchte Willem de Kooning mit Xavier Fourcade Japan und reiste nach Spoleto in Italien, wie die Zeichnungsausstellung „De Kooning: Disegni“ präsentiert wurde. Der Maler entwarf in Rom seine ersten Skulpturen in Ton, die später von Emanuel Herzl in Bronze gegossen wurden. Damit versuchte er, sein malerisches Denken in die dritte Dimension zu übersetzen.

Als 1974 die Australian National Gallery de Koonings „Woman V“ für 850.000 US-Dollar kaufte, zahlte die Institution eine Rekordsummer für das Werk eines lebenden amerikanischen Künstlers. Im gleichen Jahr eröffnete die Galerie von Xavier Fourcade ihre erste Einzelausstellung des Künstlers in New York. Ab diesem Zeitpunkt war Fourcade der exklusive Händler de Koonings.

In der zweiten Hälfte der 1970er und in den 1980er Jahren stellte Willem de Kooning in Amsterdam (Stedelijk Museum Amsterdam Skulpturen und Lithografien 1976), New York („Willem de Kooning in East Hampton“, Solomon R. Guggenheim Museum, New York, 1978), Berlin und Paris („Willem de Kooning: Drawings, Paintings, Sculpture“, organisiert vom Whitney Museum of American Art, weitere Stationen in der Akademie der Künste, Berlin, und dem Centre Georges Pompidou, Paris) aus. Der hohe Bekanntheitsgrad des Künstlers und die Popularität seiner Kunst kulminierte 1984 im Höchstpreis für en Kunstwerk eines zeitgenössischen Künstlers: „Two Women“ (1954/55) wurde um 1,98 Millionen US-Dollar bei Christie’s versteigert.

Die größte Einzelausstellung während seines Lebens organisierte 1993 das Hirshhorn Museum and Sculpture Garden, Smithsonian Institution, Washington, D.C., die auch in Barcelona, Atlanta und Boston gezeigt wurde.

Druckgrafik

Willem de Kooning wandte sich 1957 erstmals der Druckgrafik zu. Für Harold Rosenbergs Gedicht „Revenge“ schuf er ein erstes Blatt. Erst 1960 wandte er sich dieser der Technik zu und erarbeitete zwei gestisch abstrakte Lithografien, die er bei Nathan Oliveira und George Mayanski in der University of Californaia, Berkeley, drucken ließ.

De Kooning – Courbet – Hopper

Angesprochen auf seine aktuellen Werke, großformatige, ungegenständliche gestische Malerei, erwähnte de Kooning 1959 zwei Künstlerkollegen, Gewährsmänner für seine Arbeit: zunächst den Realisten Gustave Courbet und Edward Hopper. An Courbet schätzte er besonders, dass er so „konkret“ und völlig durchdrungen von „Realität“ gewesen sei. Die Erinnerung an Courbet brachte de Kooning schnell zu sich: Er stellte fest, dass das ‚Mysterium in der Welt‘ darin bestehe, etwas zu sehen, was wirklich da sei:

„Ich möchte ein Stück Natur packen und es so real wie möglich machen – wie in meinem Merritt-Parkway-Bild.“

Was de Kooning an Edward Hopper schätzte, erklärte er angesichts des Gemäldes „Cape Cod Morning“ (1950, Smithsonian American Art Museum). In dem Bild stellt Hopper den Erker eines Hauses dar, von dem eine Frau in angespannter Haltung nach rechts blickt. Das Geschehen, das ihr Interesse so sehr geweckt hat, liegt außerhalb des Bildfeldes. Die rechte Hälfte des Bildes zeigt im Hintergrund einen Wald und eine orange-gelbe Wiese. De Kooning begeisterte sich vor allem für den Wald:

„Der Wald sieht real aus, wie ein Wald; als ob man sich umdreht, und da ist er; als ob man sich umdreht und ihn wirklich sieht.“5 (Willem de Kooning, 1959)

Ehrungen und Auszeichnungen

  • 1964 Presidential Medal of Freedom, verliehen durch Lydon B. Johnson
  • 1983 National Medal of Arts, verliehen durch Ronald Reagan
  • 1989 Praemium Imperiale

Krankheit und Tod

Der Maler war zeitlebens ein heftiger Trinker, der sich bis zur Besinnungslosigkeit trinken konnte. Vor allem in den 1970er Jahren führte der starke Alkoholmissbrauch zu existentiellen Zusammenbrüchen. 1978 kehrte Elaine de Kooning, von der er sich scheiden hatte lassen, zu ihrem Ex-Mann zurück. Sie versuchte ihn zum Entzug zu bringen und betreute den Maler bis zu ihrem eigenen Tod.

Willem de Kooning litt seit den frühen 1980ern an Alzheimer. Nach dem Tod seiner ersten Ehefrau, Elaine de Kooning am 1. Februar 1989, befand sich der Maler bereits im fortgeschrittenen Stadium der Erkrankung. Um ihn in beruflichen Bereichen zu unterstützen, übernahmen seine Tochter Lisa und ihre Lebensgefährte, der Anwalt John I. Eastman, die geschäftlichen Belange. Sie wurden die Konservatoren des Besitzes von Willem de Kooning. Eastman, der Bruder von Linda McCartney, wurde später der Vizepräsident der Willem de Kooning-Foundation. Im gleichen Jahr, 1989, versteigerte Sotheby’s das Werk „Interchange“ (1955) für 20,680.000 US-Dollar – erneut sprengte de Kooning damit den Weltrekord für das teuerste Bild eines lebenden Künstlers.

Obwohl der Maler schwer an Alzheimer erkrankt war und keine Personen mehr wiedererkannte, malte er bis zu seinem Tod. Vor allem während der 1980er Jahre schuf er noch 300 Ölgemälde. Die Meinung der Kritiker über diese Bilder ist gespalten und reicht von Ablehnung bis Anerkennung. Grund dafür ist eine stilistische Wandlung hin zu einfachen Formen und leuchtenden Farben. Dies führte dazu, dass die späten Werke de Koonings mit Kompositionen von Piet Mondrian verglichen wurden.

Willem de Kooning starb am 19. März 1997 im Alter von 92 Jahren in seinem Atelier in East Hampton, Long Island.

Beiträge zu Willem de Kooning

5. April 2020
Chaïm Soutine, Das Dorf, um 1923, Öl/Lw, 73,5 x 92 cm (Musée de l'Orangerie, Paris © RMN-Grand Palais (Musée de l'Orangerie) / Hervé Lewandowski)

Paris | Musée de l’Orangerie: Soutine – De Kooning Französischer und amerikanischer Expressionismus zwischen Figur und Abstraktion

Im Rahmen dieser Ausstellung wird insbesondere die Auswirkung der Malerei von Soutine, einem russischen Maler der Pariser Schule, auf die künstlerische Vision des amerikanischen Malers niederländischer Herkunft beleuchtet.
10. Mai 2018
Rockefeller Sammlung, Esszimmer in East 65th Street Manhattan

Rockefeller-Auktion: De Kooning für 14,2 Millionen, Rivera für fast 10 und wieder 7 Weltrekorde Burchfield, Graves, Hirsch, Porter, Rivera, Sheeler, Stuart übertrafen die Erwartungen

Tag Zwei der Rockefeller-Auktion in New York brachte erneut sieben Weltrekorde – diesmal für amerikanische Maler. Das hochpreisigste Werk war allerdings Willem de Koonings „Untitled XIX“, das für 14,2 Millionen Dollar (€ 12,1 Mio.) den Besitzer wechselt.
  1. Florian Steininger, 1937–1949. Figuration – Abstraktion, in: Willem de Kooning, hg. v. Ingried Brugger und Florian Steininger (Ausst.-Kat. Bank Austria Kunstforum, Wien, 13.1.-28.3.2005), Wien 2005, S. 45.
  2. Barbara Rose, Amerikas Weg zur modernen Kunst: Von der Mülltonnenschule zur Minimal Art, Köln 1969, S. 186.
  3. Siehe: Ebenda.
  4. Vermutlich hat Willem de Kooning Roger Frys Publikation von 1927 gelesen: Cézanne: A Study of His Development. Dieses Buch gehörte zu Arshile Gorkys Lieblingsbüchern, und er zitierte häufig während seines Unterrichts daraus.[note] Die Nähe zu Cézannes Kunstverständnis liegt dabei im skeptischen Blick auf die Dinge, die Verweigerung eines charakteristischen „Stils“, die Betonung des Prozessualen und damit die Anerkennung des Unvollendeten aber auch die Ablehnung einer Theorie. Dass gerade 1953 Robert Rauschenberg den Künstler in dessen Atelier aufsuchte und ihn um eine Zeichnung bat, die er ausradieren wollte, zeigt, wie intensiv über Fragen von Subjektivität und dem „Ende“ der Malerei bzw. der Zeichnung nachgedacht wurde. Das Ergebnis ist als „Erased de Kooning Drawing“ (1953, San Francisco Museum of Modern Art) in die Kunstgeschichte eingegangen.

    Abstrakte Landschaften

    1955 ließ sich Willem de Kooning von Elaine scheiden und zog mit der Künstlerin Joan Ward zusammen. Ein Jahr später brachte diese seine die gemeinsame Tochter Johanna Lisbeth (Lisa) zur Welt (29.1.1956).

    Willem de Kooning malte Mitte der 1950er Jahre großformatige abstrakt expressionistische Bilder in einem immer heller werdenden Kolorit, darunter „Gotham News“ (1955/56), „Backyard on 10th Street“ (1956), „July 4th“ (1957) und „Montauk Highway“ (1958). Bis 1963 arbeitete er an gestisch-abstrakten Bildern, die er nach Orten, Straßen und Verkehrstafeln benannte („Detour“, 1958). Häufig werden diese Landschaften als flüchtige Erinnerungen und Gefühle an Gesehenes und Erlebtes interpretiert. Dabei schillern die Bilder zwischen Abstraktion und Realismus. Dass die großen, gestischen Pinselstriche wie Balken wirken können, entsprach dem Wunsch des Künstlers nach orthogonaler Ordnung des Bildgefüges.

    Abstract Urban Landscapes, 1955–1958

    Diese „abstrakten urbanen Landschaftsbilder“[note]Siehe: Willem de Kooning: Paintings, hg. v. Marla Prather, Nicholas Serota und David Sylvester (Ausst.-Kat. National Gallery of Art, Washington D.C., 1994; The Metropolitan Museum of Art, New York, 1995; Tate Gallery, London, 1995), New Haven und London 1994, S. 133.

  5. Irving Sandler, Conversations with de Kooning, in: Art Journal, 48, 3, Herbst 1989, S. 217. Zit. n. Ulf Küster, Edward Hopper – Ein neuer Blick auf Landschaft. Über die Ausstellung in der Fondation Beyeler (Ausst.-Kat. Fondation Beyeler, Riehen b. Basel, 26.1.– 17.5.2020) Berlin 2020, S. 13–22, hier S. 15.